Ein bedrängter Hausvater
Im vergangenen Jahre war der Seehundbulle verspätet nach Norden gekommen und hatte trotz seines Grimms und seiner Rauflust, was Wohnung und Weiblichkeit betraf, schlecht abgeschnitten. Mit einem recht mittelmäßigen und ganz nackten Felsstück, weit fort vom Wasser, hatte er sich zufrieden geben müssen, dazu mit einem armseligen Bestand von drei sanftäugigen, aber mehr oder weniger mitgenommenen kleinen Damen. Diese drei, die er in wildem Kampf von zwei benachbarten Bullen eroberte, hatten bei der Auseinandersetzung über ihre unterwürfigen Reize manche Mißhandlung erlitten, und ihre sonst glatten Pelze waren danach so zerrissen und zerschlissen, daß der bedenkenfreieste Pelzhändler erschrocken wäre.
In Erinnerung an den Preis, den er für seine Verspätung bezahlt hatte, wurde unser Seehundbulle in diesem Jahre schon frühzeitig erregt, tobte in der purpurnen See und hielt sein Antlitz nordwärts gewendet. Längs der steilen, umbrandeten Küsten von Kalifornien und Oregon, durch die wilden Brecher des Pazific schwamm er nun zielbewußt, manchmal gradenwegs wie ein Fisch, dann in schönen Bogen, die er mit gewaltiger Schnelligkeit und biegsamem, öligem Gleiten beschrieb, als hätte er aus seinem ganzen schweren Körper eine mächtige Schraube gemacht, die ihn durch die Flut trieb. Während des größten Teils seiner leidenschaftlichen Reise schwamm er unter Wasser und hob nur von Zeit zu Zeit seine schnurrbärtige Schnauze in die Luft, um zu atmen. In jenen belebten Meeren gab es soviel Fische, daß selbst er seinen nie ruhenden Hunger mühelos sättigen konnte. Von Zeit zu Zeit unterbrachen sie dennoch ihre Fahrt, er und seine Gefährten, – denn er war auf dieser Nordlandreise in Gesellschaft anderer gereifter Bullen –, um ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit mit tollen, fast kindlichen Spielen im Schein der verführerischen Frühlingssonne zu verbringen. Es war, als hätten sie für den Augenblick vergessen, wie eilig ihre Reise war, und als ob eine Welle von Leichtsinn sie mit sich risse.
Eigentlich war diese Auswanderung fast ohne Gefahr für die Vorhut des Seehundvolkes. Alles Bullen, ausgewachsene Bullen, stark und gewandt, mit Körpern von mindestens sechs Fuß Länge, die aus Sehnen und gestählten Muskeln bestanden, gab es selbst in diesen gefährlichen Wassern wenig Feinde, die sie zu fürchten hätten. Wenn sie nicht gar zu unachtsam waren, würde kein Hai ihnen nahe kommen, denn mit ihrer überlegenen Geschwindigkeit und ihrer wunderbar entwickelten Tauchkunst konnten die großen Robben dem plumpen Hai recht unangenehme Ueberraschungen bereiten. Sie fürchteten höchstens den blitzschnellen, erbarmungslosen »Mörder«, den Schwertfisch, der ohne Anzeichen plötzlich aus den Tiefen emporstoßen konnte. Auch waren sie immer auf der Wache gegen die schwarz-weiße Schreckensgestalt der furchtbaren Orca, die man auch den Mord-Wal nennt. Die schlimmsten Feinde der nordwärts wandernden Seehunde aber – jene skrupellosen Räuber von menschlichen Wilddieben – ließen unsere Bullen und seine Kameraden friedlich ziehen, denn ihr grobes und narbiges Fell war für die Pelzhändler wertlos. Diese Verbrecher warteten lieber auf die glatten jungen Kühe und die zweijährigen, oder höchstens dreijährigen Bullen mit ihrem feinen Pelz, die »Jungburschen«, wie sie von den Pelzjägern genannt werden.
Aber obwohl kein Wilddieb ihm die Reise störte, hatte der große Seehund eine furchtbare Angst zu überstehen, ehe er die lange Strecke der britisch-columbischen Küste hinter sich hatte. Von den Königin-Charlotte-Inseln kam ein kanadischer Regierungskutter, klein, aber geschäftig und gierig wie ein Terrier, der Ratten jagt, mitten in die Herde gedampft. Der große Bulle tauchte tief in den dunkelgrünen Glimmer der See, tief erschreckt durch den feindseligen, schwarzen Kasten und die grausam schäumende Schraube, während die übrige Herde sich in panischer Angst zerstreute. Aber inzwischen hatte der kanadische Kommandeur schon festgestellt, daß er bloß die Vorhut von alten Bullen vor sich hatte, und daß er seine Beute, nämlich die Pelzwilddiebe, weiter südlich zu suchen hätte.
Nach diesem Abenteuer hielt der große Seehund westwärts und folgte dem kühn geschwungenen Bogen der Küste von Alaska. In steigender Hast hatte er sich an die Spitze der Vorhut gesetzt und so umschwamm er den Zipfel von Alaska, passierte die Kette der alëutischen Inseln, dort, wo sie sich wie die Steine einer Furth zum Nachbar-Kontinent hinüberstrecken, und kam an die seichte Flut des Behring-Meeres. Bis hierher war die Reise fast ohne Ereignisse gewesen. Aber gerade hier hatte er ein Abenteuer zu bestehen, das seine Laufbahn beinahe zu einem plötzlichen und wenig rühmlichen Ende geführt hätte.
In der Mündung eines reißenden Polarflusses stieß er auf einen mächtigen Schwarm von Lachsen, die zu ihren Laichplätzen schwammen. Das war eine jener Gelegenheiten, bei denen die sonst so selbstbeherrschten Seehunde den Kopf verlieren. Die ganze Herde wurde wild. Es war das große Lachsfest. Durch den eng gedrängten Schwarm jagten ihre großen, schwarzen, sehnigen Körper, bissen und töteten in einer Art von Delirium zehnmal mehr Fische, als sie vertilgen konnten, bis auf der trüben, grauen Flut große, blutrote Flecke standen. Manchmal warf sich ein schmaler, schwarzer Kopf, der einen stattlichen Schnurrbart trug und auf einem massiven Genick von ungeheurer Kraft saß, hoch über die sprudelnden Wasser und biß in einen fetten, zuckenden Fisch, den er im Maul trug; als wäre ein toller Zerstörungswahnsinn ausgebrochen, zerbissen die Seehunde den schimmernden Lachs in zwei Stücke, schluckten ein Maul voll und ließen die blutigen Reste ins Wasser zurückfallen. Und schon stürzten die tobenden Fischer sich auf neue Beute. Für den Lachs war dies eine böse Stunde. Denn schon pürschten sich vom nahen Ufer ein paar gemächliche weiße Bären heran, die sich in den Schwarm warfen und reiche Beute machten, die sie aber ans Ufer trugen, um sie dort in Ruhe zu verzehren. Das Lachsvolk aber, das unter der Gewalt eines unerträglichen Triebes stand, wich nicht aus und hielt nicht an, und ihre Anzahl war so unermeßlich, daß Seehund und Bär zusammen kaum fühlbaren Schaden anrichten konnten.
Im Ueberschwang seines Jagdeifers passierte es dem großen Bullen, daß er die Ruhe eines nicht allzu friedlich blickenden fremdartigen See-Bewohners störte, der sich zufällig auf dem schlammigen Meeresboden von einer Seite auf die andere wälzte. Das Tier trug eine blasse Leichenfarbe, war etwa zwölf Fuß lang und erweckte den Eindruck, als entstammte es der Mesalliance eines Einhorns mit einem Tümmlerwal. Aus der Mitte seines ungeheuren, stumpfen Maules ragte, wohl sechs Fuß lang, ein massiver, scharf zugespitzter, seltsam geschwungener Hauer aus hartem Elfenbein. Seine kleinen, kalten Schweinsaugen betrachteten die Legionen von Lachsen, die über ihm hinzogen, ohne Teilnahme, vielleicht, weil einstweilen sein Riesenappetit auf Lachs befriedigt war.
An jener Stelle war das Wasser der Mündung nicht mehr als zehn oder zwölf Fuß tief. Da geschah es, daß der große Seehund bei seinem besinnungslosen Tauchen das See-Einhorn mit seiner Hinterflosse gewaltig über die Schnauze schlug. Vielleicht litt das Einhorn gerade in diesem Moment an Verdauungsstörungen. Jedenfalls war sein Zorn sehr leicht gereizt. Mit jäher Wut stieß es in die Höhe. Der Seehund sah gerade mit einem Blick den blassen Koloß in die Höhe schnellen, obwohl das schäumende Wasser fast undurchsichtig war. Geschmeidig wie ein Aal wich er zur Seite, gerade noch zur rechten Zeit. Die starke Elfenbein-Lanze traf nicht in ein Zentrum seines Lebens, aber immerhin riß sie ihm gerade vor der Vorderflosse eine breite, rote Wunde in die Flanke.
In der Wildheit seines Angriffs fuhr das Einhorn nicht nur mit dem Hauer, sondern mit seinem halben Körper aus dem Wasser heraus. Als er wieder untertauchte, griff der gereizte Seehund ihn seinerseits an und schlug ihn gewaltig über das Schweinsauge. Aber dabei stellte er fest, daß sein Angreifer einen Panzer aus Tran trug, der für seine Zähne undurchdringlich war. Und so zog er sich aus dem Gefecht und verlor sich unter den Lachsen, während das Einhorn sich wieder in den Schlamm sinken ließ, um seine unterbrochene Verdauung fortzusetzen.
An einem fast unbewegten Morgen, als die blasse Sonne tief am Horizont hing, erreichte der große Seehund jene seltsame Insel der Pribiliv-Gruppe, die während der ganzen Nordlandsfahrt sein Ziel gewesen war. Die Küste dieser Insel war über alle Beschreibung kahl und elend, aber die Spitze, auf die der Seehund hielt und auf deren Besitz er Anspruch erhob, bot für seinesgleichen gewisse Vorteile. Eine halbe Meile vorgelagert lag eine andere flache Insel, die schmal und lang, als Wellenbrecher gegen die schweren Seen des Ozeans diente. Der Kanal zwischen den beiden Inseln aber war immer voll von Fischen, und rings um den Felsvorsprung, auf dem er Wohnung genommen hatte, war das Wasser klar und tief. Als er landete, war der lange Bogen jener Felsküste sogleich von den Scharen seiner Reisegefährten bestürmt. Durch die Polar-Einsamkeit, die bisher still wie ein Grab gewesen, hallte jetzt ihr scharfes Gebell und grunzendes Schreien, denn wie Wilde stürzten sich die Ankömmlinge über das Felsgestade.
Hier schlug der große Bulle sofort sein Heim auf: die Wolken waren sein Dach, die vier Winde seine Mauern, sein Fundament eine schräg abfallende Klippe, die auch der tollste Polarsturm nicht erschüttern würde. Wie gut er gewählt hatte, sollte er sogleich erproben, denn als er kaum fünf Minuten lang im Besitz seiner Wohnung war, mußte er sie schon verteidigen. Ein anderer Bulle, noch größer als er selbst, mit ergrautem Schnurrbart und mit einer weißen Narbe quer übers Gesicht, warf sich auf die Klippe und fiel in Wut über den Hauseigentümer her. Aus der Selbstverständlichkeit dieses Angriffs ließ sich vielleicht schließen, daß er im vergangenen Jahr der Inhaber der Wohnung gewesen war und berechtigte Ansprüche zu verfechten glaubte. Aber an jenen wilden Gestaden gelten nur solche Rechte, die man sich erkämpft. Mit Gebrüll richtete sich der Hausbesitzer auf, stemmte sich auf seine seltsamen, wackligen Knochen und fiel mit entnervender Wut über den Eindringling her.
Die überhöhte Stellung gab ihm einen gewissen Vorteil. Seine hinteren Flossen, die breit, kurz und stark sind, waren nach vorn gebogen, wie die Hinterbeine eines Land-Vierfüßlers, nicht trostlos nach rückwärts wie die der östlichen Seehunde, sie boten ihm eine sichere Stütze für diesen Angriff. Beim ersten Streich schon verwundete er seinen Gegner unbarmherzig und drängte ihn bis auf den rechten Winkel des Felsens zurück. Der Eindringling jedoch war wuchtig und stark-knochig und wußte sich zu halten. So blieb der Ausgang des Kampfes minutenlang zweifelhaft.
Die einander würdigen Gegner brüllten sich ihre Wut ins Gesicht, während die nächsten Nachbarn in Beifallsbezeugungen ausbrachen. Im schräg auffallenden Strahl der Sonne wiegten sich die beiden Nacken der Duellanten auf und nieder, ihre Köpfe stießen so blitzschnell gegeneinander, daß das Auge kaum folgen konnte, und zielten einander nach der Gurgel und parierten mit weit offenem Rachen die tödlichen Hiebe. Die Ueberlegenheit an Temperament und Jugend, die es dem Hausbesitzer möglich gemacht hatte, als erster der ganzen Herde anzukommen, erwies sich endlich dem schwereren Gewicht überlegen. Der Eindringling bekam einen schweren Stand, und plötzlich, sei es, daß er den Mut verlor, oder daß er durch seine Wunden geschwächt war, wurde er geworfen und taumelte ins Wasser. Auf seine Klippe postiert, noch immer kampflustig den Kopf wiegend, erwartete der Hausherr einen neuen Vorstoß. Aber der Eindringling hatte genug. Noch einmal streckte er den Kopf hoch über die Wellen und blickte seinen Feind an, dann tauchte er unter, schwamm beschämt von dannen und suchte sich einen Platz in den überspülten Ausläufern der Niederlassung.
Während der nächsten vierundzwanzig Stunden hatte der Hausherr noch vier Kämpfe zu bestehen, um sein Eigentum zu verteidigen. Von diesen späteren Zusammenstößen war aber keiner so gefährlich wie der erste. Dann wurde, zum Glück für seine blutende Flanke, das Leben friedlicher, denn das Lager war endlich aufgeteilt.
Der große Bulle konnte jetzt zwar ausruhen und verschnaufen, aber seine Ruhe mußte er mit unermüdlicher Wachsamkeit bezahlen. Nachkömmlinge wollten landen, die seinen Anspruch auf die gewählte Wohnung bestritten. Aber wenn er an den Rand seines Riffs kroch, seinen blutenden Körper zeigte, den mächtigen Nacken wiegte und seine großen, klugen Augen in ihrer entschlossenen Wachsamkeit funkeln ließ, bot er das Bild eines so gefährlichen Gegners, daß die Herausforderer sich meist beruhigten und weiterschwammen, um leichtere Kämpfe zu bestehen. Versuchte wirklich einer zu landen, dann fiel der Hausherr über ihn her, ehe er noch recht ans Trockene gekommen war, und fertigte ihn mit klaffenden Wunden ab. Zugleich aber mußte er gegen seine unmittelbaren Nachbarn, zwei schwere rauflustige Bullen auf der Hut sein. Die hatten zwar selbst gute Wohnungen gefunden, aber sie drohten stets, die Grenze zu überschreiten, die er gezogen hatte. Vielleicht war diese Grenze wirklich fast übertrieben weit, aber der Hausherr hatte die Absicht, eine große Familie zu gründen und sich für die Entbehrungen des letzten Jahres zu entschädigen. Mit wütendem Bellen und Brüllen warnte er deshalb vor jedem Versuch, in sein Recht einzugreifen.
Eine traurige Begleiterscheinung dieser Lage war es, daß der ununterbrochen bedrängte Hausherr keine Zeit mehr hatte, sich zu nähren. Wenn er nur für einen Augenblick seinen Posten verließ, mußte er damit rechnen, daß er bei der Rückkehr einen anderen Bullen dort treffen und gezwungen würde, neue Kämpfe zu führen, deren Ausgang zweifelhaft war. Keine zehn Schritte weit vor seiner Nase war die Tafel gedeckt. Fette Fische schwärmten in der eisigen, großen See, aber er konnte nicht gehen, um sie zu fangen. In dieser Beziehung war er sicherlich schlechter daran als seine Kameraden und Nebenbuhler. Aber jeder Bulle, der einen wirklich guten Platz gesichert hatte, mußte alle Zeit und alle Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihn zu bewachen.
Es war vielleicht der erste Mai, und während der folgenden fünf oder sechs Wochen, durch all die langen, blassen Polartage, an denen die Sonne tief am Horizont stand und kaum einen Augenblick dahinter verschwand, brach der Hausherr kein einziges Mal sein Fasten. Ja, er wagte es kaum, zu schlafen, denn immer noch konnte irgend ein tapferer, junger Neuankömmling ihn überfallen. Zum Glück war er von dem fetten Winter und seinem leichten Dasein her noch gut genährt, und die stattliche Transchicht unter seinem Fell hielt seine Kräfte aufrecht.
Gegen Ende des Monats kamen die glatten und friedlichen Horden der »Halbbullen« und der »Jungburschen« an, die noch nicht alt genug waren, sich zu paaren, oder auch nur Ansprüche an dergleichen zu stellen. Mit ihnen erschien die Schar der kleinen, sanftäugigen, einjährigen Kühe, spielfrohe Kinder des Ozeans. Diesem ganzen Gewimmel Unschuldiger schenkten die alten Bullen keinerlei Aufmerksamkeit. Die schwärmten an den Ausläufern der Niederlassung hin, waren glücklich über jede Art Unterkunft, die sie fanden, und verbrachten ihre friedvollen Stunden – wenn sie sich nicht mit Fischen beschäftigten – mit harmlosen, glücklichen Spielen wie eine Schar Kinder, die von der Schule kommt. Dann endlich, in der ersten Woche des Juni, trat das lang erwartete Ereignis ein, dem all dies Suchen nach Unterkunft, dies Wachen und Kämpfen und Fasten gegolten hatte, die Ankunft der erwachsenen Kühe.
Sie kamen in immer größeren Scharen, Flosse an Flosse gedrängt.
Da die Kühe mit zwei Jahren ausgewachsen sind, die Bullen aber nicht vor dem siebenten Jahr, und da die Weibchen außerdem in größerer Anzahl geboren werden als die Männchen, kamen im Durchschnitt zehn oder zwölf von ihnen auf einen erwachsenen Bullen. Trotzdem war kein Bulle in der Herde, der nicht Angst gehabt hätte, er würde zu kurz kommen.
Die ersten beiden Kühe kamen knapp hintereinander direkt auf das Riff unseres bedrängten, aber jetzt triumphierenden Hausvaters zugeschwommen. Er erwartete sie in großer Erregung, den Kopf so hoch übers Wasser gehoben wie es nur möglich war und eifrig winkend. Das Seehundsweibchen ist viel kleiner als ihr polygamer und gewalttätiger Herr, sanftäugig und von milden Sitten. Als die erste Schwimmerin das Riff erreichte, griff der Hausherr ihr formlos ins Genick, ehe sie noch Zeit hatte, aus eigenem Antrieb den Felsen zu erklettern, und half ihr mit mehr Gewalt als Zärtlichkeit aufs Trockene. Der derbe Griff seiner Zähne in ihr Genick mußte schmerzhaft sein, aber die kleine Kuh schien es als Zeichen seiner Zuneigung zu nehmen, denn sie beklagte sich nicht. Er jedoch, der so plötzlich ihr Herr geworden, nahm sich nicht die Zeit, schön zu tun oder seine glitzernde Braut auch nur zu bewundern. Als er sie sicher in seinem Rücken wußte, machte er sich blitzschnell daran, ihrer Reisegefährtin dieselbe verbindliche Aufmerksamkeit zu beweisen. Diesmal aber kam er zu spät. Sein energischer Nachbar zur Rechten war ihm gerade noch zuvorgekommen und schnappte stolz die widerstandslose Schöne fort, um seinen eigenen Herd mit ihr zu schmücken.
Heulend vor Enttäuschung und eifersüchtig blickte der Hausherr über seine Grenzen hinüber, um zurückzufordern, was er für sein Eigentum hielt. Aber da zeigte ihm ein kurzer Blick nach rückwärts, daß sein Nachbar zur Linken sich eben anschickte, die Braut zu rauben, die er schon erobert hatte. Einen Augenblick lang bebte er in hilfloser Unentschlossenheit. Aber die treulose, kleine Kuh gab kein Zeichen, als ob sie ihm folgen wollte, sondern sie schien bei der Aussicht eines plötzlichen Wechsels ihres Eheherrn schamlos gleichgültig. So verfügte er sich wütenden Herzens an ihre Seite und stand dort mit keuchendem Rachen Posten. Der Frauenräuber, der schon öfter als einmal die Rauflust unseres Hausherrn gekostet hatte, war bescheiden genug, sich zurückzuziehen. Inzwischen kamen die Kühe in solcher Zahl an, daß jeder große Bulle genug zu tun hatte, alle einzufangen, die in seinen Bereich kamen und nicht mehr versuchen mußte, seinen Nachbarn zu berauben. Während der nächsten achtundvierzig Stunden etwa gelang es dem schnellen und unermüdlichen Hausherrn, nicht weniger als zwei Dutzend sanftäugige Weiberchen zu greifen und unterzubringen. Schön artig huddelten sie sich auf der Felsplatte in seinem Rücken und beobachteten mit Bewunderung seine herkulischen Anstrengungen, ihre Zahl zu vergrößern. Eifersucht kannten sie nicht. Die meisten von ihnen waren vielleicht sogar stolz, einem gut besetztem Harem anzugehören, dessen Größe die Tapferkeit seines Herrn bekundete. Zwei allerdings erlaubten es sich, die Liebenswürdigkeit eines leichtsinnigen jungen Bullen in der hinteren Linie entgegenzunehmen, dem es bisher nicht gelungen war, sich eine Gefährtin zu sichern. Ihr Herr war ja eifrig damit beschäftigt, weitere Ankömmlinge in Empfang zu nehmen. Aber für die meisten lag in dem Griff, mit dem der Hausherr sie im Nacken gepackt hatte, etwas Unvergeßliches. Er bewies ihnen einen gewaltigen Liebhaber und nahm ihnen die Lust zum Herumtreiben.
Noch ein paar Tage lang rückten verspätete Abteilungen von Kühen ein, und da dem Hausherrn das Glück treu blieb, sah er sich endlich als das Haupt eines Harems von mehr als vierzig Mitgliedern. Für sein weites Herz und seine gewaltigen Ansprüche waren das nicht zu viel, aber es machte ihn zum Gegenstand der bittersten Feindschaft. Selbst seine tüchtigsten Nachbarn von rechts und links besaßen keine so zahlreiche Gesellschaft auf ihren Klippen, während im Rücken eine ganze Straße voll junger Bullen war, die zu spät gekommen waren und immer auf eine Gelegenheit zum Wildern lauerten. So sehr war der Hausherr mit ehrenvollen Aufgaben beschäftigt, daß er nicht die Zeit fand, ein Auge voll Schlaf zu nehmen. Und was die Nahrung anbetraf, hatte er schon so lange darauf verzichtet, daß er kaum mehr wußte, was Essen bedeutete. Vierzig Weiber – und alle in Gefahr, von irgend einem Stärkeren oder schlaueren Gesellen geraubt zu werden, der zufällig des Weges kam! Es war schon eine Aufgabe für den bedrängten Hausvater, seine Frauenschar immer wieder abzuzählen. Immer wieder umstreifte er wachsam die eng gelagerte Schar. Und wenn eine, die sich vielleicht vernachlässigt oder übersehen glaubte, den Versuch machte, sich wegzustehlen, um einem traurig blickenden Bewerber in der hinteren Linie zuzulaufen, erfuhr sie plötzlich, daß sie weniger vergessen war als sie gedacht hatte. Sie wurde im Genick gepackt und geschüttelt, bis sie sich selbst für eine verworfene Sünderin hielt, und dann in die Mitte des Harems hineingeschleudert. Alles dies ging natürlich nicht ohne fortgesetzte Reibereien ab, denn der eine oder andere enttäuschte Ehebrecher versuchte, es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Aber für die jungen, unerfahrenen Bullen aus der hinteren Gasse war der Hausherr ein viel zu starker und erprobter Kämpfer, so daß diese Reibereien stets rasch ein Ende fanden.
Ein paar Tage nach Ankunft der Kühe wurden die ersten, wolligen, kleinen Hundchen zur Welt gebracht. Als die Geburten zunahmen, verringerten sich die Sorgen des Hausherrn ein wenig. Sobald ein Junges geboren war, konnte er sicher sein, daß die Mutter nicht mehr daran dachte, auszureißen. Ehebrecher freilich waren noch so gefährlich wie immer, denn diese schmiegsamen Räuber scheuten keine Verantwortung und zeigten sich stets bereit, Mutter und Kind zugleich an sich zu nehmen. Sobald die Jungen ihre erste Hilflosigkeit überwunden hatten, durften die Mütter ihren Herrn verlassen, direkt durch das Haupttor, um Fische zu fangen und sich für ihre Kleinen mit Milch zu versehen. Der Hausherr wußte, daß jetzt jede Kuh pünktlich heimkehren würde. Für ihn selbst aber gab es auch jetzt weder Ruhe noch Futter. Er hatte nichts zu tun, als zu Hause zu sein, Wache zu halten, den Nachwuchs von vierzig Weibern zu hüten und Nebenbuhler in die Flucht zu jagen. Es war ein aufreibendes Leben. In jener Zeit war er nicht mehr ein glatter und wohlgenährter Ritter, sondern ein jämmerliches Gestell aus Haut und Knochen, bedeckt mit unschönen, aber ehrenhaften Narben. Kraft und Feuer blieben ihm jedoch, und kein Nebenbuhler forderte ihn heraus, der es nicht bereuen mußte.
Eines Tages erschien jedoch ein Feind, dem selbst des Hausherrn Mut nicht gewachsen war. Die Pelzjäger erschienen auf dem Nistplatz. Es waren nicht jene verbrecherischen Schlächter, die Wilderer, sondern ehrliche Jäger, die mit Schonung töteten. Sie kümmerten sich nicht um die alten Bullen und ihre heranwachsenden Familien, obwohl die Bullen sie wütend anbrüllten. Sie brachen vielmehr in die Spielplätze der unverehelichten Jugend ein und richteten dort unter den Halbbullen und Jungburschen ein furchtbares Gemetzel an. Bald war der einst so fröhliche Spielplatz mit Blut und Leichen bedeckt. Doch achteten sie darauf, selbst von den unglücklichen Jungburschen einen guten Prozentsatz zu schonen, damit der nutzbringende Stamm der Pelzrobben nicht ausgerottet würde.
Mit den Pelzjägern kam ein nachdenklicher Mann, der nicht töten, sondern beobachten wollte. Das Töten liebte er nicht. Als er sich einen Augenblick das Schlachten angesehen hatte, rümpfte er mit Ekel seine Forschernase. Dann hatte er es sehr eilig, sich abzuwenden und den übrigen Teil der Niederlassung zu studieren. Sie mit einer Kamera zu beschießen und in Erfahrung zu bringen, was die Pelzrobben treiben, wenn sie eine ärmlichere Aufgabe hatten als die, geschlachtet zu werden. Ohne auf Drohungen, Geheul und schnappende Rachen zu achten, ging er langsam hinter den Nistplätzen entlang; blieb alle paar Schritte stehen, um seinen Apparat anzusetzen und zu knipsen. Voll Begeisterung und neuer Kenntnisse kam er hinter das Felsstück, auf dem der kampfgewohnte Hausherr seinen Harem von vierzig Schönheiten bewachte.
Diese ungeheure Familie und ihr imposanter Wächter fesselten das Auge des Beobachters. Das war wirklich ein Hausstand, den man beobachten mußte. Erst knipste er aus einigem Abstand; dann entschloß er sich, in das gedrängte Privatleben einzudringen und die häuslichen Einrichtungen zu untersuchen. Ohne besondere Aengstlichkeit wich er den zornigen Bullen der Hintergasse aus, die vor ihren armseligen Harems tobten, und wanderte furchtlos mitten hinein unter die ängstlichen Kühe und die rundäugigen, treuherzigen Jungen von der Familie unseres Hausherrn. Soviel Seehunde hatte er kampflos schlachten sehen, daß er sich von dem Mut dieser Tiere ein falsches Urteil gebildet hatte. Ohne auf die scharfe Warnung des Hausherrn zu achten, beugte er sich nieder, um eines der Jungen zu untersuchen und zu streicheln, das ihn mit seinen Augen voll rührender Tiefe und Sanftheit furchtlos anblickte.
Nun wußte der Hausherr recht gut, wer dieser Fremde war – der ungeheure Mensch, der alle Tiere unterworfen hat, der plötzlich zu töten versteht, unsichtbar oder mit einer zuckenden Flamme –, aber er zauderte nicht; es galt, sein Heer zu verteidigen und da dachte er nicht an die Gefahr. Eine häßliche, aber gefährliche Gestalt, schritt er sofort zum Angriff.
Gerade im kritischen Augenblick blickte der Mensch auf und sah den rasenden Bullen. Er machte einen wilden Sprung, verlor seine Kamera, aber entging dem gefährlichen Biß seines Angreifers. Eine große Flosse traf ihn jedoch und so fiel er halb betäubt auf den Rücken einer protestierenden Kuh.
Zu seinem Glück beschäftigte sich der Hausherr zunächst damit, die Kamera zu vernichten, und inzwischen fand der Mensch Zeit, sich auf den nächsten Ueberfall vorzubereiten. Die einzige Waffe, die er trug, war ein schwerer Knotenstock, den er zugleich als Stütze und als Keule benutzte. Als er zur Seite sprang, bekam sein Gegner einen schweren Hieb über die Nase, die empfindlichste Stelle des Seehundes und der Hausherr brach zusammen wie ein durchbohrter Gladiator.
Der Mensch sah voll Mitgefühl auf seinen gefallenen Feind nieder, hob das Ueberbleibsel von Kamera auf, tätschelte ein Junges, das ihm nicht aus dem Weg gehen wollte und zog sich zurück. Als er die rückwärtige Linie der Bullen durchbrochen hatte, sah er sich um und stellte mit großer Befriedigung fest, daß sein Hieb nicht ganz so wirksam gewesen war, wie er gefürchtet hatte. Der Hausherr kam langsam wieder zu sich, hob sein furchtloses Haupt und überzählte seine Familie, um festzustellen, ob keines fehlte. Dann brüllte er wieder, obwohl es noch ein bißchen schwächlich klang, allen Eindringlingen seine Verachtung zu.
Als die erfolgreichen Jäger ein paar Tage später die Insel verließen, mußte er natürlich der Meinung sein, daß sie seinetwegen von dannen zogen. Da sich niemand fand, der seine Theorie bestritt, ist es erklärlich, daß er stolz darauf war.
Etwa sechs Wochen später, gegen Ende Juli, waren die Jungen stark genug, um zu reisen. Die Qualen des endlos verlängerten Fastens waren fast unerträglich geworden, und so kam der Hausherr und alle seine Nebenbuhler plötzlich zu der Erkenntnis, daß es nicht der Mühe wert war, an einer solchen Küste ihre Harems zusammenzuhalten. Es fiel ihnen ein, daß sie nächstes Jahr andere, aber nicht viel weniger reizende Gefährtinnen sammeln könnten. Da waren plötzlich die schrecklichsten Fehden vergessen, sie stürzten sich ins Wasser und machten sich hungrig daran, Fische zu jagen. Dann wandten sie plötzlich alle die Gesichter nach Süden und bald lagen die öden Felsen einsam da, um wieder Sturm und Kälte der nahenden Polarnacht zu bestehen.