Der Wellensittich

[190]. Warum ist nur der Wellensittich ein Haustier?

In meinem Bekanntenkreise besitzt nur noch der vorhin erwähnte Herr Stengert ein Pärchen Wellensittiche. Die übrigen haben die Tierchen wegen Futtermangel abschaffen müssen. Wir suchen also Herrn Stengert wieder auf und sehen uns zunächst nochmals seine Kanarienvögel an.

Das Pärchen Wellensittiche hat bereits mehrfach gebrütet. Den Nachwuchs hat Herr Stengert fortgegeben, da die Ernährung heutzutage zu schwierig ist.

Unter Papageien stellt sich der Durchschnittsmensch ziemlich große, lautkreischende Vögel vor. Davon ist beim Wellensittich nichts zu merken. Sieht man von seinem langen Schwanz ab, so hat er etwa die Größe eines Stars. Nur ist er im Gegensatz zum Star grün gefärbt.

Nahen sich Fremdlinge, wie wir es sind, so haben die Wellensittiche eine Vorliebe dafür, sich schnell auf den Boden fallen zu lassen und sich zu ducken.

Hieraus sieht man, daß auch dieser Vogel von seinen ererbten Gewohnheiten vollkommen beherrscht wird. Er lebt in Australien und nährt sich von Grassamen. Wegen der Dürre dieses Landes ist er zu großen Wanderungen gezwungen. Ueppiger Graswuchs ist nur zeitweise nach den Niederschlägen vorhanden, und diese Niederschläge sind nicht häufig. Dort im grünen Grase ist sein Verstecken bei seiner grünen Färbung ein vortreffliches Mittel, um sich den Blicken des Beobachters zu entziehen. Auf dem mit Sand bestreuten Boden des Käfigs ist das Sichducken vollkommen zwecklos.

Vom Kreischen der andern Papageien merkt man beim Wellensittich nichts. Er singt vielmehr ziemlich leise und ganz angenehm.

Der größte Vorzug liegt jedoch in dem anmutigen Verhalten des Pärchens, das wie die Turteltauben das Vorbild eines zärtlichen Ehepaars liefert. Er ist der opferwillige und allzeit dienstbereite Mann, während sie das hingebende Weib ist.

Bei andern Papageien hat man auch Nachkommenschaft erzielt. Aber als viel größere Tiere brauchen sie dazu einen ziemlichen Raum. Der enge Käfig genügt ihnen nicht. Am leichtesten gelingt es, wenn man sie frei ausfliegen läßt. Immerhin muß man die Fortpflanzung anderer Papageien als Ausnahme betrachten.

Dagegen kann man von Wellensittichen regelmäßig Nachwuchs erzielen, und deshalb müssen wir sie zu unsern Haustieren rechnen.

Sie legen 4 bis 6 Eier. Der Wellensittich hat noch den weiteren Vorzug, außerordentlich anspruchslos zu sein. Das kommt natürlich daher, weil er in seiner Heimat fast nur von Grassamen leben muß.

Wegen der weiten Wanderungen in Australien muß der Wellensittich ein guter Flieger sein. Ich habe vor 20 Jahren längere Zeit einen entflohenen Wellensittich im alten Botanischen Garten beobachtet und mich über seine Flugfertigkeit sehr gefreut.

Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Wellensittich zu uns gekommen.

[191]. Warum fehlt dem Tiere die Sprache?

Im Gegensatz zu andern Papageien lernt der Wellensittich nur ausnahmsweise sprechen. Immerhin soll bei dieser Gelegenheit die so oft aufgeworfene Frage erörtert werden, warum dem Tiere die Sprache fehlt.

Die neueste Auflage von Brehms Tierleben kommt zu dem Ergebnis, daß die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben. Dieses Ergebnis befriedigt nicht, wie schon an verschiedenen Stellen hervorgehoben worden ist. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben, ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von der größten Wichtigkeit. Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht erforderlich. Es genügt ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf, auch das bloße Benehmen ist genügend. Ergreift das Leittier plötzlich die Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat.

Ueberhaupt können die einfachen Bedürfnisse des Tieres fast immer durch das Benehmen angedeutet werden. Kein Mensch, der in einem Lokale eine Mahlzeit verzehrt, und dem ein fremder Hund jeden Happen, den er zum Munde führt, nachzählt – selbstverständlich im bildlichen Ausdruck – ist im Zweifel darüber, was der Hund eigentlich will. Er will etwas abhaben, und zwar je mehr, desto besser. Ein Schweizer Naturforscher erzählt von einem gefangenen Adler, daß dieser den Kopf senkte und dabei mit den Flügeln schüttelte. Sofort verstand er, daß der Adler baden wollte, und brachte ihm eine Wanne mit Wasser.

Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie ohne Zweifel feststeht, auch ohne eine solche bestehen kann.

Für das freilebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber die Verleihung der Sprache eher ein Nachteil als ein Vorteil. Alle Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer, Soldaten, Fischer, Jäger pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle, daß vieles Reden nicht nur ganz überflüssig, sondern sehr schädlich ist.

Besäßen die Tiere eine Sprache, so kämen sie oft ins Plaudern, und ein plötzlicher Ueberfall durch einen Feind bildete den Schluß des Plauderstündchens.

Dem Tiere fehlt also die Sprache, weil es von ihr fast nur Nachteile und kaum Vorteile hätte.

Uebrigens habe ich niemals begreifen können, weshalb der einfache Mann es bedauert, daß beispielsweise der Hund nicht sprechen kann. Würden sich denn noch Menschen einen Hund halten, wenn er als Plappermaul alles in der Nachbarschaft erzählte, was er bei seinem Herrn und seiner Familie gesehen und erlebt hat?