Nach der Alten Welt

Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am dritten erschien sie wieder.

Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen hinüberschaute und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen Teller blickte.

Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.

Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von einer Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf Herrn Dr. Bürstenfeger, der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand.

Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.

„Laß das,“ zischte sie ihn an, „hast du denn nie Schularbeiten zu machen, du Dummbart?!“

Erschreckt wich Nicolás zurück.

Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der Stelle, die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen.

Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie redete ihn an:

„Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!“ Dabei ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „Sehr angenehm“ und setzte sich am Rande des Rohrsessels.

„Nun,“ meinte sie, „wie finden Sie unsere Mitreisenden?! — Ach, Herr Doktor,“ sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu ihm auf, „ich lese in Ihrer Seele — wie können Sie an dieser zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen Gesellschaft Gefallen finden — gerade Sie, Herr Doktor!“ Sie stieß einen Seufzer aus, schloß die Augen und sah ihn dann gleich wieder an.

„Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?“ Wieder seufzte sie und schloß die Augen: „Ach nur Resignation!“

In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes Gewinsel hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes Schreien und Quieken folgte.

Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig balgten, an ihren Schnüren hinter sich herzerrend.

„Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!“ schrie Fräulein von Pfnühl, indem sie sich aufrichtete.

Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: „Ich brachte sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!“

Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die Affen wieder auseinander zu bringen.

Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in ihre Kiste zurückbrachten.

„Karl und Nikolaus,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „ich gehe jetzt einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt keinen Unsinn!“

„Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!“ sagte Nicolás.

„Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.

„Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!“

„Ein Schimpfwort, wieso?!“

„Sie hat mich einen Dummbart genannt!“

„Das ist kein Schimpfwort!“ Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein Lächeln. „Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!“

„Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen wollen!“ antwortete Nicolás.

„Schon gut“, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. „Man darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht so böse gemeint haben!“

Darauf ging er.

Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war.

„Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!“ sagte Carlos.

Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur Miß Von zu nennen.

Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen Priester, der trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.

Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr lustig fanden, aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft.

Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine Bank.

Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.

Carlos sagte schließlich: „Wie langweilig ist eine Seereise ... man sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen Walfisch!“

„Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa“, tröstete ihn Nicolás.

Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.

Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen gemeinsamen Schlafraum der Emigranten führte.

Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und machte „brr!“

Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich zurück.

„Das stinkt!“ sagten beide.

Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: „Wenn du mir zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!“

„Gut, wetten wir“, antwortete Carlos und zog die Uhr.

Nicolás’ Kopf verschwand in der Öffnung.

„Zwanzig!“ rief Carlos, als die Zeit um war.

Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig Sekunden länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der Öffnung.

Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.

„War das ein Gestank!“ rief er aus. „Jetzt gib mir die zwanzig Centavos!“

„Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis zwanzig!“ antwortete Carlos.

Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.

„Ich bezahle nichts!“ sagte Carlos.

„Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten habe?!“ rief Nicolás zornig.

„Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!“ beharrte Carlos.

„Du bist betrügerisch und gemein!“ rief Nicolás und wollte auf ihn eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. Bürstenfeger.

„Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!“ fragte er streng.

Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall.

Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete sehr ernst: „Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung war außerdem im höchsten Grade gesundheitsschädlich. — Nicht weniger geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenüber sehr mutwillig und durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch nicht gut zu bekommen!“

Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste verdutzt.

Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte vollständige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer. Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drückender.

Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche im Badezimmer aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine Seereise sollte immer dauern. —

Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás lagen in ihren Betten und wälzten sich hin und her.

Kurz nach Mitternacht — Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen unruhigen Schlaf verfallen — wurde er plötzlich durch laute Schreie geweckt.

Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.

„Hilfe, Hilfe, ich sterbe!“ kreischte durchdringend eine weibliche Stimme.

„Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!“ Herr Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem Bett.

„Hilfe, Hilfe!“ gellte es wieder.

Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.

Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute.

Von neuem ertönten durchdringende Schreie.

„Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!“ rief der Herr mit der fahlen Glatze.

Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino der Nachtsteward.

Er riß die Tür einer Kabine auf.

Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte zurück.

In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch schnellte über ihr auf und nieder.

Auch die übrigen Passagiere wichen zurück.

Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, in den Händen.

„Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!“ rief er vor Lachen platzend.

Es erfolgt ein allgemeines Gelächter.

Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse.

„Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln gelernt!“ rief Carlos aus.

„Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger und schob sie in die Kabine hinein.

* *
*

Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre Affen zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste Ration.

Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den Rücken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck erschienen.

So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken.

Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor ihr und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem zerrissenen Schal gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, während sie an einem großen Stück Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte.

Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.

* *
*

Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die schöne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen Herrn, der im Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.

Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.

Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der Dame nach und überreichte ihn ihr.

„Ich danke dir, mein lieber Junge“, sagte die schöne Dame, streichelte ihn mit der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. „Ihr liebenswürdigen Kavaliere, ich muß euch doch endlich mal die längst versprochenen Bonbons geben, kommt mit!“

„Gleich bin ich wieder da“, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die Treppe hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine.

„Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank“, rief Carlos aus, denn ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwängt.

„Und wie es wunderschön riecht!“ rief nochmals Carlos.

„Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?“ Sie griff nach einem kleinen silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand.

„Na, gebt mir eure Taschentücher.“

Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an.

Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: „Unsere Taschentücher sind sehr schmutzig!“

„Das schadet nichts,“ lachte sie, „gebt nur her; Jungens haben immer schmutzige Taschentücher!“ und damit entleerte sie die Hälfte ihres Fläschchens in die Taschentücher der Knaben.

Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und füllte davon Carlos’ und Nicolás’ Taschen.

Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß:

„So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!“ ...

Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen fächelte ihr Kühlung zu mit einem großen japanischen Fächer und redete leise und eindringlich auf sie ein.

Sie lächelte nach einer Weile und nickte.

Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und knabberten an ihren Bonbons.

„Du,“ sagte Carlos, „hier habe ich einen mit Likör!“

Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel und konstatierte freudig: „Drei Meilen mehr als gestern!“

Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.

Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.

Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz vorn nach der Spitze des Schiffes.

Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das Schiff nach Nordosten.

Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt berührte sie ihn. Schon war sie unter.

„Die Sonne ist tot, ertrunken!“ sagte Carlos zu seinem Bruder.

In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter.

Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln rosenrot im Nordosten.

Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.

Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an der Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen.

Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.

Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: „Sieh, ist es nicht, als führen wir endlich unserem Ziele entgegen?“ —

Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.

Zwei italienische Emigranten sangen:

In guerra non voglio andare

perquè si mangea male

e si dorme in terra.

„Carlos, horch’, es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!“ sagte Nicolás.

Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als hundert Kehlen:

In guerra non voglio andare

perquè si mangea male ...

Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: „Jesus, Maria, Mutter ist tot!“

Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen.

Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das alte tote Mütterchen umfangen.

Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika und sie bekreuzten sich schluchzend.

Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze große Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage.

Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen.

Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum Abendessen.

Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom Haufen, der die Alte umgab, abgewandt.

Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das alte Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend dagesessen mit gefalteten Händen, und nun war sie eine Tote.

Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus Patagonien erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken.

Carlos und Nicolás erschauerten.

Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine.

Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend in den Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend.

Endlich meinte Carlos: „Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!“

„Um zwei Uhr hat man gesagt.“

„Niemand weiß es genau.“

„Wirst du heute nacht einschlafen können?“ fragte eine Weile darauf Nicolás.

„Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.“

„Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten wir dann doch einschlafen! — Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!“

„Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt“, antwortete Carlos.

Er schwieg.

„Arme Alte“, sagte er nach einer Weile.

„Denke doch nicht immer daran!“ —

„Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!“ Carlos richtete sich in seinem Bett auf. „Jetzt — ich glaube, man wirft sie ins Meer!“

Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.

„Nein, das Schiff fährt gleichschnell!“ flüsterte er.

Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.

Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.

Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.

Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. Sonst war es totenstill.

„Wie dunkel!“ flüsterte Carlos. „Wenn man nur einen einzigen Stern sehen könnte!“

„Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?“ meinte er nach einer Weile.

„Sie werden sie wohl bald auffressen,“ antwortete Nicolás, „aber vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!“

„Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?“

„Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.“

Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des Meeres vorzustellen.

Sie schwiegen lange.

Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: „Hörst du nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!“

Sie hielten den Atem an und horchten.

Nicolás sagte: „Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.“

Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.

Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. —

Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.

Hell schien die Sonne durch die Luke.

„Heraus, ihr Langschläfer“, rief er. „Es hat schon längst zum Frühstück geläutet!“

Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die Augen.

Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.

Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.

„Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen ins Wasser geworfen!“ rief Carlos aufs höchste verwundert aus.

Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: „Bedenkt, Karl und Nikolaus, daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!“

Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. „Um zwei Uhr“, antwortete der Obersteward.

„Wir haben aber gar nichts gehört!“ sagte Carlos.

„Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan“, antwortete der Obersteward.

* *
*

Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.

Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.

Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ...

Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr aufzubleiben.

Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.

Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...

„Bis jetzt, Karl und Nikolaus,“ sagte er, „können wir uns im großen und ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!“

Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus seiner Kindheit und Studentenzeit.

Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen.

Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte Flasche.

„Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,“ sagte Carlos, „wieviel Puder sich Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!“

„Still, Karl, werde nur nicht übermütig,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, „Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, harmlose Dame!“

Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und begann etwas vor sich hinzusummen.

„Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!“ baten Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sang:

„Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,

sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,

Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä

Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä

Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,

Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng.“

„Was ist das für ein komisches Lied?!“ unterbrachen ihn Carlos und Nicolás lachend.

„Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in feuchtfröhlichem Zecherkreise.“

Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:

„In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,

Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,

Raben flogen durch die Luft, trä ...“

„Endlich gefunden!“ ertönte emphatisch eine Stimme.

Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.

„Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte Seele!“

Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.

„Sie guter, edler Mann,“ Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, „lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!“

Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.

Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.

„Ich habe den Glauben an die Welt verloren“, schluchzte sie wieder laut auf.

Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. Bürstenfegers Brust.

„Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!“ Herr Dr. Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit sich fort.

„Ich will noch nicht zu Bett!“ schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.

„Du hast zu gehorchen!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.

„Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!“ heulte Carlos.

„Marsch, marsch!“

Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los.

„Alberner, törichter Junge!“ herrschte er Carlos an.

Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich heulte er laut auf: „Ich bekomme den Krebs!“

„Waas!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger.

„Sie haben mich fürchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist gestorben!“

„Was schwatzt du da für Unsinn,“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, „erstens bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich mit dir umgegangen!“

Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Nicolás sah, wie sein Kehlkopf sich über dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.

„Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett,“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, „geht einstweilen ins Eßzimmer und verhaltet euch still, ich komme bald nach!“

Carlos wollte schon die Türklinke ergreifen.

Herr Dr. Bürstenfeger hielt ihn zurück. Er sah ihn an. Über seiner Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet.

„Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schäme dich — so, jetzt geht!“

Sie gehorchten schweigend.

Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tür. Dann aber glätteten sich langsam seine Züge; er sagte vor sich hin: „Ich hätte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenuß versagen sollen!“

* *
*

Am nächsten Morgen beim Frühstück wagte Herr Dr. Bürstenfeger nicht vom Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Fräulein von Pfnühls zu begegnen.

Als er nachher mit Carlos und Nicolás auf Deck ging, ließ er die Knaben allein.

Von Unruhe gequält, spazierte er umher und spähte in alle Winkel.

Plötzlich erhellten sich seine Züge. Neben einer großmächtigen Taurolle hatte er ein Plätzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs prächtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen.

Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl zwanzig Schritte von ihm Fräulein von Pfnühls Stimme: „Herr Doktor!“

Herr Dr. Bürstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach dem Treppenhaus.

Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schüsseln kamen gerade die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.

„Herr Doktor!“ ertönte es noch mal kläglich bittend dicht hinter ihm.

Herr Dr. Bürstenfeger duckte sich, und mit zwei Sätzen war er unter den Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Eßzimmer in seine Kabine und schloß sich ein.

Schwer ließ er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: „Nichts Fürchterlicheres gibt es für einen Mann, als wenn eine Frau, die er nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zärtlichkeit verfolgt!“

Aber von nun an haßte und verabscheute Fräulein von Pfnühl Herrn Dr. Bürstenfeger aus ganzer Seele.

Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit erfüllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit einem Zuge aus.

* *
*

Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.

Seit St. Fernando d’Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land mehr gesehen.

Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kündeten vereinzelte Möwen die Nähe der Küste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am Horizont tauchten Dampfer und Segler auf.

Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff vorbei. Carlos und Nicolás schwenkten jubelnd die Mützen.

Am frühen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde Häuser.

„Land, Land!“ riefen Carlos und Nicolás beglückt aus ...

Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam führte er das Schiff in die Reede des felsenumstandenen Santa Cruz ...

Die Lombardia sollte Kohlen laden.

Sämtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und ließ sich im Städtchen umherfahren.

Oberhalb der Stadt auf der Anhöhe speiste man im Hotel auf der Veranda mit dem Blick auf Felsen und Meer.

Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man wieder an Land nach langer Seereise.

Dann spazierte man auf den Berghängen umher, und als das erste Signal des Dampfers ertönte, kehrte man an Bord zurück ....

Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane lärmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.

Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.

Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schönen Insel genießen, solange es noch hell war. —

Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade abstoßen, als ein kleines schmächtiges Männchen in einem geflickten Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhäuptig und trug ein kleines Bündel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm.

Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlüssig an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den Leichter zu steigen.

Sein Bündel krampfhaft gefaßt, blickte der kleine Mann verzweifelt zum Deck der Lombardia hinauf.

Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er die Arme in die Höhe und brach in lautes Weinen aus: „Herr Kapitän, ich beschwöre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel zurück, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich muß ja zu den Meinen!“

Der Kapitän, ein Mann mit einem dicken gutmütigen Gesicht, stand reglos an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig herunterschauten.

„Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an Land gesetzt wird“, erklärte der Kapitän einigen Umstehenden, die ihn mit Fragen bestürmten.

„Um Himmels willen doch kein Anarchist!“ schrie Fräulein von Pfnühl auf.

„Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?!“ fragten Carlos und Nicolás voller Mitleid einen Herrn aus Coruña, der karierte Hosen trug.

„Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren, versteht ihr, Jungens?!“ belehrte sie dieser.

„Herr Kapitän“, schrie das Männchen hinauf und weinte herzbrechend, „ich flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun; machen Sie mich doch nicht unglücklich!“

„Das fehlte noch,“ lachte der Herr aus Coruña, „wir haben bei uns schon genug anarchistisches Gesindel!“

Die meisten Passagiere schauten gleichmütig hinunter; einige bemitleideten das Männchen, andere lachten über sein Geschrei und seine komischen Armbewegungen.

Der Kapitän zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von der Reling zurück.

„Herr Kapitän, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!“ fragten aufgeregt Carlos und Nicolás.

„Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch!“ lächelte der Kapitän.

Carlos und Nicolás wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre Sparbüchse zu holen.

Aber Herr Dr. Bürstenfeger hielt sie zurück: „Ihr habt keine Zeit, der Leichter fährt schon ab!“

Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein Goldstück, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer laut weinenden Mann hinreichte.

In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.

„Gracias, gracias, Señores, que Dios se lo pague!“ rief schluchzend der Mann und winkte mit dem Bündel zum Schiff hinauf ...

Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstieß. Kurz darauf lichtete die Lombardia die Anker und verließ die Reede.

Carlos und Nicolás standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den steilen Felsen der Insel, die allmählich in der Dunkelheit verschwanden.

Es war ihnen traurig zumute.

Nicolás sagte: „Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen?“ —

* *
*

Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer, gleichfalls mit Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen.

„Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben!“ sagte der Kapitän.

Am Morgen spähten Carlos und Nicolás nach dem spanischen Dampfer aus, aber er war noch nicht sichtbar.

Der Herr aus Coruña mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der Hand, auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: „Den holen wir nie ein, der Kapitän hat wieder einmal den Mund zu voll genommen.“

Nicolás fragte verwundert: „Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige Kasten gewinnt?“

„Was für ein Landsmann bist du?“ fragte der Herr aus Coruña ein wenig herausfordernd.

„Argentiner!“ antwortete Nicolás stolz.

„So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wäre, würdest du dich freuen, wenn unser Schiff gewönne?“

„Ja,“ antwortete Nicolás „denn wir sind ja selbst darauf!“

„Du bist mir ein trauriger Patriot,“ antwortete der Herr aus Coruña und klopfte ihm auf die Schulter, „ich bin ein Spanier, und jener dreckige Kasten ist es auch, ich wünsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!“

Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont.

* *
*

Als Carlos und Nicolás kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie aufs höchste überrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und putzte eifrig Blechteller.

Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf sie zu, erfaßte ihre Hände und drückte sie lange und herzlich: „Tausend Dank, meine kleinen Herren, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.“ Tränen standen in seinen Augen. „Von einem Matrosen habe ich erfahren, daß Sie es waren, die mir das Geld schenkten.“

„Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?!“ riefen Carlos und Nicolás.

„So ... mit einem Boot!“ antwortete er und zwinkerte schlau mit den Augen.

Jubelnd liefen Carlos und Nicolás zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Der arme Anarchist ist wieder da!“

Gleichfalls überrascht hörte Herr Dr. Bürstenfeger die Nachricht. Schließlich meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: „Er wird sich doch nicht wieder eingeschmuggelt haben?“

Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Näheres zu erfahren.

Der Schiffskommissar lachte: „Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem Geld hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlenträger in der Dunkelheit wieder eingeschlichen.“

„Herr Kommissar, dann wäre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!“ meinte Herr Dr. Bürstenfeger in peinlichster Verwirrung.

„Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme Teufel wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein Reisegeld, aber wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu setzen.“ Er lachte wieder. „Da er nun aber wieder da ist, muß er mit nach Barcelona, ins Wasser kann man ihn nicht werfen.“

Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Bürstenfeger: „Dann freilich war das die beste Wendung, Herr Kommissar!“ ...

Als Carlos und Nicolás am nächsten Morgen auf Deck erschienen, stand dort alle Welt, die Ferngläser und Operngucker nach dem spanischen Dampfer gerichtet, der einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er entsandte eine dicke Rauchsäule; man konnte schon die Farben des Schornsteins erkennen.

Der Herr mit der Reisemütze lachte: „Er will nicht schmählich überholt werden und arbeitet mit Volldampf!“

Ein Franzose aus Teneriffa meinte: „Auch die Lombardia spart nicht die Kohlen, sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.“

„Nur zu, nur zu!“ meinte ein aufgeregter Herr aus Triest.

Der Herr aus Coruña stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte hämisch und überlegen zu lächeln.

Carlos und Nicolás aber glühten vor Stolz und Begeisterung für die Lombardia.

Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand: „Herr Dr. Bürstenfeger, kommen Sie, wir überholen den Spanier, wir gewinnen!“

„Ich habe keinen Sinn für diese alberne Wettfahrt,“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, „ich betrachte jetzt das Meer; so schön und so licht war es auf der ganzen Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche scheint der Horizont gerückt!“

Aber Carlos und Nicolás waren bereits auf und davon und wieder zurück nach der anderen Deckseite.

Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz: „Wenn dieser Spaß noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine Kesselexplosion!“

* *
*

Es war am nächsten Tag; Carlos und Nicolás waren auf Zwischendeck. Unter den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie einen spindeldürren alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen verblichenen blauen Rock und Zwillichhosen. Über dem eingesunkenen Leib baumelte eine schwere silberne Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine Lavallièrekrawatte, reichlich bedeckt mit Speiseresten.

Neben ihm auf einem Feldstuhl saß eine hagere, alte Frau in einem schmutzigen Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Das Gesicht war voller Falten, aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt schien, zeigte keinen einzigen weißen Faden.

Mit lauter Stimme, die manchmal überschnappte, und lebhaften Gebärden trug der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstück vor.

Carlos und Nicolás blieben in einiger Entfernung stehen und hörten zu.

Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele schrien begeistert: „Da capo, da capo!“

Der Alte dankte lächelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf einen Holzkoffer. Mit nachlässiger Gebärde holte er eine Zigarre aus seiner Tasche und steckte sie an.

Carlos und Nicolás fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein möchten.

Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden Passagier gewesen war, hatte sie schon längst bemerkt.

„Meine jungen Herren,“ sagte er und verneigte sich leicht, „ich weiß nicht, ob Sie meine Darbietung angehört haben; aber immerhin, wollen Sie uns nicht die Ehre erweisen, näher zu treten?“

Er stand auf und machte eine großartige Verbeugung: „Mein Name ist Vittorio Chiasaponte!“

Etwas verwirrt über eine so ungewöhnliche Ansprache, traten die Knaben heran.

„Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor!“ Der Alte zeigte nach der Dame auf dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lächeln verneigte. „Santa Madonna, ohne mich brüsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie einst empor, in Lumpen gehüllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres schlichten Talentes, machte sie zur Sängerin, die sie wurde, machte sie zu meiner Gattin!“

„Ja, das tat er“, nickte sie mit Überzeugung. Und emphatisch die Hand in die Höhe bewegend: „Er, der große Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis zu meinem letzten Atemzuge!“

„Schon gut, schon gut, Elvira“, winkte der Künstler gutmütig ab. Mit schmerzlichem Pathos fuhr er fort: „Freilich, Signorini, die Zeit meines großen Wirkens liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt jenen Klang hatte, den heute noch die Annalen eines Teatro San Carlo und einer Scala verzeichnen, und der erlöschen muß, wenn es der Ratschluß der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, Sängern und Virtuosen niemals dankbar war!“

„Vittorio, das wird nicht geschehen!“ rief die Gattin.

„Wie dem auch sei!“ Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. „Der Schauplatz meines Wirkens hat sich verändert; Haß und Neid haben mich von den großen Bühnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehörend, reise ich mit meiner treuen, geliebten Elvira als freier Künstler in der Welt umher!“

„Bravo, bravissimo!“ sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch trug. Ein Beifallsgemurmel ertönte umher.

Chiasaponte trat einen Schritt zurück und machte vor Carlos und Nicolás nochmal eine Verbeugung: „Signorini, meine Gattin und ich stehen mit unserem reichen Repertoire“, er zeigte in der Richtung der ersten Klasse, „einem hochdistingierten, hochkultivierten Publikum jederzeit zur Verfügung. Wenn Sie geneigt wären, in diesem Sinne ein Abkommen zu vermitteln, wäre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen zu dienen!“

Carlos und Nicolás standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt seiner Rede nicht ganz verstanden.

Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: „Il Signor Chiasaponte bittet euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die Mitteilung zu machen, daß zwei große Künstler“, er wies auf das Paar, „oben eine Gesangsvorstellung zu veranstalten beabsichtigen — selbstverständlich“, der kleine Mann neigte sein Gesicht zu Carlos und Nicolás herab und rieb den Daumen gegen den Zeigefinger — „gegen entsprechende Bezahlung!“

Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut über die Aussicht auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse.

Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die Honorarbedingungen lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt.

Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen der Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache.

Die Vorstellung wurde für den nächsten Tag bestimmt. Carlos und Nicolás konnten die Zeit kaum erwarten.

Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte Bühne. Straff gespannte Segeltücher, mit Fahnen behängt, bildeten den Hintergrund und die Seiten, zwei große Fahnen den Vorhang.

Das Publikum erschien vollzählig und pünktlich. Auch die Passagiere der zweiten Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als sechzig Personen.

Bereits über zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig, begann zu scharren und zu stampfen.

Da sahen Carlos und Nicolás in der Dunkelheit zwei abenteuerlich gekleidete Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell hinter der Bühne verschwinden.

Der Vorhang bewegte sich, man hörte dahinter leise und aufgeregt sprechen. Die Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es still, und bald nachher öffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund der Bühne stand das Klavier vom Salon. Daran saß ein Herr aus der ersten Klasse, der sich lächelnd gegen das Publikum verneigte. Links weiter hinten stand ein kleiner runder Tisch.

Hinter der Szene hörte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit einem Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm das Glas und stellte es auf den Tisch.

Kurz darauf erschienen beide Künstler. Durch den Zuschauerraum ging eine Bewegung. Carlos und Nicolás reckten die Hälse.

Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote Pluderhosen und lange schwarze Strümpfe, die einige Löcher hatten, als Fußbekleidung die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weiße Perücke, an der Seite einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; den eingesunkenen Leib bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner schlecht schließenden Weste sichtbar war.

Die Künstlerin hatte ein verblaßtes Atlaskleid an mit roten Papierblumen, trug eine hohe weiße Perücke und war sehr ausgeschnitten. Auf ihrem grotesk geschminkten Gesicht prangten Schönheitspflästerchen, die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. Weiße schmutzige Atlasschuhe mit abgetretenen Absätzen zierten ihre Füße.

Jetzt wandte sich die Künstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand auf ihren Busen und begann in hohem Sopran zu singen.

Schon bei den ersten Tönen preßte Herr Dr. Bürstenfeger seine Hände zusammen, verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: „Ach schrecklich, arme Frau!“

Chiasaponte griff nach der Hand der Künstlerin. Aber sie trippelte lächelnd zurück, mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er näherte sich ihr singend, die Hand auf der Brust.

Nochmal verzog Herr Dr. Bürstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch sein Tenor erschien ihm ganz unerträglich.

Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurück, sondern lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte zu ihm hinauf. Sie sangen ein Duett.

Plötzlich stieß er sie zurück. Seine Miene war mit einem Schlage verändert, die Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und racheheischend.

Unter den Zuschauern hörte man unterdrücktes Kichern; irgendwo rief jemand laut: „Bravo!“ Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und Nicolás die Vorgänge.

Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den Chiasapontes.

Er langte in eine Seitentasche und überreichte ihr wild triumphierend einen Brief, worauf er seinen Degen zog.

Sie überflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich aufschreiend warf sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten Gebärden eine leidenschaftliche Arie.

Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fäusten gegen die Brust. Flehentlich näherte er sich ihr.

Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und griff nach dem Glase.

Er fiel auf die Knie und rang die Hände zu ihr empor.

Die Heiterkeit beim Publikum wuchs.

Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er in einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift nehmen, und niemand könne sie mehr erretten.

Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Perücke saß ihm schief auf dem Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt über.

Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der Reisemütze, der Carlos und Nicolás schräg gegenüber saß, hatte sein Taschentuch in den Mund gestopft und wand sich.

Carlos zupfte Herrn Dr. Bürstenfeger am Rock und fragte: „Ist das ernst oder komisch?“ Nicolás sagte leise: „Ich glaube komisch.“ „Eher wohl ernst“, meinte kurz Herr Dr. Bürstenfeger.

Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin schon längst als Leiche auf der Erde.

Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, bis, da capo-Rufe ertönten.

Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male.

„Bis, da capo!“ ertönte es von neuem.

Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um.

Mit einem Schrei taumelte er zurück; dann aber machte er einige Schritte vorwärts, und nach einem kurzen, ergreifenden Schlußgesang bückte er sich nach seinem Degen, stieß ihn sich in den Leib und fiel neben seine Gattin nieder.

Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall wollte nicht enden.

Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann wieder zurückzogen.

Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern. Man war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten flogen in den Teller. Die Künstlerin ging die Reihen auf und ab, der Teller zitterte in ihrer Hand. Beinahe taumelnd verschwand sie hinter der Szene.

Das Publikum begann sich von den Plätzen zu erheben.

„Pst, stille!“ ertönte es plötzlich, denn in demselben Augenblick erschienen wieder beide Künstler auf der Bühne. Ihm wie ihr rannen dicke Tränen über die geschminkten Backen.

Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich.

„Meine Damen und Herren ...“, begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er hielt inne und schluckte heftig. „... Ich danke Ihnen ... Wohl weiß ich,“ zitternd berührte er seine Kehle, „daß ich nicht meiner Stimme diesen Erfolg zu verdanken habe ... sie ist nicht mehr die frühere; ich bin ein Greis ... aber das, was höher steht als die Materie, der Geist, der zu den Gemütern spricht, er ist noch nicht ganz erloschen, er hat einen Widerhall bei Ihnen gefunden!“ — Wieder hielt er inne „Meine Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches Publikum zu treten!“

Die Künstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurück.

Im Publikum war große Stille. Allmählich ging man auseinander.

„Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen?“ fragte Carlos Herrn Dr. Bürstenfeger.

„Arme, arme Menschen“, flüsterte der Lehrer.