Der Kreuzgang.
Vom rechten Seitenschiff des romanischen Theiles der Kirche gelangt man durch eine romanische Pforte (die romanische Thür aus dem Jahre 1884) in den Kreuzgang, der im blühendsten Uebergangsstyle gebaut, mit seinen über 300 rothen Marmorsäulchen einen äußerst prächtigen Eindruck macht. Der Bau stammt seinem architektonischen Charakter nach aus dem Ende des 12. und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, ungefähr aus derselben Zeit, wie die Façade der Kirche. Unter dem Herrn Prälaten Grünbeck wurde er restaurirt und 1894 mit einem neuen Pflaster versehen.
a) Fußwaschungsgang.
Eine neue Stiege mit dem Stifts- und Prälatenwappen — 1894 ebenfalls von Professor D. Avanzo ausgeführt — führt in den Fußwaschungsgang, so genannt, weil hier am Gründonnerstage zwölf Greisen von ebensovielen Mitgliedern des Stiftes nach dem Beispiele des Heilandes die Füße gewaschen werden. Dieser Theil enthält überaus werthvolle Glasmalereien aus dem Beginne des 13. Jahrhunderts; besonders reich sind auch die Capitäler, Consolen und Schlußsteine. Die Glasmalereien oben in den Rundfenstern des Fußwaschungs-, Capitelhaus- und Pförtnerganges sind durchaus, die in denen des Refectoriumsganges zum Theil neu. Die beiden Gruppen an den Enden des Fußwaschungsganges, die Büßerin Magdalena und die Fußwaschung sind wie die in diesem Gange angebrachte Session und Kanzel aus der Meisterhand Giulliani's. Die Oelgemälde in den Bogenfeldern, Scenen aus dem Leben des heiligen Bernhards darstellend, stammen aus der Zeit des Abtes Marian I. (1693-1705) gemalt vom Laienbruder Stefan Molitor.
b) Pförtnergang.
Capitäler, Kelchform aufweisend, Consolen und Schlußsteine sind durch reiche Blattornamente geziert. Dieser Gang mit den zwei anstoßenden Travees des Fußwaschungsganges scheint der älteste Theil des Kreuzganges zu sein.
Längs der Wand sind die früher an verschiedenen Stellen des Bodens gelegenen Grabsteine der Wohlthäter des Stiftes aufgestellt.
- Hugo von Aigen, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Ulrich von Himberg, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Heinrich von Zebingen, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Conrad von Wildeck, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Adelheid von Ulrichskirchen † 1246.
- Dietmar v. Engelschalksfeld † 1271.
- Otto Turso, 13. Jahrhundert.
- Otto in Foro (vom hohen Markt), Wiener Bürger † 1277 oder 1288.
- Berthold v. Arnstein, zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Conrad Mazo † nach 1286.
- Otto v. Haslau † 1289.
- Bertha von Ror, zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts.
- Sifrid Leublo, Bürger von Wien † 1289.
- Berthold Treun, Marschall von Oesterreich, 13. Jahrhundert.
- Albert Veuslo, † um 1294.
- Abt Johann I. von Heiligenkreuz † 1321 und seine Mutter Gisla.
- Otto Turso v. Rauheneck † 1331.
- Wulfing v. Harssendorf † 1324.
- Gräfin Eulalia de Avis † 1338.
- Bischof Nicolaus von Tribau † 1402.
- Johann v. Neudeck, 14. Jahrhundert.
Bemerkenswerth ist auch die neue romanische Pforte 1894.
c) Refectoriumsgang.
In den Fenstern ist ein Theil der alten Glasgemälde erhalten, ebenso wie im Fußwaschungsgange, aus dem Anfange des 13. Jahrhundertes stammend. Die Thür vis-à-vis dem Brunnenhause führt in's Sommerrefectorium, einen langen Saal mit prachtvoller Stuckarbeit, Fresken (Tercola) und Oelgemälden, 1687 gebaut, 1712 restaurirt. An der linken Wand in Oelgemälden die allegorischen Gestalten der Demuth, der vier Cardinaltugenden und Glaube, Hoffnung und Liebe; über der Hauptthür das Porträt des Erbauers, des Abtes Clemens (1658-1693).
- Der heilige Bernhard,
- der heilige Malachias,
- der heilige Bonifaz, Bischof von Lausanne,
- der heilige Conrad,
- die Bestätigung des Cistercienser-Ordens,
- die Familie des heiligen Bernhard,
- das Colossalgemälde »die Speisung der 5000«, 1742 von Altomonte in seinem 83. Lebensjahre gemalt.
- Esau und Jacob,
- Vision des heiligen Bernhard,
- Heiliger Benedict in der Einsamkeit,
- Abraham und die Engel,
- die Büßerin Magdalena,
- das Abendmahl.
Außerdem begleiten diese Fresken rechts und links eine Reihe von Bildern, von denen die linksseitigen die österreichischen und die rechtsseitigen die ungarischen Güter des Stiftes mit den betreffenden Donatoren darstellen. Gegenüber dem Refectorium erhebt sich das gothische Brunnenhaus aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die berühmten Glasgemälde stammen zum Theile aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Das vereinzelte Glasgemälde im zweiten linksseitigen Fenster stellt den König Alexander auf dem Panther reitend dar — Zeichen des Sieges.
Das linksseitige Fenster mit den Bildern der Babenberger zeigt
| Heiligenkreuz | — | Klosterneuburg, |
| (Ansichten der beiden Stifte in ursprünglicher Gestalt); dann folgen: | ||
| Heiliger Leopold | — | Agnes, |
| Adalbert | — | Leopold IV. der Freigebige, |
| Otto von Freisingen | — | Heinrich II. Jasomirgott, |
| Ernest | — | Conrad, Erzbischof von Salzburg. |
Im rechtsseitigen Fenster, neu,
| Lilienfeld | — | Zwettl, |
| Leopold V. der Tugendhafte | — | Heinrich I. der Katholische, |
| Heinrich von Mödling | — | Raiza seine Gemahlin, |
| Heinrich der Grausame | — | Richardis seine Gemahlin, |
| Friedrich II. der Streitbare | — | Gertruds seine Gemahlin. |
Im Vereinigungspunkt der Rippen als Schlußstein der Heiland mit dem Lebensbuch (Original im Museum). Unter den Fenstern läuft ringsum ein mit spitzförmigen Blindbögen und mit reichem Maßwerke geschmücktes gothisches Parapet. — Der alte Brunnen in der Mitte aus Blei bildet eines der kostbarsten Alterthümer des Stiftes.
d) Capitelhausgang.
An den Ostflügel des Kreuzganges, Capitelhausgang genannt, ist das sogenannte untere Dormitorium, die Todtenkapelle, das Capitelhaus und die Annakapelle angebaut.
Vor dem Eingang in das Capitelhaus stehen an der Fensterwand: ein Grabsteinfragment, Ulrich von Ebersdorf, 14. Jahrhundert, dann die Grabsteine der Offnia von Seefeld und ihrer Kinder und des Dietrich von Lichtenstein, beide aus dem 13. Jahrhundert.
I. Die Annenkapelle, früher die Sacristei, wurde von dem in dieser Kapelle ruhenden Abt Gerhard (1705-1728) in die jetzige Gestalt gebracht.
II. Weniger verändert wurde das aus dem 13. Jahrhundert stammende Capitelhaus, wenn es auch von Abt Gerhard und Abt Robert (1728-1753) mit Fresken in der Manier der Barocke ausgeschmückt wurde. Die Freskenbilder der hier begrabenen Babenberger sind ein Werk des Laienbruders Mathias Gusner († 1772), die Glasgemälde, darunter das 1863 auf der Pariser Ausstellung aufgestellte Radfenster (Katharinenrad) wurden neu eingesetzt.
Dieser ernste Raum ist doppelt geheiligt, durch den Ordensgebrauch und die Erinnerungen der Geschichte. Hier versammelten sich die Ordensbrüder zur Berathung über die wichtigsten Angelegenheiten und dann ruhen hier unter einfachen Grabsteinen die Fürsten des ruhmreichen Babenbergergeschlechtes, nämlich:
1. Herzog Friedrich II. der Streitbare, gefallen in der Schlacht gegen die Ungarn 1246. Der Tumbadeckel, den Herzog darstellend, ist eines der ältesten mittelalterlichen Sculpturwerke dieser Art in Oesterreich.
2. Herzog Friedrich I. der Katholische † 1198; sein Grabstein ist ganz einfach und liegt am Boden im Vordertheile des linken Seitenschiffes der Halle;
3. Neben ihm ruht, wie ein ebenfalls einfacher Grabstein besagt, Herzog Leopold V. der Tugendhafte † 1194, der Spender der großen Kreuzpartikel;
4. Herzog Heinrich der Grausame † 1228, Sohn Leopold VI.;
5. Leopold IV. der Freigebige, Markgraf von Oesterreich, Herzog von Bayern † 1141;
6. und 7. Der Doppelgrabstein für Herzog Heinrich von Mödling † 1223 und für seine Gemahlin Raiza, Tochter des Königs Wladislav I. von Böhmen † 1182;
8. Deren Sohn Herzog Heinrich von Mödling der Jüngere † 1233;
9. und 10. Rudolf und Heinrich † 1300, Enkel König Rudolfs von Habsburg.
Die Grabsteine für 5, 6, 7, 8 und 9 liegen unter der Treppe vor dem Altar.
Rechts davon liegen: 11. und 12. Adalbert † 1136 und Ernest † 1137 Markgrafen von Oesterreich, Söhne Leopolds des Heiligen.
13. und 14. Gertrud von Braunschweig † 1326, Gemahlin Friedrichs des Streitbaren und Richardis, Gemahlin Heinrichs des Grausamen, Tochter des berühmten Landgrafen Hermann von Thüringen.
III. An das Capitelhaus schließt sich die Todtenkapelle an, vom Abte Martin von Egris 1349 zu Ehren des heiligen Alexius gestiftet. Hier ruhen der Stifter der Kapelle und der um das Stift hochverdiente Abt Robert † 1755.
Das Radfenster, gemalt 1845 von Friedrich Walzer, zeigt links den ersten Abt Gottschalk, rechts den heiligen Leopold. Interessant sind die barocken Leuchter, welche Todtengerippe darstellen.
Rings an den Wänden herum sind Grabsteine verstorbener Capitularen des Stiftes aus dem 17. und 18. Jahrhundert eingefügt.
IV. Neben der Todtenkapelle ist das frühgothische etwa gleichzeitig mit dem Capitelhaus gebaute untere Schlafhaus. Diese Halle war einst der Schlafraum der Mönche.