Madame Dorette und die Natur.
Es bedurfte in der Geschichte der Kultur des Herrn Chevalier von Landry, um zu beweisen, daß man, vom Königshofe Frankreichs an die frische Vogesenluft versetzt, sterben müßte.
Nur das Vorbild seines Oheims, des Kardinals und Erzbischofs von Straßburg, Rohan, hatte ihm vorläufig das Leben gerettet, jedoch nur auf kurze Zeit.
Rohan und der Chevalier waren vom Hofe weg nach dem Elsaß, dem ihrer Meinung nach brutalsten Lande der Welt, verbannt worden, in dem man kaum erst das Französische zu erlernen begann, geschweige denn die Sprache von Versailles. Die berüchtigte Halsbandgeschichte war schuld gewesen. Der Kardinal und der Chevalier hatten beide die entzückend leichtfertige Königin sehr geliebt, und der Chevalier hatte gehofft, bald der Nachfolger des beschränkten Rohan in der Gunst Marie Antoinettes zu werden. Die reizende Geschichte war mit dem ärgerlichsten Skandalprozeß zu Ende gegangen, und weil der Kardinal in Bergzabern das Schloß seiner Väter aus größter Langeweile von neuem aufzubauen begann, folgte der Chevalier seinem Beispiel, den gewaltigen Versuch zu wagen, aus einem Stück Elsaß ein Stück Versailles zu machen.
Es war entsetzlich, zu Beginn der Verbannung!
Die Landry hatten ihren Stammsitz seit drei Generationen nicht gesehen. Großvater Landry, Vater Landry und Landry Sohn hatten, ähnlich den Seligen des Himmelreichs, im Angesicht des Königs Zeit und Ewigkeit vergessen. Louis quatorze, Louis quinze, Louis seize, vor jedem lächelte ein Landry, hinter jedem flüsterte ein Landry. Die Landry waren erbangesessen hinter dem oeil de boeuf. Alles, was ihnen von ihrem Vogesenbesitz bewußt war, bildeten die hunderttausend Ecus jährlich: Hunderttausend fröhliche, leichtfertige Taler, die dem Elsaß gänzlich unnötig waren und die darauf brannten, an Karossen, Puder, Pferde, Sängerinnen, Samt, Tressen, Jagdpartien, Festschmäuse und Trinkgelder verwendet zu werden.
Und nun saß er, der erste Landry seit fast einem Jahrhundert, wieder auf dem Schlosse. Von der Wasserscheide der Vogesen bis weit ins ebene Land hinein gehörte ein Stück Erde ihm, schön, mild, reich und still wie eine Insel der Seligen. Er aber starb beinahe daran.
Er taufte sein Schloß um; er nannte es Schloß Patmos, weil Jean Evangeliste de Landry hier verbannt saß. Er, der niemals einen Berg erstiegen, ächzte dreimal die Woche zum Kamm der Vogesen empor, schaute nach Westen und wünschte im Graben der einzigen Straße Frankreichs sein Leben zu beschließen, der Straße von Paris nach Versailles.
Er sah sie: ein beständiger, leuchtender Königszug. Karosse an Karosse. Die hochfrisierten Damen mußten sich oft weit vorbeugen, lachend oder vor Schreck aufschreiend, weil zwei Pferdehäupter hinter ihnen über dem Fond des Wagens nickten. So voll, so rauschend war der Verkehr. — Die ganze Straße war ein Trab, ein Geplauder, ein Lächeln, Winken, Nicken, sie war Frankreichs Salon, Stelldichein und einziger Ausflug ins Freie zugleich.
Nach einiger Zeit lernte Herr von Landry infolge der vielen Seufzer die Bergluft atmen und sie machte ihn etwas stärker. Er sagte mit einem Teil jenes Trotzes, der die Landry vor über hundert Jahren geziert hatte: Schön: Kann ich nicht nach Versailles kommen, so soll Versailles zu mir kommen. Hunderttausend Taler Rente bedeuten hier mitten in der Naivetät dieser Gegend das Dreifache. Ich will mir meine eigene Hofhaltung schaffen.
Nach einem Jahr stand Schloß Patmos da, wie aus Zucker und Tragant gebildet. Herr von Landry lud ein, was jemals im Leben einen Strahl von Versailles erhascht hatte, und ein unendlicher Jubel entstand unter dem französischen Pfründenadel zu Straßburg. Ach, wie atmeten diese Franzosen auf! Mit den Elsässern war keine Anspielung und kein Lächeln zu tauschen. Sie verstanden kein Parfüm, keinen Schnitt, keine Mode, kein Kompliment und keine Bosheit. Eine reich bezahlte Stelle und ein sorgenloses Amt hatte viel entzückende Leute nach diesem Straßburg gelockt. Voll tanzender Hoffnung waren sie gekommen und sahen hier Menschen mit Rosetten an den Hosen, mit ungepudertem Haar, ja sogar Menschen in Stiefeln, Menschen, die den Hut dazu mißbrauchten, ihn auf den Kopf zu stülpen, statt ihn unter dem Arme zu tragen. Es waren hier Leute, die nicht einmal wußten, den Spazierstock graziös auf den Boden zu setzen, geschweige denn ihre Beine. Alles war aus!
Da eröffnete ihnen dieser schwermütige Halbgott Landry sein neu umgebautes, zuckernes, filigranes und brokatnes Patmos. Ein kleines Versailles, neuester Mode. Ach, die Welt war wieder wohnlich!
Es kamen in Scharen, die es mit Grazie verstanden, unnütz zu sein. Nicht ein Zimmer im Schlosse war unbesetzt, und was von den Bewohnern nicht dem Adel angehörte, war mindestens Blumenstaub aus der feinsten Blüte des geistigen Frankreich. — Dichter, Musiker, Philosophen und zwei Maler waren von Paris verschrieben worden. Das leichte Geistesvolk weilte gern in Patmos. In Paris war große Rivalität und allzuviel Angebot; hier schmückte es Schloß und Park wie Halbgötter auf ehrfurchtsvollen Postamenten.
Nun hatte man schon das zweite Jahr im ältern Versailler Stil Konversation gemacht, hatte musiziert, getanzt, Komödie gespielt, gejagt und geliebt, da fuhr der Schreck in Herrn von Landry, ob man in Paris und Versailles nicht inzwischen längst eine neue Mode hätte?
Es war ein großes Wagnis; er fuhr trotz des königlichen Verbots in einer sehr vollkommenen Verkleidung nach Paris; als ein deutscher Gelehrter, um dort von den Intimsten seines Briefwechsels zu erfahren, wie man inzwischen seine Kleider, seinen Geist, seine Perücke und seine Gefühle trug.
Da ward ihm eine große Überraschung. Schon seit Herr Benjamin Franklin dagewesen war, versuchte man sich ein wenig in Aufrichtigkeit; nun aber war Herr Jean Jacques Rousseau unwiderstehlich in Mode gekommen, und man spielte geradezu Natur! Man versuchte die Natur genau so zu sehen wie Herr Rousseau und entdeckte hiedurch mehr als ein Dutzend ungeahnte, gänzlich neue Gefühle. Ganz Paris und Versailles waren entzückt. Der König schob eigenhändig einen Bauernkarren aus dem Dreck, die Königin buk eine Omelette, ja Madame de France spielte einmal den guten, aufrichtigen Bauern unter der Dorflinde auf der Geige zum Tanz auf. In allen Salons bewunderten sie das Gefühlsleben der Kohlenbrenner und Wilddiebe, und der Herzog von Orléans brach in Freudentränen aus, als er in dem Dorfe Saint Léger ein bäurisches Ehepaar streiten fand und hierbei die erste Ohrfeige sah und hörte.
Mit einem köstlichen Gefühl eilte Chevalier Landry nach dem Elsaß zurück und brachte der reizendsten aller Gastgesellschaften den unerhörten Vorsatz mit, sie werde sich von nun an der Natur gemäß zu verhalten und zu unterhalten haben.
Herren und Damen überboten sich von da ab in Erfindungen und Entdeckungen, aber vollkommen wurde man erst, als der Chevalier zur größten Ergötzung der erlauchten Gesellschaft ein Naturkind eingeladen hatte, das die Feinheiten der übrigen vergangnen Moden noch gar nicht erst kennen gelernt hatte.
Das war ein deutscher Jüngling.
Hans Georg von Hirschbach kam aus dem Thüringer Walde und hatte soeben in Straßburg die Philosophie zu Ende studiert. Er war ein Prachtjunge, aber nur für Deutschland. Aufmerksam und nachdenklich, von einer zusammengehaltenen Resolutheit, etwas schweigsam, etwas einsam, etwas holperig. Er hatte eine warme, tiefe, herzliche Stimme, lachte stets nur aus Freude und nie über Bosheiten, schlug und balgte sich ein wenig gern, scheute sehr die Damen, war hellbraun, krausköpfig, stämmig und hatte einen festen Nacken, schiefgeneigten Kopf, starke Stirne und starke Kinnbacken. Sein Teint war kräftig wie Roggenbrot, sein Gang etwas werfend und schleuderhaft, wenn er allein die Landstraße maß, und höchst befangen und stolperbedroht in Gesellschaft.
Er hatte zu Hause nichts getrieben als Vogelfang und Pirschjagd. In Straßburg war er ein bißchen im Fechten, Schießen und Reiten fortgefahren, hatte das Zechen, das Singen und Radaumachen erlernt, war dann über die Bücher geraten und hatte sich mit seiner ganzen Waldburschenseele dem Shakespeare verschrieben.
Und gerade Hans Georg geriet in die diskrete, lächelnde, wespenboshafte und bis zum Überschwang liebenswürdige Gesellschaft im Schlosse des Chevaliers Landry!
Er geriet mit Wissen und Willen seiner Mama hinein, die außerordentlich viel auf die feingeschliffene Kultur von Versailles gab. Hans Georgs Mama war zärtlich, geistvoll, belesen und sprach das delikateste Französisch, alles mitten im Thüringer Wald. Sie wünschte sehr, daß ihr Sohn diese Eigenschaften von ihr geerbt haben möchte, die er an einer bessern Stelle verwerten sollte. Ihr Bittgesuch hatte der alte Freund der Familie, ein Straßburger Gelehrter und Gast Landrys, dem Hausherrn von Schloß Patmos gebracht und eine Einladung voll Honigseim erfloß nach Straßburg „an den Chevalier Jean de Hirsbac“.
In der Fahrpost, in welcher der junge Thüringer nach dem Schlosse fuhr, saß nur noch eine Reisende, nebst unermeßlich vielen Koffern und Schachteln. Diese Dame war so jung, so graziös, so schön und in jeder Bewegung so sicher, daß Hans Georg vor Scheu fast die Beine unter sich auf den Sitz gezogen hätte. Denn es waren Beine, die in Stulpenstiefeln steckten, was ihn zum erstenmal sehr genierte. Wenn man zierlich sein wollte, dann trug man ohne Nachsicht Kniehosen und Seidenstrümpfe.
Er fürchtete sich vor ihrer Bekanntschaft. Er betrachtete sie lange Zeit nur ganz versteckt, gelegentlich aus dem Profil hinüberhuschend. Sie war königlich blaß, hatte eine kapitale Frisur, breiten Hut à la Schäferin, eine wunderbar reine Stirn, und der Mund wie das Profil waren fein und von gefaßtem Schwung. Die Augen hatte sie durch die stolz und nachlässig geschlossenen Lider verdeckt, aber man sah durch diese zarten Lider, daß sie tief und groß und braun waren.
Das wird eine respektvolle, traurige Reise werden, dachte der junge Hirschbach, zog die Füße nach hinten, legte die Hände gleichmäßig auf die Knie und schaute den wundervollen, bläulich violetten Lichtreflex auf dem ungepuderten schwarzen Haar der jungen Dame an, der direkt vom Himmel durch das Fenster auf sie kam, bei jeder Pappel am Weg aufhüpfte, bei jeder Sonnenbiegung mit Goldbraun tauschte und langsam unter dem puderfeinen Straßenstaub erstickte.
In Molsheim fragte er den Postmeister, ob er über Schloß Patmos etwas wisse.
„Wir nennen es anders,“ sagte der Postmeister mürrisch. Der Herr von Landry war bei Bürger und Bauer gleich unbeliebt. Alles Geld ging nach Paris, die Handhabung der Gerichte war von den ärgsten Mißbräuchen begleitet, und die Bauern wurden von den Pächtern auf das empörendste ausgesogen, denn Landry brauchte entsetzlich viel Geld und kümmerte sich trotz seines weichen Herzens ganz und gar nicht darum, woher es kam. Er wußte gar nicht, daß Geld manchmal sehr schwer wog, Lebenskraft und Blut bedeutete. Für ihn war der Louisdor eine Spielmarke.
Die Dame im Fond des Wagens blickte auf. „Ah, Sie wollen nach Patmos?“
„Ja, Madame,“ sagte der gute Junge ängstlich, da er soeben für den Postmeister eine Grobheit fertig hatte und nun nicht wußte, wohin damit.
„Als Gast?“
„Ja, Madame.“
„Da sind wir Kameraden.“
„Sie auch, Madame?“ Und Johann Georg Freiherr von Hirschbach übersetzte sich, seinen Namen und Titel ins Französische und stellte sich vor.
„Ei, Herr Baron. Und Ihr Alter?“
„Vierundzwanzig.“
„Nur?“ sagte die schöne Dame bedauernd. „Ich bin schon zwanzig. Ich habe auch schon sehr viel erlebt, denn ich bin Witwe.“
„Ach, gnädigste Frau,“ rief der gute Georg in vorwurfsvollem Bedauern.
Sie erzählte kurz und ruhig ein wenig von ihrem Mann, der sehr alt, sehr elegant und graziös gewesen war. Herr Vicomte de Maintignon. Sie selbst heiße Dorette. Der Vicomte war stets leise parfümiert, stets zärtlich, von immer gleich gelassener Heiterkeit, zeigte es nie, wenn er krank war, liebte die Fröhlichkeit und sagte ihr einmal sehr unvermittelt: „Mein Kind, lebe lang und amüsiere dich,“ neigte sich danach hinten in seinen Stuhl und starb lächelnd, die letzte Prise Schnupftabak noch in der herabsinkenden Hand, welche von den zierlichsten Manschetten umrahmt war, die man in jenem Jahre trug.
Der junge Hirschbach stieß einen leisen Ruf der Hochachtung vor solcher Kultur aus und meinte, daß er selbst sich wie ein Wilder vorkäme. Die Dame lächelte und die weitere Fahrt ward sehr angenehm, da der junge Thüringer sehr schnell seine Scheu verlor. Es war das die Schuld ihrer Stimme; früher, beim Betrachten ihrer klar geschwungenen Linien hatte er eine metallkühle, klavierharte Altstimme von ihr erwartet. Aber nein. Ihr Organ war weich, verdeckt und zutraulich; nicht hoch, aber warm.
Als zwei gute Freunde kamen sie in Patmos an und brachten den Kammerdiener des leichtfertigen Grafen in siedend heiße Verlegenheit. Es stand nämlich nur mehr ein Mansardenzimmer frei.
Die beiden unten im Flur hörten die Stimme des sorglosen Landry auf dem Balkon über der Einfahrt, von dem er ihnen schon entgegengewinkt hatte: „Aber dieses Mansardenzimmer hat ohnehin zwei Betten!“
„Gewiß,“ zögerte der Kammerdiener, „jedoch Madame de Maintignon und dieser junge Deutsche ...“
„Seht doch, sind sie nicht einen Tag lang in derselben Postkutsche gefahren?“ fragte der Graf.
„Allerdings, aber —“
„Vor dem Auge der Natur sind Tag und Nacht gleich. Wir dürfen hier in Patmos der Natur keine Schande machen.“
Von den beiden Leuten unten war eines tief dunkelrot geworden, und das hieß Johann Georg. Er sah nach Dorette hinüber und nach ihrem ruhigen Lächeln.
„Madame!“ flehte er.
Dorette zuckte die Achseln. „Man hat jetzt diese Sitte, natürlich zu sein,“ sagte sie. „Ich, ich fürchte viel zu sehr, mich lächerlich zu machen, und finde überdies nichts Arges an dem Gedanken des Herrn von Landry. Hören Sie doch nur, daß man Kammerdiener sein muß, um Einwendungen zu machen.“
In der Tat erklang nochmals die verschüchterte Stimme des Dieners: „Ob aber die Dame einverstanden sein möchte?“
„Daß ihr beschränkten Tölpel auch gleich immer an das Schlimmste denken müßt,“ rief Landry. „Geh hinunter und du wirst sehen, daß sie sich als Leute von Welt gar nicht zieren werden.“
Wirklich machten weder die Dame noch der junge Baron aus Deutschland eine Einwendung. Sie begrüßten bald danach den Grafen, der sich mit der Abendtoilette etwas verspätet hatte, im großen Salon und trafen ein Bürschlein von etwa zwölf Jahren bei ihm, sorgfältig frisiert, gepudert, Hut und Degen auf einem Tisch und ein aufgeschlagenes Buch vor sich. Es war ein außerehelicher Sohn des Kardinals Rohan, den Landry bei sich hatte.
Da Madame de Maintignon an ihrem Reifrock einen Schaden bemerkte, der beim Aussteigen durch Darauftreten eines Hirschbachschen Stiefels entstanden war, stellte Landry seinen Cousin dem jungen Deutschen zuerst vor.
Das kleine Herrlein machte eine Verbeugung, schlank, biegsam, fein und weltmännisch zum Staunen. „Sie beehren mich zur besten Stunde, mein Herr,“ hub er an, „da ich gerade des Tacitus Germania las und Sie mir also Gelegenheit gewähren, Ihnen meine Bewunderung für Ihre Vorfahren auszusprechen, und Ihren Vorfahren meine größten und entzücktesten Komplimente über einen Erben ihrer Tugenden zu machen, wie Sie es sind, mein Herr!“
Der gute Johann Georg stand wie vor einem Mirakel. Wenn ein zwölfjähriger Knabe also mit ihm begann, wie würde er den Erwachsenen antworten müssen? Dorette war es, die ihn durch eine rasche Zwischenfrage des Stammelns und Suchens überhob.
Sie kam herbei und sagte freundlich: „Wie glücklich sind Sie, mein Herr, die Gedanken der alten Klassiker Ihr eigen nennen zu können. Darf ich fragen, welche von jenen bewundernswerten Dichtern sich schon Ihr Herz zu gewinnen verstanden?“
„Seit Sie vor mir stehen, Madame,“ sagte der Knabe mit einer reizend gespielten Verlegenheit und einem zärtlich schüchternen Blick, „weiß ich mich an keinen mehr zu entsinnen; es — es müßte denn Anakreon sein.“
Johann Georg machte, daß er davon kam. Er hatte eine Heidenangst vor den Überirdischen dieses Schlosses bekommen, die er noch kennen lernen würde.
Aber nein; es wurde reizend.
Johann Georg ward noch am selben Abend von den Damen umdrängt wie ein reifes Obstbäumlein, und sie hätten ihm sehr heiß gemacht, wenn nicht die großen Reifröcke gebieterisch einen weiten Kreis bedingten, so oft nur vier oder fünf der reizenden Geschöpfe sich um ihn gruppieren wollten.
Herr von Landry hatte ihn als Meister in der Natur vorgestellt, und Johann Georg war überglücklich, den entzückten Schönen von den Köhlern des Thüringer Waldes, vom Hörselberg und vom Vogelfang mit Sprenkel und Dohne erzählen zu können. Alles war vor solchen Neuigkeiten außer sich: Johann Georg kam aus einer gänzlich andern Welt.
An diesem Abend standen herrlich getürmte Wolken fern über den Auen des Rheins, und die verliebte Abschiedsglut des Untergangshimmels jenseits vom Wasgau warf ihnen Rosen über Rosen hinüber. Formvoll und massig standen sie, ein Gekröse von Blaßblau, Veilchenhauch, Pfirsichblüte und zartem Fraise.
„Dort oben ist Traumburg und Schloß Glück. Dort wohnen die Seelen aller Gefangenen, und um die Taubenschläge dieser Luftschlösser fliegen als Vögel die Seufzer der Liebe, des Heimwehs und der Freiheit.“ Hans Georg hatte es leise zu Demoiselle Eliante gesagt und dabei sehnsuchtsvoll nach Madame Maintignon geblickt, die heute Nacht mit ihm das Zimmer teilen würde. Aber die lebhafte Eliante schlug einen silbernen Jubel auf, rief das ganze Schloß herbei und erzählte ihnen, Wort für Wort, die wunderbaren Sätze des wilden, schwermütigen Waldjungen, der sich für einsame Stunden solchen Stil als eine Mischung von Shakespeare und Ossian angewöhnt hatte.
Die schöne Heloise brach in Tränen aus, die stolze Amante mit der stählernen Stimme rief „herrlich“, die zärtliche Céleste warf ihm einen süßen, schmachtenden Blick zu, und Glycère, die leise Zweideutige, flüsterte: „Ich gestatte Ihnen, Herr Baron, für dieses entzückende Gedicht noch kühnere Träume, als dort oben in den Wolken möglich sind.“
Frau Dorette neigte ganz reizend den hochfrisierten Kopf, der jetzt blühweiß vor Puder wallte, und sah ihn links an und sah ihn rechts an. Dem armen Jungen schwoll das Herz im Leib zu unerträglicher Größe an.
Nach Mitternacht dann führte er seine Dame mit zitternden Knien und würgender Kehle in ihr Gemach.
Dort sah es inzwischen seltsam aus. Mitten durch das Zimmer war eine starke Kordel in Mannshöhe gespannt und daran hingen Reifröcke: fünf Reifröcke, einer hart an dem andern. Sie bildeten eine Mauer von sechs Fuß Dicke und waren undurchdringlich für jeden Blick. Madame Dorette schlüpfte dahinter und sagte dann: „Adieu, mein Freund. Erzählen Sie mir, bis ich eingeschlafen bin, hübsche Geschichten, und sodann gute Nacht.“
Der arme Georg setzte sich auf sein Bett, zog die Strümpfe herab und begann von Tannhäuser zu berichten, der im Venusberge mehr schöne Dinge erlebte, als ihm angenehm war. Er hörte hinter der Rockwand ein leises Schlürfen, ein Knistern von Seide, ein Rascheln von Wäsche und das Knicken eines Bettes. Als er eben Beziehungen zwischen dem glücklichen Sänger und seiner eignen, unfruchtbaren Lage beginnen wollte, hörte er den leisen, schnellen Atem der schönen Dorette. Sie war eingeschlafen.
Er zerwarf und zerwühlte noch lange Zeit sein Lager. Endlich strafte er seinen bangen Durst, verehrte Dorettens Reinheit, verhielt sich still, dachte, sie ist ein Engel; ich will ihrer würdig sein, und schlief ein.
Am anderen Tage verzog er sich leise und schnell aus dem Zimmer, um Dorette bei den heiligen, langen Stunden der Toilette nicht zu stören. Im Garten weilte noch keine Seele, denn sie standen im Schlosse vor zehn Uhr nicht auf. Da setzte er sich auf die wölbige Rasenbank vor dem Bassin bei der arkadischen Tempelruine und horchte dem Rieseln des Wasserfädchens zu, das aus der moosgrünen Urne eines verliebten Götterpaares lief. Da seine Nachtruhe kurz gewesen war, schlief er wieder ein und wurde erst von dem verwunderten Gelächter eines ganzen Taubenflugs junger Damen und Herren geweckt, die eine halbe Stunde vor Mittag den schattigen Weg daherkamen.
„Reizend,“ sagte Landry. „Er hat recht, auch wir halten von heute ab nach dem Frühstück eine Siesta im Grünen.“
Georg war sehr froh, daß sie ihn überrascht hatten. Wie, wenn er etwa gar mit Dorette am Arm vor die Gesellschaft hintreten hätte müssen? Nun hielten sie doch alle Dorette für seine Geliebte!
Aber kein Mensch schien sich viel um das kleine Ereignis zu kümmern; kaum daß ihn die zweideutige Glycère mit einem leisen Blitzlein unter seinen Augen prüfte. Der Deutsche erkannte bald, daß es überhaupt nur Pärchen gab auf Schloß Patmos. Diese behandelten sich zart und fein wie höfliche Fremde und nannten sich mit solch milder Ruhe „Sie“ und „Freund“ und „Freundin“, daß nur eine starke Neugierde vermocht hätte, hier mehr als bloße Kameradschaft zu erkennen. Aber es schien niemand neugierig; vielleicht, weil man genau wußte: Alles ist, wie ich bin.
Nur dieser Deutsche ahnte nicht, was die Mode über Menschen vermag. Das Kind Shakespeares glaubte wahrlich selbst hier noch an originale Charaktere und an Individualitäten!
Der heitere Landry nahm ihn ein wenig beiseite und ließ Glycère, seine Freundin, mit der schönen Dorette in den Park ausschwärmen. „Heute nachmittag ist ländliches Fest,“ sagte er zu seinem Gast. „Besitzen Sie irgendein bukolisches Kostüm? Bauer, Schäfer oder ähnliches?“
„Ich habe meine deutsche Jägertracht,“ gestand der junge Baron zögernd.
Landry lachte. „Wo denken Sie hin, mein Freund? Ein Galarock, das geht doch nicht!“
„Ach, da ist nichts von Frack und Parforcepeitsche dran,“ erklärte ihm Georg. „Sehen Sie, teurer Chevalier, die französische Jagd, das ist die Jagd der Geselligkeit. Die deutsche Pirsch, das ist die Jagd des einsamen Träumers. Wir sind gekleidet wie das schattenleise, graue Wild, wie der tausendjährige Baumgreis, wie der uralte Fels. Wir fühlen uns am geselligsten, wenn wir allein sind; denn dann sind wir den stillen Geschwistern nahe; dem Busch und dem Stein, dem kleinen Waldestümpel, diesem dunklen Auge der träumenden Berghöhe, um das die scheuen, nächtigen Wildfährten geschrieben sind, die wir lesen als die Schrift der Natur. Wir wissen alles, von der leisen, huschenden Dämmerungsvogelliebe in den Nächten Oculi und Lätare, bis zu den verschwiegenen Winternächten des Fuchses, von der Erregung des Rehs bis zu dem wilden Aufschrei des eifersüchtigen Hirsches. Wir hegen und pflegen diese Liebe und töten nur zögernd, als Bevollmächtige des großen Zeugers und Zerstörers allen Lebens. Bis in die Seele des Wildes schleichen wir, in sein geheimstes Weben. So sind wir einsam und dennoch reich gesellt.“
„Ach,“ rief der eifrige Landry, „das ist köstlich, das müssen Sie uns lehren. Bitte, zeigen Sie mir doch jenes waldfarbene Kostüm!“
Der junge Hirschbach nahm seinen Wirt mit sich, und während Landry schwermütig in den Anblick des Walles von aufgehängten Reifröcken versank, hinter dem sein junger Freund so glücklich sein mußte, packte der junge Deutsche sein graugrünes Jägerkleid aus.
„Wenn Sie gestatteten, daß ich mich darin sähe?“ bat Landry.
Lachend half ihm Georg beim Anlegen jener Stücke.
Landry war ein schöner Kerl, und das schlichte Grau und Grün mit dem Federgesteck saß ihm keck und fein zugleich. Es ließ ihn frischer und dennoch nachdenklicher erscheinen, und mit unverhohlener Liebe besah sich der Chevalier in seiner Verkleidung vor dem Spiegel. Dann ging er in den Park, um von seinen Gästen lauten Jubel zu ernten. Er verkündete die entzückende Neuheit der deutschen Jagd. „Denken Sie sich, meine Freundinnen, es gibt da eine Methode, die heißt ‚der Anstand’. Diese werden wir üben, in den Vogesen. Jeder von den Messieurs nimmt sich die Dame, der es gefällig sein wird, und übt mit ihr in den stillen Hainen den Anstand. Sie sehen,“ wandte er sich zu dem entsetzten Hirschbach, „welche Reize wir Ihren Jagdmethoden abzugewinnen verstehen.“
„Aber so wird die Methode ganz erfolglos sein, ohne jede Beute,“ rief Georg.
„Meinen Sie,“ lächelte Landry.
Der arme Junge errötete. „Ich meinte, vom Wilde werden wir nichts sehen, noch hören,“ verbesserte er sich.
„Ach, das ist doch Sache der gemeinen Jägerei,“ tröstete der Schloßherr.
So wurde entzückend viel Natur getrieben in den Waldhöhen über Schloß Patmos. Landry selbst war unerschöpflich in neuen Entdeckungen und sorgte eifrig, daß man dem lieblichen, schuldlosen Urzustande, wie er sagte, möglichst nahe kam.
„Die Urnatur ist weder lieblich, noch schuldlos,“ seufzte Georg bei solch einem Geplauder ernst; aber da kam er schön an. Herren und Damen bewiesen ihm an der Hand Rousseaus, daß die Kinderjahre der Menschheit in rührendster Eintracht und Reinheit hingeflossen seien. „Sehen Sie doch unsere guten, demütigen, redlichen und einfachen Bauern an,“ riefen sie ihm zu. „Wie sind sie glücklich, wie naiv, zufrieden, fromm und dankbar!“
„Und wer wagt es, Ihnen das zu sagen?“ staunte der Deutsche, der einzige von der ganzen Versammlung, der die Bauern heimgesucht, beobachtet und ehrlich mit ihnen gesprochen hatte.
„Aber mein Gott, sie selber,“ hieß es.
Zum erstenmal fühlte sich der Deutsche nicht mehr klein und bedeutungslos vor dieser leuchtenden Gesellschaft. Er schwieg und dachte sich sein Teil.
Den Nachmittag verbrachte er mit Madame Dorette allein im Walde. Sie verzagte vor jeder Wurzel und fürchtete jedes Bächlein. Er mußte sie heben, stützen, tragen, und nur sehr langsam erlernten die kleinen Füßlein auf ihren hohen Absätzen im weichen Grunde das Gehen.
Sie hatte Angst; sie schalt, daß diese Natur ungefällig, unverständlich, rauh, verschlossen und dornig sei wie ein Deutscher. Nur wenn er sagte: „Aber Madame, sie ist jetzt modern,“ dann seufzte sie, nahm sich glatt zusammen und sagte wieder aufgerichtet: „Es ist wahr, Sie haben recht, lieber Baron.“
Als sie müde war, nahm er behutsam ihr Köpflein in seinen Schoß und ließ sie da schlummern. Ach, er liebte sie schon ein wenig. Aber seine scheue Art wagte keine Kühnheit.
Beim Schlafengehen war es wie gestern. Er berichtete von den Tieren des Waldes und brachte sie mit der köstlichen Fabel von Reineke Fuchs dreimal, viermal zum Lachen. Aber als er erzählte, wie Reineke die Wölfin im Eise festfrieren und an der Wehrlosen seine Liebe ausließ, da tat sie empört, obwohl sie hinter ihren Reifröcken vor Lachen fast erstickte.
„So etwas konnte auch nur ein Deutscher erfinden,“ rief die drollig zornige Stimme aus ihrem Versteck.
„Dorette,“ bat Georg.
„Ach, gehen Sie mir.“
„Dorette!“ flehte Georg.
Sie schwieg.
„Schönste Dorette!“
„Gut Nacht,“ sagte sie kurz. Bald darauf schlief sie, und der aufgewühlte Junge atmete sich vor Verlangen nahezu die Brust in Stücke.
Allen bekam die neue Mode der Natur in den nächsten Tagen sehr gut, nur der Deutsche wurde blaß und übernächtig.
Landry glaubte ihn warnen zu müssen, sich mit Maß an der Güte der Natur zu freuen, und Georg hätte beinahe vor Schmerz aufgeschrien. Jedoch schwieg er und überlegte: Was hat nur diese Dorette? Sie wußte, daß alle Welt sie für seine Geliebte hielt, und wurde es nicht.
Er machte sie darauf aufmerksam, was man von ihnen beiden dächte.
„Ach ja,“ lächelte sie, „aber man findet es äußerst nett, und ich hatte nie etwas dagegen, für nett gehalten zu werden.“
„Man, man, man!“ rief er verzweifelt. „Das ist ein Wort, das ich nur in Frankreich hörte und das mich tötet! Ich habe noch nie von einem so unheimlichen Tyrannen und Dämon aller Welt gehört, wie Ihr Begriff ‚man’ es ist.“
„Man schreit eine Dame auch nicht so an,“ sagte Dorette ruhig. „Sie sind gar nicht mehr nett, mein Freund. Man erträgt alles mit heiterer Gelassenheit; auch die Liebe. Man verbirgt es, wenn man erregt ist, und schließlich tröstet man sich anderswo.“
„Der erste gute Gedanke, den dieses ‚man’ hat,“ fuhr Georg wild heraus.
Und er begann der schwärmerischen, kleinen Heloise den Hof zu machen. Aber wie ein Schatten glitt deren bisheriger Freund, der kleine Vicomte Bareilles, zu der schönen Dorette hinüber. Er dachte, Georg wolle tauschen, und war hierüber sehr zufrieden.
Nun hatte der arme Junge es obendrein mit der Eifersucht zu tun.
Inzwischen lief die ganze Gesellschaft fröhlich weiter auf den Fährten der Natur. Landry vergötterte seinen naiven Gast, dessen seltsames Wesen er für feinste Berechnung und künstliche Mode hielt.
„Ich bin so glücklich,“ gestand er ihm. „Sie reißen mich bis zu den originellsten Entdeckungen und Erfindungen hin. Wir schmausen und tafeln im Grünen, wir tanzen im Mondschein wie die Elfen ihres maître Chequespire, wir leben gesellig wie die wilden Kaninchen. Nach dem Mahle schlummern wir im Rauschen der Bäume und Quellen und beenden unsere Verdauung im trauten Busch, zwischen nickenden Wiesenhalmen und auf dem von Mohnblumen errötenden Feldrain, bis in ihre letzten Konsequenzen. Es ist das meine glücklichste Erfindung. Weiter kann man sie doch nicht treiben, die Natur. Nicht wahr, Freund meiner Seele!?“
Zum ersten Male seit langen Tagen lachte Georg aus vollem Herzen über die Bemühungen seines Wirtes, der Natur näher zu kommen.
Und Landry lachte eitel, silbern und glücklich mit ihm.
Dann aber kamen trotz des Juli lange Regentage über Schloß Patmos, und mit der Natur war es aus für alle, außer für den einsamen Deutschen. Der stieg hinauf in die eintönig rauschenden Bergwälder und schaute nach versiegtem Regen mit einer Seele voll Brudergrüßen über die stille Landschaft, über Waldberge hinter Waldbergen, aus deren Falten sich der geisterstille Wolkenrauch erhob und langsam über die Fichtenhöhen hinstreifend rückkehrte zu den ziehenden, grauen und weißen Geschwistern der Luft.
Da fragte er auch wohl bei den Bauern umher und fand nichts vom „bon villageois“, von dem die lächelnden Damen schwärmten. Finsterer Groll, abwartende Tücke, verhaltene Drohung, das war die Stimmung gegen die Gesellschaft in Schloß Patmos. Dieselbe schlichte, fast bürgerliche Kleidung, die dort unten Madame Dorette über ihn die reizenden Achseln zucken machte, führte ihn hier näher an das Geheimnis der Volksseele.
Furchtbares brütete da.
Er warnte oft seinen Gastherrn, warnte Dorette und die andern, aber man schalt ihn: „Sie Geisterseher, Sie Mondbewohner, wollen Sie nicht schweigen und mit aller Welt vergnügt sein, wie es sich schickt?“
Da schwieg er, aber er ließ sich Zeitungen kommen. In dieser ganzen Gegend von Straßburg bis Metz, bis Toul, Verdun und Nancy umher gab es kein Dutzend Zeitungen. Wozu auch?
Wie hätte es Zeitungen geben sollen, wenn keine Ereignisse da waren, sie zu füllen! Man amüsierte sich allerorten auf gleiche Weise; das wußte jedermann ohnedas. Zwar war die Nationalversammlung schon einberufen, und der Volkszorn begann dumpf aufzugrollen. Aber solange die Revolution nur theoretisch blieb, wurden die Journale sehr langweilig gefunden. Man wußte ohnehin besser über Menschenrechte zu plaudern als darüber geschrieben werden konnte.
Erst die abgeschlagenen Köpfe machten Zeitungen notwendig.
Und während der junge Hirschbach in tiefer Bewegung von der Erstürmung der Bastille las, zupften die Damen in der Langeweile der grauen Regentage Goldscharpie. Es war das ein beliebter Zeitvertreib und zugleich eine angenehme Gelegenheit für junge Mädchen, sich ein kleines Nadelgeld zu schaffen. Jeder Herr hatte die Pflicht, alle Goldtressen von veralteten Garderobestücken letzter und vorletzter Mode an die Freundin abzuliefern, und den ganzen Tag über zerrten die kleinen Händchen an den feinen Golddrähten und häuften ganze Hügel von der edlen, graulich gekräuselten Metallwolle, aus der die hellgebliebenen Fädchen blitzten, wie feine Kinderhaare.
Georgs Erzählung von der Erstürmung der Bastille erregte nur lebhafte Genugtuung.
„Ach Gott,“ sagte Dorette, „nun endlich können diese Ärmsten auch etwas modern werden, und den Wald und das Land genießen.“
Die schöne Heloise schluchzte vor Rührung, und die Herren applaudierten vor Freude über die vielen erlösten Opfer der Tyrannei.
Als ihnen dann Georg von den Aufständen der Bauern, von erstürmten Schlössern, von Adelsmorden und rauchenden Feudaltrümmern erzählte, meinten sie allesamt: „Gott, müssen die es arg getrieben haben, daß sie den gutmütigen Landmann so schwer zu reizen vermochten!“
„Und Sie, Chevalier,“ fragte Georg den guten Landry, „fürchten Sie denn nichts?“
„Mein Gott, ich tat doch niemandem etwas,“ lächelte der glänzende Seigneur beruhigt, „und überdies muß man mit den Tugenden der Menschen rechnen.“
Als zu Paris die Menschenrechte verkündigt waren, gab man den Bauern der Gegend ein prachtvolles Fest mit Feuerwerk und warf nach dem Gelage Konfekt, Obst und Geld zum Fenster hinaus unter das Volk.
Georg war nicht beim Bankett. Er beobachtete das Bauernzeug, das sich um den Abfall der übermütigen Tafel balgte.
„So gut haben die's da oben,“ murrte der eine.
Und ein andrer summte: „Wir werden das alles bald besitzen. Das Schloß ist nicht so fest wie die Bastille.“
Diese ganzen drei Wochen mußte der ärmste junge Baron in einem Zimmer mit der blassen Dorette schlafen. Seine Hoffnung und seine Verzweiflung stiegen und fielen in regelmäßigen Gezeiten; nur seine Liebe wuchs beständig.
Dorette, die hatte gar wohl bemerkt, daß die zärtliche Heloise in süß schmachtender Neigung zu dem hübschen Deutschen entglommen sei und bangte ein wenig um ihren braven Schlafkameraden, so hoch sie auch sonst auf ihn herabsah, als auf das Kind einer minderwertigen Rasse. Nur Georg merkte nichts. An einem milden, dampfenden Abende stand er mit Dorette und Heloise an einem Fenster und hörte, wie auf den Dächern der Ställe ein Kater inbrünstig um Liebe sang.
Das Mädchen, der Georg sehr gut gefiel, brach in Tränen aus.
„Was ist Ihnen nur, liebste Heloise?“ fragte der arme Hirschbach bestürzt.
„Ach die Natur, diese Natur! Sie ist zu erschütternd,“ schluchzte Heloise.
„Ja, die Natur,“ seufzte der junge Deutsche und sah mit dem sanftesten Vorwurf die feine, kühle Dorette an. Der Kater sang weiter, und Dorette lächelte.
Am Abend dann, als sie wieder hinter ihrer Festung von Reifröcken zu Bette gegangen war, bat er innigst, sie in allen Ehren besuchen zu dürfen.
„Da Sie mir das Wort eines Edelmanns verpfänden, nun denn, kommen Sie, mein Freund.“
Dorette in ihren Kissen, den Arm auf dem Herzen, im milden Rot der Ampel war schöner als je, und schluchzend fiel der arme Junge vor ihrem Lager auf die Knie.
„Ach, Madame, ich liebe Sie derart, daß es mich verbrennt und auffrißt; und Sie, Sie machen sich gar nichts aus mir. Sie sehen mich wie einen Knaben an und darum, ja nur darum lassen Sie mich auch hier sein. Was ist es, das Sie so kühl gegen mich sein läßt!?“
„Sie sind so unmodern, wenn Sie erlauben, daß ich eine so schwere Sache ausspreche,“ seufzte Dorette und sah die Amoretten und Schäfer auf dem Plafond an, die sich geradezu frei benahmen.
„Aber Landry ruft mich doch als neueste Mode aus.“
„Ja, das ist im Wald und auf der Flur. Aber im Salon, mein Lieber! Diese drei Wochen Regen taten Ihnen sehr viel Schaden. Ich hätte Sie fast ein wenig lieb gewonnen, weil es wirklich schien, als seien Sie der Neueste des neuen Tages. Aber, mein Freund, Sie tragen eine Kleidung wie ein tüchtiger Kaufmannssohn, — die Locken sind nur lose gewickelt, das Haar zu schwach gepudert, und Sie erfinden eine Sprache, als ob die Académie française sich seit 1750 umsonst bemüht hätte; — eine Sprache voll altertümlicher Kraftworte, wie ein Musketier Ludwigs des Dreizehnten. Mein Freund, das tut man nicht. Sie kompromittieren geradezu mich.“
„Soll ich Sie denn wirklich jenem Vicomte Bareilles überlassen und mein Glück bei Heloise versuchen?“ verzweifelte Hirschbach.
Dorette stützte sich plötzlich auf den schönen Arm und sah ihn tief und reizvoll an. „Wenn Sie es vermögen?“ sagte sie mit dunklem, warmen Ton.
Nun warf der Ärmste alle Fassung von sich, drückte den heißen Kopf, der voll tobender Gedanken war, gegen die Decke seiner Freundin und begann haltlos und erbärmlich zu weinen.
Sein Schluchzen und sein Zucken durchrieselten Madame als ein ungeheures Kompliment. Sie hatte einen Hauch, eine Ahnung von Zärtlichkeit für diesen Jungen, und sein Schmerz tat ihr unendlich wohl.
„Ah,“ sagte sie. „Hier dürfen Sie weinen. Hier dürfen Sie es, da niemand Ihnen eine Fassungslosigkeit zu verzeihen hat.“
Und die feinnervige Frau fing mit allen Poren den süßen Schmerz ihres jungen Freundes auf und trank ihn, endlos geöffnet, in dürstender Schweigsamkeit. Sie zitterte leise vor rieselndem Wohlsein, und es war ein narkotischer Zauber, köstlich wie kein zweiter. Nie hatte ihr Liebe so gut getan, und sie ließ den Glühenden und Fiebernden über sich weinen, bis leise Lähmung über beide kam.
Halb in Zorn, halb in Hoffnung richtete sich Georg auf, als sie ganz still blieb. Schlief sie oder verstellte sie sich? O, wenn sie sich verstellte, dann war es ein Glück ohnegleichen. Angstvoll betrachtete er ihre durchscheinenden Lider und die wundervollen Wimpern. Zuckte sie nur einmal, so war sie wach.
Aber nein; Madame Dorette schlief. Süß und vertrauensvoll.
Da bettete er sich zu ihren Füßen wie ein Hund.
Am nächsten Morgen erlaubte sie ihm einen leisen, flüchtigen Kuß, und das war alles. Auch durfte er nie mehr zu ihr kommen. Er hatte sie das Gruseln gelehrt.
Nach dieser Lektion bemühte er sich, einen vollendeten Kavalier aus sich zu machen. Als nach einigen Tagen die liebe Sonne wieder so innig aus blauem Himmel lachte, als wäre sie froh, nun endlich wieder das wunderliche grüne Erdensternlein zu küssen, da erschien der Herr Baron Johann Georg von Hirschbach in gänzlich neuer Verfassung auf dem Blumenparterre vor dem Schlosse. Er war angetan wie des Königs feinster Hofmann und strahlte vor Seide schöner als ein Nußhäher im Brautkleid. Gottes allerblaueste Seidenstrümpfe, die himmelfarbigsten Culots und die gelbbrokatenste Weste der ganzen Schöpfung umschlossen ihn; er war frisiert wie ein Dauphin, und sein Frack warf nach allen Seiten die stolzen Lichter verschwendungsjubelreicher Goldtressen.
Alle Damen brachen in ein entzücktes „Ah!“ aus, und Dorette blieb lächelnd stehen und sah ihn an wie eine neue, allergnädigst begrüßte Bekanntschaft.
Die kleine Heloise wäre beinahe abermals in Tränen ausgebrochen. Zur Unzeit aber geriet Eliante, es war die mit dem perlenden Lachen, auf eine reizende Idee. Kein Mensch wußte, woher sie so schnell ihren Arbeitsbeutel hatte, aber sie wischte eilig mit ihrer Schere hervor und trennte dem Herrn Baron die schönste Tresse vom Rocksaum.
„Goldscharpie, Goldscharpie! Wie reizend!“ riefen alle jungen Damen durcheinander und stürzten sich auf Hans Georg. Ihre Reifröcke bogen sich aneinander und knickten, aber jede wollte die erste sein. Wie ein Gnadentum von heilwütigen Pilgern, so ward er am Kragen, an den Schultern, Schößen und Taschenklappen erfaßt und begeistert hin und her gezerrt. Die kleinen Scheren knippten behende, und in einem Hui war der Herr von Hirschbach tressenlos. Wie ein Flug Vöglein um einen Bussard waren sie herangezwitschert gekommen und wieder verflattert, — und kahl und gerupft stand der gute Deutsche da.
Dorette hatte die Arme sinken lassen, als die reizenden Freundinnen sich ihres Kameraden bemächtigten und hatte untätig und lächelnd zugesehen. Nun bekam sie den ersten, verlegenen Blick des Beraubten, der über die Gnade der jungen Damen sehr glücklich schien. Lang schaute sie zu ihm hinüber mit willenlos gesenkten Armen.
Dann sagte sie nach tiefem und langsamem Atemzug: „Es ist Ihr Schicksal, mein Herr Baron, schlicht zu bleiben, in alle Ewigkeit.“
Und wahrlich, der Baron von Hirschbach blieb fortan schlicht und gut. Er verehrte die klare Dorette, die vor aller Augen als seine Geliebte galt, fortab so keusch und gefaßt und demütig, wie es kaum ein deutscher Herr in den blumenreinen Tagen des Herrn Walter Vogelweide vermocht hätte. Er bewachte ihren leichten, leisen Atemzug, wenn sie schlief, und war in entlegenster Waldeinsamkeit wie ein goldenes, zutrauliches Kind mit ihr.
Keine Bitte sagte er mehr und träumte auch keine. Sie war ihm durch ihre verständigen Worte tief heilig geworden: „Es ist Ihr Schicksal, schlicht zu bleiben.“
Die ganze Gesellschaft amüsierte sich also köstlich an ihrem Naturburschen. Er aber, nachdem es ihm mißglückt war, einem hochbegnadeten Adel die Augen für den trotzigen Blick der Bauern und die Ohren für das unterirdische Volksgrollen zu öffnen, versuchte ihnen die Schönheit der ewig jungen Wiese und des ernsten, greisen Waldes, des seelenvoll bewegten Wassers und der ambrosischen Wolken zu erschließen.
Aber es verstanden ihn fast nur Heloise und Dorette. Heloise brach zumeist in Tränen aus, und Dorette schwieg lächelnd, aber ihre kleine Seele wuchs und wurde ernst und nachdenklich.
Dann, an einem Herbsttage bekam der Chevalier Landry einen sehr unerwarteten Brief.
Dieser Brief war von seiner Gattin aus Paris verfaßt, die dort, zum eignen Amüsement und dem ihrer Freunde, zurückgeblieben war. Herr von Landry hatte diese, seiner würdige Gattin seit der Halsbandgeschichte der Königin, seit über drei Jahren also, nicht gesehen!
Madame Landry schrieb, sie fürchte sehr, ihrem Herrn Gemahl ein Geständnis zuflüstern zu müssen. Was Herr von Landry darüber denke?
Herr von Landry sagte sich: Ei, wenn das Geständnis nur flüstert und noch nicht selber schreit, dann ist alles gut, schmunzelte über die Unvorsichtigkeit seiner Frau Gemahlin, setzte sich mit graziöser Unbefangenheit an den Tisch und schrieb, ein Paladin der Galanterie bis in die Fingerspitzen, folgenden Brief:
„Meine Teure! Ich freue mich unendlich, von Ihnen zu vernehmen, daß die gütige Vorsehung endlich unsern Bund gesegnet hat! Ich werde mir die Ehre nehmen, Ihnen, Madame, noch in diesen Tagen meine Aufwartung zu machen in der Überzeugung, daß Sie die Güte gehabt haben werden, mich zu solch richtiger Zeit von der mir widerfahrenen Freude zu benachrichtigen, daß der künftige Erbe des Namens Landry das Wappen dieser Familie an seinem Coupé wird führen dürfen, ohne ein Lächeln zu erregen.
Beten wir zur Mutter Natur, Madame, daß es ein Sohn sei.
Tausend entzückte Grüße meinerseits. Bis dahin Ihr
ergebenster Diener
Jean Ch. de Landry.“
Und der Chevalier rüstete sich von neuem zur Abreise nach Paris, indem er sich bei seinen Gästen entschuldigte, die neue Mode der Menschenrechte dort zu studieren. Er versprach, sie mitzubringen. Er bat seine Gäste, sich bis dahin gut zu unterhalten, und empfahl Glycère inzwischen der Zärtlichkeit seines jungen Freundes „'ans ioeurgue“, wie sämtliche Damen den Thüringer nannten, da sie den Namen Hirschbach nicht aussprechen konnten.
Herr von Landry kam nicht mehr zurück. Man hatte ihn in Paris erkannt, als einen der Mitwisser der Halsbandgeschichte in der Wohnung seiner Frau eingefangen, und tat ihm der König nichts, so köpften ihn die Jakobiner.
Er aber lächelte.
Es hieß, die Liebe zu seiner Gattin hätte ihn nach Paris getrieben, und der Name Landry war der Zukunft gerettet.
In Patmos wartete man vergebens auf den Bringer origineller Neuheiten. Statt seiner kamen unversehens die Bauern. Die brachten noch ganz andere Überraschungen mit sich, als der delikate Chevalier.
Es geschah solches mitten in einem Schäferspiel, das die verwaisten Gäste arrangiert hatten, am Abend eines schönen Septembertages, nachdem soeben für dreihundert Taler bengalisches Licht verbrannt war.
Das Stück spielte im Freien, im Blumenparterre vor dem Schlosse, und von der Terrasse sah die übrige Gesellschaft zu.
Dorette gab sehr überzeugend eine Prinzessin, die Perlenstaat und Seidenrobe ablegt, um ihrem Schäfer in die Blumengefilde der schuldlosen Natur zu folgen, wie es in den hübschen Versen hieß.
Der Herr von Bareilles gab den Schäfer wie aus Zucker und Biskuit.
Hans Georg spielte den bösen Jägersmann, der des Schäfers Hündlein erschossen hatte und die süßen Tauben des Myrtenhaines bedrohte.
Heloise hinwiderum hatte diesen Jägersmann zärtlich zu zähmen.
In der dichtverhangenen Laube, wo sich Dorette zum zweiten Akt als Bauernmädchen umkleiden sollte, ertappte sie den Hans Georg, der eben zwei Pistolen aus dem Dickicht hervorzog und zu sich steckte.
„Haben Sie denn mit Ihrer Flinte noch nicht genug?“
„Leider nein,“ sagte ihr Freund wortkarg und ernst. „Wir werden bald ein etwas wahrheitsgetreueres Spiel durchzumachen haben.“
Vom Schlosse her drang unbestimmter Lärm. Es war, als trampelten zahlreiche Menschen durch die Korridore.
„Sie wollen sich doch nicht schießen!?“ schrie Dorette.
„Still,“ herrschte der Thüringer.
Im Schlosse wurden erregte Stimmen laut, dann Hilferufe.
Die Darsteller des Schäferspieles, die der Terrasse näher standen, scharten sich zu einem Klumpen und schrien ihren Zuschauern Warnungen hinauf. Aber als ob sich die wunderlich verschnittenen Bux- und Taxusgetüme plötzlich in lebende Wesen verwandelt hätten, sprangen aus dem Dunkel des Parks Hunderte von brüllenden Bauern auf die kleine Gruppe los. Dorette sah, wie der Vicomte von Bareilles nach einem Degen lief, jedoch nur, um ihn mit elegantem Achselzucken einem Lümmel zu überreichen, der dies Zeichen ritterlicher Ergebung mit einer immensen Maulschelle beantwortete.
Zwei ältere Herren und jener geistvolle Junge, der Tacitus und Anakreon kannte, waren die einzigen, die sich in elegante Fechterstellung warfen; aber im Nu waren ihre Degen zerknickt, und Prügelei und Roheit wären bis zum Totschlag angewachsen, wenn nicht über einen dieser Bauern, die im Parterre die Schauspieltruppe mißhandelten, starke Angst gekommen wäre, daß ihre tapferen Freunde, die das Schloß erstürmt hatten, ihnen alle schönen Dinge wegplünderten.
Er schrie: „Halt, halt! Die andern sind schon drin und stehlen uns alles vor dem Maul weg!“ Seine Kumpane brüllten laut auf vor Zorn und Angst, und nur einige verzweifelte Schlaumeier trieben die ganze Adelsgesellschaft: Damen, Herren mit ritterlicher Verteidigung und Herren mit ritterlicher Übergabe, wie eine Herde Schafe hinweg, um ein erfreuliches Lösegeld von ihnen zu erpressen. Sie wußten, diese Leute hatten mehr Geld bei ihren Bankiers als in den Strümpfen verwahrt.
Inzwischen half Georg der fassungslosen Dorette sehr tatkräftig beim Umkleiden.
„Schnell in die Bauernkleider,“ rief er; und weil der Reifrock nicht sofort von den Hüften seiner Dame glitt, half er mit dem Hirschfänger nach. Sein ganzer Haß gegen das Gezücht der Reifröcke, deren sechs ihm so lange Zeit das Glück versperrt hatten, erwachte. Knack und ach, krachte das Fischbein, und umsonst schrie die weinende Dorette in Zorn und Weh über ihr Prachtstück. Sie mußte in ein Elsässerinnenkostüm hinein, und Hans Georg riß sie eilig mit sich.
Sie hastete und stolperte. Da verwies er ihr mit derben Worten ihre lächerlichen Stöckelschuhe. Mitten in der Halbnacht des Parks knirschte sein Hirschfänger durch die hohen Absätze, hob ein paar Lederschichten ab, und als die grobe Schusterarbeit geschehen war, konnte Dorette laufen wie eine vernünftige Frau, die sich sehr fürchtet.
Sie wollte den Weg nach Straßburg einschlagen, aber Herr Georg zog sie etwas gewaltsam nach dem einsamen Bergwald.
„Die Bauern sind nicht so dumm wie Sie,“ rief er zornig. „Die bewachen alle Wege nach den nächsten Garnisonen, damit sie hier ungestört stehlen und sengen können.“
Ein seltsames, rötliches Licht überzog den Himmel über den Bäumen des Waldes, und da diese bräunliche Dämmerung Dorette zu sehen gestattete, gewann sie ihre Fassung wieder. Sie fiel aus ihrem Schreck in großen, ehrlichen Zorn.
„Herr, mein Herr,“ rief sie ihren eiligen Begleiter an. „Laufen Sie nicht so. Sie sind davongelaufen, Sie allein, während die andern als Edelleute fochten oder sich als Edelleute ergaben.“
„— aber nicht als solche behandelt wurden,“ lachte er.
„Sie sind davongelaufen, Sie waren grob gegen eine Dame, ja Sie haben sich an meiner Krinoline und meinen Stöckelschuhen vergriffen. Wie, mein Herr, vermögen Sie diese Handlungsweise zu rechtfertigen?“
„Ei, das war Natur,“ lachte Georg, der sich oben im Walde sicher wußte.
„Natur, Natur, Sie Ungezogener,“ rief Dorette. „Beleidigen Sie nicht diesen erhabenen Namen.“
„Madame, noch ein paar Schritte bis zu jener Lichtung,“ bat Georg, „und nun, da wir auf der Höhe sind, bitte: sehen Sie dort unten die Bescherung an!“
Dorette erstarrte. Über den Nachthimmel krochen die roten Brandwolken eilig dahin, und als Dorette den Aussichtspunkt erreichte, sah sie das Schloß unter gierigen, grellen Flammen stehen. Düster ragten noch die Dachbalken in die blendende, bewegliche Zackenkrone über dem Gemäuer hinein, und aus zahlreichen Fenstern brachen die wahnsinnig emporstrebenden Feuerfahnen.
Bis zu ihnen aber drang das Jubelgebrüll und das Gekreisch von Tausenden entfesselter Bauern und Weiber. Sie füllten das ganze Blumenparterre so dicht, in so zusammengedrängter Menge, daß Dorette zuerst glaubte, der ungeheure Raum vor dem Schlosse sei mit rosa Mohnblumen bepflanzt, bis sie erkannte, daß die zahllosen leuchtenden Halbkugeln Menschengesichter waren, die alle in die Glut starrten, wie in ein Weltenschauspiel.
So oft ein Dachsparren fiel, ging das ferne Gebrüll unten los, als würde ein Schotterkarren ausgeleert.
Georg lachte grimmig: „Da haben Sie die Natur, die plötzlich erwacht und auf ihre beiden Füße gesprungen ist. Da unten!
„Sie haben gewußt, daß diese Natur den Krieg, die Krankheit, den Haß und das Feuer, daß sie den Molch, die Otter, den Tiger und den Mörder schuf. Sie haben gewußt, daß die Menschen Schnaps brennen und im Schmutz leben. Sie sind im Wagen gesessen und fuhren an Häusern vorbei, deren Elend zum Himmel stank, und an den Betrunkenen des Straßengrabens, und Sie haben mit den Tugenden gerechnet? Sie?
„Da unten, da! In Brand und Rauch, in Schnapsdunst und Mordlust, da ist die enthüllte Natur!“
Der junge Deutsche war fast begeistert; er war mehr erhoben und von trunkener Erkenntnisfreude erfüllt als zornig.
Der armen Dorette aber graute entsetzlich. Sie hatte stets nur Schäferspiele gelesen, Shakespeare verachtet, und nun bat sie fassungslos: „Mein Lieber, schweigen Sie! Retten Sie mich, mein Teurer!“
Da mußte die arme Dorette auf weitem Umwege gegen Bergzabern durch die Waldnacht hasten, und dennoch stießen sie am nächsten Fahrweg auf entgegendrohendes Geschrei, auf Fackeln, auf einen Posten der Bauern; denn in der Nähe brannte schon wieder ein Schloß.
„Halt! Ein Förster? Ein Herrenhund? Erschlagt ihn!“
Knüttel, Spieße und Sensen fegten auf sie los, aber da blieb der junge Deutsche stehen, legte die Büchse an, und vor dem herausknallenden Feuerstrahl schlug der schwerste von den rohen Burschen gewaltig auf den Rücken hin, mit hoch empor schnellenden Beinen. Aufschreiend flohen die Bauern, denn tödliche Gegenwehr waren sie von den verweichlichten Herrschaften nicht gewohnt, und Dorette stand wie gelähmt in der Finsternis. Aber vor ihre geblendeten Augen war noch immer Strahl, Knall und Fall gebrannt, und das Überschlagen eines hinschmetternden Menschenleibes unter strampelnden Beinen. In der Nähe lag jetzt ein Toter.
„Nun haben Sie auch noch gemordet,“ sagte sie müd.
„Alles zu rechter Zeit,“ atmete er auf. „Was wollen Sie, Madame: der Tod im Kampf? — Natur!“
„Ach, das ist eine abscheuliche Pointe, Ihre Natur. Wir werden sie nun selbst mitmachen; wir werden sterben hier im Walde.“
„Was fällt Ihnen ein, ich mag nicht,“ rief er und zog sie mit sich.
Gegen Morgen war sie so müde, daß er sie im Dickicht schlafen ließ, indes er sich entfernte. Schon mit dem grauenden Tage kam er zurück, weckte sie und bot ihr Milch, Brot und Eier. Freilich mußte sie die letzteren roh austrinken.
„Woher haben Sie das?“ fragte sie, als sie satt war.
„Gestohlen.“
„Gott behüte mich!“ Sie saß voll Abscheu auf der Erde.
„Natur!“ sagte er und zuckte die Achseln.
Den ganzen Tag mußte sie mausestill sein, sich ängstigen und langweilen. Ein Glück, daß er sie zum Schlafen nötigte. Ohne Umstände zu machen, streckte er sich neben sie aus und schlief ihr ein Stück vor, wie ein Bauer. Da legte auch sie sich weinend ins Gras, schlief ein, und er erhob sich und wachte.
In der zweiten Nacht durchquerten sie die Ebene bei Hagenau und erreichten den Rhein gegenüber von Rastatt. Diesmal hatte er gewagt, in Sesenheim ein wenig warme Kost für sich und die arme Flüchtige zu bestellen; den Tag über verbrachten sie in den Auen des Rheins, wo Dorette bis zur Verzweiflung von den Stechmücken litt.
In der Nacht verübte dann Johann Georg seinen letzten Diebstahl. Er band einen Fischernachen los, zwang Dorette in das am Boden mit Wasser gefüllte Fahrzeug, stieß ab und biß sich zäh und langsam durch die ziehenden schluchzenden, eilig drängenden Wellen hindurch.
Dorette schwindelte vor Schwäche, Angst und Kälte. Sie war beleidigt, mißhandelt und gequält worden. Das sollte eine romantische Rettung sein? Nichts als widrige Kleinigkeiten: Hunger, Staub, Schweiß, schlechte Nahrung, Müdigkeit, Grobheiten, Stechmücken, nasse Schuhe, schmutzige Hände! Das einzige Artige war, daß er ihr am zweiten Tag im Felde scherzend das Haar in Zöpfe geflochten hatte; solche hatte sie noch nie getragen und so hatte sie ein bißchen gelacht, aber nur ein Augenblicklein lang. Dann hatte sie über die Sonne gescholten, die ihr den Teint verbrannte.
Und bei jeder Unritterlichkeit, bei Müdigkeit, Hunger, harten Eiern und schimmlichem Räucherfleisch, bei den Stechmücken, dem Schweiß, den nassen Schuhen und dem Schmutz an Händen und Haar hatte er gesagt: „Natur!“
Sogar als er den Kahn stahl: „Natur!“
„Das ist die abscheulichste Pointe, die ich im Leben hörte,“ rief sie zehnmal und zwanzigmal, aber ebensooft schwieg sie und seufzte. Dann lachte er und sagte: „Ich gebrauche mein Lieblingswort dennoch nicht so oft, als Sie das Ihre.“
„Das meine?“
„‚Man’. Hätten Sie das vergessen?“
Da weinte sie bitterlich. Ach, diese selige, befreite, göttliche Gesellschaft, welche ‚man’ sagte. Wohin war sie zerstoben?
Das Boot ritt wie ein Pferd gegen die Wellen an. Die Nacht war sternlos, der Rhein tintenschwarz und voll tückischer Wirbel.
„Und das ist Ihr besungener Rhein!“
„Natur.“
Endlich, endlich stieß das Boot ans Ufer. Georg trug die arme Dorette ans Land, und nun durften sie sich wieder am hellen Tage zeigen. Sie waren auf deutschem Boden, und in Rastatt wurde der Herr von Hirschbach, nach dem ersten drohenden Anruf des mißtrauischen Postens und nachdem er sich ausgewiesen, wahrhaftig aufgenommen wie ein deutscher Baron in der guten alten Zeit, und Dorette wie eine vornehme Emigrantin.
Der junge Hirschbach sorgte nun, daß sein armer Schützling alles bekam, was dessen Herz ersehnte. Ein herrliches Bett in einem gelb-tapetnen Zimmer, das hell war wie eine Ringelblume im Sonnenschein; Wasser, Seife, Parfüm, Toiletten, Schuhe, alles so gut und so schlecht man es eben in Deutschland hatte. Und lachend sah Dorette diese Nachahmungen an.
Sie war schon wieder getröstet.
Über den Rhein wollte sie nicht mehr zurück. In Frankreich drüben ging es wüst zu. Die Menschenrechte wurden sehr unangenehm ausgelegt, und der junge Hirschbach wagte viel, als er mit Briefen zum Straßburger Bankier reiste, um das Vermögen seiner Dame in Sicherheit zu bringen.
Da blieb denn die graziöse Gesellschaftsdame zum erstenmal in ihrem Leben allein und las die Zeitungen, die Georg ihr schicken ließ. Sie las von dem Kampf ums Dasein, von der Sünde des Reichtums und dem Elend der Welt. Sie las Krieg, Irrtum und Haß; sie las vom großen Aufstand des Volkes, von brüllenden, trunkenen Sturmrotten, von der Not einer Königsfamilie und dem blutberauschten Jubel der Sanskülotten, und ihr armes, schwaches Herz lag ohnmächtig da, wie ein kleiner Nestvogel bei Schloßensturm.
Ach, wie so plötzlich hatte sich die Welt um sie verändert!
Ach, und wie war sie so plötzlich allein in solcher Welt!
Und sie dachte an den verachteten Bauernjunker aus dem Thüringer Wald, der für sie um sein Leben gelaufen, sie gezerrt und bedroht hatte, der für sie mordete, stahl, sich im Kot der Straße beschmutzte und ihr, selber todmüde, die treuen Knie zum Kopfkissen bot.
Was war, wenn er nicht wiederkehrte?
Aus den Tagen wurde eine Woche. Sie bebte nach ihm, sie weinte um ihn, sie rief aus der ganzen Macht eines angstvoll liebenden Herzens seinen Namen. Er blieb fern.
Aus der Woche wurden zwei, aus den vierzehn Tagen ein Monat. Sie bequemte sich, das Deutsche zu erlernen, ihm eine Freude zu machen.
Endlich kam er und berichtete, wie er alle Behörden, zuletzt aber Drohung und Gewalt aufbieten hätte müssen, um den treulosen Bankier zur Herausgabe des Vermögens der Witwe Maintignon zu zwingen. In der Verwirrung dieser Zeitläufte hatte der Mann einen hübschen Gewinn zu machen gedacht. „Es ist in der Wildnis gerade so. Den kranken Hasen packt der Fuchs zuerst. Natur,“ schloß er wehmütig lächelnd, als er der glücklichen Dorette das Ihre einhändigte.
Dann, dann küßte er ihr die Hände, empfahl sich und ging fort; mit zuckendem Herzen und schweren, widerwilligen Knien.
Dorette lauerte, bis er die Türklinke erfaßte, und das dauerte eine ganze Zeit, obwohl er sich nicht mehr nach ihr umsah.
Dann aber lief sie ihm nach und warf sich ihm an den Hals.
Die Sonne ging unter und wieder auf. —
In der goldgelb tapezierten Stube trennte kein Wall von Reifröcken mehr zwei Glückliche.
In der seligen Ruhe, die über beide kam, als sie sich endlich Geliebter und Geliebte nennen durften, lachte dann Dorette in seinen Armen sehr leise.
„O du Schönste, du!“ rief er und küßte sie. „Beginnst du schon wieder mich zu verspotten?“
„Ei freilick,“ lächelte sie. „Denn diesmal 'ast du vergeß' zu wieder'olen dein' Pointe.“
Der Salon der Frau
von Vermillon,
oder:
Das Register.
Diese Blätter bilden einen Teil der Memoiren, welche die Gesellschaftsdame der Admiralin Madame Reinezabelle de Vermillon hinterlassen hat. Es geht aus diesen Blättern hervor, daß Madame de Vermillon eine Freundin brauchte, die den Ruf guter Moral mit christlicher Duldung vereinigte und das Französische nicht weitgehend genug verstand, um allerfeinste Anspielungen, verdeckte Bitten, Zusagen und Versprechungen zu durchschauen. Demoiselle Babette Strüntzel aus Straßburg scheint all diesen Anforderungen entsprochen zu haben. Sie schreibt:
„Meine liebe Frau Admiralin war beständig Strohwitwe. Warum nur? Admiral Graf Vermillon, der in Marseille Hafenkommandant war, hätte sich Urlaub genug verschaffen können, um nach dem allgemein begehrten Paris zu kommen. Jedoch er kam nur selten. War er bei Hofe übel angeschrieben? Weiß Gott! Er muß ein prächtiger Mann von großer Keuschheit gewesen sein, denn man hörte keineswegs von ihm jene Geschichten, durch welche die Herren des ancien régime in den Verdacht der Frivolität geraten sind. Im Gegenteil. Er fühlte sich nur wohl in der übermütigen Gesellschaft seiner jüngsten Kameraden und wurde von den Kadetten zur See geradezu angebetet.
Ich wünschte sehr, von Madame Reinezabelle de Vermillon erzählen zu können, wie auch sie nur in Gesellschaft junger Mädchen ihr Glück gesucht hätte. Aber nein. Madame vermied weiblichen Umgang — bis auf den meinen — nach Möglichkeit, und lud ihre hübschen Freundinnen nur ein, wenn sie, wie ich erst jetzt einsehe, sich von einer allzulange währenden Freundschaft eines ihrer liebenswürdigen Herren Gäste zu befreien wünschte.
Wenn man undankbar aus treuen Diensten entlassen wird, so ist das, wie wenn man sich fortab einer schärferen Brillennummer bediente. Man sieht trotz der Milde eines guten Christen bedeutend mehr. Interessant.
Ach, wie ich in Madames Salon eintrat? Wären doch die Zeiten noch da! Wahrlich, es war lasterhaft, aber man benahm sich gut. Herr Phébus de Lagival las ein Novellchen aus dem Nachlaß von Crébillon fils in einem Manuskript vor, dessen Abdruck der tugendhafte König verboten hatte. Wir schämten uns sehr, Madame und ich. Das heißt, Madame benützte ihren Fächer, um dahinter vergnügt zu sein, und ich den meinen, um zu verdecken, daß ich nicht zu erröten vermochte, weil ich die zarte Sprache noch nicht gänzlich beherrschte.
Jedoch lernte ich dabei die Feinheit mehrdeutigen Ausdruckes ein wenig kennen und fürchten.
Am Schlusse jener Erzählung stand Madame in reizender Empörung auf. Sie liebte es, ihr lichtblondes Haar nur leise zu pudern, so daß Gold und Silber im Scheine des Kronleuchters übereinander rieselten, als sie das helle Antlitz weit, weit weg nach seitwärts und nach hinten bog: sehr ablehnend, aber lächelnd.
„Es ist gänzlich unmöglich, die Verlegenheit einer Dame, die einer Erzählung zuhört, ärger zu steigern,“ rief sie aus. „Und es ist ebenso unmöglich, ihre gerechte Entrüstung darüber besser in Lachreiz zu verwandeln. Herr Crébillon fils hatte wenig Moral. Das vergäbe ich ihm ja, gestattete jedoch nicht, daß man solche Dinge vor mir lesen dürfte. Aber daß er uns dabei noch zum Lachen bringt, ist unverzeihlich, ist empörend, ist .... Er war eben einzig, dieser jüngere Crébillon. Keiner macht ihm das nach!“
„O, doch, Madame,“ lächelte Herr Phébus de Lavigal.
„Und wer, wenn ich Sie um das Recht der Anfrage bitten darf?“
„Ich.“
„Schämen Sie sich. Nicht wegen des Stils. Wegen Ihrer Vermessenheit, so reizend sein zu wollen!“
„Und wenn ich wette?“
„Dann hielte ich diese Wette.“
„Was wollten Sie opfern?“ fragte Herr Phébus in jener leisen Art von Liebe, die damals bei der guten Gesellschaft gangbar war und von der man nie recht wußte, ob es nicht bloß leise Freundschaft war.
Madame neigte in tiefem Nachdenken die hohe Frisur über das hellblühende Antlitz und prüfte ihn unter den halbverdeckenden Augenlidern. Ich fürchte heute zu erraten, was sie Herrn Phébus antworten wollte. Aber Herr Obolon, der Hausarzt, rief dazwischen:
„Ein Diner!“
„Und ich will nach dem Herrn Chevalier ein Souper verdienen,“ rief der Marquis Armand Blancheron, ein Freigeist von größter Ruchlosigkeit der Gedanken, der es nur seiner großen Delikatesse und Liebenswürdigkeit gegen mich verdankte, daß ich ihn nicht haßte.
„Ah, auch Sie wollen mit Crébillon fils in Rivalität treten?“
„Für ein Souper, gern.“
„Gut. Meldet sich noch jemand?“
Wirklich! Es meldete sich ein geistlicher Herr. Der Abbé Lecocq-Choisel. Er verkaufte allerdings seine geistliche Würde nur gegen ein Diner und ein Souper.
„Das wird reizend,“ lächelte meine schöne Herrin. „Wann wollen Sie mir Ihren mißlungenen Versuch bringen, Herr von Lavigal?“
„Wenn es eine Novelle sein darf, in drei Tagen.“
„Ah! Ei! In drei Tagen! Sie müssen mit dem Geiste solcher Dinge sehr stark gesegnet sein, Herr von Lavigal. Auf Wiedersehen also in drei Tagen, meine Herren! Bringen Sie Ihre Freunde mit.“
Es war eine liebenswürdige, intime Gesellschaft, die sich verabschiedete; alle freuten sich sehr.
Selbst ich freute mich halb und halb. Zur anderen Hälfte war mir bange. Bange, wie ich mich benehmen sollte. Und bange um das Heil meiner Seele; wirklich.
Es war reizend anzusehen, wie meine Gräfin ihre Wette verlor, und sie verlor sie an alle drei Herren. Denn jeder brachte es zustande, nichtsnutziger zu schreiben, als das von Herrn von Crébillon fils in die Schreibtischlade gelegte und nachher vom König unterdrückte Werk war. Die Vorlesung des Herrn von Lagival verlief derart, daß die Frau Admiralin ehrlich rot wurde und dennoch vor innerlichem Lachen zitterte, wie ein Bäumchen, an dem die Säge frißt. Sie schenkte dem Sieger des Abends für kurze Zeit ihre Freundschaft. Aber Herr von Lagival war zu sehr geistreicher Plauderer, als daß meine hübsche, ränkevolle Dame längere Zeit an den einsamen Stunden Gefallen gefunden hätte, zu denen sie seinen Besuch erlaubte. „Er schwätzt auch da,“ sagte sie zu mir; „denken Sie, liebe Freundin, er ist auch da geistreich. Es heißt doch sonst stets: Vor das Publikum gehört die Theorie, vor die Tatsachen aber — — — Kurz und gut, Herr von Lagival weiß seine Verdienste nicht zu placieren.“
Ich verstehe heute noch nicht genau, was sie damit meinte.
Zur Vorlesung des Freigeistes Armand Marquis Blancheron ward Madame des Eucareilles geladen, die von einer süßen, ich möchte sagen, zum Himmel singenden, jedoch tief und schüchtern zur Erde geneigten Schönheit war.
Madame des Eucareilles war mutig genug, mit ihrem Gebetbüchlein zu erscheinen. Sie hatte mir gesagt: „Wird's zu arg, so lese ich hier drinnen weiter und das Lachen einer Hölle soll mich nicht stören, ewige Harmonien zu hören, während die anderen sich am Tand eines leichtverwesbaren Frühlings ergötzen.“
Mein Gott, es wurde so arg, daß Madame des Eucareilles ihr Gebetbuch vergaß, das ich ihr am nächsten Tage bringen mußte; es wurde so arg, daß Herr von Lagival sie nach Hause begleitete, und daß mir am nächsten Tage die Demütigung widerfuhr, das Brevier ihrer Zofe einhändigen zu müssen, weil die des Eucareilles noch nicht in der Lage war, mir ihre Stirn zu zeigen — und mir in die Augen zu sehen.
Wenn ich nicht behaupte, daß Madame Reinezabelle an Blancheron mehr verlor als ein Souper, so hat dies seinen Grund in der einzigen Tugend dieses entsetzlichen Freigeistes: er scheute sich zwar nicht, mit dem, was wir alle glauben und hoffen, der Religion, zu verfahren, wie mit dem Tabak, den ein Pächter in seine Pfeife stopft, um Rauchringel damit zu blasen, aber — Herrn von Blancheron meine ich — er schonte in jeder Weise die Unantastbarkeit einer Tugend (ich habe es an mir selbst erlebt) und begnügte sich bloß damit, in seiner heiteren Weise der Gegenstand des beständigen Entsetzens aller Damen zu werden. So wenigstens kannte ich ihn. Oder sollte ich hier verblendet gewesen sein?
Schade um ihn. Er wurde guillotiniert, noch ehe er daran dachte, sich zu bekehren, während Herr Phébus emigrierte und selbst in Deutschland bei lebendigem Leibe als nichtsnutzig verharrte — bis in sein hohes Alter.
Madame sprach seit jener Vorlesung lange Zeit nicht mehr über Herrn von Blancheron. Er schien für sie ausgetilgt zu sein; hoffentlich! Erst an dem Abende, als der Herr Abbé Pierre Lecocq-Choisel den dritten Preis für leichtsinnige Lektüre gewann, erst dann sagte sie: „Finden Sie nicht, daß dieser Blancheron bloß ein helles Blech hinter dem Lichte ist? Einer, der schlimmer aussehen möchte, als er zu sein vermag? Sehen Sie: dieser Geistliche Lecocq, der ist das Gegenstück. Er sieht aus wie eine feierliche Wachskerze. Er ist es sicherlich, und er ruft dennoch beständig: Ich bin Unschlitt; nicht mehr als Unschlitt, glauben Sie mir, meine Damen! Es ist doch der Gipfelpunkt der Duckmäuserei, den Duckmäuser so vollkommen zu verstecken! Dahinter müßte man kommen.“
Seine Würden Lecocq hatte sich wahrhaftiglich ein wenig anders benommen, als es seinem Stande zukam. Mit gespreizten Beinen saß er an jenem Abende nach seiner Vorlesung da und kanzelte die Herren Phébus und Armand ab, den Kopf ziemlich kahl, die Perücke in der Hand um den Zeigefinger kreiselnd.
Er bewies ihnen, daß man derlei Dinge in zwei verschiedenen Zeitläuften schriebe; vor und nach der schönsten Lebenszeit. Seine beiden Vorgänger hätten die platonische Liebe zur Zweideutigkeit schon wieder, wie die Veilchen im Herbste abermals blühen. Das Gelöbnis der Enthaltsamkeit aber sichere ewigen Frühling.
Es wurde stark widersprochen, und an diesem Abend benützte die für Herrn von Blancheron geladene Dame, die kleine Caçolles, den Fächer sehr eifrig. Aber nur weil sie allzu heftig lachen mußte und ihr ein Backenzähnchen fehlte.
Immerhin erreichte der Abbé, daß Madame Reinezabelle sich für ihn eine Zeitlang interessierte.
Aber es war damals die Soutane keineswegs modern. Die Bemühungen der Herren Rousseau, Voltaire und Diderot hatten bewirkt, daß man in jenen Jahren die Philosophie über alles andere stellte, was sonst in den Salons Geltung genoß, und wahrlich, es muß eine vorzügliche Philosophie gewesen sein, die sich ihren Weg über die dicksten Teppiche und in die ersten Salons der damaligen Zeit zu erobern vermochte! Kein deutscher Philosoph erreichte je Salonfähigkeit. Man bedenke!
Die Herren Rousseau, Voltaire und Diderot waren nun aber schon gestorben und vergessen, und zu unserer Zeit galt in Paris und mehr noch in Versailles Herr Jacques Lagratte für den erfolgreichsten Philosophen auf sämtlichen, in Betracht kommenden Teppichen von Frankreich.
Madame Reinezabelle hatte sich's unendliche Mühe kosten lassen, den vor Berühmtheit leuchtenden Herrn an sich zu bringen. Endlich aber vermochte sie ihn zu sich einzuladen, und ich sehe heute noch den kostbar abgewogenen Hofknix, mit dem Madame ihn ehrte, als er eintrat. Sie war wegen dieser Art, sich zu verneigen, berühmt: als die einzige nach ihrer Lehrerin, der Marschallin von Luxembourg, in Betracht kommende Dame, und sie hatte diesen Knix dem Zeitgeiste angepaßt, erneuert und verfeinert. Ich hatte leider nicht Gelegenheit, ein solches Kunstwerk bei Hofe mitanzusehen, aber man versicherte mir von allen Seiten, daß Herr Jacques Lagratte sich des vollendetsten Komplimentes rühmen dürfte, daß Madame je knixte — die erlauchte Familie von Frankreich mit eingerechnet.
Und ich gehe an die Schilderung dieses Ereignisses.
Es brannten hiezu sechshundert Wachskerzen in dem Empfangszimmer Madames, und über dreißig Herren waren versammelt, nebst einem kleinen Dutzend Damen, die Madame diesmal als Freundinnen eingeladen hatte, um Zeugen zu sein, daß Herr Lagratte in Fleisch und Blut ihren Salon beträte.
Herr Lagratte kam von allen Gästen zuletzt, aber er kam genau zu jener Zeit, da sich die Spannung der Gesellschaft so hoch gesteigert hatte, daß in den Herzen der Damen die erste, kleine schadenfrohe Hoffnung aufzischelte, er würde überhaupt nicht kommen. Diese richtige Erwägung der Minute seines Auftrittes allein würde hinreichen, die Größe seiner Philosophie zu beweisen.
Als die Türen aufflogen und die Diener schrien: „Jacques Lagratte“ — denn er hatte sich überall streng das Monsieur verboten — da zwang es uns allen die Herzen zur Kehle empor. Nur Madames schöne Augen strahlten in sanftester Heiterkeit gegen die Türe, durch die ein mittelgroßer, vorgeneigter, sehr magerer und etwas an sich gehaltener Herr eintrat, dessen Haar eine leichte Unordnung bewies und ein wenig an den Schläfen flatterte; es war nur schwach gepudert. Das Antlitz war unsagbar schmal und bestand eigentlich, außer einer großen Nase und den prächtig grauen, groß und festblickenden Augen, nur aus zwei senkrechten Falten, die zu beiden Seiten von Nase und Mund bis unter das Kinn spannten.
Es lief ein Schauer durch die Gesellschaft. „Er ist ganz, wie Friedrich der Große aussah,“ hieß es.
Da trat ihm Madame entgegen. Auf eine Entfernung von ihm, daß sie sich kaum die Fingerspitzen zu reichen vermocht hätten, blieb sie stehen, die Augen demütig und anmutreich gesenkt. Sie bog die Knie, so daß sie fast um die Höhe ihrer golden und silbrig schimmernden Frisur kleiner wurde, und hielt leise ihren Reifrock mit den Handspitzen berührt. Im Augenblick danach griff sie mit dem rechten Füßchen langsam nach hinten aus und zog so ihre ganze junge Pracht leise rücklings mit sich fort, indem sie jetzt dem Gelehrten unendlich bescheiden und schmachtend in die Augen blickte, während sie sich wieder aufrichtete.
Herr Lagratte war ein ganzer Philosoph. Er wußte so viel Grazie, guten Ton und Feinheit nicht anders zu schätzen, als indem er Fassungslosigkeit spielte. Ich glaube, er verliebte sich in diesem Augenblick in sie, als sie sich vor ihm mit solch olympischem Kompliment verneigte.
Madame stellte ihn sofort der Gesellschaft vor. „Ah, meine Freunde,“ sagte sie, „was werden Sie von mir denken! In meiner Freude vergaß ich den Namen, den der kleinste Küchenjunge von Paris kennt. Wie soll ich ihn nennen? Unser Philosoph, unsere Girandole, mein Kronleuchter? Nein. Die Sonne dieses Erdballs, heute eingefangen, um unserem Salon allein zu leuchten.“
Nun muß ich weiter berichten. Herr Lagratte war sicherlich ein großer Philosoph, da sich ihm sonst die Salons nicht geöffnet hätten — aber er war selbst für die damalige Zeit etwas stark modern ... sagen wir einfach atheistisch.
Schon als das Eis, von Künstlerhand zur Gestalt des Liebesgottes formiert, kam, war er dabei, niemand Geringeren als den lieben Gott auf die niedlichste Art aus der Welt fort zu beweisen, und am Zerfließen der vergänglichen Creme demonstrierte er die Unsterblichkeit der Seele.
„Hier, meine Verehrtesten,“ rief er aus und deutete auf seine Eisschale, „hier sehen Sie das Bild des Lebens ins Negative übersetzt. Ja, übrigens, was ist negativ? Was positiv? Dem Eisbären ist die Kälte das Positive.
„Dieses Eis war noch vor kurzem Formung; es stellte Amor dar. Es war Leben, so lange es Eis war. Ja, was ist Eis? Was ist Leben? Ein beliebig angepaßter Temperaturgrad der Natur, energisch genug, um einen Körper, das heißt, eine Körperschaft zusammenzuhalten. Laßt einen Zephyr wehen — der notwendige Grad entflieht, und die Teile sagen sich auseinanderfließend genau so Adieu, wie hier bei diesem weiland reizenden, zu Eiscreme verkrusteten Amor, den mir unsere liebliche Wirtin zugedacht hatte und über dessen Kälte mich nur seine Vergänglichkeit zu trösten vermag.
Zu rechter Zeit genießen, das ist alles; — die Temperatur wahrzunehmen, das ist die Aufgabe.“
So bewies der berühmte Herr Lagratte seine Philosophie, die lächelnden, großen, klar grauen Augen auf Madame gerichtet, die Stimme von hoch herab, als käme sie von Gottes Thron, und die Eisschale in der Hand. Man sagte allgemein, daß der Grad seiner Neigung zu Frau Reinezabelle von Vermillon ein hoher gewesen sein müßte, da er schon seit langem nicht mehr so hinreißende und reizvolle Beweise auf den Teppich gebracht hätte.
Immerhin: die Ewigkeit siegt stets; auch über ihre geistvollsten Leugner. Das Verhältnis Madames zu dem Philosophen war nicht von langer Dauer. „Ähnlich wie es das Verhältnis der Völker zu den Philosophien zu sein pflegt,“ sagte sein Nachfolger, ein exakter Chemiker.
Ich entsinne mich nicht mehr genau der Jahreszahlen, aber mir ist, als sei jener unwiderlegbare Chemiker zur Zeit aufgetaucht, als der Graf von Cagliostro hier seine Wunder wirkte: kurz vor der Halsbandgeschichte der Königin. Auch wir hatten solch eine kleine Halsbandgeschichte mit ihm, mit Herrn Theophil Bouffler nämlich.
Man wußte damals nicht, ob der Diamant schmelzbar sei. Nun war es Madames Lieblingswunsch, die vierundzwanzig mittelgroßen Rauten ihres Halsschmucks zu einem großen Stein ineinander zu schmelzen und einen Brillanten daraus zu schleifen, der dann, wie Herr Bouffler versicherte, das Vierundzwanzigfache des Halsbandpreises zum Quadrat erhoben, wert sein würde.
Nun weiß ich nicht: mißlang das Experiment wirklich oder hatten später die bösen Zungen recht, die behaupteten, Herr Theophil Bouffler hätte die Diamanten in Wechsel auf die Bank von London umgeschmolzen — kurz, Herr Bouffler stürzte eines Tages in größter Aufregung zu Madame und schrie sie an: „Das Halsband verflüchtigte sich!“
„Wer! Wo! Wie?“
„Das Halsband! Zu Feuer! Zu magnetischer Luft!“
„Mein Halsband! Mein schönes Halsband?“
„Denken Sie sich, Madame: Was die Wissenschaft bisher noch gar nicht ahnte: daß der Diamant nicht schmelzbar wäre, das habe ich, ich entdeckt. Flüchtig ist er! Flüchtig! Haben Sie einen Brillantbouton? Geben Sie her. Begeben wir uns in unser Laboratorium.“
In dem kleinen Zimmer, das Madame dem Chemiker eingerichtet hatte, bewies Bouffler der unglücklichen Reinezabelle, daß der Diamant unter dem Brennspiegel vollständig verlodere. Herr Bouffler wollte in seinem Experimenteifer auch noch Madames andern Ohrknopf verbrennen, aber sie weinte sehr und gab ihn nicht mehr her.
„Trösten Sie sich, Verehrte,“ sagte ihr der Chemiker. „Ihr Halsband ist ebensogut dem Äther zugeschwebt, wie es etwa der Seele Ihres Herrn Gemahls oder der meinen in jedem Augenblick ähnlich widerfahren kann. Das sind Erscheinungen dieser armseligen Zeitlichkeit ...“
„Armselig?“ rief die schwergeprüfte Reinezabelle. „Es kostete zehntausend Franks!“
„... aber Sie haben sich die Ewigkeit damit erkauft — Madame,“ fuhr Bouffler unbeirrt fort. „Ich werde der Akademie der Wissenschaften berichten, daß ich durch Ihre Munifizenz die weltbewegende Entdeckung machen und den Beweis erbringen konnte, daß der Diamant verbrennlich ist, und ich werde vorschlagen, daß man diese seltene und kostbare Art der Verflüchtigung für ewige Zeiten ‚vermillionisieren’ nennen solle.“
Meine gütige, junge Herrin lächelte schon wieder ein wenig.
„Sie haben recht,“ sagte sie. „‚Reinezabellisieren’ klänge lange nicht so gut.“
Freilich fiel uns nachher ein, daß Herr Bouffler wiederholt die Taktlosigkeit begangen hatte, unsere Herrin um ein Darlehen zu bitten, um dessen Rückerstattung er sich niemals bekümmert hatte. Nun, wer Geld braucht, kann auch Diamanten brauchen, schlossen wir. Aber es war zu spät. Herr Bouffler und vielleicht auch das Halsband waren schon in England.
Dennoch versuchte Madame es noch einmal mit der Wissenschaft. Denn, Gott hat es angesehen: Als die Lebenskundigen und die Herren von Esprit und die Freigeister ihre Walze in den Salons abgespielt hatten, als selbst der Zynismus nicht mehr verfing und die Philosophie all ihre Prismen verspiegelt hatte, da hielt sich die Wissenschaft merkwürdig lange Zeit fest in den Gemütern, und wer modern sein wollte, mußte wenigstens in den Volkswirtschaften irgendwie werkgeübt sein. Sogar der König feilte und schlosserte. Es war zwar keine Wissenschaft, aber was ähnliches.
Nun kam Madame mit Maitre Pierre Savonnard zusammen, und endlich fand es sich, daß sie mit einem Manne etwas Besseres gemeinsam hatte als den Geschlechtsunterschied. Denn die Freude am Experimentieren, die meine schöne Gräfin zum Chemiker gedrängt hatte, verriet damals schon die Neugierde eines Kindes. Und dieselbe kindliche Begierde zur Forschung, ja ich möchte sagen, dieselbe Kinderei des ganzen Wesens, trieb unseren guten Doktor an. Es war rührend zu sehen, wie diese beiden Leute, meine Herrin, klar und schön wie eine Lilie, und der lebhafte Doktor, stark, ansehnlich und frisch, diese Leute, die so leicht Geliebter und Geliebte sein hätten können, sich nur als Kinder fanden.
Ach und wie glücklich waren sie dabei! Alles, was sie als große Leute tun gelernt hatten, vergaßen sie aneinander und lebten wie Kameraden von neun Jahren, denen vom Leben noch nichts anderes gehört — als die ganze Welt, mit Ausnahme ihrer Unruhe. Wie steckten sie die Köpfe über ihrem Mikroskop — nein: über ihrem Spielzeug, zusammen und riefen mich zu sich hin! Die, die dachten nicht daran, sich zu küssen! Aber sie liebten sich viel längere Zeit, als Madame mit den fünf anderen Herren verloren hatte, die ich seit meinem Dienstantritte kommen und gehen zu sehen die Ehre gehabt hatte. Pierre war ein Kind wie sie; das war es.
Wer weiß, wie lange und wohin sich dieses wahrhaft paradiesische Verhältnis fortgespielt hätte, wenn nicht so ein Idealist vom Beginn der Neunzigerjahre hinzugetreten wäre.
Robert Ducrac kam und griff erst Madames vorvergangenen, aber noch immer berühmten Freund Lagratte an. Es waren gewaltige Lufthiebe, die er tat, aber sie freuten uns sehr, weil er auf einen Abgetanen eifersüchtig war; also auf einen Unbesieglichen.
„Darf es für einen Philosophen, der das Leid der Welt durchschaut, das Ereignis seiner Tage bilden, im Kreise von Modeleuten zu regieren und jeden Abend anderswo zum Speisen eingeladen zu sein? Herr Lagratte wird mir antworten, er erzöge Menschen. Was für Menschen, wenn ich bitten darf? Sie sind auf alles neugierig und zu nichts herangebildet. Sie kümmern sich gar nicht um unsere Gedanken: Sie leben in den Tag hinein und reden nicht der Philosophie zuliebe, sondern philosophieren, um zu plaudern.“
„Aber man lebt doch, um zu plaudern; nicht?“ fragte ihn Reinezabelle.
„Sie verdienen nicht, um besserer Dinge willen zu leben,“ schrie sie Ducrac mit seinem dicken Gesichte an. Er war ein großer Idealist, aber kurz, fest, rot, fett und heftig. Er war böse wie ein Luchs, war gefährlich und stets zum Zuschlagen gespannt, wie ein Tellereisen, liebte niemand als sich selber, und das nicht einmal genügend, daß er seine Hände und Haare in Ordnung gehalten hätte. Er ging seit der Erstürmung der Bastille in langen Hosen, nannte Madame und mich Bürgerin und war entsetzlich grob.
Aber was tun? Vor einem Jahre noch mußte jeder Salon von Geltung seinen Hausphilosophen haben, nun waren die Republikaner Sensation, und wer nicht lächerlich oder gar gefährdet sein wollte, hielt große Stücke auf einen Hausrevolutionär. Der unsere war sehr unangenehm zu ertragen, denn es hatte ihn, wie alle unsere Gäste, die Neigung zu Frau Reinezabelle ergriffen. Was aber bei den anderen infolge bester Erziehung oder großer Kühle der Gemütsart ein leichtes Spielchen war, wurde bei ihm gleich zur Sache der Republik, und als Madame nicht augenblicklich der Stimme der Natur folgen wollte, wie er ihr zumutete, ward er auf Herrn Savonnard wolfsböse.
Zu allem Unglück ertappte er den armen Pierre mit Reinezabelle in dem Augenblick, als er ihren schönen Amazonenpapagei, der eingegangen war, mit ihr sezierte, nachdem er dessen Ende auf das innigste mit ihr betrauert hatte. Madame glaubte, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, weil seit einigen Monaten der allgemeine Umgangston lauter und kreischender geworden sei, als seine eigenen Stimmmittel ihm nachzuahmen gestatteten.
Pierre legte mit dem Skalpell das kleine Herz des Vogels bloß und löste es heraus. Er zeigte ihr, daß dieses leidenschaftliche Geschöpf nur drei Herzkammern gehabt habe, während der Mensch deren vier besäße.
Als nun meine schöne Herrin bei der Erwähnung dieses kleinen, unvollkommenen Herzens zu weinen begann, weil es sie an ihr eigenes erinnerte, und Savonnard ihr wie ein guter Kamerad tröstend den Arm über den Rücken legte, trat Ducrac unangemeldet ein. Er hatte mich im Nebenzimmer einfach an die Wand gerannt, sah die beiden zornerfüllt an und schrie: „Bürger Savonnard, Sie konspirieren mit dem Adel!“
Dann drehte er sich um und fuhr polternd ab wie ein Schotterkarren.
Madame lachte sehr und Savonnard auch. „Nun sind wir kompromittiert,“ rief sie fröhlich, und er schmunzelte: „Ja, wirklich, das hätte ich mir wahrhaftig nicht träumen lassen!“
So harmlos nahmen sie es; aber mir bangte, denn ich hatte vom Blutdurste Ducracs schon üble Dinge gehört.
Um diese Zeit, als die französische Tagesliteratur sich in unglaublicher Weise verschlechtert hatte, brachte ich Reinezabelle endlich dazu, auch einmal einen der deutschen Dichter zu lesen, von denen sie eine sehr geringe Meinung hatte. Ich hatte schon vor über einem Jahrzehnt den „Werther“ in der Sprache meiner Straßburger Heimat gelesen, und er lag mindestens ebenso lange in einer vortrefflichen Übersetzung vor. Ich hatte diesen Band wiederholt meiner schönen jungen Frau Admiral auf das Taburett neben das Sofa gelegt, aber sie hatte ihn gar nicht aufgeschlagen.
Damals nun sollte Madame einen Ball besuchen, der um 10 Uhr abends begann. Durch die einfachere Tracht jener Saison wurde sie um eine halbe Stunde früher fertig und langweilte sich nun, während ihr Wagen unten erst aus der Remise gezogen und hergerichtet wurde.
Da entdeckte sie den „Werther“, setzte sich zum Licht und begann zu lesen.
Der Kutscher ließ melden, es sei angeschirrt. Sie sagte: „Gleich, gleich!“ und las weiter.
Die Pferde standen und scharrten, der Portier brummte, der Kutscher schlief auf dem Sitze ein, sie oben hatte alles vergessen. Ball und Wagen, Bediente und mich, die ich mit meiner Stickerei hinter ihr saß und nichts hörte als ihren jähen, schnellen Atem, das hastige Herumreißen der gelesenen Blätter und immer wieder das leichte Aufschlagen einer Träne auf das Papier. Es klang, wie wenn der Föhnwind mit einzelnen verirrten Regentropfen gegen ein Fenster tippt.
Und zwei- oder dreimal hörte ich sie ganz leise und innerlich schluchzen, wobei die liebe Stimme so hoch und rein dahinzog wie der Ton einer Geige.
Gegen Mitternacht ließ sie den Wagen abschirren. Sie las weiter bis 2 oder 3 Uhr; bis zur letzten Seite und war dann so erregt, blaß und unglücklich, und doch so beseligt und schön, daß ich mich wunderte, warum noch kein Mann um dieser Frau willen gestorben sei.
„Ach,“ sagte sie mir unter Tränen. „Ich habe ja bis heute niemals gewußt, was Liebe ist! O könnte ich leiden um der Liebe willen! O gebenedeiter Monsieur Werther, o beneidenswerte Lotte! Seliges Unheil! Wie geheiligt ich bin! Sagen Sie doch: Wie sieht dieser Monsieur Goethe aus? Was erzählt man sich von ihm?“
Seit jener Nacht wünschte Madame dringlichst, einmal in ihrem Leben eine wirkliche Liebe zu erleiden.
Und es kam, wie sie wünschte.
Unter ihre Gäste hatten sich in jener Zeit viele jüngere Leute gefunden, die ihre Augen sicherlich nicht zu der schönen Herrin des Salons zu erheben wagten. Es waren beflissene und ehrgeizige Menschen, die bei dem einflußreichen Bekanntenkreise Madames Gelegenheit zu einer erfolgreichen Karriere zu finden gedachten. Zu diesen Leuten gehörte auch ein junger Artillerieleutnant, der eine recht armselige Uniform trug; ein Mensch mit gelbem, magerem Gesicht, wirren Haaren und wirren Reden, die er, stets aufgeregt, in einem nicht sehr gewählten Französisch von stark italienischer Aussprache hervorstieß.
Da sein Taufname ungemein fremdartig war und durch die korsische Aussprache noch viel lächerlicher klang, so nannte ihn die stets lachlustige Reinezabelle nie anders als mit diesem Namen: Leutnant Naboulione.
Der arme Teufel war wegen eigenmächtiger Entfernung aus der Armeeliste gestrichen worden, besaß nicht mehr als seine Uniform und lebte von den Soupers, zu denen man ihn einlud und die er eifrig besuchte. Er war erst seit kurzem in Paris und wünschte sehr, ein wenig in die Höhe zu kommen.
Ducrac, um dessen Freundschaft er sich neben jener des jüngeren Robespierre eifrig bewarb, versicherte mir: „Glauben Sie nur nicht, daß Leutnant Naboulione, für dessen Armut und Originalität sich die sentimentale Reinezabelle so sehr interessiert, um ihretwillen diesen Salon besucht. Ihr Mann, der Admiral, ist Hafenkommandant von Marseille, und der verabschiedete Leutnant benötigt dort dringend eine Stelle. Verweigert sie ihm, und er wirft euch seinen Hut ins Gesicht und geht anderswohin. Sagen Sie das der Bürgerin.“
Ich tat es; Reinezabelle lachte sehr und sagte:
„Nun ist Ducrac auch auf Naboulione eifersüchtig. Ich muß mir den doch genauer ansehen.“ Und sie begann den gelben, ungeschliffenen Knirps mit dem zerrauften Haar zu bevorzugen, was diesem nur selbstverständlich schien. Er wurde nicht sehr viel wärmer, außer wenn er Madame von dem Glück erzählte, das ein Oberst der Artillerie in Marseille genösse.
Sie aber lachte und sagte: „Nein, wir wollen Sie in Paris haben.“
„Madame wüßten eine Stelle für mich?“
„Die beste. Alle Abend hier in meinem Salon.“
Naboulione lächelte sauer, bemühte sich aber sehr, es in verbindlicher Weise zu tun. Damals fragte ich mich empört: „Wo hat der Kerl nur seine Augen?“
Heute weiß ich freilich, wo er sie hatte.
Eines Abends war man ungemein aufgeregt. Der König war hingerichtet worden, und Ducrac gab im Salon, Frau v. Vermillon zuliebe, die Generalprobe zu einer fürchterlichen Rede, die er kommenden Tages im Parlament zugunsten weiterer Adelsguillotinierungen halten wollte. Es war schaurig schön; alles applaudierte und prophezeite seiner Rede den besten Erfolg.
Naboulione stand tiefbefriedigt nebenbei. In manchen Dingen erwies er sich schon damals als der geniale Mensch, der später auch den praktischen Erfindungen seiner Zeit weit vorauseilte. Damals hatte er, im stürmischen Drang, seinen Hunger zu stillen und dennoch den Gaumen mit all den reizvollen Genüssen zu bedienen, die man hier als Erfrischungen umherbot, auf einem Brötchen folgende Dinge zusammengestopft: ein Stückchen Käse, ein Stück Salmen vom Schwanzteil, einen Essigpilz, etwas Räucherfleisch, eine Olive und ein wenig Butter[1].
Daran fraß er, beständig abbeißend. Nur die Revolution machte solche Unsitten salonmöglich.
Als nun Herr Ducrac seine Rede beendet hatte, versicherte Madame mit großer Lebhaftigkeit, es sei die höchste Zeit, daß die Adeligen ihre Stellen räumten, um sie den unverbrauchten Kräften der Republik abzutreten. Sie selbst habe, teils aus Überzeugung, teils aus Sorge um den Kopf ihres Mannes, den Admiral de Vermillon bewogen, seine Stelle niederzulegen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.
„Unmöglich!“ schrie entsetzt Leutnant Naboulione dazwischen.
Reinezabelle fragte ihn, warum er so böse sei?
„Weil ein Mann auf seinen Posten gehört. Weil es von einem Kommandanten schändlich ist, aus Sorge um seinen Kopf sich den Pflichten zu entziehen, die er noch nicht einmal erfüllt hat! Marseille ist schlecht armiert. Es mangelt dort an Artillerieoffizieren. In Marseille ist Admiral Vermillon notwendig, in Paris als Privatier höchst überflüssig!“
„Aber mir ist er nicht überflüssig,“ sagte Madame, der es Freude machte, ihn mit ihrem Manne zu necken, in schuldlosem Ton. „Ich habe ihm selbst geschrieben, zu mir zu eilen in einer Zeit, wo Liebe, Treue und zartes Gefühl teuer zu werden beginnen. Ich habe ihm heute bei der Nationalversammlung sein Entlassungsdekret erwirkt. Aber, Herr Leutnant! Sehen Sie mich nicht so böse an. Sie werden mein täglicher Freund bleiben, auch wenn der Admiral zu Hause ist.“
„Sie zerreißen das Entlassungsdekret! Nicht wahr, Ducrac, es ist doch zu annullieren?“ bat der tolle, kleine Mensch.
„Aber im Gegenteil,“ rief Reinezabelle. „Ich habe es heute mit der Eilpost abgeschickt und ...“
Naboulione schnitt ihr das Wort auf eine Weise ab, wie sie unmöglich in Korsika, ja nicht einmal auf den Südseeinseln üblich sein konnte! Er warf ihr die noch unverzehrte Hälfte seines belegten Brötchens an den Kopf.
Reinezabelle schrie laut auf vor Schreck, und wir waren alle zerdonnert, ja geradezu in Salzsäulen verflucht.
Dieses war die ungeheuerlichste Tat der Republik. Der Kopf des Königs wog nicht so schwer als diese brutale Mißhandlung einer schönen Frau.
Naboulione entfernte sich in großer Bewegung, und mit einem Ausdruck voll Schreck, Sorge und ausbrechender Liebe sah ihm Reinezabelle nach. Im blonden Haar steckte ihr das Schweifstück des Salmen, am Ohrgehänge hatte sich ein Bissen Räucherfleisch verfangen, und die Butter befleckte ihr sonst stets lächelndes Grübchenkinn. Aber sie machte keine Bewegung, sich zu reinigen.
Es war ein entsetztes Stillschweigen hinter dem wilden kleinen Artilleristen. Erst als Ducrac die Roheit hatte, Bravo zu sagen, ging das Gezeter über Naboulione los. Man fand, das Maß der Schrecken habe seinen Höhepunkt erreicht, und während ich Madame abputzte, sagte ein Orientalist, daß solches bei den Türken unmöglich wäre, und zitierte einen arabischen Spruch hierzu:
Mit einer Blume nur zu schlagen
Ein Frauenbild sollst du nicht wagen.
Reinezabelle aber sagte, während ich sie abwischte, nur immer verklärt: „Welche Leidenschaft! Welche Leidenschaft! Und bloß, weil mein Mann zu mir kommen soll. Nein, diese Leidenschaft! Das ist korsisch, meine Liebe!“
Ich glaube, sie hätte den kleinen, schlimmen Leutnant in allen Gassen von Paris suchen lassen, wenn sich nicht am nächsten Tage Ducrac ebenso abscheulich benommen hätte. Er hatte seine Rede gehalten. Ein brüllender Aufruhr fegte durch die Gassen; aus dem wimmelnden Volkstrott ragten auf Stangen gespießte Köpfe. Eben zog sich Reinezabelle, die neugierig ans Fenster geeilt war, mit den Worten zurück: „Kommen Sie, liebe Babette, ich sehe dergleichen immer noch nicht gerne,“ da flog ein abgeschlagenes Menschenhaupt auf den Balkon herauf, kollerte in das Zimmer und eine Stimme rief: „Besuch von Herrn Savonnard! Souvenir der Revolution!“
Madame war leichenblaß geworden. „Nein,“ sagte sie dann, „das wird zu arg! Diese Leute beginnen geschmacklos zu werden mit ihren Köpfen. Räumen Sie das hinaus und lassen Sie sofort meine Koffer packen.
Wir wandern aus. Die Sitten sind hier zu frei. Nicht wegen dem belegten Brötchen, o nein. Aber an die Art dieses Ducrac werde ich mich niemals gewöhnen. Er hat mir alle Freude an Paris verdorben.“
Im Exil zu Köln verbrachte sie sehnsuchtsvolle Jahre. Sie konnte den kleinen, rohen Naboulione seit seiner Schandtat nicht mehr vergessen. Als dann der kleine Leutnant bei Lodi und Novi, bei den Pyramiden und bei Marengo zum großen General wurde und die Welt auch am Konsul Bonaparte noch immer nicht genug erlebt hatte, als er, der Kaiser, seinen drolligen Taufnamen wieder hervorsuchte, nur daß er ihn jetzt in besserem Französisch zu nennen wußte, da weinte die unglückliche, einsame Frau vor leidenschaftlicher Liebe nach ihm, dem sie nie mehr wieder nahetreten sollte.
„Ach,“ klagte sie. „Ich hatte die ganze Geschichte des Rokoko und der Revolution in Gestalt von Freunden durchgeliebt und sie gaben sich in allen Nüancen dieser wechselreichen Zeit; aber mißhandelt hat mich keiner.
Er aber, er hat Völker, Könige, Ideen, Religionen, Philosophien und Gelehrte geschlagen. Alle mit anderen Mitteln, mich aber, allein von allen, durch den Schwung seiner zornigen Hand. Mir bestätigte er seine Eigenart am persönlichsten.
Und nun ist er Kaiser; er heiratet diese Marie Louise und ich hätte ihn so gut verstanden.
Schade! O schade!“
[1] Er war also auch der Erfinder der Sandwiches. Anm. d. Herausgebers.