4.
In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach, hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel einziehen und Anker werfen.
Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele, die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben. Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken, aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm zunächst stand und ihn am liebsten hatte.
Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich, nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.
Und langsam wurden sie frei.
Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.
Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der Freude.
Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er denn das Schicksal der Empörer.
Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis, die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.
Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.
Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten. Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus getan. Er schämte sich noch.
Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in ihn und endlich gab er nach.
Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe, blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer, ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah, stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend junge schöne Frau.
Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich auftat.
Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett, sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend, wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.
Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern, schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen Zypreßchen.
Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig. Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten. Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:
„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“
„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.
„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher? Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’ ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir, gelt, du?“
Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.
„O — du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon — und alles durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich und kalt und dunkel ist — durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um — dir’s zu danken und dir’s zu lohnen — und abzuzahlen — und zu vergelten, so gut ich’s kann. — Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“
Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie zu tiefst erschauern.
Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende Unendlichkeit empor.