Das Frettchen
[138]. Wie unterscheidet sich das Frettchen vom Iltis?
Um uns ein Frettchen anzusehen, wollen wir wieder nach dem Zoologischen Garten gehen. Denn in der jetzigen Zeit hat keiner der mir bekannten Förster ein Frettchen mehr, da die Kaninchen in ihrer Gegend vollkommen ausgerottet sind.
Wir wissen bereits, daß das Frettchen ein Albino des Iltis ist. Und einen Iltis bekommen wir wenigstens im Zoologischen Garten zu sehen.
Der Iltis oder Stinkmarder gehört zur Familie der Marder. Er erinnert sehr an unsern Marder, nur daß er ganz im Gegensatz zu diesem sehr schwerfällig ist.
Seit Jahrtausenden wird eine weißliche Abart, ein Albino von ihm, das sogenannte Frettchen, vom Menschen als Haustier gehalten. Der Grund liegt hauptsächlich darin, daß es zur Kaninchenjagd unentbehrlich ist. Sobald der schlanke Räuber einen Kaninchenbau betritt, fahren die Kaninchen aus ihrer sichern Burg und können leicht geschossen werden oder in aufgestellte Netze geraten.
Das Frettchen ist sehr weichlich und macht gerade keinen sehr angenehmen Eindruck. Es ist etwas kleiner als der Iltis und als Albino natürlich weiß im Gegensatz zu seinem braunen Verwandten. Es wirft etwa 4 bis 8 Junge nach einer Tragezeit von sechs Wochen.
[139]. Tötung eines Berliner Kindes durch ein Frettchen.
Kurz vor Weihnachten 1919 brachten Berliner Blätter die Nachricht, daß ein Frettchen in die Wiege eines Säuglings gekrochen sei und ihm einen Augapfel ausgefressen habe, was den Tod des kleinen Wesens zur Folge hatte. Natürlich war dieser Vorfall nur möglich, weil die Eltern nicht zugegen waren, da sie auf Arbeit gegangen waren.
Ein solcher Fall ist nicht das erste Mal vorgekommen, und wird nicht der letzte seiner Art sein. Deshalb sei er etwas näher besprochen.
Es wurde schon erwähnt, daß das Frettchen seit Jahrtausenden zur Kaninchenjagd dient. Schon in Friedenszeiten gab es eine Unmenge Frettierer. Im Kriege, wo der Fleischhunger aufs höchste gestiegen war, wurde natürlich erst recht frettiert. Das Frettchen als Ernährer der Familie wurde besonders gepflegt, zumal es wie alle Albinos sehr frostig ist. Es wurde daher von dem Frettierer in seine Wohnung genommen.
Die Fütterung der Frettchen besteht gewöhnlich aus Milch und Semmeln. Wir haben unsern Frettchen hin und wieder stets tierische Nahrung gegeben, also Sperlinge und andere Vögel.
Wenn ein Tier, das an tierische Speise gewöhnt ist, plötzlich nur Pflanzenkost erhält, dann sucht es sich irgendwie Ersatz. Hühner rupfen sich die Federn aus und werden Eierfresser, Sauen und Mäuse fressen ihre eigenen Jungen. Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen (Kap. [106]).
So hat das Frettchen bei den einfachen Leuten wahrscheinlich nur Pflanzenkost erhalten, wie das so üblich ist. Eines Tages hat es beim Umherkriechen das junge Menschenfleisch gewittert, das Raubtier ist in ihm erwacht, und das Unglück ist geschehen.
Wehrlose Kinder soll man also mit einem Frettchen nicht unbeaufsichtigt in demselben Raume lassen.
Manche warnen auch vor der Haltung einer Katze, weil sie sich auf den Säugling in der Wiege legen und ihn totdrücken kann. Trotz aller Bemühungen habe ich einen solchen Fall bisher nicht feststellen können. Da aber die Möglichkeit besteht, so ist Vorsicht unbedingt am Platze.
[140]. Das Frettchen in Redensarten und Sprichwörtern.
Vom Frettchen finde ich keine Redensarten oder Sprichwörter angeführt. Dagegen hat der Iltis oder Ratz, der Stammvater des Frettchens, zur Redensart Anlaß gegeben:
Er schläft wie ein Ratz.
Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, daß ich in einem sehr iltisreichen Jagdgebiet den Iltis stets schlafend in der Kastenfalle vorgefunden habe. Die Redensart: Er schläft wie ein Ratz – nicht Ratte – ist also ganz der Wirklichkeit entsprechend.