Das Huhn

[141]. Warum kräht der Hahn?

Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben, wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht es aus verschiedenen Kellern.

Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist. Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier stehe – zweifelt irgend jemand daran?«

Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.

Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben. Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht. Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht. So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich, daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.

Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Für die Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann. So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.

Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das Bankivahuhn, Gallus gallus, das im warmen Indien lebt. In der Nacht schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als Ruhestätte benutzt.

So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in dunkler Nacht krähen wird.

Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab. Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.

Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.

Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.

Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.

Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.

Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten, wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt. Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie sehr scheu und lautlos.

Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen bereit ist.

Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde. Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall. Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.

Aufmerksame Tierbeobachter wollen herausgefunden haben, daß der Hahn nur bei bevorstehender Luftveränderung kräht. Da sich mit Anbruch des Tages die Luft verändert, so wäre das der wahre Grund, daß der Hahn morgens kräht. Es ist möglich, daß diese Ansicht begründet ist, aber mit meinen Beobachtungen will sie nicht immer übereinstimmen. – Vorhin wurden einige Feinde des Huhns angeführt. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß sich zu ihnen noch zahlreiche andere Raubtiere, z. B. der Fuchs sowie die Tagraubvögel gesellen.

[142]. Der Lockruf des Hahns.

Unser Hahn hat jetzt – was auf beschränktem Raum gewiß nicht häufig vorkommt – einen guten Bissen gefunden und gibt einen eigentümlichen lockenden Ruf von sich, auf den die Hennen hinzugestürzt kommen. Man muß sich freuen, daß der Hahn etwas, was ihm selbst sehr gut schmecken würde, freiwillig seinen Damen überläßt. Mancher Familienvater könnte sich hieran ein Beispiel nehmen.

Abseits von den übrigen Hennen befindet sich durch ein Gatter getrennt eine Glucke, die ihre Küchlein führt. Es ist ein allerliebster Anblick, diese kleinen Dinger, die erst einige Tage alt sein können, in Gemeinschaft mit ihrer wachsamen Mutter auf Nahrungssuche ausgehen zu sehen. An der Pflege und Aufzucht der Kleinen beteiligt sich der Hahn nicht. Man kann daraus ersehen, daß es unrichtig ist, menschliche Verhältnisse auf tierische ohne weiteres zu übertragen. Für uns scheint es gerade die besondere Aufgabe des Vaters zu sein, seinen Kindern in Gemeinschaft mit der Mutter Pflege und Nahrung zu verschaffen.

Da der Hahn in Vielehe lebt, und jedes Weibchen etwa ein Dutzend Kleine führt, so könnte der Hahn höchstens bei einem Dutzend einer bestimmten Henne Vaterpflichten erfüllen. Jedenfalls wäre es ihm ganz unmöglich, es bei allen Nachkommen zu tun. So erklärt sich die Gleichgültigkeit gegen seine Nachkommenschaft in einfacher Weise.

Uebrigens ist diese Gleichgültigkeit nur scheinbar. Sobald ein Feind naht, der die Kleinen gefährdet, etwa ein Raubvogel, so tritt der Hahn zu ihrem Schutze ein. Ebenso übernimmt er häufig die Sorge für die Kleinen dann, wenn die Henne plötzlich verunglückt.

Wenn wir auf die Lautäußerungen der Hühner sorgfältig achten, so werden wir finden, daß eine ziemliche Anzahl verschiedener Laute bei ihnen verwendet wird. Sehen wir vom Krähen und Gackern, sowie dem Lockruf ab, so ist ein Warnruf auffallend, namentlich wenn der Hahn einen Raubvogel zu Gesicht bekommt. Bei den Papageien werden wir noch näher darauf zu sprechen kommen. Die Erklärung, daß die Tiere keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben, kann uns nicht gefallen. Kann der Hahn seinen Damen etwas wichtigeres mitteilen, als wenn er ruft: Kommet her, hier ist ein guter Bissen.

[143]. Wie unterscheiden sich Hühner und Tauben?

Auf dem Dache des Hauses sitzen ein Dutzend Tauben. Wir können so recht den Unterschied zwischen ihnen und den Hühnern ins Auge fassen.

Zunächst fragen wir: Warum sitzen die Hühner, die doch ebenfalls Vögel sind, nicht wie die Tauben auf dem Dache? Ja, warum? Weil alle Hühnervögel schlechte Flieger sind. Vögel können zwar fliegen, aber manche sehr gut, manche nur sehr schlecht. Es ist genau so wie bei dem Laufen. Es gibt Windhunde, die sehr schnell laufen, und Dachse, die sehr langsam sind.

Die Hühner gehören zu den schlechten Fliegern. Ja, der Strauß, der größte von den Hühnervögeln, kann gar nicht fliegen.

Bei der Jagd auf Rebhühner kann man erleben, daß die Hühner bei starkem Winde nicht auffliegen wollen. Sind sie ein paarmal geflogen, so haben sie genug davon und wollen nicht mehr.

Als Ersatz für die schwache Fliegekunst sind die Hühner vorzüglich auf den Beinen. Das Huhn ist der richtige Beinvogel. Es rennt vorzüglich. Hat man einen Fasanen geschossen und nur flugunfähig gemacht, so hat man ihn noch lange nicht. Er rennt davon mit einer Schnelligkeit, daß man ihn ohne Hund nicht bekommt. Dagegen kann eine wilde Taube, die man in gleicher Weise verwundet, nicht von der Stelle fort.

Wirklich hervorragende Flieger haben kleine Füße. Der Mauersegler, der vom 1. Mai bis zum 1. August die Höhen von Berlin durcheilt, ist wohl unser bester Flieger. Er tummelt sich den ganzen Tag in der Luft. Seine Füßchen sind so klein, daß sie nur zum Ankrallen dienen. In der Tierkunde führt er den Namen »der Fußlose«, was natürlich übertrieben ist.

Je kleiner die Füße, desto weniger Gepäck hat der fliegende Vogel zu tragen. So kann man schon an den Beinen ungefähr erkennen, was für einen Flieger man vor sich hat.

Tauben gehören zu den guten Fliegern. Mit den Mauerseglern können sie sich natürlich nicht messen. Entsprechend ihrem guten Fluge haben sie kleine Füßchen, mit denen sie nicht rennen, sondern eigentlich nur trippeln können. Bei drohender Gefahr läuft daher das Huhn fort, während die Taube fortfliegt. Das Huhn hat das bißchen Fliegerkunst, die es als wildes Tier noch besaß, als Haustier fast völlig eingebüßt. Ueber einen mannshohen Zaun zu fliegen, kostet ihm schon Anstrengung.

Für uns Menschen ist es natürlich ganz angenehm, daß das Huhn kaum fliegen kann. Es erleichtert uns die Ueberwachung.

Die Verluste, die wir bei Tauben haben, daß sie in fremde Schläge verlockt werden, oder sonst bei ihren Flügen verloren gehen, kommen bei den Hühnern nicht in solchem Maße vor.

Die kräftigen Beine der Hühner sind zum Scharren wie geschaffen und werden fleißig dazu benutzt. Nicht mit Unrecht spricht Goethe von Frau Kratzefuß. Sonst sagt man, der Hahn macht Kratzfüße. Wenn er sich vor seinen Damen verbeugt, macht er nämlich Kratzfüße, indem er die Beine bewegt, als wenn er scharren wollte.

Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz ungeeignet.

Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.

Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern, Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.

Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden (Kap. [65]). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen, Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.

Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen, Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker, die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.

Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.

[144]. Die Mutterliebe der Glucke.

Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.

Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät, und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.

Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um. Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren Kleinen zu sehr nähert.

Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus, worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.

Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe, ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten sehen können.

Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.

Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.

Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.

[145]. Warum gehen die Hühner so zeitig schlafen? Die sogenannte Hühnerkieke.

Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er geht mit den Hühnern zu Bett.

Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit, wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.

Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können. Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können, so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.

Ferner ist dem Landbewohner bekannt, daß die Hühner leicht an Schneeblindheit erkranken. Sie werden dann gewöhnlich in den Stall gebracht.

Soviel ist wohl sicher, daß das Vogelauge in mancher Hinsicht anders gebaut ist als das Menschenauge. So fängt man in den Balkanländern Vögel mit großen bunten Tüchern, wodurch die Vögel in auffallender Weise angelockt werden.

Ob die Landbewohner recht haben, daß die Hühner bereits gegen Abend, wo es noch hell ist, nicht sehen können, läßt sich nicht beurteilen. Die Frage wird hoffentlich durch Versuche von Gelehrten beantwortet werden.

[146]. Die Farbenblindheit der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen Kreidestrich.

Auf andern Gebieten hat man neuerdings das Sehvermögen der Hühner untersucht und gefunden, daß sie farbenblind sind. Sie können grün und rot nicht erkennen.

Mit der Praxis stimmt das Ergebnis schlecht überein. Denn hiernach machte das schmucke Gewand des Hahnes, mit dem er sich so stolz brüstet, auf die Hennen gar keinen Eindruck. Diese können die grünen Federn und den roten Kamm gar nicht schätzen, weil sie diese Farben nicht wahrnehmen.

Da Versuche über das Sehvermögen ungeheuer schwierig sind, so wird das Ergebnis später wohl noch berichtigt werden. Jedenfalls sind folgende Beobachtungen damit schwer in Einklang zu bringen.

Hühner scheuen die Nässe. Das sieht man dann ganz deutlich, wenn eine Glucke junge Enten ausgebrütet hat (vgl. Kap. [173]). Trotz ihrer Abneigung gegen Nässe gehen Hühner im Sommer auf die Wiesen, wenn es stark geregnet hat. Die Grashüpfer sind durch den anhaltenden Regen erstarrt und können nicht fortspringen. Die Hühner fressen sie gern und holen sie sich.

Auf einer grünen Wiese grüne Grashüpfer zu erkennen, dazu gehört ein sehr scharfes Auge. Wie das ein für Grün farbenblindes Auge leisten soll, ist nicht recht verständlich.

Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch, wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.

So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht. Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen blieb.

Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage regungslos bleibt.

Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so sitzen bleiben.

Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. [2]), Bewegungen noch besser wahrnehmen als die unsrigen.

Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.

Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich. Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt, der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen, der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern höchst zweckmäßig handelt.

Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge. Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist, sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.

Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz natürliche Handlungsweise vorliegt.

Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.

[147]. Die naturgemäße Behandlung des Huhns.

Wenn wir bedenken, daß ein Huhn jährlich etwa 150 Eier legen oder eine Brut von einem Dutzend Jungen hochbringen kann, so müßte man meinen, daß die Hühnerzucht ein sehr lohnender Betrieb ist. Ich kenne Großstädter, die so durchdrungen waren von der Richtigkeit ihrer Berechnung, daß sie ihren Beruf aufgaben und auf dem Lande eine Geflügelzucht einrichteten. Es hat nur einige Jahre gedauert, dann hatten sie die Lust zum Betriebe verloren und obendrein ein nicht unerhebliches Vermögen. Selbstverständlich spreche ich hier von Friedenszeiten vor dem Kriege.

Warum will in diesem Falle Theorie und Wirklichkeit so gar nicht übereinstimmen?

Stellen wir uns vor, daß ein Bauer auf seinem Hofe etwa 20 Hühner hält. Diese Hühner werden morgens zeitig aus dem Stall gelassen und treiben sich den Tag über auf dem Hof oder in der Umgebung umher. Dabei hat der Bauer folgende Vorteile:

Erstens kosten ihm die Hühner den Sommer über fast gar kein Futter.

Zweitens ist das Futter, das sie fressen, für sie naturgemäß.

Drittens können die Hühner fleißig scharren und haben viel Bewegung, was für ihre Gesundheit von großer Bedeutung ist.

Viertens verteilen die Hühner am Tage ihren Unrat an den verschiedensten Stellen, so daß eine Anhäufung nicht stattfindet.

Bei dem Großstädter, der eine großartige Geflügelzucht eingerichtet hat, liegt die Sache ganz anders.

Erstens muß er auch im Sommer sehr viel Futter kaufen. Wie soll er für die Unmenge Hühner die erforderliche Nahrung herbeischaffen? Auf einem Bauernhofe gibt es reichlichen Abfall, da sich in dem Miste zahlreiche Larven und Würmer aufhalten.

Zweitens ist die Nahrung, die der Geflügelzüchter kauft, häufig nicht naturgemäß. Im Frühjahr will das Huhn tierische Nahrung haben. Deshalb reißen sich Hühner, die man eingesperrt hat und nur mit Körnern füttert, zu dieser Zeit die Federn aus oder beißen sich gegenseitig die Kämme blutig (vgl. Kap. [106]).

Drittens braucht der Züchter im Gegensatz zu dem Bauern Personal, was heute ganz besonders ins Gewicht fällt.

Viertens fehlt den Hühnern die Bewegung und sie erkranken leicht.

Fünftens häuft sich der Unrat auf einem kleinen Flecke. Das ist aber die günstigste Vorbedingung für den Ausbruch einer Seuche.

Das Ende vom Liede ist gewöhnlich eine Seuche, die den ganzen Hühnerbestand dahinrafft.

Bei Wildparken und Jagdrevieren liegt die Sache ganz ähnlich. Je weniger Wild ein Jagdrevier enthält, desto gesünder ist es. Dagegen sind Seuchen an der Tagesordnung, sobald eine Ueberfüllung der Bezirke stattfindet.

In den Großstädten bestehen ebenfalls Gefahren durch zu große Besiedelung eines kleinen Bezirkes. Hier hat der Mensch durch Kanalisation, d. h. durch Fortleitung des Unrats die Macht der Seuchen gebrochen.

Es wäre also sehr wohl denkbar, daß auch die Geflügelzuchten einen ähnlichen Ausweg finden.

Auf der einen Seite ist es beklagenswert, daß wir so viel Eier aus dem Auslande einführen müssen. Darum soll jede Vermehrung unseres Hühnerbestandes unterstützt werden. Auf der andern Seite raten selbst die begeistertsten Züchter davon ab, daß ein Neuling ein großes Kapital in die Geflügelzucht steckt. Erst soll er klein anfangen und sich den Rat eines erfolgreichen Züchters einholen. Es gibt zu viele Dinge, die man nur aus der Praxis lernen kann.

Was hier von der Geflügelzucht gesagt worden ist, gilt ganz allgemein für jede Kleintierzucht.

[148]. Eine blinde Henne findet auch ein Korn.

Eine blinde Henne wird man wohl nirgends in Deutschland zu sehen bekommen, weil man ein solches bedauernswertes Geschöpf abschlachten würde. Früher war man in solchen Dingen weniger auf den wirtschaftlichen Vorteil bedacht.

Ein anderes Beispiel für die Verschiedenheit der Auffassung in wirtschaftlichen Angelegenheiten ist folgendes:

Heute sehen wir, daß die Hühner gewöhnlich Ringe um die Beine (Ständer) tragen. In meiner Jugendzeit kannte man das gar nicht. Erst seit einem Menschenalter habe ich sie auf Bauernhöfen angetroffen. Man weiß heute, daß die Henne eine gewisse Anzahl von Eiern legt. Folglich hat es keinen Zweck, sie über ein bestimmtes Alter gelangen zu lassen. Um dieses Alter jederzeit festzustellen, legt man ihnen Ringe um die Beine. Diese Ringe sind in den einzelnen Jahrgängen verschieden.

Diese Ringe sehen wir auch bei den Hühnern auf dem Kohlenplatz.

Wir schlachten also bereits eine Henne, weil sie nicht mehr ganz so viele Eier legt als eine etwas jüngere. Erst recht werden wir also eine blinde Henne schlachten, denn sie würde nicht genügend Futter finden und infolgedessen sehr abmagern.

In früheren Zeiten zerbrach man sich über solche Dinge den Kopf nicht. Hierbei hat man jedenfalls beobachtet, daß eine blinde Henne wie die andern scharrt und durch Zufall auch ein aufgescharrtes Korn findet.

Ein Vogel ist wie ein Mensch ein Augentier und tief zu beklagen, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Bei den Nasentieren liegt die Sache, wie wir wissen, ganz anders. Blinde Hunde kann man sogar noch zur Jagd benützen. Deshalb wäre auch ein Sprichwort unrichtig: Ein blinder Hund findet auch einen Bissen. Er findet ihn vielmehr durch seine Nase ziemlich leicht.

Umgekehrt fehlt den Vögeln eine gute Nase. Das kann man recht deutlich bei den Hühnern wahrnehmen. Man kann ihnen nämlich Porzellaneier unterlegen, und sie brüten fleißig darauf. Ebenso brüten Kanarienvögel auf elfenbeinernen Eiern.

[149]. Die künstliche Glucke. Die Wetterfestigkeit des Huhns.

Eine Glucke mit Jungen bringt man gern in einen besonderen Raum, wie wir es auch hier in unserm Falle beobachten können. Die Mutter ist in gereizter Stimmung und kann leicht die andern Hennen angreifen. Diese wiederum picken nach den Küchlein und suchen selbstverständlich die besten Bissen wegzuschnappen.

Seit Jahrtausenden hat man die Bruthitze der Glucke durch künstliche Wärme ersetzt und ebenfalls Küchlein erzielt. Man hat dadurch den großen Vorteil, daß man ganz andere Mengen von Eiern ausbrüten lassen kann, als wenn man sie verschiedenen Glucken unterlegt. Allerdings fehlt dafür den Kleinen das sorgsame Auge der Mutter. Auch sonst wurden mir von Züchtern mancherlei Nachteile mitgeteilt. So können bekanntlich junge Entlein sofort schwimmen und bleiben dabei trocken. Läßt man die Enteneier jedoch von einer künstlichen Glucke ausbrüten, so werden die jungen Entlein naß. Dies wurde mir wenigstens von verschiedenen Züchtern mitgeteilt.

Das künstliche Ausbrüten der Hühnereier ist nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Denn noch heute gibt es Hühnerarten, die in der Freiheit das gleiche Mittel anwenden. So legt das Talegallahuhn seine Eier in vermoderte Blätter, die es zu Haufen zusammenscharrt. Andere Wallnister benutzen den erwärmten Sand von heißen Quellen oder Vulkanen.

Es fängt jetzt etwas an zu regnen, und wir sehen, daß Regen den Hühnern durchaus nicht angenehm ist. Wie die Katze, so lieben die Hühner Nässe durchaus nicht.

Auch wenn es kalt ist, kann man aus dem Benehmen der Hühner schließen, daß ihnen nicht behaglich ist. Sie stammen eben aus einem heißen Lande. Deshalb ist Hühnerzucht nur in Ländern mit einer gewissen Wärme möglich. Frankreich, England und Italien haben eine höhere Durchschnittstemperatur als wir und haben schon aus diesem Grunde einen Vorzug gegenüber uns in der Geflügelzucht.

Da die Hühner Waldbewohner sind, so ist ihnen pralle Sonnenhitze lästig. Umgekehrt stammen sie aus einem Sonnenlande und vermissen die Sonne sehr. Ich konnte das in einem Hause, in dem ich vor vielen Jahren wohnte, recht deutlich beobachten. Der Wirt hielt Hühner auf dem Hofe. Da das Gebäude vierstöckig war, so war nur von Mitte Mai bis Mitte Juli in den Mittagsstunden Sonnenschein auf dem Hofe. Während dieser Stunden ließen die Hühner alles im Stich, selbst das Futter, und lagen aufgeplustert im Sonnenschein und genossen in vollen Zügen die Wärme der Sonnenstrahlen. Hier kam so recht der Sonnenhunger unserer Hühner zum Vorschein.

[150]. Wie kriecht das Küchlein aus dem Ei?

Es ist gewissermaßen ein Wunder, wenn aus dem Ei, das wohl die Möglichkeit zu einem Leben bietet, aber doch leblos ist, plötzlich allein durch die anhaltende Wärme ein lebendiges Geschöpf kriecht. Durch die Freundlichkeit unseres alten Bekannten, des bei den Ziegen erwähnten Onkels Althaus, können wir das bei ihm in Ruhe beobachten.

Onkel Althaus hält Wyandottes, weil er diese Rasse wegen ihrer Legetätigkeit und als Fleischhühner schätzt. Natürlich kann man keinen schönen Garten haben, wenn man seinen Hühnern zu ihrer Gesundheit Auslauf wünscht. So ist der Garten verschwunden, aber die Hühner befinden sich wohl bei ihrer täglichen Bewegung und legen fleißig Eier.

Zwei Glucken sitzen auf Eiern, die täglich ausfallen können. Die Glucken sträuben ihr Gefieder und stoßen einen krächzenden Laut aus, als Onkel Althaus die Eier untersuchen will. Erst ein Ei ist bei jeder Glucke angepickt. Es ist das ein Zeichen, daß das Küchlein mit seinem Eizahn das Gefängnis verlassen will.

Wir müssen am andern Tage wiederkommen. In der Zwischenzeit sind bei jeder Henne ein paar Küchlein ausgekrochen. Sie sind zum Trockenwerden in die sogenannte Küchleinwiege gebracht worden, wo es schön warm ist. Um uns nicht nochmals einen vergeblichen Weg machen zu lassen, zeigt uns Onkel Althaus an mehreren Eiern, wie man das Auskriechen beschleunigen kann. Als erfahrener Geflügelzüchter kann er sich solche Künsteleien erlauben, aber er rät jedem Neuling ganz entschieden davon ab. Denn wenn sich auch nur ein Blutstropfen bei der beschleunigten Geburt zeigt, so ist das Küchlein verloren.

Onkel Althaus wählt natürlich solche Eier, bei denen das Küchlein bereits fast einen Ring um das Ei gepickt hat. Ganz vorsichtig wird nach und nach erst die Schale und dann die dünne Haut entfernt. Man sieht, welche Anstrengungen dem kleinen Geschöpf die Befreiung aus dem engen Kerker verursacht. Nach jeder größeren Anstrengung braucht es Ruhe. Es liegt dann wie leblos, namentlich nachdem es endlich befreit ist. Zunächst gleicht es einem mit nassen Federn belegten Stück Fleisch. Wir staunen, daß ein solcher Körper überhaupt Platz in dem kleinen Ei hatte. Die Zerstörung seiner Hülle verdankt das Küchlein seinem Eizahn. Man muß sehr genau hinsehen, um ihn zu entdecken. Er hat noch nicht einmal die Größe eines Stecknadelknopfes und befindet sich oben auf dem Schnabel.

Der nasse kleine Klumpen, der seinen Kopf in die richtige Lage gebracht hat, erholt sich allmählich und wird zu den übrigen in die Küchleinwiege gebracht.

Bei der Verabschiedung können wir noch etwas von der Kehrseite der Geflügelzucht kennen lernen. Ein Küchlein ist während des Tages verunglückt. Ein anderes sieht ganz wie ein Todeskandidat aus. Es steht abseits und sieht sehr betrippt aus. Das ist ein schlechtes Zeichen für ein Küchlein, namentlich wenn es dabei die Flügel hängen läßt.

Onkel Althaus will noch einen Rettungsversuch machen und schiebt das Küchlein einer Glucke unter. Vielleicht rettet ihm die Wärme das Leben.

[151]. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden?

Es wäre verfehlt, Hühnerzucht auf moorigem Boden zu errichten. Ebenso ist ein Untergrund von Ton sehr nachteilig, da er den Abfluß des Unrates verhindert. Fester Lehmboden hindert am Scharren, was die Hühner unbedingt brauchen.

Sandiger Boden ist deshalb für die Hühner notwendig, weil sie ihn zu ihrer Lebensweise brauchen. Erstens können sie scharren, zweitens können sie sich paddeln, d. h. durch Sandbäder sich vom Ungeziefer befreien, und drittens finden sie Sandkörner für ihren Magen. Sehr viele Vögel brauchen als Ersatz für die fehlenden Zähne Sandkörner oder kleine Steine zum Zerreiben des im Magen befindlichen Futters.

[152]. Die Rassen des Huhns.

Unser Haushuhn stammt, wie schon erwähnt wurde, aus Ostindien. Einzelne Rassen sind bereits in vorgeschichtlicher Zeit nach Westasien und Europa gelangt.

Die deutschen Hühnerrassen sind teils aus den alten deutschen Landhühnern, teils durch Kreuzungen mit anderen Rassen entstanden. Jede Rasse hatte ihr Heimatsgebiet in einem bestimmten Teile unseres Vaterlandes. Hier seien erwähnt: die Westfälischen Totleger, die Lakenfelder, die Ostfriesischen Möwen, die Ramelsloher, die Thüringer Bausbäckchen, die Bergischen Kräher usw.

Von ausländischen Rassen haben auf uns die Italiener den größten Einfluß ausgeübt. Sie haben unsere heimischen Rassen fast gänzlich verdrängt. Der Hahn und die Hühner auf dem Kohlenplatz waren ebenfalls Italiener. Sie legen fleißig, brüten aber schlecht. Viel Eier legen und gut brüten ist überhaupt selten vereinigt. Als Fleischhuhn ist der Italiener nicht viel wert. Eine andere sehr stattliche Rasse des Mittelländischen Meeres sind die Spanier.

Frankreich liefert vortreffliche Masthühner, beispielsweise die Le Mans, England ebenso in den Dorkings. Berühmt sind auch die englischen Hamburger, die ursprünglich deutsche Hühner waren, und sich durch fleißiges Legen auszeichnen. Es seien noch erwähnt die englischen Orpington, die amerikanischen Plymouth Rocks und die schon genannten Wyandottes, die Mechelner Kuckuckhühner, die in Belgien gezüchtet werden, und die Siebenbürger Nackthälse.

Wahre Riesen der Hühnerwelt sind die Kotschinchina und die Brahmaputra. Umgekehrt sind die Zwerghühner, wie schon ihr Name sagt, sehr klein, z. B. die Silber- und Goldbantam. Eine besondere Stellung unter den Hühnerrassen nehmen die Haubenhühner ein, z. B. die Holländer, Paduaner, Houdans usw.

Das Huhn ist bereits nach einigen Monaten ausgewachsen. Die Brutzeit dauert gewöhnlich 21 Tage, bei kaltem Wetter etwas länger. Einer großen Henne kann man 15 Eier unterlegen, einer kleineren etwa ein Dutzend. Auf einen Hahn rechnet man 10 bis 15 Hennen.

Es wurde bereits erwähnt, daß Krankheiten und Seuchen namentlich dann sehr gefährlich auftreten, wenn ein großer Hühnerbestand vorhanden ist.

[153]. Das Huhn in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erklärt wurden: Eine blinde Henne findet auch ein Korn, mit den Hühnern zu Bett gehen, Frau Kratzefuß, Kratzfüße machen, den Schnabel halten und die Bezeichnung Hühnerkieke.

Jeder Hahn ist König auf seinem Miste.

Das will sagen, daß der Hahn auf seinem Hofe keinen Nebenbuhler duldet. Sonst kommt es sofort zu einem Kampfe, woher die Bezeichnung

Kampfhahn

rührt.

Den roten Hahn aufs Dach setzen

soll heißen, ein Gebäude anzünden. Man erklärt die Redensart mit dem Zusammenhang des Hahnes mit den Feuergottheiten.

Hahn im Korbe sein

heißt der bevorzugteste sein. Unter dem jungen Hühnervolke, das im Hühnerkorbe bewahrt wird, gilt der Hahn als das geschätzteste Stück.

Mit Hahnenfüßen geschrieben

nennen wir eine schlechte Schrift, deren Buchstaben nicht von einer menschlichen Hand, sondern von den Tritten eines Hahns herzurühren scheinen.

Hahnentritt

ist der steife, ernste Schritt des Hahns und dient zur Bezeichnung eines geckenhaften Trittes.

Bei Pferden nennt man so eine Erkrankung des Sprunggelenkes, wobei sie einen Fuß vor dem Hinsetzen ungewöhnlich hoch heben.

Wo die Henne nicht scharrt wie der Hahn,
Kann der Haushalt nicht bestahn.

Das soll heißen, daß die Frau auch im Haushalt tätig sein soll.

Das Huhn legt gern ins Nest, worin schon Eier sind.

Das ist eine sehr richtige Beobachtung.

Es fliegt einem kein gebraten Huhn ins Maul.

Das will sagen, daß das Glück nicht mühelos kommt.

Hühnerauge

ist eine schmerzende Hornhaut am Fuße, die wegen einer entfernten Aehnlichkeit mit einem Vogelauge, nämlich des dunkeln Punktes in der Mitte, so genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Elsternauge, Gerstenauge usw.

Henne mit Küken

Geflügelstall mit Scharraum um den Hühnern bei schlechtem Wetter und im Winter Gelegenheit zum Scharren zu geben

Silberbrackl-Hühner