6.

Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen Wahlkreis.

Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.

„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“ rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein. Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend. Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden! Hört ihr? Ich will!“

Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff, stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn, und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur. Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.

Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.

Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor Grete.

Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt. Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen, der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.

Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde. Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.

Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer Dirne.

Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte, daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt: Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und die Politik links liegen lassen.

Das versprach Otto gern.