5.
Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich der Peter ins Bett und — stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen, die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde — eine Henne, eine schwarze Henne, die krähte — das bedeutete einen sicheren Todesfall.
Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte, schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle, so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde. Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte. Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte, nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.
Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen, hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen. Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.
So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft. Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.
Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte. Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger zuzusenden.
In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort Pichlers.
Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener, Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart, eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er nicht für sie.
Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.
Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an seiner Seite hatte aushalten können.
Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte, wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte — einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen eines Raubtiers — da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin, und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem Atem, verlöschender Kraft, ziehen — ziehen. — Und wenn eins leblos hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig knallt über ihnen die Peitsche.