7.

Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.

Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft, hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen, die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den — wie lange noch? — lachenden Fluren.

Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt, die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse. Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.

Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach Beendigung des Streiks — das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, — um nach Beendigung des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten — denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.

Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde, unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten und brach nieder.

Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten, Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt, viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.

Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten, schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte, ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen, Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.

Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.

Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe. Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe, ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die Räder zu drehen, schnurrten die Seile.

„Glückauf!“

„„Glückauf!““

Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken, Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.

Aber noch ein anderes war geschehen.

Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken, bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.

Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um wenigstens einen Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund amtlicher Feststellungen.

Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten. Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben, und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.

Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig, daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt hatten.

Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen. Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen. Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die Pulsadern und verblutete.

Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.

Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen, sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne, suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit kam.

Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen. Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde. Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen die Ausnützung des erfochtenen Sieges.

Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.

Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand. Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig. Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.