Die Ziege

[111]. Warum können junge Ziegen bereits vortrefflich klettern?

Die Ziege, die Kuh des armen Mannes, können wir in oder nahe bei dem alten Berlin noch häufig zu sehen bekommen. Auf dem unbebauten Teil des Tempelhofer Feldes trifft man sie regelmäßig im Sommer an, ebenso auf Baustellen der Vororte. Selbst in Gärten habe ich sie schon gesehen, wobei sie natürlich, um Schaden zu verhüten, angebunden war.

Wir wollen einmal eine solche Mutterziege, die zwei muntere Zicklein bei sich hat, etwas näher betrachten.

Bei der Ziege haben auch die Weibchen Hörner, ebenso wie die Gemsen, während sie den weiblichen Schafen, wie wir später sehen werden, fehlen.

Das hat natürlich seinen Grund, und zwar folgenden: Gemsen und Ziegen haben ihre Heimat im hohen Gebirge, wo die Jungen von Adlern und anderen Raubvögeln bedroht werden. Um sie abzuwehren, brauchen die Weibchen Hörner.

Das Schaf stammt auch aus dem Gebirge, aber aus dem bewaldeten Teile der Gebirge. Die Schafmutter braucht ihr Junges nur in den Wald zu bringen, dann ist es vor Raubvögeln sicher. Deshalb haben auch die Weibchen von Reh und Hirsch keine Waffen, weil auch sie in den Wald flüchten können.

Die kleinen Tierchen, die allerliebst aussehen, tollen jetzt in der übermütigsten Weise umher. Ihre Gewandtheit im Klettern ist erstaunlich. Je höher sie klettern können, desto lieber ist es ihnen. Man sieht ihnen an, daß ihre Vorfahren im Gebirge heimisch waren. Auch führen sie schon Scheingefechte auf, indem sie mit den Köpfen gegeneinander rennen. Schwindel muß ihnen ganz unbekannt sein, denn sonst könnten sie nicht mit solchem Vergnügen am Dachrande eines kleinen Hauses entlanglaufen.

Diese frühzeitige Kletterkunst erregt unser Erstaunen, besonders wenn wir bedenken, daß eben geborene junge Ziegen bereits nach einigen Tagen ihrer Mutter überallhin folgen können.

Auch hier gibt uns die Lebensweise der Stammeltern Aufschluß über diese merkwürdige Eigenschaft. Unsere Hausziege stammt von der Bezoarziege ab, die an den Küsten des mittelländischen Meeres lebt. Wie alle Pflanzenfresser hat auch die Bezoarziege Feinde, die ihr nachstellen. Von den Säugetieren sind es namentlich Luchse und Wölfe.

Wie soll nun die Ziegenmutter ihre Jungen gegen überlegene Feinde schützen, beispielsweise, wenn ein Jäger oder ein schnellfüßiger Wolf kommt? Auf dem Rücken kann sie das Junge nicht tragen. Deshalb muß das Junge bald klettern können, weil sonst die Ziegen ausgerottet wären.

[112]. Warum fressen unsere Ziegen ungern Gras?

Inzwischen ist die Herrin der Ziegenfamilie zu der alten Ziege getreten und schilt sie tüchtig aus. Wir können zwar nicht alles verstehen, was sie sagt, aber wir können es uns schon denken. Es ist das alte Lied, das wir immer hören müssen. Entweder heißt es: »Du Ziege bist ein ganz niederträchtiges Geschöpf. Du stehst im tiefen Gras, doch darum kümmerst du dich nicht. Aber den Pfahl, an den du gebunden bist, den knabberst du an.« Oder: »Du bist ein ganz eigensinniges Tier; Gras willst du nicht fressen, aber zu den Sträuchern willst du hin.« Der gebildete Großstädter sagt oft verzweifelnd, wenn die Ziege das mühsam besorgte Gras nicht fressen will: »Die Ziege gehört zu den Träumern, die in die Weite schweifen, obwohl ihr das Gute so nahe liegt.«

Alles das ist natürlich eine ganz falsche Ansicht. Wir Menschen machen folgenden Schluß: Die Ziege ist ein Pflanzenfresser. Gräser sind Pflanzen. Folglich muß die Ziege Gräser fressen, oder sie ist nicht ganz bei Trost.

Schon früher haben wir darauf hingewiesen, daß die Gemsen in unseren Zoologischen Gärten bald sterben, weil ihnen das gewürzige Gras ihrer Heimat fehlt. Die Bezoarziege bewohnt nun solche Teile des Gebirges, wo Gräser wenig oder gar nicht vorkommen. Auf dem öden, trockenen Gestein der Mittelmeerländer kommen Grasflächen, wie sie unsere Heimat in Hülle und Fülle bietet, nur selten vor.

Das Gras unserer Ebene ist also gar kein natürliches Futter der Ziege.

Deshalb werden wir niemals in unserer engeren Heimat, in einer Provinz ohne Bodenerhebungen, eine berühmte Ziegenrasse züchten, weil wir den Ziegen so wenig natürliches Futter bieten können.

Wir müssen vielmehr immer wieder unsere Ziegen mit solchen aus gebirgigen Ländern auffrischen, wo sie viel besser gedeihen, beispielsweise im Harz und in der Schweiz.

[113]. Wie erklärt sich die Giftfestigkeit der Ziege?

Wir haben also gesehen, daß die Besitzerin der Ziegenfamilie im Unrecht ist, wenn sie die Ziege schilt, weil sie so ungern das Gras unserer Ebene fressen will.

Damit soll nun nicht gesagt sein, daß wir demutsvoll allen angestammten Eigenarten der Ziegen nachkommen sollen. Davon kann keine Rede sein. Nur sollen wir uns von der Vorstellung freimachen, daß wir vor einer unverbesserlichen Sünderin stehen. Das ist nicht der Fall, da kein Tier seine angeborenen Triebe ablegen kann. Noch eine andere Eigentümlichkeit der Ziege erregt unseren Zorn. Sie ist nach unseren Begriffen lecker, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter herauszieht und am liebsten eine Menge an die Erde wirft, wo es natürlich zertreten wird.

Diese Art des Fressens ist ganz einleuchtend, wenn man sich die Lebensweise der Wildziegen vorstellt. Auf dem öden Gestein ist ein sehr geringer Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart reicht es nicht aus. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, was es ist. Hieraus erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling körbeweise, ohne daß es ihr schadet. Auch frißt sie viele Dinge, die jedes andere Tier meidet, so den scharfen Mauerpfeffer, Zigarren und Schnupftabak und dergleichen.

Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist und das Gras links liegen läßt, so ist das keine Niederträchtigkeit, sondern die ganz naturgemäße Art des Fressens. Ueppige Weiden behagen ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb ist sie der Fluch für die Mittelmeerländer, weil sie durch ihr Beknabbern eine Bewaldung dieser Länder nicht aufkommen läßt. Sieht man einer freiweidenden Ziege zu, so wird man sich davon überzeugen können, daß sie von den am Boden wachsenden Pflanzen die Blätter bevorzugt und viel lieber als Gräser frißt. Das ist auch nach ihrer Herkunft nicht wunderbar.

[114]. Warum heißt die Ziege die Kuh des armen Mannes?

Wir sehen, daß hier eine Familie sich eine Ziege hält, obwohl sie nur einen ziemlich großen Garten besitzt. Diese Leute sind wahrscheinlich wohlhabend, möglicherweise sogar sehr reich. Bei ihnen würde also die Bezeichnung nicht zutreffen, daß die Ziege die Kuh des armen Mannes sei.

Großstädtische Verhältnisse sind eben nicht immer die naturgemäßen. Die Redensart bezieht sich auf die sonst in unserer Heimat üblichen Verhältnisse. Hiernach hat der arme Mann auf dem Lande bei seinem Häuschen einen Garten, aber er hat sonst kein Land, namentlich keine Wiesen, wie es für eine Kuh erforderlich ist. Mit dem, was ein Garten bringt, kann man eine Ziege ernähren, da fünf Ziegen zusammen nicht so viel fressen wie eine Durchschnittskuh. Außerdem muß die Ziege bei armen Leuten vieles fressen, was man ihr sonst nicht vorsetzt, z. B. Abfälle, Spülicht usw. Der arme Mann möchte selbstverständlich auch gern frische Milch genießen, und da er sich, wie wir sahen, keine Kuh halten kann, so nimmt er eine Ziege, woher sich die Redensart erklärt.

Eine gute Milchziege liefert wöchentlich 10 bis 12 Liter Milch. Sie hat den Nachteil, daß viele Menschen sie nicht mögen. Auch läßt sich aus Kuhmilch viel bessere Butter und leichter Käse machen. Auch schmeckt saure Kuhmilch viel besser. Da außerdem Rindfleisch viel schmackhafter als Ziegenfleisch ist, so wird die Kuh durch die Ziege nicht verdrängt werden.

[115]. Wie lebt die Ziege im Gebirge?

Von der Lebensweise der eigentlichen Stammeltern unserer Hausziege wissen wir recht wenig. Wir wollen daher als Ersatz die Schweizer Ziegen wählen, deren Lebensweise ein dort heimischer Naturforscher vortrefflich geschildert hat.

Die Ziegenböcke des Gebirges haben mitunter so außerordentlich große Hörner, daß sie von weitem Steinböcken ähnlich sehen. Sie zeichnen sich besonders durch ihren kecken, mutwilligen Humor aus. Es liegt etwas Ernstes in der Haltung ihres Kopfschmuckes, aber sie haben ein schalkhaftes Auge und zeigen, wenn es ans Naschen oder ans Spielen und Stoßen geht, ihre ganze Leichtfertigkeit. Das Schaf hat nur in seiner Jugend ein munteres Wesen, ebenso der Steinbock; die Ziege behält es länger als beide. Ohne eigentlich im Ernste händelsüchtig zu sein, fordert sie gern zum munteren Zweikampfe heraus.

Neugierde ist überhaupt neben der Launenhaftigkeit ein hervorstechender Wesenszug der Ziege. Sie ist in weit höherem Grade neugierig als die Kuh; die Gemse ist ihr darin ähnlich. Zu den Gemsen verliert sich hier und da eine Alpenziege und bleibt monatelang in der Gesellschaft. Doch muß es ihr sauer werden, diesen Meistern im Springen und Klettern nachzukommen, und gewöhnlich kehrt sie im Herbst unvermutet ins Tal zu ihrer Hütte zurück. Im Appenzellerlande überwinterten schon verloren geglaubte Ziegen in geschützten Alpen unter großen Tannen bald allein, bald mit Gemsen, und kehrten im Frühling mit frischgeworfenen Zicklein ins Tal zurück.

Ueberhaupt ist unsere Ziege eines der muntersten und aufgewecktesten unter den zahmen Tieren, wie schon ihr Auge, ihr feiner Kopf, ihre schlanke, leichte Körperbildung und ihr großes Gehirn auf eine kluge Natur schließen läßt. Sie ist weit empfänglicher für die Liebkosungen des Menschen als das Schaf, folgt nicht, wie dieses, dem Gang der Masse, sondern tritt gern frei und selbständig auf, liebt Berge und Freiheit, fürchtet sich nicht so schnell, ist im Zorne ziemlich hartnäckig, hat viel Gedächtnis und Ortssinn und würde vielleicht bei völliger Freiheit nach wenigen Generationen an Lebhaftigkeit, Kühnheit und ausgebildetem Instinkt der Gemse wenig nachstehen. Dies gilt namentlich von den gehörnten Ziegen, die in den Gebirgen weit häufiger sind als die ungehörnten, die dafür im Tale in den Ställen vorgezogen werden. Um solche hornlose Ziegen zu erhalten, bedient man sich hie und da eines höchst gefährlichen Mittels. Man gräbt nämlich Zicklein, sobald die Hörnchen hervorbrechen wollen, diese samt der Wurzel aus dem Schädel.

Der die Gebirge durchstreifende Wanderer trifft häufig Ziegengruppen als malerische Zutat einer einsamen Alpengegend, bald frei weidend, bald unter Obhut eines wetterbraunen, barfüßigen Jungen. Sie sind selten scheu, gewöhnlich ganz zutraulich und munter. In manchen Schweizerbergen folgen sie dem Fremden stundenweit, um ein paar Fingerspitzen Salz oder ein Stück Brot zu erbetteln. Erhalten sie kein Salz, so genießen sie mit ebenso großem Behagen eine Portion Schnupftabak. Gewöhnlich sind ein halb Dutzend Stück einer Ochsen- oder Pferdeherde beigegeben, und ihre Milch ist fast die einzige Nahrung der Hüter; oft finden sich einige Stücke im Gefolge einer Kuhherde, oder sie werden auch zu Herden vereinigt und zur Alp getrieben. In diesem Falle teilt man sie im Appenzellerlande in Haufen von je 12 Stück ab; ärmere Bauern, die keinen ganzen Haufen vermögen, stoßen ihre Ziegen zusammen und halten gemeinschaftlich einen Geißbuben, der nebst magerer Kost noch geringere Löhnung erhält.

Mit großer Kühnheit schweifen diese Tiere in den steilsten Gebirgsbänken umher, um vereinzelte Grasbüschel oder zarte, leckere Stäudchen zu rupfen. Dabei geschieht es nicht selten, daß sich die Ziege »verstellt«, wo sie sich weder vor- noch rückwärts mehr getraut. So bleibt sie dann oft zwei bis drei Tage ohne Nahrung zwischen Tod und Leben, bis der Geißbub sie entdeckt und zu »lösen« sucht. Dies tut er mit wunderbarer Verwegenheit; manchmal bindet er sie an ein Seil, um sie die Felswand hinaufzuziehen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß der Mensch sich da zu klettern getraut, wo selbst die leichtfüßige Ziege den Mut verloren hat. Freilich sind die Geißbuben, die den ganzen Sommer über zwischen den Felsen leben, großartige Künstler im verwegensten Klettern und kennen die Gefahr so wenig, daß sie sich mitunter anbieten, die jähsten Felsenköpfe und Gebirgsseiten durch beliebig zu bezeichnende Narben und Falten zu erklimmen, wo man nicht begreift, wie eine Hand oder ein Fuß im steilen Absturz haften kann. Selten fallen die Ziegen tot, es sei denn, daß sie sich im Hörnerkampfe über den Felsenrand hinausstoßen oder von einem fallenden Steine, einer Lawine oder dem Flügel des Lämmergeiers ergriffen werden.

Bekanntlich sind die Ziegenherden durch ihre Naschhaftigkeit die gefährlichsten Feinde und eine wahre Geisel der Gebirgswaldungen geworden; aber allmählich wird diesem schädlichen Unwesen durch bessere Forstpolizei und Einschränkung des Ziegenstandes entgegengewirkt. Im ganzen zieht die Ziege ein mageres, halbsaures Futter mit grünen Knospen und Zweigen dem fetten Wiesengrase vor. Merkwürdig ist die Beobachtung, daß die giftige Wolfsmilch und der Schierling von ihr mit Begierde und ohne Nachteil gefressen wird. Dagegen sollen ihr Eicheln nachteilig sein. Die Ziegenmilch wird im August, wo die Tiere die höchsten Alpen besteigen, für am kräftigsten gehalten. Der größte Teil wird zu fünf- bis zehnpfündigen Käsen verarbeitet, die von vorzüglichem Wohlgeschmack sind.

[116]. Warum gibt es im Ziegenstall so wenig Fliegen, im Kuhstall so viele?

Wir wollen jetzt nach einem Vorort gehen, wo ein alter Bekannter, Herr Althaus, Ziegen hält. Wegen seiner Gemütlichkeit und Gefälligkeit wird er allgemein »Onkel Althaus« genannt. Wir treffen es gut bei Onkel Althaus, denn es wird gerade ein Böckchen abgeholt, das er vor einigen Tagen verkauft hatte. Das Ziegenböckchen ist ungewöhnlich stark, was auch weiter kein Wunder ist, da es allein die ganze Milch der Mutter getrunken hatte. In dieser milcharmen Zeit muß aber jeder zunächst an sich selbst denken. Onkel Althaus hat ein Söhnchen von neun Jahren, das die Milch sehr nötig braucht und dessentwegen er gerade die Ziege angeschafft hat. Es ist selbstverständlich, daß erst der Mensch und dann das Tier kommt.

Wir befürchteten, daß die Trennung von Mutter und Sohn zu endlosem Jammern der Alten führen würde, wie es bei der Kuh üblich ist, wenn ihr das Kalb genommen wird. Nichts von alledem geschah – kein einziges Mäh kam über die Lippen der Alten. Ich glaube aber, daß es falsch ist, wenn man hieraus auf eine Gefühllosigkeit der Ziegenmutter schließt. Onkel Althaus hatte wohl recht mit der Annahme, daß die alte Hippe, wie die Ziege auch sonst genannt wird, bestimmt glaube, das Junge werde wiederkommen. Er erzählte uns, und sein Söhnchen Albrecht bestätigte es, daß der kleine Bock schon oft Ausflüge auf eigene Faust unternommen hatte.

Es fällt uns auf, daß im Ziegenstall, in dem noch andere Ziegen stehen, die aber zurzeit keine Milch geben, so wenig Fliegen sind. Im Kuhstall wimmelt es von Fliegen, wie jeder weiß, der an einem warmen Sommertage einen Kuhstall betreten hat. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Aus der früheren Schilderung der Alpenkühe wissen wir, daß es im Hochgebirge sehr wenig Insekten gibt. Die Ziege ist ein Kind des Hochgebirges. Die Fliegen und andere Insekten der Ebene kennen also Ziegen von früher her nicht. Dagegen sind ihnen Kühe als Geschöpfe sumpfiger Gegenden sehr wohl bekannt. Wer da glaubt, daß es einer Fliege oder einem anderen Insekt ganz gleichgültig ist, von welchem Tiere sie das Blut ziehen, der dürfte im Irrtum sein. Auch der Esel leidet als früheres Gebirgstier viel weniger unter der Insektenplage als das aus der Steppe stammende Pferd.

Wir sehen ähnliches bei unseren Kleidern. Die Motten bevorzugen ganz auffallend reinwollene Sachen, während sie künstliche Wolle oder Baumwolle meiden, mag sie auch noch so sehr das Auge des Menschen täuschen.

Es ist möglich, daß der Gestank des Ziegenbockes, der uns so unangenehm ist, auch die Fliegen vertreibt. Aber in unserem Falle kann er nicht in Betracht kommen. Denn Onkel Althaus besitzt keinen eigenen Bock, und das Böckchen ist noch so jung, daß es noch keinen Geruch entwickelt.

[117]. Die Rassen der Ziege.

Die Ziege, die zu den paarzehigen wiederkäuenden Huftieren und der Familie der Horntiere gehört, hat keine Tränengruben und Klauendrüsen. Sie trägt ihren kurzen Schwanz gewöhnlich steil gestellt. Berühmt sind die Angora- und Kaschmirziegen. Bei uns werden die Schwarzwaldziege, die Harzer Ziege, die Erzgebirgsziege usw. gehalten. Sehr gelobt wird die Langensalzaer Ziege. Sie gleicht der Schweizer Saanenziege, die bei uns viel eingeführt worden ist. Die Saanenziege ist sehr groß, schneeweiß und ohne Hörner. Sie soll 5 bis 6 Liter Milch den Tag über geben, aber bei uns hat sie es nicht getan. Jedenfalls fehlen ihr die würzigen Gebirgskräuter, von denen wir bereits gesprochen haben.

Die Ziege ist mit einem Jahre ausgewachsen. Es soll noch gute Milcherinnen geben, die 16 Jahre alt sind. Die Tragezeit dauert etwa fünf Monate. Gewöhnlich werden ein oder zwei, manchmal sogar vier Junge geworfen.

Von Krankheiten ist die Ziege weit mehr verschont als die Kuh. Namentlich leidet sie nicht an Tuberkulose. Es gilt im Gegenteil ihre Milch als besonders heilkräftig für Lungenkranke. Die Ziege hat also eiserne Lungen von ihren Vorfahren geerbt, da sie bei uns oft in ganz elenden Ställen gehalten wird.

[118]. Die Ziege in Redensarten und Sprichwörtern.

Von der Ziege als der »Kuh des armen Mannes« ist bereits gesprochen worden, ebenso von ihrer angeblichen Naschhaftigkeit, weshalb man sagt:

Wählerisch wie eine Ziege.

Bei den alten Griechen hieß der Ziegenbock überhaupt: Nascher.

Mager wie eine Zicke oder Ziege.

Bei den Ziegen, die in der Ebene leben müssen und nur Gras erhalten, ist das kein Wunder.

Umgekehrt sagt man:

Es in sich haben, wie die Ziege das Fett.

Das soll heißen, daß man einer Ziege, wenn sie innen feist ist, das gewöhnlich nicht ansieht.

Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.

Hier wird der Rat gegeben, nicht dem Futter zu gleichen, das ein Tier frißt. Dieser Rat ist selbstredend bildlich gemeint. Man soll also beispielsweise nicht in Gegenwart von Leuten, die als große Darlehnssucher bekannt sind, fortwährend davon reden, wie viel Geld man hat.

Weidende Ziegen