1.

Mitternacht war vorüber, als Hellwig bei Kolben Einlaß heischte. Der Doktor war noch wach. Als Fritz draußen schellte, ging er ihm ins Vorzimmer entgegen. „Komm nur herein,“ sagte er, „ich hab’ dich erwartet.“

Und Fritz trat wortlos ein und hatte blasse Wangen und scheue Augen, die ohne Unterlaß den persischen Teppich am Fußboden betrachteten. Aber Kolben tat, als bemerkte er das nicht, sondern sprach zu ihm über seine Rosenkulturen im Garten, die heuer besonders reichlich blühen würden, über die vielen sonnigen Frühjahrstage, die immer wieder zu Wanderungen ins Gebirge lockten, über die letzte Premiere im Burgtheater. Über das alles und noch über viele andere Dinge sprach der Doktor unbefangen und zwanglos, als wäre Hellwig nicht an die drei Jahre, sondern kaum ebenso viele Tage fortgewesen. Und nur mitten zwischen diesen Dingen sagte er einmal ganz von ungefähr: „Deine Frau wirst du wohl jetzt nicht aufwecken wollen? Sie weiß auch noch nichts, es ist besser, du bleibst die Nacht bei mir.“

Fritz atmete schwer auf und bewegte die Lippen, aber er sprach nichts und schaute nur stumpf vor sich hin, elend und voll Schuldbewußtsein. Doch als ihm der Doktor jetzt sein Schlafzimmer überlassen wollte, — er müsse sich ausruhen, man sehe ihm ja an, daß er total erschöpft sei, — da lehnte er auch das stumm ab und blieb auf dem Diwan sitzen, mit halb geschlossenen Augen und ganz teilnahmslos. Kolben aber dachte bei sich, daß es besser wäre, den stolzen und harten Mann mit allen den herben Verlusten und Enttäuschungen und Vorwürfen allein sich abfinden und fertig werden zu lassen. Und er brachte Kissen und Decken, wünschte ihm gute Nacht und zog sich zurück. Und Hellwig war ihm dafür dankbar.

Er drehte die Glühlampe ab und blieb im Dunkeln sitzen und erinnerte sich, daß er unter einem Dach mit Eva sei, daß ober ihm sein Junge schlief, und das war Weh und Beruhigung, Qual und Trost zugleich. Doch schließlich wurde die Übermüdung stärker als alles andere, und auf die zerrüttelnden Aufregungen der letzten Tage reagierte der Körper endlich mit einem tiefen traumlosen Schlaf, der bis in die späten Vormittagstunden nicht von den bleischweren Lidern wich.

Über alles mögliche hatte Kolben geredet. Aber was er für den Freund getan und wie er Eva über die langen einsamen Tage und Monate und Jahre hinweggeholfen, davon hatte er geschwiegen. Mit opferwilliger Treue, ein verläßlicher Berater und Sorgenbanner, war er ihr zur Seite gestanden, und während sie anfangs nicht darauf achtete, hatte er ihr alle unangenehmen und schwierigen Geschäfte abgenommen. Auch ihr Vermögen verwaltete er, und wenn Eva sich niemals ganz verlassen fühlte und wenn ihr gar nicht recht zu Bewußtsein kam, was eigentlich Fritz ihr angetan hatte, als er sie mit dem Kinde unbesinnlich in der großen fremden Stadt mutterseelenallein gelassen, wenn sie davon nichts merkte und sich leidlich zufrieden und geborgen glaubte, so war dies ausschließlich das Verdienst des Doktors.

**
*

Als Fritz endlich wach geworden, ging er mit Kolben in den ersten Stock hinauf. Kaum ein Wort hatte er bisher geredet. Und als er im Vorzimmer seiner eigenen Wohnung stand, spürte er den ungestümen Schlag seines Herzens bis in der Kehle. Kolben aber ließ ihn draußen warten und ging allein hinein, um Eva vorzubereiten. Ruhig und launig wie alle Tage begrüßte er sie und tat, als wäre gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen oder im Anzug. Der vierjährige Hansl war mit dem Dienstmädchen spazierengegangen.

Wo war die Frohsinn blitzende Eva von früher? Ganz zu tiefst, in den verstecktesten Winkel des Herzens, mußte sich die Fröhlichkeit verkrochen haben. Keine Spur davon war mehr in den schwermütigen Augen, dem ernsten Antlitz, das deutlich die Zeichen gelittener Schmerzen eingefaltet trug. Nur in den blonden Haarspitzen leuchtete etwas, ein flink Bewegliches, Übermütiges, und war schon wieder weg. Kaum wie ein schnell vorbeihuschendes Erinnern an funkelnde Jugend und sonnige Tage war das gewesen.

Unten schritt ein Briefträger über die Straße.

„Haben Sie keine Nachricht von Fritz?“ fragte da Eva unvermittelt.

„Dasselbe wollte ich Sie fragen ...“

Ein trauriges Lächeln ging um ihre Lippen.

„Mich? Seit Wochen hat er nichts hören lassen. Ich weiß schon nicht mehr, was ich mir denken soll!“

„Schreibfaul war Fritz von je.“

„Aber so lang hab’ ich noch nie warten müssen!“

„Er wird Sorgen haben. Der Streik dauert jetzt schon einen Monat ...“

„Wissen Sie denn wenigstens darüber etwas Neues? Denken Sie sich, heut’ hab’ ich schon wieder keine Zeitung bekommen. Gestern doch auch nicht. Was nur dem Austräger eingefallen ist?“

Kolben erhob sich. „Ich — habe ihn das so geheißen, Frau Eva,“ sagte er sehr ernst.

Da stand sie auch schon dicht vor ihm und schaute angstvoll in sein ruhiges Gesicht. „Kolben! Was hat’s gegeben?“

„Nichts, was Sie bedauern müßten, Frau Eva.“

Sie rieb die Knöchel ihrer Finger gegeneinander. „So sprechen Sie doch! Rasch! Rasch!“

Zögernd gab er Antwort: „Die Führer des Streiks haben ihren Zweck erreicht. Reinholts Arbeiter haben sich dem Ausstand angeschlossen ... es hat Ausschreitungen gegeben ...“

Da schrie sie laut auf: „Fritz! Fritz! — Doktor, was ist mit Fritz?“

„Ruhe, Frau Eva, Ruhe — ihm ist nichts geschehen. Jetzt endlich wird er heimkommen.“

Sanft legte er den Arm um die Wankende. Aber sie stieß ihn ungestüm zurück. „Jetzt, Kolben? Jetzt? Nein! Nein! Das erträgt er nicht! Doktor ... er verzweifelt ja! Wir müssen hin! Doktor ... wir kommen ja schon zu spät ...“

Kolben hielt ihr die zitternden Hände fest. „Seien Sie vernünftig, Frau Eva, ich hab’ Ihnen schon gesagt: Jetzt endlich wird er heimkommen. Vielleicht ist er schon auf dem Weg ...“

Da schaute sie ihn mit einem wilden Blick an und rief: „Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Bringt Sie denn nichts aus Ihrem Gleichmut? Und Sie wollen sein Freund sein? Schämen Sie sich! Wissen Sie denn ... ob er — überhaupt noch lebt?“

Und ganz ruhig, ganz bescheiden antwortete der Doktor darauf: „Gewiß, Frau Eva ... Er ist ja schon heimgekommen.“

Er öffnete die Tür. Hellwig stand unter der Schwelle. Und während Kolben mit zuckendem Gesicht, — nun er allein war, brauchte er nichts mehr zu verbergen, — während Kolben über die Treppe hinabeilte, warf sich Eva stürmisch an die Brust ihres Mannes.

„Fritz!“ flüsterte sie in heißer Freude. „Fritz!“

„Eva!“ Das klang rauh und war wie ein Schrei.

Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. „Nun bist du wiedergekommen! Nun bist du endlich wiedergekommen!“ sagte sie und wiederholte es immerfort, langte nach seinen Wangen und streichelte sie und schaute ihn mit strahlenden Augen an und hatte alles Leid vergessen. „Blaß und schmal bist du geworden! Wo sind deine roten Backen hin? Bist du müde? Komm, setz’ dich, mach’ dir’s bequem, ruh’ dich aus ...“

Und er hielt sie fest an sich gepreßt und legte ihren Kopf an seine Brust und schaute auf ihren blonden Scheitel und biß die Zähne zusammen, um nicht aufzuschluchzen. Alles Unrecht, das er ihr angetan, stand mit einem Male, nun er die Sanfte, Geduldige, Frohe wiedersah, riesengroß vor ihm auf, und er fühlte sich elend und schlecht und aller Liebe unwert.

Aus dem Vorzimmer klang das Getrappel von Kinderfüßen und Geplapper. Der kleine Hansl kam vom Spaziergang heim. Und dann ging die Tür auf, sprang der Bub über die Schwelle, auf die Mutter zu. Da sah er den großen fremden Mann, wurde kleinlaut und wagte sich nicht weiter. Eva ergriff seine Hand. „Hansl!“ sagte sie mühsam heiter. „Hansl, komm zu Vaterl!“

Halb scheu, halb zutraulich trippelte der Bub heran.

„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.

„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ — Gott —“ Da stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“

Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und küßte ihn.

„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen holen!“

Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater nicht länger in solcher Erregung sehen.