3.
Fritz mußte lang suchen, bis er in Neuberg eine Wohnung auftrieb. Niemand wollte ihm ein Zimmer vermieten. Seit er im Kerker gesessen, war er wieder ein räudiger Wolf geworden. Professor Hermann stellte nicht mehr voll Genugtuung fest, daß Fritz Hellwig sein Schüler gewesen sei. Er behauptete jetzt im Gegenteil, daß solch ein Ende mit Schrecken ja vorauszusehen war, denn dieser Hellwig habe schon als Junge keine Achtung vor der Autorität gehabt. „Und keinen Glauben!“ fügte Pater Romanus hinzu und nickte schwermütig mit dem Kopf. Und das war der zweite Grund, weshalb sie ihn mieden. Weil er kein Klerikaler war. Denn die Klerikalen waren in Neuberg zahlreich geworden wie die Grundeln im Teich. Zwar nannten sie sich christlich-sozial oder katholisch-national, aber das war nur ein anderer Name für dieselbe Sache. Das war so gekommen, weil die freisinnige Bürgerschaft in viele kleine Gruppen, von denen jede die deutscheste sein wollte, zersplittert war und im Streite um des Kaisers Bart begriffen, dem straff organisierten schwarzen Gegner eine wichtige Stellung um die andere fast kampflos überließ. Noch gab es ja einige wackere Männer, denen alles, was nur von weitem nach Papismus und Pfaffentum roch, in der Seele zuwider war, aber die mußten bei der allgemeinen Zwietracht für sich stehen und waren, wenn auch nicht auf den Hund, so doch auf den Galgenhumor gekommen, derart, daß sie den verhaßten Schwarzen jeden Schabernack antaten und mit Schnurrpfeifereien, Schelmenstücken und Schalksnarrenstreichen kämpften, wenn es schon nicht anders ging. Zu diesen Männern gehörte auch der Flickschuster Peter Kofend. Der hatte schon viel auf dem Gewissen. Bereits dreimal war er bei der Firmung gewesen und hatte jedesmal, noch nicht trocken vom Salböl, das Firmgeschenk versoffen. Und bei der letzten Firmung, da hatte er gar zuvor noch die Böller vernagelt, so daß der hochwürdige Herr Weihbischof ohne Freudenschüsse in Neuberg seinen Einzug hatte halten müssen. Und was das Lächerlichste war, er hatte einmal im Wirtshaus mit dem frommen, gebrechlichen alten Sattlermeister Adam Jahn gewettet: er, der Kofendschuster, werde trotz seiner zappeligen Munterkeit früher ins Gras beißen als der Jahnsattler mit seinem Asthma. Und als Einsatz stellte er das Leichenbier: Wer den andern überlebte, sollte nach dem Begräbnis den üblichen Trunk für die Trauergäste zahlen. Und der fromme, gebrechliche alte Jahnsattler, der vom vielen Beten eine Hornhaut auf den Knien hatte, kam durch diesen Vorschlag in eine arge Not. Denn er war nicht nur fromm, er war auch sparsam. Und er dachte sich: Ich bin zehn Jahre älter als der Peter, ich bin kränklich, ich bin fromm, der liebe Herrgott wird mir verzeihen, wenn ich das Leichenbier sparen und der Kirche mehr vermachen kann. Vielleicht hilft er mir sogar, der liebe Herrgott, daß ich dem Peter zum Trotz gewinne. Und er nahm die Wette an und sie wetteten um das Leichenbier, jeder, daß er früher sterben werde als der andere. Und während der Jahnsattler seither noch gebrechlicher wurde, eine noch dickere Hornhaut auf den Knien bekam und sichtlich einging, war der Peter verrucht genug, die Geschichte in der ganzen Stadt zu erzählen. Und die ganze Stadt, mit wenigen Ausnahmen, bedauerte den frommen, gebrechlichen alten Adam und entrüstete sich über den gottlosen Peter. Und die ganze Stadt, mit noch weniger Ausnahmen, entrüstete sich auch über Hellwig, daß er bei dem gottlosen Peter wohnen wollte. Und die ganze Stadt, mit den wenigsten Ausnahmen, entrüstete sich noch mehr über den Kofendpeter, daß er einem abgestraften Sozialistenführer Unterstand gab. Der Kaufmann Wart gehörte zu den Ausnahmen. Darüber wunderte sich niemand. Von dem Vater eines Hingerichteten konnte man nichts anderes erwarten.
Der Kaufmann war nicht mehr der behaglich polternde, vergnügte Mensch von ehedem. Etwas Scheues und Gedrücktes war in sein Wesen gekommen, machte sich auch äußerlich geltend durch einen schleppenden Gang mit vorgebeugten Schultern und gesenkter Stirn. Schwere Jahre waren über ihn weggerollt, das merkte man. Gleich nach dem Begräbnis Doktor Kreuzingers hatte es angefangen. Da hatte die Wühlerei eingesetzt: Pflicht jedes Christen sei es, den Kaufladen eines Menschen zu meiden, der nicht einmal für seine Toten den Priester begehrte. Und viele Kunden waren ausgeblieben. Dann kam, durch Vermittelung des Konsulats in Odessa, die Nachricht, daß Heinz Wart am Galgen geendet. Des Zwischenfalls bei der Hinrichtung wurde keine Erwähnung getan. Das blieb kein Geheimnis, sprach sich rasch in der ganzen Gegend herum, brachte die Familie in Acht und Bann. Wer in Neuberg und Umgegend nur halbwegs etwas auf sich hielt, mied jegliche Berührung mit den Angehörigen eines Gehängten. Der Kaufhandel ging immer schwächer. Ungeduldig stampften die müßigen Rosse in den Ställen, bis sie verkauft wurden. Die Auflader mußten bis auf einen entlassen werden. Im Kontor ruhten alle Federn. Das alte Geschäft stand vor dem Verfall.
Der emsige, an fortwährende Arbeit gewöhnte Wart empfand den Müßiggang fast wie körperlichen Schmerz. Er alterte sichtlich dabei. Es waren nicht Geldsorgen, die ihn drückten. Auch ohne den Kaufhandel waren seine Einkünfte weit größer als die Ausgaben für den Haushalt. Und doch schützte er immer den schlechten Geschäftsgang vor, wenn Frau Hedwig, um ihn zur Aussprache zu bringen, vorsichtig nach dem Grund seines veränderten Gehabens forschte. Er wußte, daß sie ihm die Ausrede nicht glaubte. Aber er vermochte nicht von seinem Sohn zu sprechen. Seit er die furchtbare Botschaft erhalten, war dessen Name nicht über seine Lippen gekommen. Damals hatte er auch seine sämtlichen Ehrenämter niedergelegt und sich von allen Bekannten zurückgezogen.
Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so! Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein Schreibzimmer, wo er sich einschloß.
Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter, auf unsere alten Tage. Der eine ...“ — er verschluckte das häßliche Wort — „die andere — heiratet einen, der auch schon eingesperrt war. Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“
Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’ nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin, die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.