Europa

Ilona Ritscher
gewidmet

Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frühe würden Carlos und Nicolás zum ersten Male die Küste Europas erblicken.

Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen.

Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die Luke, sahen aber nichts als Himmel und Wasser.

Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch Land.

Vor acht Uhr würde noch nichts zu sehen sein, erklärte ein Matrose.

Von Ungeduld erfüllt, gingen Carlos und Nicolás bis zur Spitze des Schiffes; dort waren sie der Küste näher.

Carlos sagte: „Man sieht nur Schiffe.“

Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck zurück.

Dort standen einige Passagiere und schauten mit Ferngläsern nach dem Horizont.

„Sieht man was?“ fragte Carlos gespannt.

„Nein, noch nichts!“

Herr Dr. Bürstenfeger erschien.

„Karl und Nikolaus,“ sagte er, „ihr seid heute frühzeitig auf!“

„Ja,“ antwortete Nicolás, „wir sind ja bald in Europa.“

„Na, das wird noch eine kleine Weile dauern“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd.

Bald ertönte die Frühstücksglocke.

Carlos und Nicolás gingen widerwillig hinunter und ärgerten sich, weil Herr Dr. Bürstenfeger so gemächlich kaute.

Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man würde jetzt schon Land sehen, wenn die Luft klarer wäre.

Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein Land.

Geärgert und gelangweilt gingen Carlos und Nicolás in den Salon und spielten Mühle.

Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler fuhren an ihnen vorbei.

Als die Knaben auf Deck zurückkehrten, erfuhren sie, daß man bereits am Eingang der Meerenge sei.

Aber Land sah man nicht.

„Wie schade, nicht einmal Afrika“, sagte Carlos.

„Wir bekommen Nebel,“ sagte der Herr mit der Reisemütze, „das wird eine schöne Durchfahrt!“

Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier gehüllt.

Etwas später saß man beim Lunch. Der Kapitän war nicht zu Tisch erschienen.

Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als über ihren Köpfen ein langgezogenes dumpfes Signal ertönte.

Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: „Die Sirene, da haben wir die Bescherung!“

Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum zweihundert Meter weit.

Wieder ertönte laut und dumpf die Sirene.

„Unverantwortlich vom Kapitän, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu wagen; ich mache mich auf alles gefaßt!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze aus.

„Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft“, bemerkte der Herr mit der Reisemütze.

Der Herr mit der Glatze meinte: „Damit uns ein fixer Engländer um so leichter in den Grund rennt!“

Herr Dr. Bürstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung!

Irgendwo hörte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene.

Der Nebel wurde dichter; immer häufiger gab die Lombardia ihre Signale.

„Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen“, bemerkte Herr Dr. Bürstenfeger. „Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mäntel!“

Carlos und Nicolás gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder in ihren Pelerinenmänteln, die Kapuzen über die Köpfe gezogen.

„Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen“, sagte Nicolás.

„Es wird immer schlimmer“, murmelte Herr Dr. Bürstenfeger zwischen den Zähnen.

Wieder hörte man ein Nebelhorn.

Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Bürstenfeger.

„Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!“

Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer.

Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte eine Toskanazigarre.

Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich leise an ihn: „Wird dieser schreckliche Nebel noch lange anhalten?“

Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: „Das ist sehr schwer vorauszusehen!“

„Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger noch leiser.

„O nein, kaum; unser Kapitän ist sehr vorsichtig.“

Herr Dr. Bürstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.

„Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Bürstenfeger,“ baten Carlos und Nicolás, „es ist schrecklich langweilig hier.“

„Gut, aber ich komme mit euch“, antwortete der Lehrer.

Sie traten hinaus.

Nicht weit von ihnen ertönte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.

Der Nebel war noch dichter geworden.

An der Reling lehnte der fröhliche Priester.

„Ich glaube, unser Dampfer steht still“, sagte er.

Der Herr mit der Reisemütze tauchte auf.

„Ein Dampfer kommt uns entgegen,“ raunte er Herrn Dr. Bürstenfeger zu; „gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrücke!“

„Herr Dr. Bürstenfeger, gehen wir!“ drängten die Knaben.

„Aber ihr müßt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu stören“, sagte der Herr mit der Reisemütze.

Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf und standen hinter der Kommandobrücke neben dem Schornstein.

Vorn, unter ihnen saßen und kauerten die Emigranten, fröstelnd in ihre Mantel und Decken gehüllt.

Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die Offiziere hinter ihren Instrumenten.

Ihre Gegenwart erfüllte Herrn Dr. Bürstenfeger mit Beruhigung.

Plötzlich machte er von eisigem Schrecken erfaßt einen Satz.

Auch der Herr mit der Reisemütze und die Knaben fuhren zusammen. Denn gerade über ihnen ertönte markerschütternd der Schrei der Sirene.

„Um Gottes willen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und preßte die Hände an die Ohren.

Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die Sirene der Lombardia.

„Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wären!“ Die Hände fest an die Ohren gepreßt, starrte Herr Dr. Bürstenfeger in den dichten Nebel, er fühlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.

„Miserikordia!“ ertönte es plötzlich aus dem Haufen der Emigranten; mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete Panik. Man sah seine Hände im Nebel fuchteln.

Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrücke hinab.

Carlos und Nicolás sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen Glatze zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte.

Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand.

Nochmals heulte die Sirene über ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort.

„Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.

Sie kehrten zurück.

An der Reling lehnte ernst der fröhliche Priester, sein Brevier in der Hand.

Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.

Fräulein von Pfnühl saß in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehüllt und weinte leise: „Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du siehst mich nie wieder!“

Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nächster Nähe erfolgte jetzt die Antwort des fremden Dampfers.

Herrn Dr. Bürstenfegers Herz krampfte sich zusammen.

Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorüber.

„Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei!“ murmelte Herr Dr. Bürstenfeger.

Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an.

Herr Dr. Bürstenfeger ging mit Carlos und Nicolás ins Rauchzimmer; die vier Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft.

In einer Ecke saß stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und brütete vor sich hin ...

Nicolás zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: „Er ist noch wütend über den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...“

Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen, regelmäßigen Abständen gab sie ihre Warnungssignale.

Plötzlich ertönten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein Nebelhorn. Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia vorbei.

Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rückwärts. Das Schiff stand.

Sämtliche Passagiere waren aufs Deck gestürzt. Von rechts und links kam schrilles Pfeifen; wieder ertönten Nebelhörner, dazwischen Schimpfen und Fluchen.

„Wir sind in eine Fischerflottille geraten“, rief ein Steward.

„Um Gottes willen, man hat doch keine Barke überfahren?!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.

„Es ist nichts passiert“, lachte der Steward ...

Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne.

Eine Möwe flog nahe an Carlos und Nicolás vorbei, beinahe die Reling streifend.

Lange rührte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhörlich ertönten ihre Signale.

Dann fuhr sie wieder langsam weiter ...

Nach dem Nachtessen saß Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Rauchzimmer.

Auf dem Sofa saß die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der Reisemütze.

„Heute nacht gehe ich nicht zu Bett!“ sagte sie.

„Das Klügste wäre, wir blieben alle auf“, bemerkte er.

Lange saß man schweigend.

Plötzlich rief Carlos aus: „Es tutet ja schon lange nicht mehr!“

In dem Augenblick kam der Herr aus Coruña hereingelaufen und rief laut und freudig: „Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!“

Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete Schiffe fuhren vorüber.

Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern.

„Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie, Europa!“ riefen Carlos und Nicolás.

Bald leuchteten sämtliche Sterne am Himmel.

Ein großer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei.

Herr Dr. Bürstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicolás auf Deck, dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfüllt, setzte er sich ans Klavier und spielte Beethovens Eroika ...

Zwei Tage später war man in Barcelona.

Schon frühmorgens war ein großer Teil der Emigranten ausgeschifft worden.

Etwas später stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus.

Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás standen auf Deck.

„Schade, daß wir nicht an Land können, weil das Schiff so kurze Zeit hält“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger.

„Ist es denn in Deutschland nicht schöner als hier?!“ bemerkte tief enttäuscht Carlos.

„Barcelona ist eine schöne spanische Stadt, freilich ist dies hier von der Ferne aus schwer zu beurteilen“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.

„Aber Deutschland ist doch viel schöner?!“

„Es wird euch dort schon gefallen“, antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.

Jetzt stieg die schöne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines jungen Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende Barkasse.

Unzähliges Handgepäck folgte.

Die Barkasse stieß ab.

Die schöne Frau sah Carlos und Nicolás oben an der Reling stehen und warf ihnen zum Abschied Kußhände zu.

Carlos und Nicolás winkten mit den Taschentüchern und schrieen aus Leibeskräften: „Adieu, adieu, auf Wiedersehen!“

„Schon gut, schon gut, jetzt hört mal endlich auf!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger ärgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ...

* *
*

Zwei Tage später in der Frühe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua ein.

Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.

An der Reling standen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás, neben ihnen das Handgepäck und die Kiste mit den Affen.

Die Knaben dachten: Wie schön, bald sind wir in Mufflingen!

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „Genua, Königin des Meeres, letzte große Station vor meiner Heimat!“

Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten Matratzen die Emigranten zum Aussteigen bereit.

Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann.

Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er fortgezogen, kehrte er jetzt wieder zurück.

Die Lippen aufeinandergepreßt, blickte er schon lange auf das sich nahende Genua.

Plötzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, daß es über das ganze Schiff ertönte: „Genova mia Genova!“

Auf den Hafendocks spazierte Fräulein von Pfnühls guter Bruder. In Angst und Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wußte, daß sie sich dem Trunk ergeben hatte, und stand bereits mit einer Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in Verbindung.

— Ende —