Der Kanarienvogel
[184]. Weshalb gerät der Kanarienvogel in Wut, wenn er sein Spiegelbild erblickt?
Wer sich auch sonst um Tiere wenig bekümmert, dem wird doch der Kanarienvogel bekannt sein.
Der goldgelbe Sänger war vor dem Weltkriege in zahllosen Familien anzutreffen. Jetzt ist er auch selten geworden, und wir freuen uns, daß wir bei einem Bekannten Gelegenheit haben, einen zahmen Kanarienvogel zu betrachten.
Unser Bekannter, Herr Stengert, öffnet den Käfig, und sofort fliegt ihm Hänschen, wie der Kanarienvogel genannt wird, auf den vorgestreckten Finger. Auf Befehl gibt er seinem Herrn ein Küßchen. Bei Kanarienvögeln kann man das unbesorgt tun, da sie nicht wie Hunde im Kot wühlen. Sodann kriecht er seinem Herrn in den Rockärmel, wo es ihm besonders gut zu gefallen scheint. Wenigstens ist erst ein Leckerbissen notwendig, um ihn von diesem warmen Platze fortzulocken.
Einen merkwürdigen Einfluß übt ein vor ihm aufgestellter Spiegel aus. Mit allen Zeichen der Erregung, nämlich dem Sträuben der Kopffedern und dem Heben der Flügel sowie ganz sonderbaren Tönen nähert er sich diesem Kunstwerk des Menschen.
Man sollte meinen, daß ein hübsches Tier sich freut, wenn es im Spiegel sein Ebenbild erblickt. Warum setzt den Kanarienvogel sein Spiegelbild so in Wut?
Wir Kulturmenschen sind so daran gewöhnt, im Spiegel unser Bild zu erblicken, daß wir das Spiegelbild für die selbstverständlichste Sache der Welt ansehen. Und doch kann von einer solchen Selbstverständlichkeit gar keine Rede sein. Wir wissen, daß Naturvölker, die sich zum ersten Male im Spiegel betrachten, gar nicht wissen, daß es ihre eigene Person ist, die der Spiegel wiedergibt. Woher soll denn der Wilde eigentlich wissen, wie er aussieht? Wenn der Mensch so etwas nicht sofort feststellen kann, so ist es beim Tier erst recht nicht der Fall.
Nasentiere, also Hunde und Pferde, bleiben, wie wir wissen, im allgemeinen kalt gegen den Spiegel. Denn die Spiegelung sagt der treuen Nase nichts. Dagegen übt der Spiegel auf Augentiere, also außer uns Menschen, auf Affen und Vögel eine starke Wirkung aus.
Um die Erregung von Hänschen zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen. Hänschen ist ein Hahn, und alle Hähne sind gewöhnlich sehr eifersüchtig auf einander. Vom Haushahn ist es ja allgemein bekannt, daß er sofort mit einem andern Hahn Streit beginnt. Hänschen glaubt also, als er im Spiegel einen andern Kanarienhahn erblickt, einen Nebenbuhler vor sich zu haben. Er ist sofort bereit, mit ihm einen Kampf auszufechten. Sich selbst hat er nicht erkannt. Denn in diesem Falle wäre die Kampfbereitschaft vollkommen unverständlich.
[185]. Warum singen nur die Männchen bei den Singvögeln?
Nachdem der Spiegel, der Hänschen so beunruhigt hatte, von seinem Herrn fortgebracht worden ist, erfreut uns der Vogel durch seinen herrlichen Gesang. Die Frage ist sehr naheliegend, weshalb nur die Männchen singen. Denn einen weiblichen Kanarienvogel kauft man nur zu Zuchtzwecken. Außerhalb der Zuchtzeit, die vom Februar bis zu der im August eintretenden Mauser dauert, sind die Weibchen verglichen mit den Männchen spottbillig.
Bedenkt man, daß jedes Männchen im Frühjahr ein Weibchen finden möchte, mit dem es zusammen ein Heim gründen kann, so wird es klar, daß der Gesang der männlichen Singvögel ein vorzügliches Mittel dazu ist, den Weibchen anzukündigen, wo sie einen Gatten antreffen können. Die Augen der Vögel sind bekanntlich ausgezeichnet. Deshalb braucht ein Adlermännchen, das auf einem steilen Felsen sitzt, nicht zu singen. Denn ein Adlerweibchen kann es auf viele Kilometer deutlich erkennen.
Aber wie ist es mit den kleinen Singvogelmännchen, die im dichten Laub verborgen sitzen? Wie schwer ist es nicht, wenn wir den Ruf oder Gesang eines Vogels hören, den Urheber im Gewirr des Laubes und der Aeste zu erblicken. Ich habe Bauern kennen gelernt, die mir erklärten, noch niemals in ihrem Leben einen Pirol oder Kuckuck gesehen zu haben. Das war in einer Gegend, wo im Sommer beide Vögel von früh bis spät ihre Rufe erschallen ließen.
Wie sollte in der Dunkelheit ein Nachtigallenweibchen wissen, daß ein Männchen im Gebüsch weilt, selbst wenn seine Augen scharf und für die Dunkelheit angepaßt sind? Wie anders liegt die Sache, und wie erleichtert ist das Finden, wo jetzt das Männchen zur Frühjahrszeit in der Nacht seine sehnsuchtsvollen Töne in die Welt hinausflötet?
Gerade unter den Gebüschvögeln und den versteckt lebenden Vögeln pflegen die trefflichsten Sänger zu sein. Außer der schon erwähnten Nachtigall und dem Pirol sei nur an den Sprosser, die Grasmückenarten, die Laubvögelarten, den Gartenlaubsänger und andere erinnert.
Das Männchen hat also bei den Singvögeln deshalb die Gabe des Gesanges, weil es die Weibchen dadurch auf sich aufmerksam machen will. Da die Natur überall mit Aufwendung der geringsten Mittel arbeitet, so hat sie dem Weibchen die Gesangesgabe nicht verliehen. Denn es wäre ganz zwecklos, wenn beide Teile auf ihrem Platze blieben und das andere Geschlecht auf sich aufmerksam machen wollten.
Nur bei alten Weibchen kommt es vor, daß sie kümmerlich etwas singen. Das erinnert an die Erscheinung, daß alte Frauen einen Anflug von Bart bekommen.
[186]. Warum hassen die Sperlinge den Kanarienvogel?
Herr Stengert erzählt uns, daß er vor Jahren einen Kanarienvogel in folgender Weise verloren hat. Er war aus dem Bauer entwischt und hatte sich die goldene Freiheit erobert. Doch er sollte sich ihrer nicht lange erfreuen. Denn die Sperlinge fielen über ihn her und ruhten nicht eher, als bis sie ihn getötet hatten. Es war ihm nicht möglich, seinen Liebling zu retten, da sich der Vorgang an einer für Menschen unzugänglichen Stelle abspielte.
Von diesem Haß der Sperlinge gegen entflohene Kanarienvögel habe ich so oft erzählen hören, daß ich an der Wahrheit der Berichte nicht gut zweifeln kann. Er steht auch ganz im Einklange mit der immer wiederkehrenden Erscheinung, daß sich nahe Verwandte im Tierreich grimmig hassen, so Wolf und Hund, Pferd und Esel usw. Auch der Kanarienvogel gehört wie der Sperling zu den Finken und müßte eigentlich nach menschlichen Anschauungen als naher Verwandter von den »Gassenjungen«, wie man die Sperlinge genannt hat, liebevoll aufgenommen werden. Da unter den Tieren Haß gegen Verwandte die Regel ist, so ist die Abneigung der Sperlinge gegen den Kanarienvogel nicht weiter auffallend.
Hierzu kommt noch folgendes. Alle freilebenden Tiere haben einen scharfen Blick für die Schwächen eines neu Angekommenen. Deshalb soll man einen Vogel, der ständig im Käfig gehalten wurde, nicht plötzlich aussetzen. Manche Tierfreunde wollen ihren Tieren etwas gutes erweisen und erreichen damit das gerade Gegenteil. So hatte ein Bekannter von mir eine junge Drossel großgezogen. Als ausgesprochener Tierfreund wollte er dem Tiere eine große Freude machen und ihm die Freiheit schenken. Er erzählte mir von seinem Plane, worauf ich ihm den Rat gab, die Drossel zunächst im Zimmer das Fliegen etwas gründlicher lernen zu lassen. Das wollte er jedoch wegen der damit verknüpften Schmutzereien nicht tun. Er nahm die Drossel also nach dem Tiergarten mit und setzte sie dort aus. Er selbst schaute von einer Bank aus dem Benehmen seines Lieblings zu. Es dauerte nicht lange, so kam eine Krähe. Diese fing die Drossel und verspeiste sie. Mein Bekannter war dagegen machtlos. Die Krähe hatte sofort erkannt, daß die Drossel nicht genügend fliegen konnte. Wie sie auf kranke Vögel Jagd macht, so auch auf schlechte Flieger.
Vielleicht ist auch folgender Umstand von Bedeutung. Bei jeder Tierart kommen wohl sogenannte Albinos vor, d. h. Tiere mit weißer Farbe und roten Augen. Allgemein gelten sie als schwächlich. Raubtiere suchen zuerst die Albinos zu erbeuten. Albinos werden von ihren Artgenossen gewöhnlich gemieden. Unser Kanarienvogel ist nun zwar kein Albino, aber mit seiner hellgelben Färbung sieht er ihm manchmal recht ähnlich. Jedes freilebende Tier sieht jedenfalls sofort, wenn es einen Kanarienvogel erblickt, daß hier ein Schwächling vorliegt. Schwächlinge werden gern bekämpft.
Der Haß der Sperlinge gegen den Kanarienvogel ließe sich also dadurch erklären, daß der Kanarienvogel ein naher Verwandter, ein erbärmlicher Flieger und ein Schwächling ist.
[187]. Wie erklärt sich die gelbe Farbe des Kanarienvogels?
Der wilde Kanarienvogel, von dem unser zahmer Kanarienvogel abstammt, lebt noch heute auf den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas. Seit etwa drei Jahrhunderten ist der Kanarienvogel als Haustier bei uns heimisch. Der wilde Kanarienvogel ist grünlich, während unser Kanarienvogel hauptsächlich gelb ist. Wie läßt sich diese Verschiedenheit erklären?
Wir sehen, daß Haustiere sehr häufig eine andere Farbe haben als ihre freilebenden Vorfahren. Das Wildpferd ist braun. Es gibt unzählige Pferde, die nicht braun sind. Ebenso ist es mit den Wildkaninchen, dem Bankivahuhn, der Felsentaube usw.
Da man bei Kanarienvögeln durch Fütterung mit Kayennepfeffer ganz merkwürdige Färbungen erzielt hat, so ist wohl anzunehmen, daß die Nahrung in einem gewissen Zusammenhang mit der Färbung steht. Da die Haustiere gewöhnlich zum Teil eine andere Nahrung als ihre Stammeltern erhalten, so würde sich ihre anders geartete Färbung zum Teil dadurch erklären.
Herr Stengert erzählt uns weiter, daß er früher echte Harzer Kanarienvögel besessen, sie aber wieder abgeschafft hat, denn sie verlangen eine hohe Wärmetemperatur, was bei dem jetzigen Kohlenmangel nicht zu erreichen war.
An sich ist jedem Geschöpf Abhärtung zuträglicher als Verweichlichung. Die Züchtung der Harzer Kanarienvögel bei hoher Temperatur kann man aber eigentlich nicht als Verweichlichung bezeichnen. Denn der Vogel ist einmal ein alter Afrikaner. Vielleicht hat man gerade dadurch so große Erfolge erzielt, daß man ihn in der Temperatur seiner Heimat hielt.
[188]. Warum stecken die Vögel beim Schlafen den Kopf in die Federn?
Da sich der Abend naht, so soll Hänschen zum Schlafen in ein dunkles Zimmer gebracht werden. Hier sind noch einige andere Kanarienvögel, die, wie wir sehen, bereits schlafen. Sie haben nämlich ihren Kopf in die Federn gesteckt.
Diese Schlafstellung erscheint uns recht wunderbar, und die Frage deshalb sehr natürlich, weshalb der Vogel so handelt.
Manche meinen, daß diese Haltung für den Vogel am bequemsten sei. Wie der Mensch den Kopf sinken lasse, wenn er müde sei, so stecke der Vogel unter gleichen Umständen den Kopf in die Federn.
Hiermit ist aber schlecht vereinbar, daß nicht nur die Eulen, sondern, soweit ich feststellen konnte, auch die andern großen Raubvögel den Kopf nicht in die Federn stecken. Es ist mir trotz aller Bemühungen niemals gelungen, einen Adler oder Geier in der Nacht zu beobachten, wie er den Kopf in die Federn steckt. Gerade in Berlin hat man hierzu die schönste Gelegenheit. Geht man in der Dunkelheit am Rande des Zoologischen Gartens entlang, und zwar da, wo er an den Tiergarten grenzt, so sieht man stets einige Bewohner des riesigen Raubvogelkäfigs, wie sie auf den Felsen hocken. Bei den Eulen kann man das Nichthineinstecken des Kopfes mit ihrem zu kurzen Halse erklären. Aber Geier und Adler müßten auch ihre Köpfe in die Federn stecken, wenn diese Erklärung richtig ist.
Ich erkläre mir die Schlafstellung der Vögel anders und zwar auf Grund folgender Beobachtung.
An einem schönen Sommertage ging ich im Tiergarten spazieren. Ich blieb stehen, um eine Wildente zu beobachten, die auf einen in das Wasser gefallenen Baum gestiegen war und dort ihr Gefieder glättete. Es kam noch eine Ente angeschwommen und sprang – nicht flog – vom Wasser auf den Baum. Das ist ein Kunststück, das man nicht glauben würde, wenn man es nicht mit eigenen Augen sähe. Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf dem gestürzten Baume so vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen Gegenden scheinen sie lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen. Das ist auch ganz klar, denn am Ufer kann sie manches Raubtier, z. B. der Fuchs erbeuten, der auf den Baumstamm nicht so leicht gelangt. Demnach schien der Baumstamm mit seiner trockenen Rinde ein herrliches Ruheplätzchen zu bieten. Nur ein Wulst auf dem Baumstamm fiel mir auf, weil ich nicht recht wußte, was ich aus ihm machen sollte. Dieser Wulst, den ich zunächst übersehen hatte, kam mir mit der Zeit immer merkwürdiger vor. Ich bedauerte aufrichtig, nicht ein scharfes Jagdglas bei mir zu haben. Plötzlich bekam der Wulst Bewegung und, was ich schon geahnt hatte, entpuppte sich als – schlafende Ente.
Ich mußte staunen, wie vortrefflich das Gefieder der Wildente, die sich dicht auf den Stamm gedrückt hatte, zu der Baumrinde paßte. Sodann war es aber klar, daß ich trotzdem die schlafende Ente niemals hätte übersehen können, wenn sie nicht ihren Kopf in das Gefieder des Rückens gesteckt hätte. Ich glaube hiernach zu der Vermutung berechtigt zu sein, daß die merkwürdige Schlafstellung den Zweck einer Schutzstellung hat.
Die Wildente ist, wie wir wissen (Kap. [145]) ein zum Teil nächtliches Tier. Sie hat also am Tage naturgemäß ein Schlafbedürfnis. Ihre schlimmsten Feinde sind außer dem Menschen die Tagraubvögel, insbesondere Wanderfalk und Habicht. Sie ist also in dieser Schlafstellung einigermaßen vor ihnen gesichert. Würde sie mit dem Kopfe nach vorn schlafen, so könnte sie von dem scharfen Auge ihrer gefiederten Feinde mit Leichtigkeit wahrgenommen werden.
Als Jäger wäre ich an dieser Wildente vorbeigelaufen, obwohl ich gerade für sich verbergende Geschöpfe ein sehr geschultes Auge besitze.
Aus Furcht vor den nächtlichen Feinden, den Eulen, stecken also die Friedvögel den Kopf in die Federn, damit sie leichter übersehen werden.
Uebrigens haben die Nachtaffen genau die gleiche merkwürdige Schlafstellung. Man betrachte beispielsweise ihre Bilder in Brehms Tierleben. Diese Schlafstellung wird aber sofort verständlich, wenn man sie als sogenannte Mimikry, d. h. Nachäffung der Umgebung auffaßt.
Adler und Geier scheinen eine solche Mimikry nicht zu brauchen und deshalb stecken sie den Kopf nicht in das Gefieder.
[189]. Die Rassen des Kanarienvogels.
Der Harzer Kanarienvogel ist bereits erwähnt worden. In England werden Kanarienvögel mit auffallender Färbung gezüchtet, so z. B. die eidechsenartig gestreiften Lizards. Erwähnt wurden bereits die Pfeffervögel, die durch Fütterung mit Kayennepfeffer tief gelbrot geworden sind.
Die Zucht des Kanarienvogels beginnt Mitte Februar. Auf ein Männchen rechnet man 3 bis 4 Weibchen. Das Weibchen legt 5 Eier. Die Brutzeit dauert etwa 13 Tage. Man kann im Jahre 3 bis 4 Bruten erzielen. Als Fink ist der Kanarienvogel ein Pflanzenfresser, der namentlich im Frühjahr Wert auf Insektenkost legt. Rübsen, Spitzsamen und gelegentlich Hanf sowie allerlei Grünes wird vom Kanarienvogel gern gefressen. Während der Brutzeit darf hartgekochtes Ei als Ersatz der tierischen Nahrung nicht fehlen. Da der wilde Kanarienvogel sehr gern Feigen frißt, so sind Zucker und Obst keine Leckereien für unseren Kanarienvogel, wie gewöhnlich angegeben wird. Es liegt vielmehr eine naturgemäße Fütterung vor.
Für die Zucht ist der Kanarienvogel nur bis zum vierten Jahre lohnend zu verwenden. Dagegen wird der einzelne Sänger bis zu 20 Jahren alt.