5.
Das Wintersemester war vorüber. Fritz war wenig vorwärts gekommen. Durch den Verkehr mit den Studenten war er einem gelinden Trinken anheim gefallen und der Gewohnheit, abends lang im Wirtshaus zu sitzen. Anfangs hatte er sich Vorwürfe gemacht und zu bremsen versucht. Aber da kamen ihm die Bekannten auf die Bude gerückt, und notgedrungen mußte er als ihr Vertrauensmann mithalten. Später schwächte der reichlichere Genuß des Alkohols seine Widerstandskraft, das Trinken wurde ihm sogar Bedürfnis, um die Lustlosigkeit zu bannen, in der er jetzt wie in einer halbhellen Dämmerung lebte. Er ging spät zu Bett und stand mit wüstem Kopf spät auf, fühlte sich müde, leer, unzufrieden und konnte sich doch zu keiner ernsten Arbeit zusammenraffen, ließ vielmehr den Herrgott einen guten Mann und fünf gerade sein.
Seine Barschaft schmolz bei diesem Leben rasch. Während Otto schon drei Mittelschülern Nachhilfeunterricht erteilte, war es ihm bisher nicht geglückt, Ähnliches aufzutreiben. Überall wurde er abgewiesen. Der Vermerk auf seinem Zeugnis, daß er vom Neuberger Gymnasium ausgeschlossen worden war, machte fürsorgliche Eltern stutzig; sie wagten nicht, ihm ihre Kinder anzuvertrauen. Und er war zu hölzern und zu stolz, um sein Licht auf den Scheffel zu stellen oder als Vertrauensmann seine Beziehungen zu den Parteigrößen auszunützen. Da las er in einer Zeitung, daß ein Rechtsanwalt einen Schreiber für die Nachmittage suchte. Er bewarb sich um den Posten und erhielt ihn. Das brachte ihn noch mehr aus der Bahn. Trüb und trostlos eintönig schlichen die Tage neben ihm her, zwischen stumpfsinnigem Wirtshaushocken am Abend und gleichgültiger Mattigkeit am Morgen war einer wie der andere ausgefüllt mit dem Schreiben von Mahnbriefen, Klagen, Pfändungsgesuchen, und alle waren sie verloren.
Hätte er ein gemütliches Daheim oder wenigstens eine ruhige Kammer gehabt, er wäre vielleicht eher aus diesem grauen Netz herausgekommen, in dem er hing wie die Fliege im Spinngewebe und sich wehrlos den Lebensmut austrinken ließ. So aber fühlte er einen Ekel vor dem Treiben der Wondra. Er floh davor und floh vom Teufel zum Beelzebub — in die Kneipen und Kaffeehäuser. Manchmal kam ihm in diesen jammervollen Monaten der Gedanke an Eva. Aber wenn dieser jemals treibende Kraft für ihn gehabt, so hatte er sie jetzt verloren. Wie wenn einer, der im zähen Moorgrund langsam versinkt, zu einem schönen Stern hinaufblickt und sich denkt: ‚Den siehst du auch bald nicht mehr!‘ — so war es und machte ihn traurig und jeden Halt nahm es ihm.
Bei den Studenten war er gut gelitten. Er galt als treu und verläßlich, und die trockene Sprödigkeit, die er im Umgang an den Tag legte, wurde von den jungen Leuten als Zeichen männlicher Reife und Wahrhaftigkeit genommen und hochgehalten. Aber je mehr man sich um ihn riß, je scheuer und zugeknöpfter wurde er. Er litt unter diesem Leben ohne Inhalt, das um so leerer wurde, je weiter die hellen Kampftage in die Vergangenheit zurücksanken. Rasch wie die Fehde entbrannt, war sie auch vergessen und die Gegenwart wieder angefüllt mit Kneipen, Nachtschwärmen und Raufereien unter den einzelnen Verbindungen. Und er zechte und schwärmte mit und wenn er noch in keinen Ehrenhandel verwickelt worden war, so hatte er das nur seiner Wortkargheit zu danken.
Schal war das alles, belanglos und nichtswürdig. Aber loskommen konnte er doch nicht.
In die Hörsäle kam er nicht mehr. Er schämte sich, mit schwerem Kopf und stumpfen Sinnen hinzugehen. Statt dessen saß er jetzt auch an den Vormittagen in der Kanzlei. Denn die ungeordnete Lebensweise kostete viel Geld, und schon gab er täglich mehr aus, als er, das Erworbene eingerechnet, verbrauchen durfte. Vom Bureau ging er ins Kaffeehaus, wo er die Tagesblätter und sämtliche ernstere Zeitschriften las, deren er habhaft werden konnte. Gewöhnlich blieb er dort bis spät abends, begab sich dann in eines der Studentenwirtshäuser. Er brachte es nicht über sich, bei der Wondra das Nachtmahl zu nehmen. Sie rechnete auch bei der Zubereitung nicht mehr mit ihm, aber den Kostpreis setzte sie ihm deswegen doch nicht herab.
Dann kamen wieder Abende, an denen es ihm einfach unmöglich war, ein menschliches Gesicht zu sehen. An denen er die Kneipen mied und trotz Frühlingswind und Regenwetter im Freien sich herumtrieb. Den Radmantel um die Schultern, lief er pfadlos am Strand der Moldau herum. Das aufgeweichte Erdreich klebte in Klumpen an seinen Sohlen und machte sie schwer, unter seinen Tritten spritzte ihm das Schmutzwasser der Regenpfützen oft bis ins Gesicht, und nach jedem solchen Ausflug schalt die Wondra, daß seine Kleider nicht sauber zu kriegen seien. Aber immer wieder rannte er in diese tiefdunkle Einsamkeit, als könnte er sich dort vor seinem eigenen Ich verstecken. Aber er entkam sich nicht. Alle Vorwürfe und aller Ekel über sein unwürdiges Treiben gingen unablässig mit ihm durch die Finsternis, und er fühlte nur, daß er sich Stunde um Stunde an sich selbst versündige, indem er in schlaffem Müßiggang seine blanken Kräfte rosten ließ. Manchmal auch packte ihn ein sinnloser Zorn, der ihm Tränen in die Augen trieb. Er schlug mit geballten Fäusten seinen Leib, und je mehr es ihn schmerzte, mit desto wilderer Freude schlug er weiter, auf Arme, Wangen, Schläfen, und höhnte und beschimpfte sich mit häßlichen Worten, die in einem Schluchzen erstickten. Jedes Ziel war ihm entglitten, er ging mit verbundenen Augen um sein Leben herum wie der Gaul im leeren Göpel.
Die nächtlichen Wanderungen führten ihn weit über die Holzplätze hinaus in eine Gegend, wo der neue Hafen erstehen sollte. Die Arbeiten hatten noch nicht begonnen, aber schon waren in der großen Kotwüste Baggermaschinen aufgestellt und neben angehäuften Baustoffen Holzhütten und Verschläge für die Karren und Werkzeuge errichtet worden. Nur selten kam in den Abendstunden ein Mensch hieher. Ihn aber trieb es immer wieder in diese Öde, die so gut zu seiner Stimmung paßte. Stundenlang konnte er dort hocken und vor sich hinbrüten, während der Regen kühl und traurig ohne Pausen auf ihn niederfiel. Und je unfreundlicher das Wetter war, je länger blieb er, als wollte er mit diesem freiwilligen Ausharren in einer Beschwerde nur irgendwie eine sühnende Tat setzen, wenn er schon nichts anderes zuwege brachte.
Da vernahm er einst — es war ein naßkalter Aprilabend — ein Husten und Stöhnen wie von einem unruhigen Schläfer, schaute um sich und gewahrte einen spärlichen Lichtschein, der aus einer der hölzernen Hütten flimmerte. Leise ging er darauf zu. Und wie er vorsichtig durch die Fugen der Bretterwand spähte, sah er im Innern des matt erhellten Raumes zwei Gestalten auf dem bloßen Erdboden hingestreckt, während drei andere neben einem Feuer kauerten und einem geschlachteten Pudel das Fell abzogen. Das Feuer brannte in einem Viereck aus Ziegelsteinen, und auf diesem Herd stand ein verbogener Blechtopf, darin das Wasser schon zu dampfen anfing.
Die fünf Kumpane mochten wohl schon öfters hier übernachtet haben und schienen sich in ihrem Schlupfwinkel ganz sicher zu fühlen, weil sie sich so sorglos gehen ließen. Gern hätte sich Fritz zu ihnen gesellt. Aber sein Erscheinen hätte sie höchstens beunruhigt oder mißtrauisch gemacht, und helfen konnte er ihnen doch nicht. So ließ er es bleiben.
Das Hundefleisch war gar geworden. Nun wurden auch die Schläfer munter und setzten sich zum Feuer. Alle schwiegen, streckten die Hände nach den rauchenden Fleischstücken, rissen mit den Zähnen große Fetzen los, die sie mit der Hast des Hungers verschlangen. Dazu tranken sie von der gelblich-grauen Fettbrühe mit schmatzenden Lippen, und in ihren knochigen Gesichtern war ein Ausdruck der Zufriedenheit, als säßen sie bei dem alten Schlemmer Lukull zu Tisch. Satt gegessen, kramten sie aus den Taschen die gesammelten Zigarrenstummel, setzten sie in Brand und streckten sich längelang auf den nackten Erdboden aus, die verschränkten Hände als Kissen unterm Kopf. Einer hatte auch eine gefüllte Schnapsflasche mit, die im Kreis herumging und schnell leer war. Solang das Feuer brannte, unterhielten sie sich halblaut miteinander. Sie redeten deutsch, aber aus ihrer Aussprache hörte der Lauscher, daß nur zwei von ihnen wirklich Deutsche waren, der ‚Schwabe‘ und der ‚Bayer‘, wie sie genannt wurden, während die drei anderen, der ‚Tschasbauer‘, der ‚Wasserkopf‘ und der ‚Krowot‘ der slawischen Rasse angehörten.
Sie erzählten von ihren vergeblichen Gängen um Arbeit und verwünschten das milde Wetter, weil es schneller den Schnee weggeräumt hatte als sie mit ihren Schaufeln. Dann wurden sie einsilbiger und schliefen endlich ein, indes der Regen ohne Pause rieselte und der Wind empfindlich kalt durch die Bretterwände pfiff.
Fritz schlich sacht davon. Seine Kleider waren schwer von Nässe, in den Vertiefungen seines Filzhutes bildete das Wasser kleine Teiche. Aber heim ging er noch nicht. Eine dumpfe Trauer war in ihm, und mit doppelter Gewalt griff die Reue über so viele nutzlos verzettelte Tage an sein Herz. Denn es war ihm gewesen, als hätte im unsteten Flackern des dürftigen Feuerchens hinter Qualm und rauchiger Glut wie in weiter trüber Ferne das verlorene Ziel flüchtig herüber geleuchtet.
... Den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen das Recht auf Glück zurückerobern — ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...
Hatte wirklich einmal einer so zu ihm gesprochen, und er hatte sich ihm zugeschworen mit Handschlag und Gelöbnis? Und statt dessen schritt er satt und behäbig in den Reihen der Behäbigen und Satten, trank sein Bier in Ruhe und ereiferte sich höchstens im Streit der Glieder untereinander, indes der ganze Körper in schwerer Not rang. Die Menschheit war dieser Körper, und ihre Not war der Hunger. Und wo dieser war in seinem bittersten Ernst, da war auch kein Kampf von Volk zu Volk, von Bruder zu Bruder. Da saß der Bayer mit dem Polen, der Deutsche mit dem Slawen beim Feuer, und sie teilten sich einträchtiglich im Fleisch eines gestohlenen Hundes.
Und während er in Regen und Sturm durch die Frühlingsnacht irrte, wurde ihm immer klarer und erkannte er immer deutlicher, daß die Unzufriedenheit, die Unlust und Leere der letzten Monate nicht seinem Müßiggang entsprang, nicht dem Wirtshaushocken und Zechen und Saufen. Das waren nur die Folgen, die Ursache aber war, daß er sich an eine Sache mit halbem Herzen und gegen seine innerste Überzeugung hingegeben. Das Unrecht, die Vergewaltigung, die der Schwächere erdulden mußte, hatten ihn geblendet, so daß er nicht sah, daß der ganze Kampf ein Unrecht war und ein Frevel an der Allgemeinheit.
Als er endlich — der Morgen brach an — nach Haus kam, begegnete er dem Mediziner Karg, der ohne Gruß an ihm vorüber und die Treppe hinabeilte. Unter der Wohnungstür stieß er mit dem Astronomen zusammen. Auch der war bleich und ernst und grüßte kaum. Fritz war zu müde, als daß ihm das aufgefallen wäre. Er entledigte sich seiner Kleider, aus denen in trüben Bächlein das Regenwasser rann und fiel in einen bleischweren Schlaf.
Nach kaum zwei Stunden wurde er von Pichler wach gerüttelt. Der hübsche Mensch hatte blasse, zitternde Lippen und war ganz verstört.
„Fritz, steh’ auf! Karg hat den König erschossen!“
Es war so. Betrunken hatten sie in einem Nachtkaffee Streit angefangen, der mit Faustschlägen und Ohrfeigen endete. Nüchtern geworden, hatten sie sich am nächsten Tag wieder versöhnt und das frühere Einvernehmen hergestellt. Aber Deimling war Zeuge des Auftritts gewesen und duldete eine so gemütliche Beilegung nicht. Ein Mitglied der Herminonia war tätlich beleidigt worden, und dafür gab es nach seinen starren Ehrbegriffen nur eine Sühne mit den Waffen, sollte kein Makel an den Farben der Landsmannschaft haften bleiben. Das sagte er dem Karg, und als der entgegnete, die Sache sei bereits durch gegenseitige Entschuldigung aus der Welt geschafft, erklärte Deimling finster, er hätte gedacht, der Fuchsmajor würde besser wissen, was die Ehre der grün-weiß-roten Farben gebieterisch fordere. Für seine Person könne er ja die Hiebe ungestraft auf sich sitzen lassen. Aber dann werde der Fall in der nächsten Kneipsitzung zur Sprache kommen, und da werde es sich ja zeigen, ob ein Geohrfeigter, der sich für eine solche Schmach nicht Genugtuung mit den Waffen verschaffe, ferner noch würdig sei, das grün-weiß-rote Band zu tragen.
Nun war Karg mit Leib und Seele bei seiner Burschenherrlichkeit und war viel zu oft schon auf Mensur gestanden, als daß es ihm auf einen Ehrenhandel mehr oder weniger, selbst mit einem guten Freunde, sonderlich angekommen wäre. Wenn Deimling wollte, ging er eben los, da war weiter nichts dabei. Aber die Osterferien standen vor der Tür. Und König war ein guter Fechter. Und Karg wollte seiner Mutter nicht mit frischen Schmissen nach Haus kommen. Und der Handel mußte binnen zweimal vierundzwanzig Stunden — so stand’s im Kodex — ausgetragen sein. Also einigte man sich auf Pistolen. Deimling war ganz Korrektheit und steife Würde. Er ordnete alles und verbot insbesondere dem Fuchsmajor, mit dem Gegner in derselben Stube zu wohnen, so daß ihm die Wondra für diese eine Nacht in ihrer eigenen Kammer das Lager zurechtmachte, während sie selbst in der Küche schlief.
Dann war es so gekommen, daß König, der den ersten Schuß hatte, ein Loch in die Luft schoß, während Karg, vor Aufregung zitternd und unsicher, die Waffe nicht in der Gewalt hatte. Seine Kugel fuhr dem Astronomen ins linke Auge. Ein paar Atemzüge lang stand er noch aufrecht, mit unverändertem, nur wie verwundertem Gesicht. Und schon wollten alle des guten Ausgangs sich freuen, da wankte er, fiel hin und hatte den letzten Atemzug getan, ehe noch jemand die Verletzung wahrgenommen.
Seinen Leichenwagen begleiteten die Herminonen in voller Wichs und Abordnungen von vielen anderen Verbindungen. Es war ein sehr schönes Begräbnis. Karg stellte sich den Gerichten. Er wurde zu drei Jahren Kerker verurteilt und da er Reserveoffizier war, vom Kaiser begnadigt. So verlief alles in schönster Regelmäßigkeit, und auf dem frischen Grabhügel wurden die Frühlingsgräser besonders üppig grün, als hätten sich aus dem zerstörten Jünglingskörper alle Hoffnungskeime lichthungrig in ihre zarten Spitzen geflüchtet.
Die Wondra weinte sehr um den Verlust ihres besten, weil beständigen Mieters. Acht Tage rührte sie kein Kartenblatt an, und noch weitere vierzehn Tage traten ihr jedesmal, wenn sie sich zum Spieltisch setzte, die Tränen in die Augen, und sie weihte dem Toten einen stillen Gedächtnisschluck.