6.
Als sie heimkehrten, Edelweiß auf den Hüten, die Kleider schwer vom Duft der Alpenmatten, da waren Reinholt und Pfannschmidt und der alte Bogner mit seinem Schwiegersohn zu Hellwig gekommen.
„Endlich!“ rief Reinholt und ging auf ihn zu und umarmte ihn. „Endlich seh’ ich dich wieder! Wie konntest du ohne Abschied davonlaufen und nichts mehr von dir hören lassen?“
„Leo!“ sagte Fritz dumpf. „Nein — du mußt mir noch Zeit lassen, Leo!“
„Was hast du? Ich versteh’ dich nicht?“
Da schrie er gequält auf: „Habt Geduld mit mir! Ich kann euch noch nicht Rede stehen!“
„Fritz, — laß doch Vergangenes vergangen sein!“
„Ich — hab’ euch ärmer gemacht, als ihr gewesen seid, bevor ihr mich gekannt habt! Ich hab’ euch viel versprochen und nichts hab’ ich gehalten! Und kann euch nicht einmal Ersatz bieten — ich bin ja selber bettelarm dabei geworden!“
„Also das quält dich?“ entgegnete Reinholt. „Na weißt du, so überflüssig ist nicht bald was! Wen hast du ärmer gemacht? Die zu uns gehalten, denen geht’s heut’ noch gut — die anderen liegen, wie sie sich selbst gebettet haben. Die Spekulation ist mißglückt, ein paar Gulden sind beim Teufel — das ist alles und das ist schon längst verschmerzt. Geh, Fritz, brau’ dir nur um Himmelswillen nicht so närrisches Zeug zusammen!“
„So zürnst du mir denn nicht?“
Reinholt lachte so laut und herzhaft, daß Hellwig, ob er wollte oder nicht, von der Grundlosigkeit seiner selbstquälerischen Vorwürfe überzeugt sein mußte.
„Meister! Mein guter Meister!“ rief jetzt der alte Kesselwärter und kam schüchtern näher.
Nun flog doch wieder etwas wie ein Lächeln über Hellwigs Gesicht: „Was macht mein lieber Bogner?“
Die harte Greisenhand strich zärtlich über seinen Rock.
„Jetzt geht’s schon wieder, Meister. Weil ich Sie nur gesund wiederseh’. Im Anfang freilich ...“ — und nun ballte er die Faust — „Die verdammten Kerle! Gott hab’ sie selig, aber wenn sie nicht schon der Teufel geholt hätte, ich selber müßt’ ihnen was antun ...“
„Ihr seid ja ein ganz blutgieriger Kumpan!“ meinte Kolben lächelnd. Und der Alte darauf: „Ja, Herr, Sie sind eben nicht dabei gewesen. Wie das so gekommen ist, so auf einmal mitten in den tiefen Frieden hinein wie ein Hagelwetter, — man kann kaum ein Vaterunser beten, ist schon alles hin ... Der alte Schädel kann’s wirklich nicht aufnehmen ...“ Und wieder in flackerndem Zorn, mit geballter Faust: „Der Hund, der Karus!“
„Wie ist’s mit ihm gewesen?“ wandte sich da Fritz rasch an Pfannschmidt.
„Ich hab’s nicht gesehen,“ erwiderte dieser, „weil mir der Hieb zu schaffen gemacht hat. Aber wie sie erzählen, — er muß rein den Tod gesucht haben.“
„Ja, Meister!“ fiel ihm nun Adam Pichler ins Wort. „So was glaubt niemand, der’s nicht mit angeschaut hat. Wie die Schießerei losgehen soll, steht da nicht der Mensch oben auf dem Steinhaufen mit der Hacke in der Hand? Und wie sie sich schußfertig machen, springt er, Meister, er springt, so wahr ich leb’, mitten unter die Soldaten. Stücker drei, vier schlägt er, daß sie wie Bullen umfallen, dann haben sie ihn fest. Er aber reißt einem das Bajonett heraus — ‚Lebendig nicht!‘ schreit er und ‚Mordbuben!‘ und so was wie ‚Heinz!‘ und hat sich auch schon ins Herz gestochen.“
„Er wollte nicht mehr leben ohne Heinz ...“ murmelte Fritz verstört.
Ganz still war es nach diesen Worten. Die Abendsonne fiel schräg durchs Fenster und wob um alle einen warmen goldenen Schein. Wie eine Botschaft des Friedens war das, und alle Herzen pochten ruhiger.
„Fritz, wir kommen eigentlich mit einer Bitte ...“ sagte Reinholt nach einer Weile.
„Was könntet ihr von mir noch wollen!“
„Hör’ zu!“ antwortete der Fabrikant und mühte sich wieder einmal möglichst leichthin und geschäftsmäßig zu sprechen: „Hör’ zu: Die Spekulation ist also nicht geglückt, und ich bin es müde, hier was Neues anzufangen. Wir wandern aus. In die deutschen Kolonien, irgendwohin, wo’s noch unbebautes, ganz jungfräuliches Land gibt. Dort nehmen wir den Pflug in die Hand und werden Bauern. Nicht um Gewinn, wieder nur für uns wollen wir arbeiten. Komm mit!“
Und auch die andern baten: „Meister, kommen Sie mit!“
Kolben war rasch zu Eva getreten. Fritz bemerkte es. „Hab’ keine Angst, Albert!“ sagte er. „Ich geh’ nach Neuberg!“ Und zu Reinholt gewendet: „Nein, Leo, ich bleib’ im Land. Wenn unsere Ideen in der Entwicklung begründet sind, so setzen sie sich durch — auch ohne uns. Wenn nicht, so rollt die Zeit darüber weg, und wenn wir uns noch so dagegenstemmen. Das ist mir so klar geworden seither, daß ich das Frühere nicht mehr verstehe. Und dann, Leo — ich hab’ einen Buben. — Und was ich meiner Frau angetan hab’, das muß doch auch gutgemacht werden.“
Da trat Doktor Kolben schnell auf Reinholt zu: „Ich halte mit, wenn’s Ihnen recht ist!“
„Albert!“ rief Fritz erschrocken. Und Eva haschte die Hand des Freundes: „Doktor, Sie dürfen nicht von uns!“
Der treue Mensch schüttelte langsam den Kopf. Jetzt, da Eva ganz sicher geborgen war und ihm für sie nichts mehr zu sorgen blieb, wollte das alte Leiden wieder aufwachen, und bei Hellwigs letzten Worten hatte er erschrocken etwas sich regen gefühlt, das fast wie Neid war, Neid gegen den Freund und sein Glück.
Aber gelassen wie immer sagte er: „Was ist denn da weiter dabei? Nach Neuberg ging’ ich so nicht mit, und ob dann hundert oder tausend Meilen zwischen uns sind, das kommt schon auf eins heraus. Drum laßt mich nur getrost fort. Aus der Welt geh’ ich ja nicht und dann — vielleicht können mich diese da jetzt — besser brauchen.“
Ende.
Im gleichen Verlage erschienen die folgenden Werke von
Rudolf Haas:
Michel Blank und seine Liesel.
Roman. 25. Tausend.
Einbandzeichnung von Oswald Weise.
Matthias Triebl.
Die Geschichte eines verbummelten Studenten.
36. Tausend.
Triebl der Wanderer.
Roman. 30. Tausend.
Verirrte Liebe.
Erzählungen. 14. Tausend.
Einbandzeichnung von Friedrich Felger.
Der Schelm von Neuberg.
Lustspiel in 4 Akten.
Die wilden Goldschweine.
Roman. 1.-15. Tausend.
Einbandzeichnung von Max Both.
(Erscheint im Herbst 1920.)
Dieser Roman bildet die Vorgeschichte zu „Michel Blank und seine Liesel“.
„Vornehm im besten Sinne ist der Erzähler Rudolf Haas, der tief in die lichte Menschenseele blicken läßt und der Gedichte ausrauschen läßt von hinreißendem Schwung, aber stolz ausweicht, wo eine grelle Effektszene anzubringen wäre, oder breite Sentimentalität .. Ein Lobpreiser des Lebens!“
(Friedrich Adler i. d. „Bohémia“, Prag.)