5.
Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei gewesen.
Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus. Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg. Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel, und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge, die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht fühlbar und nicht drückend wurde.
Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben, über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein durchbrochenes Spitzengewebe.
Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ, und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.
Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen. Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners, der trotzig unbewegten Riesen — und es war wie der heiße Ansturm des vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.
Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer blühte das Edelweiß.
Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge sicher und gut wie Vögel im Nest.
Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen, die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht über Trümmern.
Kolben brach endlich das Schweigen.
„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu seinen Füßen.
Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.
„Ja — hier oben — ein paar tausend Meter weit von allen Menschen — da ist Friede! Und Ruhe — und Sicherheit. — Aber schon dort unten, in den elenden Hütten — so friedlich schauen sie aus, so idyllisch und poetisch — schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort schon mißhandelt, — wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken, diese — Menschenstätten? Hier ist Friede! Aber wo Menschen sind, da ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“
Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner Seele gewuchtet hatte.
„Aber woher nur? Woher diese ewige Unzufriedenheit? Die Frage läßt mich nicht los! Und ich finde keine Antwort! Das Tier ist zufrieden, die Herde folgt noch heute willig dem Leitstier, die Wölfe rennen im Rudel wie vor tausend Jahren. Nur wir Menschen ändern immer wieder unsere Ordnung. Damit die Republik an die Stelle der Monarchie treten kann, müssen Tausende verbluten. Und kaum haben die Überlebenden gelernt ‚Hoch die Republik!‘ zu schreien, müssen abermals Tausende sterben, die nicht so schnell wie die anderen ihre Kehlen umstimmen können auf den neuen Ruf: ‚Es lebe der Kaiser!‘ — Und wieder zurück, wieder vorwärts, ein steter Wechsel, eine Sehnsucht, so brennend heiß, daß sie manchmal mit Blut gelöscht werden muß! Warum nur? Warum?“
Kolben brach eine purpurne Nelke aus dem weißen Schnee und betrachtete sie aufmerksam: die Blütenblätter, die wie frierend zusammengerollt waren und das Stengelchen, an dem ein ganz dünnes Eisfähnchen glitzerte. Denn in der Sonne war der Schnee geschmolzen, aber der kalte Höhenwind hatte das Wasser sogleich wieder gefrieren lassen. Von allen Seiten betrachtete das der Doktor ganz genau und sagte dabei:
„Warum, Fritz? Weil wir — das Denken gelernt haben. Das Leben — das hat die Natur in den ungeheueren Kreislauf hineingeworfen, gedankenlos und zwecklos hat sie es geschaffen. Wie es sich weiter entwickelt, darnach fragt sie nicht. Aber das Leben hat sich weiter entwickelt und wir — haben uns im Daseinskampf als stärkste Waffe das Denken geschmiedet. Die Natur denkt nicht, wir, ihre Kinder, denken, forschen nach Ursache, Plan und Ziel, werfen unsere bangen Fragen an die Tore der Ewigkeit. Und nichts tönt zurück, nichts kann zurücktönen — als Schweigen. Unseres Daseins uns bewußt, sind wir vom Unbewußten wie von Mauern eingeschlossen und können nicht heraus. Seit wir zu denken angefangen haben, sind wir über unsere Mutter hinausgewachsen. Wie können wir da jemals zufrieden sein?“
Hellwig stöhnte dumpf auf. „Dieses Sich-bescheiden, diese Resignation — ich kann mich nicht damit abfinden ...“
„Du wirst schon müssen, Fritz. Vielleicht — schau’, nimm’s einmal so: Die Entwicklung steht nicht still. Darum wird die Menge immer Rohstoff bleiben und niemals reif werden. Im Bilde: Sie ist ein ungeheuerer Klumpen Ton. Und die einzelnen wenigen, die Erlöser, Dichter, Denker, die in der Entwicklung Vorausgelaufenen, die ‚mit den neuen Wahrheiten‘, die Herrenmenschen, was weiß ich, die alle kneten an dem ungeheueren Klumpen herum. Der eine da, der andere dort, aber ihn ganz bewältigen und zu einem Bildwerk zusammenfassen, das ist keiner imstand. Weil der Ton zu weich ist. Und eh’ er erstarrt, ist schon ein neuer Bildner da und ändert die Nase, die Ohren, die Beine. Manchmal patzt er auch, das tut nichts, ein anderer macht’s schon wieder besser.
Rohstoff ist die Menge, Fritz, und bleibt Rohstoff. Bildungsfähig ist sie und wird doch niemals Bildung haben. Entwicklungsfähig ist sie und wird doch niemals entwickelt sein. Oder: sie braucht immer ihren Beglücker und wird doch nie beglückt sein. Oder zufrieden, was dasselbe ist. Drum laß das gehn!“ — Und jetzt wurde Kolben sehr herzlich. — „Sieh lieber zu, daß dein Junge nicht in der breiigen Masse versinkt. Wenn du’s zuwege bringst, daß er ein Bildner wird, ein vollwertiger ganzer Kerl, ein Kneter, kein Gekneteter — kurz und gut, wenn du der Menschheit einen einzigen tüchtigen Mann heranziehst, dann hast du für sie mehr getan, als wenn du zehntausend — halb glücklich machst. Denn zehntausend Halbheiten sind noch immer kein Ganzes!“
So sprach Doktor Kolben, der stille, versonnene Mensch, während er unablässig die purpurne Blüte mit dem glitzernden Eisfähnchen zwischen den Fingern drehte. Der täppische Bergwind riß ihm die Worte von den Lippen, aber sie erreichten doch ihr Ziel, ein geneigtes Menschenohr, ein empfängliches Menschenherz, wo sie Wurzel fassen und zum Blühen kommen durften.
Und die Sonne lag funkelnd auf dem blendend weißen Schnee und die Täler waren grün und leuchteten grüßend herauf und die Bergriesen standen sicher und trotzig im Kreis und bewachten den Frieden, der mit weit gedehnten Schwingen über allen Dingen schwebte.