7.
Als er heimkam, war Otto eben aufgestanden. Fritz teilte ihm nunmehr mit, daß er die Wohnung aufgekündigt habe. Da schüttelte ihm Pichler warm die Hand und sagte: „Das war gescheit von dir. Sonst hätt’ ich nämlich selbst ausziehen müssen. Denn bei aller Freundschaft wirst du zugeben müssen, daß wir nicht beisammenbleiben dürfen.“
„Warum denn?“ fragte Hellwig erstaunt. Und Otto erwiderte: „Das ist doch ganz klar — weil ich sonst gerade so unmöglich bin wie du. Man kann doch mit einem, der keine Satisfaktion gibt, nicht in derselben Stube wohnen, ohne daß ...“
„Ach so!“ sagte Hellwig und fügte hinzu: „Du bist wenigstens aufrichtig, das ist doch etwas.“
„Immer!“ versicherte Otto. Dann fuhr er fort, und sein gönnerhafter Ton bekundete, daß er sich neben dem Geächteten sehr brav und bieder vorkam. „Deswegen,“ — fuhr er fort — „deswegen aber keine Feindschaft! Wir bleiben die alten, das ist selbstverständlich. Wir treffen uns auch regelmäßig und zwar in einem sicheren Wirtshaus, das noch gesucht werden muß. Öffentlich, muß ich dich leider bitten, so zu tun, als ob wir jeden Verkehr abgebrochen hätten. Ich werde es gerade so halten, aber sonst — unter vier Augen — alles wie früher! Gilt’s?“
Er streckte ihm die Hand hin. Fritz sah über sie hinweg. „Du bist sehr großmütig!“ meinte er mit kaltem Spott. „Aber ich hab’ solche Heimlichtuerei nicht gern. Ein ehrliches Entweder — Oder ist mir schon lieber.“
„Wie du willst — ich bleibe trotzdem dein Freund.“
„Ein Freund, der nicht den Mut hat — — ach, weißt du, reden wir nicht weiter davon, es ist so müßig.“
Er setzte sich zum Schreibtisch, nahm irgendein Buch vor. Aus alter Gewohnheit suchte er dabei nach seiner Pfeife, die stets handgerecht am Tischbein lehnte. Sie war nicht mehr dort, war überhaupt aus dem Zimmer verschwunden. Die Wondra hatte sie wieder an sich genommen, weil so ein ehrwürdiges Erbstück von den Lippen eines Verfemten nicht entweiht werden durfte.
Wieder lächelte er. Ein leises, bitteres Lächeln. So kleinlich war das alles, so überflüssig und bedeutungslos.
Noch öfter hatte er im Verlauf dieser Tage Gelegenheit zu einem solchen Lächeln. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden. Sogar der sanfte Fundulus drückte sich scheu an ihm vorbei, mit gesenkten Lidern und allen Zeichen mitleidender Verlegenheit. Niemand erschien am Abend, um ihm eine Blume zuzutrinken oder ihn zum Spiel aufzufordern. Auch kein Bier holte ihm die Wondra.
Er hatte die Absicht gehabt, die Wohnung zu verlassen, sobald er ein anderes Zimmer gefunden. Jetzt aber entschloß er sich, die ganzen vierzehn Tage auszuharren. Niemand sollte ihm nachsagen, daß er vor Verachtung geflohen sei. Und gerade zum Trotz, nur um sich zu zeigen, ging er jetzt in alle Studentenwirtshäuser, saß allein an einem Tisch, und während ein geringschätziges Lächeln um seinen Mundwinkeln lag, dachte er an die Zukunft und wie er sich einrichten würde.
Steif aufgereckt schritt er dann durch die Haufen seiner früheren Bekannten, schaute ihnen mit freien, hellen Augen ins Gesicht. Mancher wurde dadurch verwirrt, griff zum Gruß nach seiner Kappe. Aber er erhielt den Gruß nicht zurück.
So vergingen acht Tage, ohne daß Hellwig mit einem Menschen sprach. Pichler hatte gleich nach jener Unterredung Tisch und Bett des armen König mit Beschlag belegt und vermied ängstlich ein Zusammentreffen. Doch hatte er ein Briefchen hinterlassen, worin er sein Benehmen mit den alten Gründen nochmals entschuldigte. Fritz riß es in Fetzen.
Wenn er aber gedacht hatte, daß er durch seine völlige Absonderung Zeit und Lust zum Arbeiten zurückerzwingen werde, so war das ein Irrtum gewesen. Das Lesen der gelehrten Werke mit dem trostlos gleichförmigen lateinischen Druck machte ihm keine Freude, zum Studieren fand er nicht die Sammlung, den Vorträgen der Professoren hörte er nur mit halbem Ohr zu, und es war keiner unter ihnen, der ihn zu fesseln vermocht hätte. Zu beschaulich ging es ihm auf einmal in den Stätten der hohen Wissenschaft her. Alle seine Kräfte waren in brodelndem Aufruhr. Unrast war in ihm und drängende Sehnsucht, mitten im Leben, wo es am gewaltigsten brauste, mitzutun, im offenen Widerstreit Aug’ in Aug’ und Stirn gegen Stirn einem starken Gegner zu trotzen und im Kampfe für die Erhöhung der heute Erniedrigten die Waffen nur siegend oder sterbend aus der Hand zu legen.
Alle Länder widerhallten vom Lärm dieses Kampfes und in den Industriestädten waren die wohlgerüsteten Heerlager. Auch Prag war mit beteiligt, aber der Streiter waren daselbst nur wenige. Die Unzufriedenheit der Massen entlud sich hier im unfruchtbaren, aber bequemeren Nationalitätenhader. Und wo das anders war, da waren Tschechen die Rufer im sozialen Kampf, und Hellwig verstand ihre Sprache nicht. Wohl traten in ihren Zusammenkünften bisweilen auch deutsche Redner auf, aber das geschah nur selten und brachte in die Beratungen stets etwas Fremdes und Feierliches. So fehlte die Brücke des lebendigen Wortes, und er vermochte keine Fühlung mit ihnen zu gewinnen, trotzdem er jetzt häufig ihre Versammlungen besuchte.
Niedergedrückt kam er eines Abends von einer solchen heim. Seine Koffer waren schon gepackt, in zwei Tagen wollte er in die neue Wohnung übersiedeln. Da fand er auf seinem Tisch ein Geldaviso aus Wien und eine Verständigung des Inhalts, daß die Schriftleitung der Freien Blätter seine Abhandlung mit Vergnügen angenommen habe und um weitere Beiträge ersuche.
Aber auch von Kolben war ein Brief eingelaufen. Der Doktor schrieb: „Lieber Fritz! Du scheinst Luft unter die Flügel bekommen zu haben. Es war aber auch höchste Zeit. Jetzt sieh nur zu, daß du nicht wieder den Kurs verlierst, überleg’ nicht lang und komm her nach Wien. Es gibt hier massenhaft für dich zu tun!“
Da ließ Fritz sein Gepäck statt in die neue Wohnung auf den Bahnhof schaffen und fuhr in die Reichshauptstadt.