1. Bewunderer und Gegner.
Fünf Jahre waren verflossen, seit der Name des Dichters durch die Nachtstücke „Abdallah“ und „Lovell“ bekannt geworden war. In überraschenden Wendungen war er dann zum Humor, zum volksthümlichen Märchen und den romantischen Dichtungen übergegangen. Hier hatte er die vergessene Sage des Mittelalters neu belebt, und der Sehnsucht nach dem dichterischen und religiösen Glauben Worte gegeben.
Die dämonischen Romane fanden nicht die Theilnahme, welche er erwartet haben mochte. Es fehlte an ungünstigen Beurtheilungen nicht. Das Publicum verhielt sich diesen Erscheinungen gegenüber gleichgültig. Dann hatte der abweichende Ton der Volksmärchen überrascht und gereizt. Wenn Manche bedenklich wurden oder sich zu leidenschaftlicher Kritik hinreißen ließen, so gab es doch auch Solche, deren Beifall um so entschiedener war. Im Allgemeinen mußte man anerkennen, man habe es mit einem eigenthümlichen Dichtergeiste zu thun, der Glauben genug an sich selbst besitze, um seine eigenen Bahnen zu suchen und zu verfolgen. Die romantischen Dichtungen, die Verbindung mit den Schlegel und Novalis brachte Tieck’s Stellung zum Abschlusse. Ein bedeutender Erfolg blieb dieses Mal nicht aus, und die Poesie, welche wechselsweise den Humor und die Verherrlichung des Wunders voranstellte, fand auch in weitern Kreisen ihr Echo. In der literarischen Meinung des deutschen Nordens, mindestens in der Berlins, bereitete sich ein Umschwung vor.
Das Ansehen der ältern Schule, ihrer Philosophen und moralischen Dichter war in ein bedenkliches Schwanken gerathen. Aus Kritikern und Richtern wurden sie Kritisirte und Gerichtete. Schon ihr Gegensatz gegen alle großen und glänzenden Erscheinungen der letzten Jahrzehnde mußte ihre innere und ursprüngliche Dürftigkeit klar machen. Die neue Wendung der Philosophie, Goethe’s und Schiller’s Siege, die schonungslosen Urtheile der Schlegel, die Dichtungen Tieck’s, Alles wirkte zusammen.
Aber schon ward auch die Aufklärung zum Stichwort des Spottes, Bezeichnung des Seichten und Oberflächlichen. Die Angriffe auf ihre Vertheidiger wurden zahlreicher, und die Unberufenen fingen an, von dem Tiefsinnigen und Geheimnißvollen viel zu reden. Unverkennbar hatte die „Genoveva“ großen Eindruck gemacht. Je glänzender die verklärenden Strahlen der Dichtung waren, in denen dieses Heiligenbild sich zeigte, um so ärmlicher erschien die ältere nüchterne Poesie. Das jüngere Geschlecht sah die Stellung der Parteien mit andern Augen an. Wie ganz anders wurden nicht Gefühl und Phantasie durch die neuen Dichtungen angeregt! Zunächst in Berlin bildeten sich neben den Kreisen der Freunde, der Anhänger und Bewunderer, auch die der Nachahmer und Nachsprecher.
Als Tieck im Herbste des Jahres 1800 aus Hamburg zurückkehrte, mußte er bereits mehr, als ihm lieb war, von Mystik und Wunder, von Mittelalter und Romantik reden hören. Es waren Wendungen und Formen, die man ihm und seinen Freunden abgelernt hatte. Andere, die keinen Beruf dazu hatten, stimmten in den abschreckenden Ton der neuen Kritik ein. Sie gebrauchten deren Stichworte fleißig, gleichviel ob sie passen mochten oder nicht. Eine Wendung der Schlegel vornehmlich ward zur beliebten und stehenden Redensart. Bis zur Religion sollte Alles getrieben werden, nicht allein Kunst und Poesie, sondern zuletzt auch jede Trivialität des gewöhnlichen Lebens. So entstand eine Parteisprache, die für Niemand verdrießlicher war als für Tieck selbst. Das jüngere Geschlecht, das genial und erhaben sein wollte, war um nichts besser als das ältere pedantische. Wieder waren es unwahre Gefühle, nachgesprochene Redensarten, angelernte Gedanken, denen er begegnete.
So ernst seine Stimmung damals war, so regte sich doch bei diesen Wahrnehmungen die humoristische Laune. Die freie Bewegung des Dichters hatte er gegen den alten Schul- und Parteizwang in Schutz genommen, jetzt wollte er auch des jüngern vorlauten und zudringlichen Geschlechts nicht schonen, dem er selbst die Waffen in die Hände gegeben hatte. In Jena hatte er für sein poetisches Journal eine Parodie: „Der neue Hercules am Scheidewege“, geschrieben, in welcher er seinem Unwillen, seiner Verachtung der seichten und unmündigen Bewunderer Luft machte. Er war jener Autor, der am Scheidewege zwischen dem falschen und dem wahren Ruhme steht, und dem sich die verschiedensten Stimmen und Meinungen aus dem Publicum aufdrängen. Das Gegenbild zu den kindischen Huldigungen des Bewunderers gaben die platten Einwürfe des alten Mannes, der als eifriger Vorfechter der alten Schule den Dichter mit der Autorität Lessing’s zu schrecken sucht.
Indessen erhoben sich auch die Gegner. Seit langer Zeit hatten sich infolge der kritischen Neckereien Verdruß und Aerger angesammelt, endlich mußte es zum Ausbruche kommen. Seit ihrem ersten Auftreten als Kritiker und Dichter hatten die Schlegel eine Reihe neuer Ansichten und Behauptungen aufgestellt, die durch Schärfe und Paradoxie reizten. Persönliche Angriffe, die sich damit verbanden, hatten erbittert. Zwei Namen waren es, für deren unbedingte Anerkennung sie kämpften, Goethe und Fichte. Die Beschränktheit und Engherzigkeit der Gegner vermehrte die Misverständnisse, die Furcht vor dem Neuen machte sie um ihre Stellung besorgt, das scharf Ausgesprochene, das Eigenthümliche ward lästig und unbequem.
Seit 1798 war das „Athenäum“ der Träger dieser neuen einschüchternden Kritik. Nur auf eine geringe Zahl von Mitarbeitern beschränkte man sich. Außer den beiden Schlegel hatten Novalis, Schleiermacher, Bernhardi und Hülsen Beiträge gegeben, und sie trafen schonungslos eine nicht unbedeutende Anzahl von Namen, die in der Literatur bisher gegolten hatten.
Am meisten verletzten A. W. Schlegel’s satirische Ausfälle in seinem literarischen „Reichsanzeiger“. Nicht nur Nicolai und Kotzebue, Jenisch und Schmidt von Werneuchen wurden verspottet, auch Kästner, selbst Wieland blieb nicht unangetastet, ebenso wenig als Matthisson und Voß verschont wurden. Wußte man doch, daß Schlegel auch mit Schiller nicht in gutem Vernehmen stehe. Wenn aber die Neuerer Männer, welche einen unleugbaren Einfluß auf die Literatur gehabt hatten, in dieser Weise behandelten, wenn sie Zweifel erhoben, wo man bisher nur zu bewundern gewohnt war, so lag darin für die kleinen Geister kein geringer Trost, dergleichen Mishandlungen nicht allein erfahren zu haben. Nun konnten sie die glänzenden, allgemein anerkannten Namen voranschieben. Eine noch bessere Waffe für die Gegner war die „Lucinde“. Dieser Roman machte durch seinen Cultus der Sinnlichkeit, durch die Zügellosigkeit, welche die sittlichen Schranken durchbrach, auch die Freunde irre, er drohte praktisch in das Leben einzugreifen. Jetzt appellirte man an den Richterstuhl der öffentlichen Moral. Es handelte sich nicht mehr um philosophische oder ästhetische Kritiken und Lehrmeinungen. Auf dies Buch hin glaubte man alle diese jüngern Schriftsteller als eine Sekte gefährlicher Bilderstürmer angreifen zu können.
Tieck hatte sich von dem fachmäßigen Betriebe der literarischen Kritik fern gehalten. Einige übernommene Aufträge für die „Jenaische Literaturzeitung“ hatte er später abgelehnt, und sich bei dem „Athenäum“ nicht betheiligt. Nur in einigen Jahrgängen des berlinischen „Archivs der Zeit“ hatte er die neuesten Musenalmanache besprochen. Somit blieben allein die humoristischen Scherze und Angriffe in seinen Dichtungen übrig. Hier waren viele einzelne Züge von bekannten Persönlichkeiten entlehnt, die meistens Berlin angehörten. Außer Kotzebue, Böttiger und manchem Modeschriftsteller, fand man auch Nicolai, Iffland, Gedike, Biester und Engel wieder. In der Vision „Das jüngste Gericht“, hatte Tieck eingeräumt, sie verspottet zu haben. Dennoch konnte er mit Recht sagen, nicht das Persönliche, sondern das Allgemeine in diesen Charakteren habe er dargestellt. Eine bestimmte Richtung der Zeit hatte er in ihnen angegriffen, den unverbesserlichen Prosaismus geschildert. Nicht als privilegirter Satiriker, nicht als schwerfälliger oder gallsüchtiger Moralist war er aufgetreten, als Dichter hatte er die Waffen des Spiels und der Phantasie gebraucht. In seiner rein humoristischen Laune war er des Vorrechts der Poesie, den Scherz um des Scherzes willen treiben zu können, so gewiß, daß er mit dem besten Gewissen versichern konnte, nichts habe ihm ferner gelegen als persönliches Uebelwollen; die Schuld des Misverständnisses liege zum Theil an dem schwerfälligen Ernste seiner Landsleute, die überall Räthsel suchen und lösen wollten, und nicht im Stande seien, den Scherz ohne irgendeine hinterhaltige Absicht zu denken.
Wirklich war er über die Grenzen des literarisch Erlaubten nicht hinausgegangen. Er sprach nicht von dem moralischen Charakter dieses oder jenes bekannten Mannes, sondern von Zuständen, von Ansichten, die in Büchern offen vor Aller Augen lagen. Wie harmlos seine Angriffe waren konnte ihre Vergleichung mit denen Schlegel’s am besten zeigen. Mit dem kältesten Blute und der ruhigsten Ueberlegung waren diese ausgeführt und mitunter giftig zu nennen.
Ein komischer, aber entschiedener Beweis der schlagenden Kraft seiner Dichtungen war es, wenn Personen sich für angegriffen erklärten, an welche er nicht gedacht hatte, die er kaum kannte. Durch Einiges im „Gestiefelten Kater“ war ein fernstehender Bekannter, der Maler Darbes, verletzt worden. Die eifrigsten und aufrichtigsten Versicherungen des Gegentheils hatten den Zürnenden nicht zu besänftigen vermocht. In schildaischer Weise wollten andere Ueberkluge in dem „Prinzen Zerbino“ den Kriegsrath Zerboni wiedererkennen, der infolge seiner Händel mit dem Minister Hoym als des Jakobinismus verdächtig, zur Untersuchung gezogen und auf die Festung abgeführt worden war. Freilich nur dunkle, aber für den Eingeweihten doch kenntliche Anspielungen auf diese vielbesprochene Tagesgeschichte sollten sich in Tieck’s romantischer Dichtung finden.
Aus diesem Spähen nach einem verborgenen satirischen Sinne ergaben sich nicht geringe persönliche Belästigungen. Zudringliche ließen keine Gelegenheit vorübergehen, um ihm vertraulich näher zu rücken und ihn auszuforschen, wen er wol mit diesen Gestalten gemeint haben könne. Inquisitorische Examina hatte er zu bestehen, die in der Regel mit dem Vorwurfe der Verschlossenheit und des Mangels an freundschaftlichem Vertrauen endeten. Nichts aber war ihm verhaßter als das plumpe und täppische Zufahren der Biedermänner, welche in ihrer treuherzigen Offenheit vertrauliche Mittheilungen und Geständnisse als Pflicht der Freundschaft in der ersten halben Stunde oberflächlicher Bekanntschaft in Anspruch nahmen.
Zu diesen kleinen Quälereien kamen auch literarische Angriffe, die einen ärgerlichen Charakter trugen. Zuerst griff Johannes Falk der Satiriker zu den Waffen. Mit einem gewissen Geräusch war dieser Schriftsteller in die Literatur eingetreten. Wieland hatte ihn als neuen Aristophanes proclamirt; sieben große satirische Geister der Vorzeit sollten in ihm versammelt sein. Seit dem Jahre 1797 speicherte er für die Freunde des Scherzes und der Satire seine Einfälle in jährlich wiederkehrenden Taschenbüchern auf. Trotz Wieland’s schützender Privilegien konnte Tieck in diesen Satiren nichts von dem finden, was darin liegen sollte. Er vermißte den pomphaft angekündigten Scherz. In seiner Kritik des „Taschenbuchs für 1798“ im „Archiv der Zeit“ führte er aus, wie schwerfällig Falk die Satire als eine überlieferte literarische Stilgattung, als ein nützliches Geschäft moralischer Besserung nach der Definition älterer Lehrbücher betreibe; sein breiter und selbstgefälliger Witz beruhe nur auf einigen allbekannten und verbrauchten Kunstgriffen, und sei der Poesie ebenso fern, als er sich dem Pasquillantischen nähere. Er greife mit seinem gewichtigen Apparate nur unwesentliche und gleichgültige Dinge auf von rein localer Bedeutung, während er den Charakter der Zeit im Ganzen weder aufzufassen noch darzustellen vermöge.
Diese Bemerkungen waren geeignet, Tieck’s eigene Scherze im rechten Lichte erscheinen zu lassen, und ihr Verständniß im Gegensatze zu der absichtsvollen sogenannten moralischen Satire zu eröffnen. Falk indeß fühlte sich durch diese ernste Kritik, wie durch die scherzhafte im „Zerbino“ gleich sehr verletzt. Es schien mit seiner Freundschaft für Scherz und Satire kein rechter Ernst zu sein. Im „Taschenbuch für 1799“ antwortete er in zornig-höhnischen Angriffen auf Rambach, den Herausgeber des „Archivs der Zeit“, der an jenem Urtheile unschuldig war. In den nächsten Jahrgängen wandte er sich gegen die Schlegel, das „Athenäum“ und ihre Freunde. Auf einem beigegebenen Bilde hatte er sogar Tieck, auf seinem „Gestiefelten Kater“ reitend, darstellen lassen.
Auch Garlieb Merkel, der vorlaute und oberflächliche Publicist, ergoß sich in seinen „Briefen an ein Frauenzimmer über die schöne Literatur“, dann später in seinem „Freimüthigen“ in den niedrigsten Schmähungen über Tieck. Zu der beliebten Anklage des Obscurantismus, der Bänkelsänger- und Sachs-Poesie kamen Verdächtigungen der gemeinsten Art.
Selbst die Uebersetzung des „Don Quixote“ wurde in diesen Parteistreit hineingezogen. Gleichzeitig mit derselben war auch die von Soltau erschienen. Dieser hatte in Schlegel’s anerkennender Beurtheilung der Tieck’schen Arbeit in der „Literaturzeitung“ von 1799 eine Herabsetzung seiner eigenen Leistungen gefunden, und es nöthig gehalten, in dem Jahrgange von 1800 sich dagegen zu verwahren. Es sollte die keineswegs unbedingte Anerkennung, welche Tieck’s Uebersetzung zu Theil geworden, ein berechnetes Verfahren einer Partei sein, deren Absicht war, kein anderes Verdienst als ihr eigenes gelten zu lassen. Auch an sonstigen gelegentlichen Ausfällen ließ er es nicht fehlen. Im nächsten Stücke des „Athenäum“ erfolgte darauf eine Gegenkritik Schlegel’s, welche nun die Schwächen der Soltau’schen Arbeit offen darlegte. Soltau war in Spanien gewesen, er kannte die Sprache aus lebendigem Gebrauche, und hatte gewiß mit bessern Mitteln gearbeitet als Tieck. Dennoch war auch er von Irrthümern nicht frei geblieben. Aber seine Uebersetzung litt an prosaischem Unverständniß des Cervantes überhaupt. Wenn er Tieck in manchen Punkten übertraf, so hatte er doch sicher nichts von dem nachdichtenden und umbildenden Geiste, der für den Uebersetzer des Cervantes unerläßlich ist.
Unzweifelhaft war unter diesen Händeln der ärgerlichste der mit Iffland.
In Berlin hatten neben Tieck’s Dichtungen und Schlegel’s Kritiken Bernhardi’s Theaterrecensionen keinen geringen Anstoß gegeben. Auch er war des scharfen, kritischen Stils vollkommen Meister, und hatte durch den bestimmten, abschreckenden Ton im „Archiv der Zeit“ die Schauspieler und den Führer der Bühne gegen sich aufgebracht. Er erkannte Iffland’s großes mimisches Talent an, aber nicht unbedingt, nur innerhalb gewisser Grenzen; auch er wollte es nur für die mittlern und gemäßigten Rollen gelten lassen. Als dramatischen Schriftsteller hatte er ihn in seiner Posse „Seebald, der edle Nachtwächter“, die ein treffendes Abbild der rührenden Familiengeschichten ist, kritisirt. Bernhardi’s Verhältniß zu Tieck war bekannt, in ihrer Verbindung mit den Schlegel galten sie als Partei, die es auf gegenseitige Lobpreisung und Erhebung, auf ein Tyrannisiren des Geschmacks und der Literatur abgesehen habe. Ein Vorwurf, der, soweit er Tieck betraf, vollkommen unbegründet war. Wiederholt war Iffland Gegenstand kritischer Zweifel und satirischer Neckereien geworden. Er war gereizt, und dachte seinerseits einen Schlag gegen die lästigen Angreifer zu führen, der nicht ihn allein, sondern zugleich alle, die überhaupt gekränkt worden waren, rächen sollte.
Gegen Ende des Jahres 1800 ward ein Lustspiel, „Das Chamäleon“, auf die Bühne gebracht, das sich in veränderter Gestalt bis in die spätern Zeiten auf den Bretern erhalten hat. Verfasser war der Schauspieler Beck, ein ehemaliger College Iffland’s. Dieses schwache Machwerk, das ursprünglich harmlos gemeint sein mochte, war zu einer persönlichen Satire gegen Tieck und seine Freunde ausersehen. Es erschien darin ein hungeriger Schriftsteller und Gelegenheitsdichter, der sich durch trügliche Annahme des Adels in das Haus eines vornehmen Mannes einschleicht, um sich satt zu essen und womöglich Bezahlung seiner Schulden zu erlangen. Er spricht in mystischen und sonderbaren Redensarten, die an ähnliche Wendungen Friedrich Schlegel’s erinnern; er ist Verfasser eines schmuzigen Romans, betitelt „Lorraine“; er hat romantische Dichtungen herausgegeben, er hat unter dem Namen Peter Walter geschrieben. Mit diesen Producten hat er einen ehrbaren Buchhändler an den Bettelstab gebracht. Er gehört einer Clique von Fünfen an, in welcher man sich gegenseitig in Sonetten preist, und in der ganzen deutschen Literatur nur einen großen Dichter anerkennt, um alles Andere desto rücksichtloser in den Staub ziehen zu können. Dies geschieht in einem Journal, das sich durch seinen impertinenten Ton auszeichnet; es heißt der Wahrheitsrachen. Aber zum Troste der Biedermänner und Freunde der ältern literarischen Autoritäten erscheint der hungerige Poet in der jammervollsten Verfassung. Er ist die Zielscheibe aller seichten Witze der Gebildeten und Ungebildeten. Willig läßt er sich als Spielball der rohesten Neckereien und Verhöhnungen gebrauchen. Er streift an der bedenklichen Grenze der Prügel hin; Nachts bringt er auf der Straße, in leeren Portechaisen und Schilderhäusern zu.
Es war nicht zu verkennen, die ganze neuere ästhetische Kritik sollte in diesem elenden Sudler der Verhöhnung öffentlich preisgegeben werden. Nur aus literarischen Anspielungen war diese Figur zusammengesetzt. Bei der Clique von Fünfen hatte man an Tieck und Bernhardi, an die beiden Schlegel und etwa noch an Novalis gedacht, der ebenfalls Beiträge zum „Athenäum“ geliefert hatte.
Soweit sich diese plumpen Ausbrüche auf literarischem Gebiete hielten, hätte Tieck sie ruhig ertragen mögen; aber man suchte den bürgerlichen Charakter der Angegriffenen verdächtig zu machen, und sie moralisch vor dem Publicum an den Pranger zu stellen. Dieser hungerige Poet war ein literarischer Gauner. Tieck erkannte bald, daß Iffland’s eigenes Spiel nicht frei von feindseliger Absicht war. Er gab den alten Grafen, der ein Bewunderer Gellert’s ist; dessen „Leben der schwedischen Gräfin“ kann er nicht oft genug lesen. Die Behauptung des Poeten, Gellert sei kein Genie, beantwortet er mit einem Wuthausbruche. „Aber er war ein ehrlicher Mann!“ schreit er, indem er mit einer ausdrucksvollen Bewegung, in der Iffland Meister war, sich auf die Taschen klopft. Um Gellert’s Manen zu rächen, will er am Ende den armseligen Kritiker mit Hunden vom Hofe hetzen lassen.
Bei diesem Acte gemeiner Rache fiel ein großer Theil der Schuld auf Iffland, unter dessen Leitung das Stück einstudirt worden war. Er hätte alle Veranlassung gehabt, die rohesten und schreiendsten Farben zu mildern. Aber er war ein glücklicher Improvisator, und der Verfasser lebte fern von Berlin. Die Vermuthung war nicht abzuweisen, manche von diesen Zügen seien ihm erst von hier aus an die Hand gegeben, oder während der Darstellung von den Schauspielern hineingelegt worden.
Bei einer so pasquillantischen Beleidigung glaubte Tieck nicht schweigen zu dürfen, obgleich man bei spätern Wiederholungen des Stücks die anstößigsten Stellen gestrichen hatte. In einem Besuche bei Iffland forderte er die Auslieferung des Manuscripts, um sich zu überzeugen, wieviel von diesen Gemeinheiten auf Rechnung des Verfassers komme. Mit unerwarteter Bereitwilligkeit ging Iffland auf dies Verlangen ein. Er gab zu, Einiges könne vielleicht auf ihn und seine Freunde gedeutet werden; er bot sogar die Unterdrückung des Stücks an, wenn er es wünsche, und lieferte ihm schließlich das Manuscript zur Durchsicht aus. Doch als Tieck darauf schriftlich eine öffentliche Ehrenerklärung verlangte, zog Iffland nicht nur die gemachten Zugeständnisse zurück, sondern stellte auch in Abrede, daß man in diesem Lustspiele auf ihn oder irgendeinen seiner Freunde habe zielen wollen.
Bisher hatte Tieck an keiner literarischen Fehde Theil genommen, doch jetzt, von den verschiedensten Seiten angegriffen, verlästert und roh geschmäht, schien es ihm an der Zeit, seine Stimme zu erheben. Er schrieb einige polemische Blätter, die unter den unverständigen und böswilligen Gegnern von Falk bis Merkel aufräumen sollten. Da man seine Sprache des dichterischen Humors nicht verstand, so wollte er versuchen, in der offenen und unumwundenen Sprache der kritischen Grobheit sich deutlich zu machen. Auch er wollte zeigen, daß er Lessing mit Erfolg studirt und gelesen habe. Und diese Blätter bewiesen, er verstehe das Schwert der Polemik zu führen. Schon näherte sich die Schrift dem Abschlusse. Bernhardi verband in dem Decemberhefte des „Archivs der Zeit für 1800“ mit dem Abschiede, den er vom Publicum als Theaterkritiker nahm, die Anzeige, daß im Namen derer, welche in dem Lustspiele „Das Chamäleon“ angegriffen worden, Tieck in einer besondern Schrift nächstens antworten werde. Dennoch kam es anders. Es widerstrebte ihm zu sehr, in den wüsten Lärm der literarischen Tageszänkereien einzustimmen, auch wenn ihn selbst diese Schmähungen trafen. Der augenblickliche Zorn verrauchte, und machte der schweigenden Verachtung Platz. Jene Blätter blieben unvollendet liegen und wurden vergessen.
Gehässiger als diese öffentlichen Schmähungen waren die geheimen Verdächtigungen und Einflüsterungen Kotzebue’s. Die einen waren darauf berechnet, Tieck in der öffentlichen Meinung zu verderben, ihn vor dem Publicum um Ehre und Ansehen zu bringen, die andern wollten den politischen Verdacht erregen, und den literarischen Gegner durch die Gewalt der Polizei zu Boden schlagen.
Niemals hatte Tieck mit den Aeußerungen seiner sittlichen und kritischen Abneigung gegen Kotzebue zurückgehalten. Auch im „Zerbino“ kamen Hindeutungen dieser Art vor. Dennoch hatte Kotzebue früher einen Versuch der Annäherung gemacht. Im Gefühle seiner unvortheilhaften Stellung in Weimar, mit allen Größen in Feindschaft zu stehen, hatte er den Wunsch, in dem Anschluß an irgendeinen bedeutenden Namen Schutz zu suchen. Freilich galt sein Lob für ein bedenklicheres Zeichen als sein Tadel, und denen, welche davon betroffen wurden, mochte gar nicht wohl dabei zu Muthe sein. Eine Zeit lang machte er Miene, auf Goethe’s Kosten Schiller zu verherrlichen. Dann schien er Tieck huldigen zu wollen, und die frühern Verspottungen großmüthig zu vergessen.
Als die „Genoveva“ erschienen war, schlug er sich unerwartet auf die Seite der Bewunderer der Romantik, und er, der Rationale und Aufgeklärte, wollte den Heiligenschein gelten lassen. Er erklärte Schiller’s Mortimer für das Abbild des Golo, und ließ durch einen Bekannten bei Tieck anfragen, ob er etwas dagegen habe, wenn man seine Tragödie in Weimar zur Aufführung bringe. Er verspreche nur solche Abkürzungen zu machen, die durch die Bühne geboten seien, im Uebrigen aber sich jeder Aenderung zu enthalten. Dies war kein unpraktischer Vorschlag, der vielleicht Tieck’s dramatischen Dichtungen den Zugang zum Theater eröffnet hätte. Später, als diese Gegensätze erloschen waren, bedauerte er selbst, ihn so entschieden abgewiesen zu haben. Der Gedanke einer Verstümmelung seines Gedichts, und zwar durch diese Hand, war ihm unerträglich. Hatte er doch einen ähnlichen Vorschlag in Betreff des „Zerbino“ abgelehnt, und der kam von Goethe! Er antwortete daher mit scharfer Betonung, sein Gedicht sei gedruckt und öffentliches Eigenthum, es könne ein Jeder damit thun was ihm gutdünke. Die Darstellung unterblieb, und Kotzebue, der sich hatte wohlwollend zeigen wollen, war doppelt gekränkt.
Im Jahre 1802 ging er auf einige Zeit nach Berlin. Er erlangte Zutritt bei Hofe, und bald schien sich eine treffliche Gelegenheit der Rache darzubieten. Er erdreistete sich, die Paradescene im „Zerbino“ nicht ohne unverschämte Andeutungen dem Könige vorzulesen. Aber der unwürdige Versuch mislang. Großartig überhörte der König die Insinuation, und sie blieb ohne weitere Folgen. Tieck hatte die Absicht, welche ihm hier untergelegt werden sollte, nicht einmal haben können. Denn jene Scene war bereits 1796 unter ganz andern Verhältnissen geschrieben. Es waren die Eindrücke seiner Jugend, die Gefühle, welche das straffe Militärwesen ihm erregte, die er hatte darstellen wollen.
Auf den unmittelbaren literarischen Streit mit seinen zahlreichen Gegnern hatte er verzichtet, die Waffen, welche hier geführt wurden, waren zu plump. Umsomehr kam ihm die Lust, die unverbesserlichen Philister mit dichterischem Scherze anzugreifen, der bisjetzt noch nie die Wirkung versagt hatte. Im Sommer 1801 entstand der Plan eines umfassenden humoristischen Lustspiels, in welchem er noch manches Andere auszusprechen dachte, was er auf dem Herzen hatte. Die Fabel war aus Ben Jonson’s „The devil is an ass“ entlehnt. Es war die Geschichte eines dummen Teufels, welcher sich vermißt, der alterschwachen Hölle, die in Folge der Bildung ihren Einfluß vollständig verloren hat, die klug gewordene Welt wiederzugewinnen, aber die Probe mit Schimpf und Schanden besteht. Er nannte diese Dichtung „Anti-Faust“. Da er sich und seine Werke nicht schonte, so konnte es für erlaubt gelten auch über Andere frei und offen zu sprechen. Und er durfte den Aristophanes selbst einführen, denn vielleicht nie hatte sich sein Witz zu dieser Aristophanischen Kraftfülle und Schlagfertigkeit erhoben. Leider verrieth er das Geheimniß zu früh. Er hatte einigen Buchhändlern von dem neuen Gedichte erzählt, doch als diese hörten, auch Herder’s Humanitätsbriefe würden nicht verschont, erschraken sie, und wiesen einen so gefährlichen Verlagsartikel ab. Verstimmt und unlustig legte er das Begonnene für bessere Zeiten bei Seite; aber die glückliche Stimmung, welche es vollenden sollte, kehrte nicht wieder.
Durch die Kämpfe mit Iffland und andere unangenehme Erfahrungen war ihm der Aufenthalt in der Vaterstadt verleidet. Nach dem reichen Leben in Jena konnte sie überhaupt nichts gewähren, was ihm genügt hätte. Die Eintönigkeit der Natur erdrückte ihn, er hielt sich für einen Gefangenen, den man bei armseliger Kost eingeschlossen habe. Nach der Poesie der Berge, Bäche und Wälder sehnte er sich. Viel mehr schon gewährte Dresden. Dorthin übersiedelte er sich im Frühlinge des Jahres 1801.
Auf sein dichterisches Schaffen hatten die letzten Zeiten hemmend eingewirkt. Durch Misverständniß und Angriffe gereizt, zwischen Zorn, Verachtung und satirischer Laune schwankend, von Zweifeln umdrängt und beunruhigt, vermochte er den Octavian, der das Erbtheil einer frischeren Zeit war, nur langsam dem Abschlusse entgegenzuführen.