Zweites Kapitel.
Vom Ursprunge der Kakomonade.
Vom Ursprunge der Kakomonade sind wir nicht sowohl unterrichtet, wie von ihrer Natur: die Wirkung kennen wir besser, als die Ursache. So viel ist gewiß, daß jene heut zu Tage nur das Resultat der Vergemeinschaftung mit einer unbehutsamen, oder unglücklichen Person ist. Den Keim davon bringen wir nicht schon bey unserer Geburt mit. Die Natur gab uns nur bloß das Vermögen, ihn anzunehmen.
Dennoch muß sie sich einstens in dem ersten Menschen, der sich davon ergriffen fühlte, von selbst hervorgebracht haben. Daß Gott, da er den Adam schuf, ihn nicht aus
seiner Hand damit ausstattete, ist wohl außer Zweifel. Das höchste Wesen bildete ihn zur Zeugung, und gab ihm somit so gesunde, so vollkommene Organe, als es seine Bettgenoßinn nur wünschen konnte.
Trug sich dießfalls hierinn eine Veränderung zu, so ists wahrscheinlich ein unglückliches Individuum von seiner Nachkommenschaft, das die Erstlinge derselben bekommen haben wird. Aber was kann von dieser sonderbaren Entwicklung die Ursache gewesen seyn? Die Luft? die Nahrungsmittel? oder der Mißbrauch des Vergnügens?
Das Klima derjenigen Länder, die man für das Vaterland der Kakomonade ansieht, ist nicht ungesünder, als das in den Gegenden, wo sie sich nur durch den Vorschub der Menschen eingeschlichen hat. Ihre Produkte, weit gefehlt, daß sie gefährlich wären, so sind sie für uns vielmehr sichere Hilfsmittel
gegen manche Krankheit; und die Ausgelassenheit ist nur eine Tochter der Prasserei und des Reichthums. Nun wußte man von diesen beiden Geißeln unseres Geschlechtes gewiß nichts in jenem Lande, wo wir unsere Geißel holten, welche in dem unsrigen oft auf sie folgt, und sie bestrafet.
Dennoch sind diese drei Ursachen, die einzigen, welche auf ihre Entstehung Einfluß gehabt haben können. Jede derselben fand warme Vertheidiger. Einige sagten, die Luft allein sei genug gewesen, in der Insel Hispaniola das Gift hervorzubringen, das heut zu Tage in allen andern Ländern die Zeugungen angreift; allein es ist einleuchtend, daß sie sich geirret haben.
Seit zweyhundert Jahren, und darüber, giebt die Erfahrung den Beweis, daß man zu San Domingo diese Frucht nicht anders ärnte, und säe, als wie in Frankreich. Sie
wächst dort, wie hier, im Schooße des Vergnügens. Man behält da ein freyes, reines Blut, so lange man sich begnügt, frische Luft zu schöpfen. Hätte diese ja was Pestisches an sich, so würde sie es seit der Eroberung den Europäern eben sowohl, als den Eingebohrnen des Landes haben zu fühlen gegeben. Dieß findet sich nicht, und also ist dieses Sistem nicht anzunehmen.
Andere behaupteten, diese Eigenschaft wäre ausschließlich den Menschenfressern vermöge ihrer Nahrungsmittel gegeben, gleich als ob das menschliche Fleisch schon von selbst ein Gift wäre. Die Völker, welch dergleichen minder höfliche Feyerlichkeiten halten, sind viel seltener, als man sichs einbildet. Uiberdies muß ihnen ihre Lebensart viele Stärke, und hiemit Gesundheit geben. Daher es denn sehr ungereimt ist, zu denken, daß ihr Fleisch, wenn es durch den Magen ihrer Feinde wandert, da die Kraft, sie zu vergiften, annehmen könne.
Zwar wäre dieses eine ziemlich erlaubte Rache; allein, wenn man am Bratspieße steckt, pflegt man sich nicht mehr zu rächen. Sollte der Hinterschlägel eines Karaiben den ehrlichen Leuten, die sich einander damit beschenkten, Nachwehen haben erregen können, so müßten nur die ihm benachbarten Theile sich nicht in gutem Stand befunden haben; ein Umstand, der, wie man sieht, die Schwierigkeit nicht aufhebt.
Ein geschickter Arzt hat in einem dicken Buche über diesen Gegenstand das dritte Sistem ergriffen. Seiner Meinung nach ist es das Uebermaaß der Vergnügungen in warmen Ländern, und die wenige Wahl in den zu derer Genuße geeigneten Augenblicken, welche die Kakomonade auf der Welt eingeführet haben. Er erzählt über diese Materie sehr sonderbare Geschichten.
„Die Weibsleute im Königreiche Melinda,“ sagt er nach Tavernier, „sind einmal im Monate so gefährlich, daß, wenn ein Europäer das Unglück hat, sich an einem Platze aufzuhalten, wo eines derselben in dieser fatalen Zeit gepisset hat, er davon das Fieber, Kopfschmerzen, und manchmal die Pest bekommt.“ Ich gestehe, da ich die Stelle las, wünschte ich von Herzensgrunde, es möchte sich nie ein melindisches Frauengimmer beigehen lassen, sich unter meinem Fenster aufzuhalten.
Zum Glücke gesteht H. A., da er diesen Zug anführt, selbst ein, daß er auf unsre Klima nicht passet; dennoch beharret er nichts destoweniger auf der Meinung, daß zwischen dem Ursprunge der Kakomonade, und zwischen dem pestischen Einflusse dieser gebräunten zanguebarischen Schönheiten ein sehr genaues Verhältniß Statt haben müße. Er besteht hartnäckig auf der Behauptung, daß dieser
der zureichende Grund des andern war. Man kann auch in seinem Werke selbst sehen, mit welcher Stärke und Bündigkeit er darüber räsonnirt.
Nur ist es wunderbar, daß man durch das Gebäude ähnlicher Sisteme dahin kommt, die Kakomonade zu verbannen; wie wenn die barbarischen Worte, mit denen man sie erklärt, helle, und unbestreitbare Wahrheiten bedeuteten.
Just so berechnet man die Finsternißen, indem man die Planeten als kleine Theilchen betrachtet, welche die Sonne ausschneuzte, da zur Zeit der Schöpfung ein grosser Komet an derselben sich rieb. So benützt man den Kompaß durch die Erklärung der Abweichungen seiner Nadel, die an einem Ende mit dem Magnete bestrichen ist. So ermüdet man nicht, in dem Magen einen guten Saft hervor zu bringen, unter beständigem Streite,
ob er durch Auflösung, oder Gährung, oder Vertreibung entstehe.
Man muß es gestehen, wir haben leicht machen. Die Fortschritte des menschlichen Geistes in jeder Art stecken sich selber ihre Gränzen aus: eine Wahrheit, über die sich nicht streiten läßt. Allein so einleuchtend sie ist, so muß mans nicht bey ihrer Erwägung bewenden lassen; man muß nicht unterlassen, in den Kalender zu sehn, wenn man den Sonnenstand wissen will, und auf den Kompaß, wenn man die Küsten aus dem Gesichte verlohren hat. Man muß nicht anstehn, seinen Magen zu füllen, wenn man hungerig ist, und sich an die Zubereitung des Quecksilbers zu wenden, wenn man einer Aehnlichkeit zwischen unserm Klima, und jenem von Amerika gewahr wird.