4.
Diese Ausflüge waren für Hellwig immer wie ein Jungbrunnen, aus dem er sich Erquickung und neue Frische holte für sein aufreibendes Tagwerk. Dieses war, je mehr er sich eingearbeitet hatte, je mühevoller geworden. Die Partei hatte bald die Tüchtigkeit, die Werbekraft und den Einfluß erkannt, den der junge Schriftleiter mit seiner warmen Begeisterung und stillen Leidenschaftlichkeit auf breite Massen üben konnte. Die Scheu vor dem öffentlichen Hervortreten hatte er rasch überwunden, zauderte jetzt niemals mehr, in den Versammlungen als Redner aufzustehen, und wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es frei heraus und wunderte sich selbst manchmal, wie leicht und mühelos ihm die Worte von den Lippen kamen. Mit frohen Kräften tat er sich überall um, und je mehr man auf seine Schultern lud, desto wohler fühlte er sich. Und seine Kräfte wuchsen, je mehr er sie brauchte.
Immer zu eng waren ihm die Grenzen abgesteckt, sein Ungestüm schrie nach einer ganz großen Aufgabe, an der er sich ungehemmt und uneingeschränkt erproben und wirklich abmessen konnte, was er zu leisten imstande sei. Und die Aufgabe wurde ihm.
In dem ausgedehnten nordböhmischen Kohlenbecken waren die Lohnverhältnisse schon lang unhaltbar und der Streik nicht länger hinauszuschieben. Stürmisch verlangten ihn die Bergleute, und die Parteileitung mußte nachgeben. Es wurde notwendig, einen verläßlichen Mann in das unruhige Gebiet zu entsenden, der die Bewegung vorbereiten, in geordnete Bahnen lenken und überwachen sollte. Die Wahl fiel auf Fritz Hellwig. Eine große, verantwortungsvolle Sendung wurde ihm, der wenig über vierundzwanzig Jahre alt war, damit auferlegt. Aber vor die Entscheidung gestellt, schwankte er keinen Augenblick und sagte ja.
An einem trüben Herbsttag betrat er den Ort seines zukünftigen Wirkens. Die große lärmvolle Provinzstadt machte keinen günstigen Eindruck. Ein trockener Geschäftsgeist, der das Zweckmäßige auch schön findet, sprach aus ihrer ganzen Anlage. Man sah es gleich: Diese Stadt hatte keine Vergangenheit. Ihre Insassen wohnten nur erst wie zur Miete, waren nicht auf diesem Boden erbgesessen und mit ihm verwachsen durch vieljährige Überlieferung. Deswegen legten sie keinen Wert auf ein behagliches Heim, hätten auch keine Zeit gefunden, es zu schmücken, in ihrer rastlosen Jagd nach dem Erwerb.
Mit ihren vielen Fabriksschloten lag die Stadt, beständig von einer Wolke schwärzlichen Qualms überschattet, mit Geratter, Gerassel und Getöse angefüllt, in einer ungemein reizvollen Landschaft wie ein häßliches Mal auf einem schönen Körper. Zahlreiche Berge schlossen sie von zwei Seiten ein, ein stattlicher Strom hatte sich eine breite Rinne durch das Gebirge gegraben und trug Frachtschiffe auf seinem Rücken, beladen mit Obst und Korn und Kohlen, die rings in dem großen Becken gefördert wurden. Und an seinen Ufern führten die Schienenstränge, keuchten die Lokomotiven, knarrten die Dampfkrahne, schwere Warenballen aus den Eisenbahnwagen hebend und in den Schiffsrumpf senkend.
Es war eine reiche Gegend, und die Leute verwendeten den unerschöpflich zuströmenden Reichtum mit klugem Bedacht. Sie legten ihn in der Erde an, vergruben ihr Pfund und wucherten doch damit, teuften Schacht um Schacht ab, stellten immer stärkere Fördermaschinen auf, und die schwarzen Diamanten brachten hundertfältigen Nutzen.
Aber die Landschaft litt darunter, und schon jetzt sah man weite Flächen mit rauchenden Löschhalden eingesunken und verrollt, wo einst auch fruchtschwere Obstbäume standen und gelbes Korn der Ernte entgegenreifte. Und wenn der letzte Kohlenblock dem Bauch der Erde wird entrissen sein, dann wird eine Wüste ringsum zurückbleiben und ein großes Elend.
Daran dachten sie jedoch vorläufig nicht. Sie waren stolz auf ihre Bergwerke, stolz auf ihre Fabriken, stolz auf ihren Reichtum und hielten sich für ungemein geschäftstüchtig, weil sie sich alles dienstbar zu machen und aus allem Vorteil zu ziehen wußten.
Am stolzesten aber war die Stadt auf ihre chemische Fabrik. Die bildete ein eigenes Viertel, und wohl fünfzig Schlote ragten hoch in die Luft, gewaltige Säulen für den Thron der Königin Industrie. In dicken Wolken hing der schwarze Rauch darüber als Baldachin und unten sausten und grollten die Räder, knatterten die Treibriemen, ächzten die Winden, schrillten die Dampfpfeifen: die große Sinfonie zu Ehren der Königin.
Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot. Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.
Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender Kette stromaufwärts.
Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß, etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren, so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe. Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte. Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.
Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf singen.
Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren, die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit genommen und nichts dafür gegeben.
„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“
Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit gekommen.
So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran, öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.
Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte. In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.
Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief, um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz, der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus contrat social im Urtext zu lesen anfing.
Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen, und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.
Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe. Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie ein mächtiger Frauenbusen.
„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.
„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“
Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.
„Machen wir’s uns gemütlich.“
Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen haften.
Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.
„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach dem Strike‘.
„... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte,
Von jedem frohen Blick entfernt,
Gefahr, wohin der Fuß sich richte —
Wir haben tragen es gelernt.
Wir wissen uns dem Los zu neigen.
Wir gehen fürs Leben in den Tod.
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
Und weiter:
„... Und laßt es nicht zum höchsten steigen,
Bedenket, Eisen bricht die Not —
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten Augen.
„Herr! ... Herr ...!“
„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die eigene Ergriffenheit zu verbergen.
„Schön? — Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, — bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’ ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...! — Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde, die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder Strahl, jeder Schimmer — alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“
„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst sind Sie ja schon unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber — Hand aufs Herz, ihr, die ihr da arm seid — seid ihr ganz ohne Schuld? — Ihr habt geschwiegen und schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn — und schweigt! Zum Teufel! So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste — braucht sie! Habt Rechte — fordert sie! Und weigert man sie euch — erzwingt sie!“
Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist, dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“
Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht herankonnten, — wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie das Erz im Hochofen erreichen können.
So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog, schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.