1.

Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken, Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt, ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte, das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und konnte sich’s wohl sein lassen.

Der Doktor schrieb fleißig und bedeckte Bogen um Bogen eines starken gelblichen Papiers mit regelmäßigen Buchstaben in gedrängten Zeilen. Da klopfte es, die Tür ging auf und Fritz stand so, wie er eben vom Bahnhof gekommen, in ihrem Rahmen.

„Schnell kommst du!“ sagte Kolben. „Und das ist sehr vernünftig. Sieh dir unterdessen die Bilder an, ich bin gleich fertig.“

Er deutete auf ein kleines, mit Mappen und Zeitschriften überladenes Tischchen in der Ecke. Dann ließ er die Feder wieder über die gelblichen Bogen wandern, und erst nach einer Viertelstunde legte er sie weg.

„So! Jetzt laß dich einmal anschaun!“

Er stand auf und Hellwig, der unterdessen die Zeitschriften durchstöbert hatte, ebenfalls. Der Doktor legte ihm beide Hände auf die Schultern und blickte ihm in die Augen. Fritz hielt eine kleine Weile diesem forschenden Blick stand, dann senkte er halb trotzig, halb verlegen die Lider.

„Laß gut sein!“ sprach Kolben. „Es hat nichts auf sich. Besser ein Jahr, als sich selbst verloren. So was macht jeder durch, wenn er nicht gerade ein bleichsüchtiger Musterknabe ist oder eine große Null. Also hör’ zu: Der Kampf ums allgemeine Wahlrecht soll langsam vorbereitet werden. Ein paar große Streike werden sich nicht mehr lang hinausschieben lassen. Die Schriftleitung der Freien Blätter hat junge unverbrauchte Kräfte dringend nötig. Ich schätze, es könnte dir nicht schaden, wenn du da ein bissel mittust. Willst du?“

„Geht denn das so einfach?“ fragte Hellwig und horchte hoch auf.

„Wird sich machen lassen. Ich hab’ das Kunstreferat, bin auch sonst mit den Leuten bekannt. — Es ist keine Protektion!“ beschwichtigte er, als Fritz eine heftig abweisende Bewegung machte. „Glaubst du, ich würde dich empfehlen, wenn ich dich nicht bis in die Nieren kennte? Noch einmal: Willst du?“

„Ich hab’ keine Ahnung von der ganzen Sache, weiß nicht, ob ich überhaupt dazu tauge ...“

„Du taugst schon. Und die Handwerksgriffe lernen sich leicht. Ein paar Wochen Einschulung, und das Werkel geht von selber. Zum dritten und letztenmal: Willst du? Ja oder nein?“

Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im Lindenwipfel flink sich regte.

„Nun?“ fragte er endlich.

„Ja!“ antwortete Fritz.

Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch ins Fahrwasser.

Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das andere bedingt.

Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren, die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende herauszufinden.

Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen, matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu übertäuben.

Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten. Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt hatte.

So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner Jugendideale erhoffte.

Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein. Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind, wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu können.

Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden. Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten des nächsten Monats mit Geld aushelfen.

Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.

Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“

Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.