5.

Tage aufreibender Tätigkeit folgten. Es galt die Forderungen zusammenzustellen und den Grubenbesitzern bekanntzugeben. Hoch waren die Forderungen nicht, denn die Leute waren wirklich hundejämmerlich daran. Sechs, im besten Fall zwölf Gulden in der Woche verdienten die Männer, die Weiber brachten es höchstens auf sieben, und zu alledem waren die Lebensmittel schandhaft teuer. Es gedieh zwar alles in Hülle und Fülle in der fruchtbaren Gegend und die Bauernhöfe hatten große Viehbestände. Aber die klugen Geschäftsleute wußten auch aus diesem Segen Gewinn zu ziehen, trieben mit Obst, Korn, Milch einen schwunghaften Handel nach dem Ausland und den nahen Kurorten. Nur die Ausschußware beließen sie dem heimischen Markt, forderten aber die gleichen Preise wie für die gute. Und die Löhne waren seit Jahrzehnten unverändert.

Das glatte Zuströmen des Reichtums hatte die Unternehmer übermütig gemacht. Sie vertrauten ihrem mühelosen Glück und glaubten, daß ihnen alles gelingen müßte und nichts geschehen könnte.

Rundweg lehnten sie die Forderungen ihrer Arbeiter ab. Alle ohne Ausnahme, in Bausch und Bogen, brüsk, ohne Beschönigung. „Wir bewilligen gar nichts! Wem’s nicht recht ist, der kann gehen!“

Da berief Hellwig die Bergleute zu einer Versammlung unter freiem Himmel, am frühen Morgen, draußen vor der Stadt auf einem Hügel mit weiter Fernsicht über das große Becken. Und sie, über die schroffe Abweisung erbittert, legten trotzig die Arbeit nieder und strömten von allen Seiten auf die frührotbeglänzte Höhe. Wohl achttausend kamen sie, Männer mit struppigen Bärten, Weiber, die Kinder unterm Herzen trugen, muskelbepackte Jünglinge und Mädchen mit wachsgelben Wangen. In ihren besten Kleidern, wie zu einem Gottesdienst, kamen sie.

Blutrot stieg im Osten die Sonne empor. Unter ihr lag die herbstreife Erde und hob die quellenden Brüste dem Licht entgegen. Rein war der Himmel, rein die Luft, rein die Stadt vom Fabriksqualm. Rauchlos ragten die Schlote, mahnende, warnende Finger, aus dem Häusergewirr.

Hellwig schwang sich auf eine Felsplatte, die in der weiten Fläche des Gipfels wie eine natürliche Rednerbühne aufgebaut war und blickte über die Versammelten. Eine schwankende dunkle Masse, brandete es da unten, Kopf bei Kopf, und die Gesichter leuchteten seltsam weiß und fremd daraus hervor. Und das Regen der Leiber, das Summen der gedämpften Stimmen vereinigte sich zu einem dumpfen Brausen, wie der Schwall mächtiger Wogen, die ohne Rand und Ufer im offenen Meer hinrollen.

Einen Augenblick stand er wie erschrocken vor dem ungeheuern Andrang des Lebens, das ihm entgegenatmete. Und es dünkte ihn Vermessenheit, als ein Einzelner, Jugendlicher, gleichsam darüberzustehen und ihm die Bahn zu weisen. Und er sah Hoffnung in ihren glänzenden Augen, hörte das Brausen leiser und leiser werden — und lautlose Stille wurde unter der blauen Himmelsdecke, wie in einem endlos gedehnten leeren Saal.

Alle schwiegen und hielten ihm die Gesichter zugewendet und erwarteten etwas von ihm und waren begierig auf seine Botschaft. Da durchsengte es ihn mit einer wilden, ganz heißen Glut. Noch einen freien, leuchtenden Blick warf er über die Menschenmassen, dann sprach er mit weithin tönender, schwingender Stimme.

Er sagte:

„Da unten liegt die schöne reiche Erde, die unser aller Mutter ist. Da unten schläft auf Garbenbündeln die Fruchtbarkeit, biegen sich die Äste fruchtschwer und segenbeladen.

Unsere Mutter ist so schön und so reich. Aber ihr, die ihr Kinder dieser Mutter seid ... schaut dort hinab, wo die Essen ragen und die Aschenhaufen rauchen! ... ihr, die ihr dort unten in den finsteren Schächten, fern dem Licht, in der heißen, staubigen Luft, in den engen, stickigen Gängen schweißtriefend die Karren schiebt und halbnackt die Hauen schwingt beim bleichen Flackern der Grubenlampen — eure Lungen keuchen, eure Lippen sind zerrissen und wund, eure Augen haben rote Ränder — ihr armen Kinder dieser reichen Erde wißt nichts von der Schönheit eurer Mutter!

Wenn noch die Nacht auf den Bergen träumt, müßt ihr Abschied nehmen von Weib und Kind, jeden Tag Abschied fürs Leben, denn dort unten lauert die Gefahr, kauert der Tod — und eure Lieben wissen nicht, ob sie euch lebend wiedersehen.

‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?

Ein Grubenlicht, ein Lebenslicht,

Ein Tropfen löscht es gar behende —

Ein Grubenlicht — ein Totenlicht!‘

sagt euer alter Bergmannsspruch. Und Tag für Tag müßt ihr hinab in die heiße, dunkle Tiefe. Und erst wenn der Tag zum Sterben kommt, wenn die Nacht wieder auf den Bergen träumt, dann kommt ihr — vielleicht! — hervor aus der dunklen, heißen Tiefe und eure Augen sehen die Sonne nicht mehr. Tag für Tag. Und keinen Tag seht ihr den Quell alles Lebens, die Sonne.

Was habt ihr getan, um so gestraft zu werden?

Wolltet ihr Umsturz und Revolte? Den Untergang des Reiches? Den Tod des Herrschers?

O, nichts von alledem, meine Brüder! Ihr seid nur — arm!

Das ist es ja, was unsere Gesellschaftsordnung so furchtbar macht und so ungeheuerlich! Daß die Armut zum Fluch, daß die Armut zur Strafe wurde, zu einer harten, grausamen, entsetzlichen Strafe.

Und wenn ihr — nicht ein Ende, beileibe! — wenn ihr eine Milderung wollt, wenn euere Forderungen noch so maßvoll sind, wenn ihr nichts verlangt als nur ein wenig mehr Luft und Licht und ein wenig Würze zum trockenen Brot — auch dieses Wenige geben sie euch nicht!

Wenn ihr euch auch plagt und rackert und Arbeiten auf euch nehmt, die oft einem Schwein zu schmutzig wären, geduldig und ohne Murren auf euch nehmt — denn eure Kinder wollen essen — es hilft euch alles nichts, plagt, rackert, schindet euch, so viel ihr wollt, ihr müßt — ganz arm bleiben.

Nichts gibt man euch dazu, nicht einmal ein wenig mehr Luft und Licht und ein bißchen Würze zum trockenen Brot!

Ballt sich euch die Faust? Will euch der wilde Zornschrei die Brust zerreißen?

Gemach, ihr meine Brüder!

Nicht in Haß und Zorn dürft ihr handeln! Wägen müßt ihr, müßt alles überlegen, und ruhig und besonnen, aber um so fester und sicherer, strenger und unbeugsamer pocht dann auf euer Recht!

Und das erste Recht der Erdenkinder ist ein Anrecht auf die Früchte der Mutter. Wie euern Kindern die Brüste eurer Frauen, so gehören euch die Früchte der Erdenmutter. Und euer bestes Recht ist, daß ihr satt zu essen habt für euch und eure Kinder.

Aber nicht mit der kurzen Gewalt der Fäuste dürft ihr euch dieses Recht holen. Denn ...

Ich sehe viele unter euch, die Väter und Mütter sind. So frage ich euch: Wollt ihr, daß euern Kindern dasselbe Los falle, das euch beschieden ist? Wollt ihr, daß ihnen wie euch das Geleite geben durch das ganze lange Leben der Hunger und die Not? Wollt ihr, daß eure Kinder einst, wie ihr, vor einer Wiege stehn und emporschreien zum harten kalten Tod: ‚Komm doch! Komm und nimm den Wurm zu dir, eh’ er bei uns verhungert!‘

Wollt ihr das? O, nein doch, nein!

Nun denn, so unterdrückt den Zorn, laßt den Drang nach Aufruhr und Empörung nicht mächtig werden — um eurer Kinder willen. Denn wenn ihr jetzt hingeht, die Maschinen zerstört und vernichtet und plündert, werdet ihr in Ketten gelegt und in Kerker geworfen. Und eure Kinder stehen schutzlos da, preisgegeben dem hohnlachenden Daseinskampf — und verderben.

Ihr seid Söhne der Erde: so seid ihr Söhne der Arbeit.

Ihr seid Söhne der Arbeit: so seid ihr stark und starr.

Und so rufe ich euch zum Kampf! Zum zähen, lautlosen Kampf der härtesten Unnachgiebigkeit! Rührt keinen Finger zur Arbeit, bevor nicht eure Forderungen erfüllt sind: Neun Stunden Arbeitszeit und vierzig Prozent Lohnerhöhung.

Mehr könnt ihr vorerst nicht fordern. Mit einem Schlag fällt auch der stärkste Mann keinen hundertjährigen Baum, aber durch viele Axtschläge bringt ihn selbst ein Kind zu Fall.

Söhne der Erde, Söhne der Arbeit, seid stark und starr und achtet die Gesetze um eurer Kinder willen!“

Als er geendet hatte, zerriß ein lautes Jubelschreien die atemlose Stille. Ein entfesselter Strom, drängten sie gegen ihn, streckten die Arme aus, schwenkten Hüte und Tücher. Die Vordersten erkletterten den Felsen, haschten nach seinen Händen, drückten und schüttelten sie, und einige wollten ihn auf den Schultern forttragen. Er aber wehrte ihnen und schritt ergriffen durch die entflammte Menge, mit feuchten Augen und hämmerndem Herzen.

Da stellte sich ihm ein Mann in den Weg, den er vorher noch niemals gesehen hatte. Und doch mußte die kurze, gedrungene Gestalt mit dem mächtigen Schädel, dem verwilderten Bart und den brennenden, tiefhöhligen Augen sofort auffallen. Er war schlecht gekleidet, trug einen abgeschabten Flausrock, Zwilchhosen, die an den Knien mit großen Flicken ausgebessert waren, trangeschmierte hohe Stiefel, und das blaue Leinenhemd ließ trotz der kühlen Herbstluft die haarige Brust frei.

Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die ‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die ‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß ihr genug für den Wanst habt — — daß aber draußen irgendwo zur selben Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran denkt ihr nicht, ihr — altruistischen Egoisten!“

Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene Glut.

„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr Recht zu holen?“

Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren, tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:

„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.

Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen Sinn in dem mystischen Satz:

... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...

Aber er fand keine Deutung.