6.
Karg wurde seit diesem Zweikampf mit ausgesuchter Hochachtung behandelt, so daß ihm das zu Kopf stieg und er einer dünkelhaften Einbildung anheimfiel, die sich in kurzen, herrischen Gebärden und in einem blasierten Gesichtsausdruck offenbarte. Er wurde stolz und war beinahe froh, daß er einen ernstesten Fall gehabt und daß von ihm erzählt werden konnte, er habe schon einen im Duell erschossen.
Derart hatten sich alle Beteiligten in ihrer Weise rasch wieder zurechtgefunden.
Hellwig brauchte länger. Alles in ihm bäumte sich gegen die Leichtfertigkeit, mit der hier über ein Menschenleben zur Tagesordnung übergegangen wurde. Und als eines Tages nach Ostern Karg auf ihn zutrat: „Kommen Sie heut’ mit in die Kneipe?“, wandte er sich wortlos ab. Das war eine Beleidigung, und der Herminone, jetzt erst recht nicht gewillt, sich dergleichen gefallen zu lassen, verlangte Aufklärung. Fritz aber gab keine Antwort, stand mit dem Gesicht gegen das Fenster gekehrt und rührte sich nicht. Da schickte ihm Karg seine Zeugen. Es waren Deimling und der Erstchargierte Braun. Gemessen und förmlich überbrachten sie die Forderung.
„Sie haben sich umsonst bemüht!“ sagte Hellwig. „Ich schlage mich nicht.“
Nun hätten sie füglich gehen können. Aber Braun tat noch ein übriges, indem er den allseits Beliebten auf die Folgen einer solchen Weigerung aufmerksam machte. Fritz bat ihn jedoch sehr ruhig, er möge sich das sparen. Seinen Entschluß werde es nicht ändern.
„Diese Methode ist sehr eigentümlich!“ nahm nun Deimling das Wort. „Erst der Ehre eines Menschen grundlos nahe treten und dann ...“
„Mein bester Herr Deimling,“ fiel ihm da Hellwig in die Rede, „das Leben eines Menschen ist wertvoller als seine Ehre!“
„Das ist jedenfalls ein bequemer — und sicherer Standpunkt!“ entgegnete der alte Herminone, setzte mit einer spöttischen Verbeugung hinzu: „Hüten Sie also Ihr wertvolles Leben!“ und wollte sich entfernen. Fritz vertrat ihm den Weg: „Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von dem armen König.“
„Er ist gefallen wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre!“ antwortete Braun. Fritz erwiderte:
„Ich weiß nicht, welche Ehre Sie meinen. Es gibt ihrer ja so viel als Stände und Rassen. Ich weiß nur, daß ein Menschenleben etwas Kostbares und Heiliges ist. Und wer eins davon vernichtet, bestiehlt die Menschheit um tausend Möglichkeiten, versündigt sich an ihr und besudelt jene einzige Ehre, die ich allein gelten lasse: die Ehre, Mensch zu sein.“
„So behalten Sie diese Ehre!“ sagte Deimling spöttisch. „Womit ich die Ehre habe!“
Braun aber machte noch einen Versuch.
„Sie sind dann in der Gesellschaft unmöglich,“ gab er ihm zu bedenken. Und Fritz leidenschaftlich darauf:
„Ich will auch nichts mehr gemein haben mit jenen! Sie reden von ihrer Liebe und brüsten sich mit ihrer Treue zum Volke. Aber das sind nichts als Worte! Worte! Wer wegen eines Schmarrens sein Leben in die Schanze schlägt, leichtsinnig und unbedenklich hinwirft, wer skrupellos ein Leben vernichten kann, und alle, die dies loben und in Ordnung finden, alle, die für die Macht ihres Volkes begeistert schwärmen, gleichzeitig aber dulden, daß auch nur das kleinste lebendige Teilchen dieses Volkes zwecklos zerstört wird — alle die sind Phrasensager und Lügner und haben keine Ehrfurcht, weder vor ihrem Volke noch vor der Menschheit. Das ist es. Und darum schlage ich mich nicht und darum kann ich auch Ihre Verachtung ertragen!“
Während er redete, war er ganz ruhig geworden. In den letzten Worten hatte sogar eine leise Überlegenheit durchgeklungen. Jetzt setzte er sich und spielte mit dem Federkiel auf dem Tisch. Die beiden Studenten entfernten sich wortlos.
Fritz atmete leicht und froh. Die Brücken waren abgebrochen und hinter ihm verbrannt. Mochte kommen, was da wollte — er hatte wieder pflugreife Erde unter sich.
Seine Energie und Spannkraft waren wieder da, drängten nun, je länger sie in müßiger Ruhe gelegen, je ungestümer vorwärts, forderten eine unzweideutige und ganze Tat.
Jener flüchtige Blick in das Treiben der Obdachlosen hatte ihm die Richtung neu gewiesen. Und nach der Erschütterung über den gewaltsamen Tod des Astronomen war wie nach einem schweren Sommergewitter reine, klare Luft geworden. Nicht darauf konnte es ankommen, ob ein Volk stärker, mächtiger, fortgeschrittener, besser sei, als das andere, sondern daß alle ohne Unterschied leben konnten, wie es ihrer Menschenehre gebührte.
In alle Fernen und Weiten schweifte seine junge Begeisterungsfähigkeit und entzündete sich an dieser Vorstellung zu einer hellen und starken, ganz warmen Glut. Und in der glückhaften Erregung, die sich seiner nach dem Weggehen der beiden Herminonen bemächtigte, begann er, zum erstenmal, seine Gedanken niederzuschreiben und schrieb in einem Zuge bis in die Nacht hinein an einer Abhandlung, in der er die uralte Lehre von der Menschenverbrüderung mit seinem Feuer neu vergoldete.
Mit der frohen Raschheit, die ein glückliches Gelingen auslöst, packte er das Manuskript, kaum daß die Tinte trocken geworden, zusammen, siegelte und adressierte es an die ‚Freien Blätter‘, das führende Organ der Sozialisten in der Reichshauptstadt. — —
Die silbergraue Dämmerung vor den Fenstern wich bereits dem hellen Licht der nahen Sonne, als Pichler nach einer durchschwärmten Nacht heimkam. Fritz erzählte ihm ohne Umschweife den Vorfall mit den Herminonen. Auf dem Bettrand sitzend, hörte Otto nur mit halbem Ohr hin, während er sich der Stiefel und Kleider entledigte und unter langgezogenen Seufzern gähnend den Mund aufriß. Die Sache war ihm nicht mehr neu. Er hatte sie bereits bei der Kneipe und in den Kaffeehäusern genugsam zu hören bekommen. Erst als er in den Federn lag und die Decke bis zum Hals hinaufgezogen hatte, fragte er unter fortwährendem Gegähn: „Und was wirst du jetzt machen?“
„Schlaf dich erst aus!“ erwiderte Hellwig. „Wir sprechen weiter, bis dein Schädel wieder klar ist.“
„Ist er ohnehin!“ knurrte der andere, drehte sich gegen die Wand und schlief auch schon. — —
Fritz wusch sich die Augen hell und goß einen großen Krug Wasser über Kopf und Nacken. Als die Wondra bald darauf mit dem Frühstück erschien, teilte er ihr mit, daß er die Wohnung zu verlassen gedenke. Mit würdevollem Kopfnicken nahm sie die Kündigung zur Kenntnis, stellte den Kaffee auf den Tisch und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Denn auch sie war bereits durch Karg über den Vorfall unterrichtet und wußte als langjährige Studentenmutter, wie man sich einem Auskneifer gegenüber zu benehmen hatte.
Hellwig lächelte ein wenig, während er sich das feuchte Haar aus der Stirn kämmte und den Kragen anknöpfte. Dazwischen nahm er, wie es seine Gewohnheit war, stehend kleine Schlucke vom Frühstückskaffee, und da er wieder tief in seine Gedanken hineingeriet, behielt er schließlich den Topf in der Hand und schritt damit, von einer unklaren und ungeduldigen Erwartung getrieben, rastlos um den Tisch herum.
Auch als er ins Freie trat, wo die alten Häuser wehmütig zu der stillen Pracht des Frühlingsmorgens hinaufschauten, wurde es nicht ruhiger in ihm, wollte das Gefühl nicht weichen, daß ihm etwas Fröhliches ganz nahe bevorstand. Pünktlich ging er in die Kanzlei und schrieb einen Mahnbrief nach dem andern. Dann erschien der Anwalt und beauftragte ihn, gegen einen nachlässigen Ratenzahler auf Grund des rechtskräftigen Urteils das Pfändungsgesuch bei Gericht einzureichen. Während Hellwig die Eingabe vorbereitete, kam der Schuldner und wollte die verfallene Rate erlegen. Er habe das Geld nicht früher zusammenbringen können. Der Advokat aber, dem es um seinen Verdienst zu tun war, erklärte, das helfe jetzt nichts mehr. Die Frist sei versäumt, die ganze gestundete Forderung nunmehr fällig und die Exekution bereits eingeleitet.
Die Mitteilung traf den Schuldner, der ein anständiger kleiner Geschäftsmann zu sein schien, ersichtlich hart, da er durch eine Pfändung sehr zu Schaden und um jeden Kredit kommen mußte. Inständig flehte er um Aufschub. Der wurde ihm endlich unter der Bedingung zugestanden, daß er mit der Rate zugleich fünf Kronen für die Kosten des Pfändungsgesuches bezahle. Das war nicht viel, aber der arme Teufel kramte in allen Taschen und brachte endlich in Nickelmünzen vier Kronen und dreißig Heller zur Strecke, die der Anwalt gleichmütig einstrich, mit der Ermahnung, nunmehr pünktlich zu sein und auch die fehlenden siebzig Heller nicht zu vergessen. Einer großen Sorge ledig, versprach der Mann alles unter vielen Dankesworten. Da sagte Hellwig: „Das Gesuch ist noch nicht fertig, Herr Doktor!“
„Wie? Ja so, ganz recht — die Klage gegen die Seifenfabrik ...“ meinte der Advokat diplomatisch und winkte Schweigen.
„Nein,“ antwortete Hellwig unbeirrt, „das Pfändungsgesuch habe ich noch nicht fertig!“
Der Anwalt wurde verlegen.
„Also adieu! adieu!“ rief er lärmend. „Und vergessen Sie nicht auf die nächste Rate! Pünktlich sein, nur pünktlich!“
Damit schob er den Mann zur Tür hinaus. Dann drehte er sich zornrot zu seinem Schreiber: „Was fällt Ihnen ein, Herr Hellwig? Derartige Äußerungen sind ganz ungehörig!“
„Mir fällt gar nichts ein!“ erwiderte Fritz trotzig. „Ich meine nur, was man nicht geleistet hat, dafür läßt man sich auch nicht bezahlen.“
Mit großen, runden Augen blickte der Chef auf seinen sonst so stillen Gehilfen. Denn Hellwig hatte unter dem Druck der letzten Monate vollständig gleichgültig und ohne Nachdenken, wie eine Maschine, gearbeitet und stumm alles getan, was ihm aufgetragen worden war.
„Ich verbitte mir jede Kritik!“ rief der Chef. „Das wäre noch schöner! Was glauben Sie denn eigentlich?“
„Ich glaube, daß dieses Vorgehen und anständig zwei — Worte sind.“
Nun warf sich der Anwalt in die Brust: „Sie sind entlassen und können auf der Stelle gehn! Ich zahle Ihnen das Gehalt für die vollen vierzehn Tage, obwohl ich nicht dazu verpflichtet bin.“
„Ich danke!“ entgegnete Fritz, „es könnte sonst wieder ein armer Schlucker dafür büßen müssen!“, stand auf und ging.
Nun war er mit allem und gründlich fertig. Ein Jahr war vertrödelt, mit den Studien war er nicht viel weiter gekommen und für das Leben geleistet hatte er gar nichts. Die Bilanz quälte ihn jetzt doch, und trotzdem, oder gerade weil der Maienhimmel so wundervoll blau, die Luft so weich und kosend war, fiel ihn ein arger Jammer mit bösen Krallen an.
Bedrückt ging er durch die belebten Geschäftsstraßen, schritt teilnahmslos über die breite neue Moldaubrücke und auf weißen Kieswegen neben blühendem Gesträuch in einen stillen Park hinein, der einem Fürsten eignend und dem Publikum zugänglich, an einer sachten Hügellehne hinter den Häusern emporstieg. Alte Bäume waren da, weite Rasenpläne und in runden Beeten standen farbige Blumen im Glanz ihrer kürzlich erblühten Schönheit, von Sonnenschein und lauer Luft umflossen. Auf den braunen Gartenbänken saßen junge Mädchen in hellen Kleidern und lasen in dieser begnadeten Frühe zärtliche Liebesgeschichten oder Verse aus zierlichen Goldschnittbänden. Und wo eine Sitzgelegenheit tiefer in die lauschigen Hecken hineingerückt war, hatte sich auch wohl ein oder das andere Pärchen niedergelassen, kecke Studenten zumeist und schmiegsame Backfische mit Musikmappen oder Malgeräten, die ihre bezüglichen Unterrichtsstunden schwänzend, kreuzvergnügt beim gütigen Lehrer Lenz in die Schule gingen. Leichte, kühle Blütenblätter fielen von den Bäumen, und die grüne Wipfelwelt, die reglos zwischen Himmel und Erde schwamm, erfüllte ohne Pausen laut tönender Finkenschlag. So stellte dieser sanft ansteigende große Garten eine ideale Frühlingslandschaft dar, aber die heitere Lebensfreude, die blankäugig überall sich regte, war nicht danach angetan, der tristen Gemütsverfassung Hellwigs den Garaus zu machen. Sauertöpfisch und verdrossen bewegte er sich auf den gewundenen Fußsteigen zum Gipfel und setzte sich oben auf eine einsame Steinbank, die abseits von den Hauptwegen im Halbrund eines Jasmingebüschs aufgestellt war.
Beinah die ganze Stadt konnte von dort überblickt werden, wie sie da unten hingebreitet lag, in Leibesmitte von dem sonnenüberspiegelten Stromband wie mit wehrhaftem Stahl gegürtet, und vergoldete Kuppeln funkelten im Licht gleich den Zieraten auf dem Brustharnisch einer reisigen Brunhilde. Ernst und hart war dieses Stadtbild, von einer herben Schönheit, deren strenge Linien auch die Helligkeit des Frühlings nicht weicher und anmutiger machen konnte.
Aber Fritz sah nicht darauf hin, schaute darüber hinweg in eine leere Ferne und grübelte in sich hinein.
Der Auftritt mit dem Rechtsanwalt war ihm selbst überraschend gekommen. Doch war ihm das jetzt ganz recht und er wünschte es nicht ungeschehen.
Im Buschwerk, um ihn, über ihm, war es ungemein lebendig. Lichtbächlein rannen von den Zweigen, und unsichtbare Vögel lockten und suchten einander. Verwirrend dufteten, kaum den geplatzten Knospen entquollen, die weißen Blüten, und das gesamte lose Lenzgesindel war geschäftig, mit Schmeicheln und Streicheln und Fächeln und Lächeln die Sinne leise zu umgarnen und irgendeine namenlose Sehnsucht wach zu bringen.
Plötzlich mußte er an die kleine Eva Wart denken, und so oft er diese Erinnerung unwillig zurückstieß, so hartnäckig stellte sie sich immer wieder ein. Ohne daß er es wußte, wurden ihm die Lider feucht.
Und nun sah er auch ihr ganzes Heim vor sich, das tätige Haus, den biederen Kaufmann, den Freund — und neben der hochgesinnten Mutter stand das feine Jungfräulein und schaute ihn leidvoll aus ernsten Augen an. Wenn er jetzt diesen Menschen gegenüber treten sollte, konnte er es denn, ohne die Stirn zu senken? Die Schamröte stieg ihm in die Wangen. Und dann — dann legte er mit einem dumpfen Ächzen beide Hände vors Gesicht, und zwischen den gespreiteten Fingern quollen große, warme Tränen.
Minutenlang saß er so, zusammengekauert, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt. Als er sich endlich erhob, mit einer Bewegung, als risse er eine Handfessel jäh entzwei, da blickten unter den gewölbten Stirnknochen die Augen hart und finster, und in dem hageren Antlitz war Zug um Zug ein Ausdruck von gesammelter Entschlossenheit.