3.

Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber, die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.

Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch. Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ sie kaum aus den Augen.

Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit, stampften, klatschten und pfiffen.

Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du mit?“

„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar, wenn du mich allein ließest.“

„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“

„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“

Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.

Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick, nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.

Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden, wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben, bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich essen und die Miete zahlen zu können.

Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte, daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.

Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen, wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden Flüglein hob und senkte.

Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf. Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch er hielt ihr nur die Hand hin.

„Gute Nacht!“ sagte er einfach.

Freudig erschrocken schaute sie ihn an.

„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung. Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über die Wangen.

„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen früh ab. Dann sehen wir weiter.“

Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand. Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch davon. Sie ließ es nicht zu.

„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.

Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen, der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm durch die Stille pochte.

„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“

Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen mit Nummer einundvierzig?“

Heinz stand wie betäubt.

„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.

Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers. Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.

Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.

So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens. Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten wollte nicht weichen.

Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie seines eigenen Lebens lauschen konnte.

Fritz bat den Freund — wortlos, nur mit einem festeren Händedruck — um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit ihnen.

Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.

Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos, den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.