3.

Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige Wolke der Friede.

Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. — Aber mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und ruhig schlug allmählich sein Herz.

Und da geschah es eines Tages — ein Gewitter war verrauscht und durch zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen, die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten. Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied. Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.

Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.

Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und ausgekühlt und wertlos.

Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker. Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.

Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein, wie er für die Welt tot sein wollte.

Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“

Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen Augen an.

„Was erzählen!“ bettelte der Bub.

Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach einer geraumen Weile zu reden an: „Also — es war einmal ein Mann, der war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt, daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist. Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“

Er schwieg und holte tief Atem.

„Der dumme Mann!“ rief der kleine Hansl.

„Jawohl, der dumme, dumme Mann!“

„Fix, Hansl, dein Abendbrot ist da!“ rief die Mutter dazwischen. Der Bub wollte nicht fort: „Erzähl’ mehr, Vaterl!“ bat er. Aber Frau Eva machte keine Umstände. Sie packte den Zappelnden unter den Armen und hob ihn in seinen Sessel. „Avanti! Jetzt wird gegessen, daß du mir rechtzeitig in die Federn kommst!“ Sie band ihm ein Mundtuch vor, gab ihm den Löffel in die Hand. Nun aß er gehorsam seine Eierspeise und schmatzte mit den Lippen und ließ sich von der Mutter die Semmelbrocken in den Mund stecken.

Durch das Gegitter des Spitzenvorhangs schaute Fritz zu. Da waren sie beisammen, die beiden lieben Menschen, die schöne reife Frau und der helläugige Knabe, im goldenen Kreis der Lampe. Und beide hatten vergnügte Gesichter und waren guter Dinge und nicht ein leisester Schatten trübte jetzt ihre heiteren Mienen. Im engsten Raum, vom goldenen Lichtkreis eingeschlossen, Mutter und Kind, Erfüllung und Verheißung, lachend und blühend wie die Erde im Juni. Und er — hatte sich selbst aus dem goldenen Kreis verbannt, — um all das Licht hatte er sich betrogen, mußte schuldbeladen abseits stehen.

Der dumme, dumme Mann!

Hart vor seinen Füßen hörte mit einer scharfen Linie das warme Lichtrund auf und um ihn war Dunkel und Einsamkeit und Kälte.

Du dummer, dummer Mann!

So tritt doch heraus aus dem Dunkel. Wag’ den Schritt — ins Licht, in die Wärme, in die Liebe — zurück in den leuchtenden Kreis des Lebens. Diesmal kannst du nicht in die Irre gehen. Zu nah ist das Ziel. Ein Schritt nur — ein Öffnen der Arme — und du hast es und hältst es fest — und nimmer, nimmermehr kann es dir dann entfliehen.

Aber es war ihm, als könnte er niemals über diese scharfe, klare Grenzlinie hinüber.

„Weiter erzählen!“ rief Hansl und schlug mit seinem Löffel gegen den blechernen Teller. „Weiter erzählen, Vaterle!“

Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen, daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen, daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“

Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen — und seine Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück gefunden im goldenen Kreis des Lebens.