Zehntes Kapitel.
Von dem Ursprunge der Perücken.
Wir sahen die Kakomonade durch eine schöne Pforte in Frankreich eingehn. Sie säumte nicht, der ganzen Nation Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben. Sie breitete sich daselbst bis zum Uebermaaß aus. Wenn man den Geschichtbüchern der damaligen Zeit Glauben beimessen will, so nahm sie F — — E — — — sich zur Seite auf den Thron. Es kostete ihn nur fünfhundert Thaler, sein Zäpflein, und die Haare. Doch fand er bald Ersatz für sein Leisereden, und um sich das Haupt wohl zu bedecken.
Die erfinderischen Köpfe, womit Frankreich von jeher angefüllt war, litten es nicht
lange, daß ihr König so weit gebracht seyn sollte, keine andere Koeffüre, außer einer Schafmütze zu haben. Sie machten bald eine weit edlere, deren Stof vom Menschen selbst genommen war. Geschickte Hände verfertigten jene sinnreichen Zöpfe, welche dem Werke der Natur nachahmend die schmucklose Glatze einer Hirnschaale mit einem Walde von Haaren besetzen, die sie selber nicht hervorgebracht hat.
Es hat Jemand gesagt, wenn ein König einäugig wäre, so könnte unter den Hofleuten leicht die Mode aufkommen, nur ein Aug zu tragen. Das Beispiel F — E — war nicht so schwer, nachzuahmen. Er hatte das Vergnügen, seine Unterthanen in die Wette ihm folgen zu sehn. Wenige Zeit darauf sah man von der Rhone an bis zur Maas keine andern, als falsche Haare, und vernahm keine anderen, als erstickte Stimmen.
Seit dem hatten wir Könige, welche ihr Zäpflein nicht verloren, und derer Stimmen sich wieder eingefunden haben; dennoch sind die Perücken ungeachtet aller Verfolgung der Geistlichkeit geblieben. Diese hoch- und wohlehrwürdigen Glieder der Kirche schienen lange Zeit über die Unanständigkeit, welche sie hervorgebracht hat, entrüstet. Sie untersagten allen ihren Dienern den Gebrauch derselben, und es ist noch nicht lange, daß ein kahlköpfiger Priester nur mit vieler Mühe von seinem Erzbischofe die Erlaubniß erhielt, sich dieses Hilfsmittels, das erfahrnern Personen noch verdächtig scheinen kann, unschuldig zu gebrauchen.
Die Noth hat in der Folge die Laien nachsichtiger gemacht; allein die Mönche haben den nicht gar ehrsamen Ursprung der Perücken nicht vergessen. Sie sind noch itzt aus allen Klöstern verbannt, oder wenigstens doch aus jenen, die da einen großen Geruch
von Regelmässigkeit von sich geben wollen.
Die Karmeliter, die sich wegen ihres Standes, und aus freier Willkühr der Keuschheit weihn, duldeten unter sich nicht einen Haarschmuck, der seinen Ursprung nicht ihr zu danken hat. Die Kapuziner, zufrieden, natürliche Haare in ihrem Gesichte zu tragen, achteten nicht darauf, sich erborgte auf den Kopf zu pflanzen. Die andern Mendikanten, der Mässigkeit, und ihrer Regel getreu, wie die Franziskaner, oder der Nettigkeit ergeben, wie die Baarfüsser &c. wollten ein Gut nicht haben, von dem der große heilige Franz nie etwas gewußt hat.
Vielleicht fürchteten sie, der Gebrauch desselben möchte den Verdacht erregen, als hätten sie ebenfalls Wundmaalen von einer andern Art, als jene ihres verehrungswürdigen Patriarchen waren. Vielleicht auch schreckte
sie der Gebrauch des Kammes ab, dessen ein geschorener Kopf entübriget ist. Wenigstens ist gewiß, daß sie ohne alle Unruhe kunstverständige Barbierer bei den Bäurinnen in den Dörfern die Schur vornehmen sehn; und wenn sie diese allein, oder abseits antreffen, so sind es niemal Haare, was sie sich von ihnen erbitten wollen.
Indessen war diese ausgemachte Verachtung dennoch ihrem Gegenstande nicht schädlich. Die Perücken, durch ein königliches Bedürfniß veranlaßt, scheinen dadurch in den Augen der europäischen Nazionen nur veredelt worden zu seyn. Lange Zeit maß man ihr Volumen nach der Würde, oder Fähigkeit des Gegenstandes ab, welcher sich damit schmücken sollte. Vorzüglich bei Hofe schätzte man diese Art, den Werth der Menschen zu bestimmen, hoch. Man konnte versichert seyn, daß eine Masse Haare von drei Schuhen in das Gevierte ein erhabneres
Verdienst ankündigte, als dasjenige war, das nur eine Masse von zween Schuhen bestimmte.
Diese Zeit war die Zeit unsrer Herrlichkeit. Es scheint, als wäre die Ehre unsrer gegenwärtigen Reiche, gleich der Stärke Samsons, mit geheimnißreichen Zöpfen verbunden gewesen, vor denen das Schwert Ehrfurcht haben sollte. Wir haben gestattet, daß die unheilige Scheere der Philistäer sie berührte. Die Mode, als eine zweite Dalila, legte ihre Hand an die erhabenen Hüllen, welche den Augen des gemeinen Mannes die Weisheit, und den Tiefsinn der Bemerkungen unsrer Väter entzogen.
Man weis auch, was daraus entstanden ist. Nach dieser fatalen Operazion wachten unsre itzigen Völker auf ohne Stärke, und ohne Herzhaftigkeit. Seit dem die kleinen Perücken auf den Köpfen sitzen, brachten sie
denselben nur kleine Einsichten hervor. Die leichten Haaraufsätze ließen die Substanz evaporiren, welche zuvor die weiten Hauptdecken da nährten. Von der Zeit an haben sich unsre Gehirnchen volatilisirt, so wie sich bei ungeschickten Distillirern die Geister flüssiger Körper zerstreuen, wenn der Helm und die Distillirflasche nicht recht wohl verpichet sind.
Das Gebieth der Perücken hat sich also vermindert; aber die Macht ihrer Mutter hat es sich nicht. Mit jedem Tage sieht man noch ihre Fortschritte sich vermehren.
Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt,
Erkennet ihre Macht;
Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt,
Wo der des Königs wacht.
Aus dem Vorhergesagten sieht man, daß die Kakomonade ein gemeinschaftlicher Feind ist, wider den man sich zu vereinigen hat. Sie macht sich gleich feindlich an den Szepter, und an den Hirtenstab. Der Szepter und der Hirtenstab also müssen gleich eifrig zusammen stehn, sie aus dem Felde zu schlagen. Zu diesem Endzwecke hat man schon verschiedene Mittel versucht, aber alle wenig wirksam, alle unzureichend.