2.

Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.

Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer — und war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben, weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab. Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß. Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter abwärts muß dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen und nicht anders! — In tausend Jahren muß die Menschheit diesen und diesen Weg gehen und keinen andern!

Wer wäre so vermessen?

Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt: den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen — und an sich. Das frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf. Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.

Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen: „Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch unzugänglich und taub für jeden Trost.

Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang, schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich vor ihnen schuldig glaubte.

„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.

„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“

Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit, hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles durchleuchtet und durchwärmt.

Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte, erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.

Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.

Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt eigentlich anfangen?“

„Ich — weiß es nicht ...“

„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“

„Das geht nicht!“

„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal, alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich. Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, — und besser, als so ins Weite, Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, — hm — ich denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht? Und dann — uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, — sie hat zu viel durchmachen müssen, — die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und ich — jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens wieder jemanden. Und schreiben — du wirst ja doch nichts andres tun als Bücher schreiben und für die Zeitungen — schreiben kannst bei uns draußen auch. Was meinst?“

Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.

„Stör’ ich?“ fragte er.

„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach Neuberg!“

Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was dort?“

Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach. Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden, wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen am stützenden Pfahl festhält.