2.
Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg. Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.
Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln, und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.
Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen. Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da kommen würden.
Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb, die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und salutierte stramm:
„Servus, Fräulein Eva!“
Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“
„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.
Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den Korb. Pichler gewahrte den Zorn.
„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus. „Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“
„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“
Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf. Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn. Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von Fritz Hellwig.
Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen geblieben.
Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete, mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich auf seinen großen Stiefel stellte.
Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen. Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab. Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden. Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.
Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte: „Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr! Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.
„Wer?“ fragte Otto und wollte nicht verstehen.
„Sie wissen wohl gar nicht, von wem er ist?“ erwiderte sie. Es war ihr nicht möglich, den Namen über die Lippen zu bringen.
„Ja so!“ antwortete Pichler gedehnt und gleichgültig. „Sie reden von Fritz Hellwig? Da kann ich nicht dienen. Seit der wegen jener gewissen Geschichte von Prag hat fortmüssen, hab’ ich nichts mehr von ihm gehört.“
„Was für gewisse Geschichte?“ fragte sie und schaute ihn bang an. Da hoffte er sein Eisen zu schmieden, begann zu erzählen und stellte die Sache so dar, als ob Fritz aus Mangel an Mut den Zweikampf abgelehnt hätte.
„Man darf das nicht!“ schloß er. „Erst beleidigen und dann auskneifen. Es ist mir schwergefallen, aber ich hab’ schließlich nicht anders handeln können.“
„Wieso?“ Eine kleine Falte stand ihr zwischen den Brauen.
„Mit einem Auskneifer verkehrt man nicht. Der ist gesellschaftlich tot. Ich hab’ dennoch versucht, mir den Freund zu erhalten, hab’ heimlich mit ihm zusammentreffen wollen, trotz der Gefahr, daß es herauskommt und mich ebenfalls unmöglich macht.“
Er mußte innehalten. Eva hatte mit dem Fuß aufgestampft und ungestüm dazwischengerufen: „Fritz ist kein Auskneifer!“
Mit einem nachsichtigen Lächeln blickte er sie groß an.
„Sprechen wir nicht mehr davon. Mir geht die Geschichte nah, und helfen tut das Reden doch nichts mehr!“
„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“
„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn. „Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie ihn!“
„Fräulein Eva!“
Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.
„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“
Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.
Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß. Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen Abgangs.
Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß, als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“ Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen erheblich abstach.