4.

Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist. Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang, kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden. Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.

Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht, und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von tief auf mitleben wollte sie.

So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.

Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“

„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.

„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“

„Lassen Sie das!“ Das klang zornig und klang drohend. Aber Fritz gab nicht nach.

„Seien Sie offen!“ bat er. „Was nützt das Versteckspielen? Nur daß alle darunter leiden.“

Ganz ruhig war es rundum. Manchmal nur raschelte es in den Zweigen der Bäume, fiel ein überreifer Apfel zu Boden. Dann war es wieder still, und lautlos webte die Dämmerung am dunklen Mantel der Nacht.

Der Kaufmann atmete ein paarmal tief auf. Dann sagte er: „Im Anfang, Fritz, im Anfang, da ist’s schon so gewesen. Man sucht halt immer nach einem Verführer, wenn einem ein Liebes Schande macht. Später aber, nach dem Ärgsten ... da hab’ ich mir gedacht, man kann eine Kugel nicht aufhalten, wenn sie aus dem Rohr ist. Es wird wohl auch so gewesen sein. Wie blind ist er hineingerannt ... Ich tät Ihnen mein Mädel nicht geben, wenn ich anderer Meinung wäre. Ich hab’ nur die eine ... Das wird wohl genügen?“ fügte er noch hinzu, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß er die Fortsetzung des Gesprächs nicht wünschte.

Fritz schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Wart, es genügt noch nicht, so sehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Aber Schande? Schande hat Ihnen Heinz nie gemacht!“

„Der Galgen ist wohl eine Ehre?“ rief da der unglückliche Vater und barg sein Leid hinter einem höhnischen Auflachen.

Hellwig schaute ihm fest ins Auge. „Mitunter ganz gewiß!“ sagte er. „Auch Savonarola haben sie aufgehängt, den Erlöser haben sie gekreuzigt, den Huß verbrannt ...“

„Die haben auch nicht gemordet,“ unterbrach ihn Wart tonlos und schauderte zusammen.

„Heißt es Mord, einen Menschen wegräumen, von dem man weiß, daß er in der nächsten Stunde tausend Unschuldige umbringen wird? Das ist kein Töten, das ist Selbsthilfe der Menschheit.“

„So nennen Sie’s! Andere nennen’s Mord.“

„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen. Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen! — Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind, werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt, das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er gelebt — das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen — und dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“

Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.

Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“ sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“