Drittes Kapitel.
Ob wir das Recht haben, bei der Betrachtung der Uebel, die uns die Kakomonade verursacht, uns über die Natur zu beklagen.
Wenn ja irgend etwas dem Anscheine nach den Menschen das Recht geben kann, über die Natur zu murren, so ist es gewiß diese Geißel, mit welcher sie sie schlägt. Sie hat sie mit Vergnügungen vereinbart, von denen sie die Fortdauer ihres Geschlechtes abhängen läßt. An die Seite der größten aller Reizungen hat sie die größte aller Gefahren gestellet. So setzte sie uns auf den Zweiweg, entweder ihre Absichten nicht zu erfüllen, oder dafür, daß wir sie erfüllten, immer in der Furcht zu sein, bestrafet zu werden.
Bei den andern Empfindnissen hat sie die Strafe wenigstens nur mit dem Uibermaaße verbunden. Der Wein macht kein Kopfweh, außer man trinket zuviel. Der Magen leidet nicht, so lange man mäßig ißt. Das Auge wird nicht verwundet, außer es heftet den Blick an zu schimmernde Gegenstände.
Aber das nothwendigste, das schätzbarste Sinnglied, das Sinnglied, welches dem Menschen eines der Gerechtsame der Gottheit mittheilt, dieß ist eben dasjenige, dessen auch mäßiger Gebrauch die größte Reue, und das empfindlichste Nachweh, verursachen kann. Nur einen Augenblick braucht es, um das ordentlichste Leben zu vergiften.
Das höchste Wesen, sagen die Dichter, hat das Gute und Böse in zwoen Tonnen bei sich. Aus diesen schöpft es mit vollen Händen, so wie ihm die Laune kömmt, die Geschenke,
die es unter unser kleines Ameisenhäufchen austheilt. Die Kakomonade war unstreitig mit von den Hefen in der Tonne des Bösen; und an dem Tage, wo wir sie erhielten, leerte Jupiter das eine seiner Fässer aus.
Dennoch müssen wir, bevor wir gegen die Natur Klage stellen, und sie ungerecht nennen, einen Blick auf die Geschichte werfen. Hätte diese zärtliche Mutter die Absicht gehabt, uns die Geißel, über die wir seufzen, zu ersparen; hätte sie sich bestrebt, sie in einem kleinen Winkel eines unbekannten Landes zu verbergen; hätte sie zwischen uns, und dieses traurige Land fünfzehnhundert Meilen stürmische Meere geworfen; hätte sie sich Mühe gegeben, uns alle erdenklichen Mittel, dahin zu kommen, zu entziehn; so wären wir ihr für so weise, so liebvolle Vorsichten unsre Dankbarkeit schuldig.
Hätte in der Folge bloß unser unruhiger Geist diese Vorsichten vereitelt; wären wir mitten durch fast unüberwindliche Hindernisse zu dem bittern Becher, der das Gift, wovon sie uns abhielt, in sich schloß, eingedrungen; wäre es wahr, daß, wir geeilet hätten, darinnen unsere Lippen zu netzen, ungeachtet aller der schrecklichen Gegenstände, die uns davon hätten entfernen sollen; so würde ganz gewiß von unserer Seite die Natur keinen Vorwurf verdienen.
Wir allein würden strafbar seyn, daß wir ihre Verordnungen verletzt hätten. Wir würden billig gestrafet werden, daß wir ein Geheimniß entdecket hätten, welches ihre Nachsicht uns verbergen wollte. Dieß nun wird uns die Geschichte lehren. Da werden wir vielleicht die Rechtfertigung der Vorsehung erblicken.
Die Erzählung der Begebenheiten der Vorzeit wird uns zeigen, wie sehr sie für uns ob der Unglücksfälle besorgt war, die uns nun drücken. Wir werden gezwungen seyn, einzugestehn, daß, um uns so unglücklich zu machen, als wir es sind, wir sie in ihrem letzten Wehrplatze dazu nöthigen mußten. Wir werden bekennen, daß ihre Sorgfalt hinlänglich gewesen wäre, um unsere Ruhe zu gründen, wenn nicht unsre Vermessenheit in jeder Art weiter gienge, als ihre Güte.