7.

In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend, in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.

Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.

Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen. Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben, schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton, ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.

Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich. Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben, wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen, aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich beraten konnte.

Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten, einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.

Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine, Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur, Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und Zeitschriften baten ihn um Beiträge.

Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten, Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz griffen, und niemals auf Bestellung.

Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten wieder ab und ließen ihn in Ruhe.

In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden, der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln der Gegner.

Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen, daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.

Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen, und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf. Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten, entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen. Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang gehen werde.