Das Schaf
[119]. Warum blökt das Schaf?
Es ist noch gar nicht solange her, daß man auf dem Tempelhofer Felde, das damals noch gänzlich unbebaut war, eine wirkliche Schafherde mit Schäfer und Hund beobachten konnte. Wie oft habe ich ihnen zugeschaut, wobei ich besonders aufpaßte, ob sie bei der Heimkehr glücklich über die Eisenbahngleise der Ringbahn kommen würden.
Stand man bei der Herde, so war es gewöhnlich das gleiche Bild: Fressen und Blöken und sich dabei etwas vorwärts schieben.
In Ermangelung einer ganzen Herde müssen wir uns damit begnügen, uns das Schaf eines Bekannten, ein ostfriesisches Milchschaf, anzusehen, das dieser uns bereitwilligst zur Besichtigung vorgeführt hat.
Geistreich kann man beim besten Willen das Gesicht eines Schafes nicht nennen, eher das Gegenteil davon. Man kann sich nicht darüber wundern, daß man recht dumme Leute als Schafe bezeichnet.
Aber es wäre doch ein großes Unglück, wenn plötzlich alle Schafe mit ihren dummen Gesichtern verschwänden. Dann hätten wir ja noch weniger Wolle, als es ohnehin schon der Fall ist.
Ueberdies werden wir sehen, daß es mit der Dummheit der Schafe nicht so schlimm bestellt ist. Dieses einzelne Schaf, das wir vor uns haben, blökt nicht. Daraus ersehen wir, daß das anhaltende Blöken doch nicht so furchtbar töricht sein kann, wie die Leute es immer hinstellen.
In der Tat ist der Mensch furchtbar ungerecht gegen die Tiere. Bei den Vögeln, die genau dasselbe tun, wie die Schafe, findet er es wunderschön. Fliegen zum Beispiel Meiseneltern mit ihren zahlreichen Jungen von Baum zu Baum, so hört das feine Zurufen gar nicht auf. Das gleiche beobachten wir bei Meisenschwärmen überhaupt. Wir verstehen vollkommen, daß diese kleinen Tierchen sich im Gewirr der Blätter oder Nadeln leicht aus den Augen kommen können. Da sie sich nur in Gesellschaft wohlfühlen, so ergeht fortwährend der Zuruf: Bist du auch noch da?
Wenn Tiere mit sehr scharfen Augen bereits eine Prüfung brauchen, ob sie sich nicht verloren haben, so ist sie erst recht bei Tieren mit schlechten Augen angebracht. Eine Wildsau, eine sogenannte Bache, die ihre Jungen führt, muß grunzen, damit die kleine Schar weiß, wo sie ihre Mutter findet. Mit ihren schwachen Augen würden sie sich ohne das Gegrunze sehr oft verirren, wenngleich die feine Nase schließlich für die Rückkehr sorgen würde. In der Zwischenzeit kann aber viel Unheil geschehen. Da kann der Fuchs sich schon einen Frischling als Braten geholt haben.
Schweine grunzen also, weil dadurch ein Zusammenhang der Herde gewährleistet wird. Aus demselben Grunde blöken auch die Schafe. Die Schweine können sich in den Niederungen und im Gebüsch leicht aus den Augen verlieren. Die Schafe im Gebirge ebenso leicht. Denn die Stammeltern unserer Hausschafe sind Wildschafe. Wir sind uns zwar noch nicht ganz einig darüber, welche bestimmte Art als solche bezeichnet werden soll. Aber alle Wildschafe haben das gemeinsam, daß sie im Gebirge leben.
[120]. Warum krümmen sich beim Schafbock die Hörner, beim Ziegenbock nicht?
Da Ziege und Schaf beide im Gebirge leben, so müßte man eigentlich meinen, daß sie beide ganz gleich aussehen müßten. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben schon früher erklärt, weshalb die weibliche Ziege gehörnt ist, das weibliche Schaf nicht.
Auf dieselbe Verschiedenheit der Lebensweise sind auch die Verschiedenheiten des Aussehens von Ziege und Schaf zurückzuführen.
Wir werden uns später den Mufflonbock im Berliner Zoologischen Garten ansehen. Er gehört sicherlich zu den Vorfahren mancher unserer Hausschafrassen. Noch heute lebt er in den unzugänglichen Gebirgen von Sardinien und Korsika. Schon jetzt möchte ich vorgreifen und mitteilen, daß der Bock halbmondförmige, nach hinten gekrümmte Hörner, keinen Bart und ein fast fuchsrotes Fell besitzt. Die Ziege hat dagegen einen Bart, ein mehr graubräunliches Fell und mehr aufrecht stehende Hörner.
Da in Deutschland an verschiedenen Stellen Mufflons ausgesetzt sind, so sind wir jetzt über ihre Lebensweise ziemlich unterrichtet. Hiernach halten sich die Wildschafe, wie schon erwähnt wurde, hauptsächlich im Walde auf. Auch haben sie eine besondere Vorliebe dafür, enge Durchlässe zu durchkriechen.
Um durch enge, niedrige Lücken zu gelangen, müssen die Hörner gebogen sein. Ziegenböcke kriechen nicht durch solche Oeffnungen. Deshalb stehen ihre Hörner ziemlich senkrecht.
Beim Durchkriechen würde ein Bart sehr hinderlich sein. Ueberhaupt ist ein langer Haarwuchs im Walde von Uebel. Wir wissen, daß Absalon mit seinem mächtigen Haarwuchs an einem Baume hängen blieb und getötet wurde. Deshalb hat auch der Tiger, der im Walde lebt, keine Mähne, während sie der Löwe, der in der baumleeren Steppe haust, besitzt.
Zu dem Walde paßt die fuchsrötliche Färbung des Mufflons, da sie mit dem vermoderten Laub übereinstimmt. Eine solche Färbung haben auch Hirsch und Reh. Dagegen hat die Bezoarziege mehr die Färbung des bräunlichen Gesteins.
An dem vor uns stehenden Schaf beobachten wir, daß es Tränendrüsen hat. Warum fehlen sie der Ziege?
Die Tränendrüsen werden an Baumstämmen gerieben. Da das Schaf eine feine Nase, aber ein schwaches Gesicht hat, so merken Schafe, die einen fremden Wald betreten, sofort, daß andere Schafe in ihm weiden. Sie riechen nämlich die an den Baumstämmen abgewischten Ausscheidungen der Tränendrüsen.
Die Ziege lebt in baumloser Gegend. Für sie sind also Tränendrüsen ganz zwecklos. Außerdem sind bei ihr die Augen besser entwickelt, wofür ihre Nase nicht so fein ist, wie die des Schafes. Beim Springen von Klippe zu Klippe sind für sie gute Augen von großem Vorteil. Die Ziege gleicht also in diesem Punkte dem Windhund, der ebenfalls ein ziemlich scharfes Gesicht, dafür aber auch eine weniger gute Nase hat.
[121]. Warum folgen die Schafe dem Leithammel?
Als ein Beweis ihrer furchtbaren Dummheit ist es stets angesehen worden, daß die Schafe blindlings ihrem Leithammel folgen. Stürzt er vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet, über Bord, so finden alle übrigen ebenfalls den Tod in den Wellen.
In Wirklichkeit beweist diese Eigentümlichkeit sehr wenig. Das Schaf tut nur das, was seine Vorfahren seit Urzeiten getan haben. Wildschafe folgen dem leitenden Widder und tun wohl daran. Er hat die freieste Aussicht, und die Stellen, die ihn tragen, halten sicherlich auch das Gewicht der andern Mitglieder des Rudels aus. Deshalb ist es das Klügste, was ein Wildschaf tun kann, daß es sich nach dem Vordermann richtet. Genau ebenso handeln Affen- und Elefantenherden. Der Affe weiß, daß der Ast, der den Leitaffen getragen hat, nicht brechen wird, wenn er auf ihn springt. Wollten Wildschafe, Affen und Elefanten anders handeln, beispielsweise bei einer rasenden Flucht ihre eigenen Wege gehen, so würden sie bald verunglücken.
Deshalb tritt auch der kluge Mensch bei schwierigen Gebirgswanderungen in die Fußstapfen seines Führers.
Die Dummheit des Schafes besteht also lediglich darin, daß es etwas, was im Gebirge sehr zweckmäßig ist, auf die Ebene überträgt, wo es ganz sinnlos ist. Aber tut der kluge Hund nicht genau dasselbe? Will er nicht seinen Unrat in dem steinharten Bürgersteig verscharren?
[122]. Warum sieht das Schaf so furchtbar ängstlich aus?
Schauen wir unserm Schaf in die Augen, so leuchtet die größte Angst aus ihnen hervor. Aber ist das eigentlich wunderbar?
Vom Hasen gibt es ein Gedicht, worin alle seine Feinde aufgezählt werden, die ihn alle gern fressen möchten. Beim Wildschafe liegt die Sache nicht viel anders. Seine Feinde sind Wölfe, Luchse, Bären und Lämmergeier. Seine Jungen werden vom Adler bedroht. Der Hauptfeind ist natürlich der Mensch.
Gegen alle seine Feinde besitzt es nur eine Waffe – die Flucht ins Gebirge. Diese Verteidigungsart haben wir ihm geraubt, indem wir es in die ebene Gegend gebracht haben.
Wie soll ein Tier nicht ängstlich sein, dem wir seinen letzten Zufluchtsort geraubt haben, und das aus Erfahrung weiß, wieviele Feinde es hat?
Die anderen Dummheiten, die man dem Schafe vorwirft, werden auch von andern Haustieren gemacht. Es rennt in den brennenden Stall zurück, weil ihm nur bei der Herde wohl ist. Das tun auch, wie wir wissen, die klugen Pferde.
Das Pferd schweigt, wenn es den Todesstich erhält. Er wird deswegen von Dichtern als edles Tier gefeiert, obwohl das damit nicht das mindeste zu tun hat. Das Schaf, das ebenfalls schweigend stirbt, wird dagegen von den Dichtern nicht gefeiert. Es wird überall verschieden gemessen.
Schießt der Jäger auf eine wildernde Katze, so faucht sie höchstens, schießt er auf einen wildernden Hund, so heult er. Alle Tiere, die sich beistehen, geben bei schweren Verwundungen Schmerzensschreie von sich (vgl. Kap. [58]). Da Katzen, Pferde, Ziegen, Schafe usw. sich nicht beistehen, so sterben sie lautlos. Der einzeln lebende Keiler erhält stumm die Todeswunde, dagegen schreien die einzelnen Mitglieder eines Wildschweinrudels, weil sie sich gegenseitig beistehen.
[123]. Geschichten von Schafen.
Nicht die Dummheit der Schafe bereitet uns Menschen soviel Aerger, sondern die aus früheren Zeiten vererbten Eigentümlichkeiten. Sachlich ist das natürlich kein großer Unterschied. Es lehrt uns aber, milder über ein Tier zu denken.
Ueber die Not, die Schafe und Hirten in Süd-Rußland bei Schneestürmen erleiden, teilte ein alter Hirt einem deutschen Reisenden folgende Tatsache mit: »Wir weideten in der Steppe von Otschakow, unser sieben, an 2000 Schafe und 150 Ziegen. Es war gerade zum erstenmal, daß wir austrieben, im März. Das Wetter war freundlich und es gab schon frisches Gras. Gegen Abend aber fing es an zu regnen, und es erhob sich ein kalter Wind. Bald verwandelte sich der Regen in Schnee, es wurde kälter, unsere Kleider starrten, und einige Stunden nach Sonnenuntergang stürmte und brauste der Wind aus Nordosten, so daß uns Hören und Sehen verging. Wir befanden uns nur in geringer Entfernung von Stall und Wohnung und versuchten es, die Behausung zu erreichen. Der Wind hatte indessen die Schafe bereits in Bewegung gesetzt und trieb sie immer mehr von der Wohnung ab. Wir wollten nun die Geißböcke, denen die Herde zu folgen gewohnt ist, zum Wenden bringen, aber so mutig dieses Tier bei allen anderen Ereignissen ist, so sehr fürchtet es die kalten Stürme. Wir rannten auf und ab, schlugen und trieben zurück und stemmten uns gegen Sturm und Herde, aber die Schafe drängten und drückten aufeinander und der Knäuel wälzte sich unaufhaltsam die ganze Nacht weiter und weiter fort. Als der Morgen kam, sahen wir nichts als rund um uns her lauter Schnee und finstere Sturmwüste. Am Tage blies der Sturm nicht minder wütend, und die Herde ging fast noch rascher vorwärts als in der Nacht, wo sie von der dicken Finsternis noch mitunter gehemmt ward. Wir überließen uns nun unserem Schicksal, es ging im Geschwindschritt fort, wir selber voran, das Schafgetrappel blökend und schreiend, die Ochsen mit dem Proviantwagen im Trabe und die Rotte unserer Hunde heulend hinterdrein. Die Ziegen verschwanden uns noch an diesem Tage, überall war unser Weg mit dem tot zurückbleibenden Vieh bestreut. Gegen Abend ging es etwas gemacher, denn die Schafe wurden vom Hungern und Laufen matter. Allein leider sanken auch zugleich uns die Kräfte. Zwei von uns erklärten sich krank und verkrochen sich im Vorratswagen unter den Pelzen. Es wurde Nacht, und wir entdeckten noch immer nirgends ein rettendes Gehöft oder Dorf. In dieser Nacht ging es uns noch schlimmer als in der vorigen, und da wir wußten, daß der Sturm uns gerade auf die schroffe Küste des Meeres zutrieb, so erwarteten wir alle Augenblicke, mitsamt unserem dummen Vieh ins Meer hinabzustürzen. Es erkrankte noch einer von unseren Leuten. Als es Tag wurde, sahen wir einige Häuser uns zur Seite aus dem Schneenebel hervorblicken. Allein obgleich sie uns ganz nahe waren, höchstens 30 Schritte vom äußersten Flügel unserer Herde, so kehrten sich doch unsere dummen Tiere an gar nichts und hielten immer den ihnen vom Winde vorgezeichneten Strich. Mit den Schafen ringend verloren wir endlich selber die Gelegenheit, zu den Häusern zu gelangen; so ganz waren wir in der Gewalt des wütenden Sturmes. Wir sahen die Häuser verschwinden und wären, so nahe der Rettung, doch noch verloren gewesen, wenn nicht das Geheul unserer Hunde die Leute aufmerksam gemacht hätte. Es waren deutsche Kolonisten, und der, welcher unsere Not zuerst entdeckte, schlug sogleich bei seinen Nachbarn und Knechten Alarm. Diese warfen sich nun, 15 Mann an der Zahl, mit frischer Gewalt unseren Schafen entgegen und zogen und schleppten sie, uns und unsere Kranken allmählich in ihre Häuser und Höfe. Unterwegs waren uns alle Ziegen und 500 Schafe verlorengegangen. Aber in dem Gehöfte gingen uns auch noch viele zugrunde, denn sowie die Tiere den Schutz gewahrten, den ihnen die Häuser und Strohhaufen gewährten, krochen sie mit wahnsinniger Wut zusammen, drängten, drückten und klebten sich in erstickenden Haufen aneinander, als wenn der Sturmteufel noch hinter ihnen säße. Wir selber dankten Gott und den guten Deutschen für unsere Rettung; denn kaum eine halbe Viertelstunde hinter dem gastfreundlichen Hause ging es 20 Klaftern tief zum Meere hinab.«
[124]. Warum braucht der Schäfer einen Hund?
Weil die Schafe vom Gebirge in die Ebene gebracht worden sind, die ihnen gar nicht naturgemäß ist, und in der sie sich wie sinnlos benehmen, deshalb ist ein schnellfüßiger Gehilfe für den Schäfer eine Notwendigkeit.
Der Hund ist dazu wie geschaffen, weil er, wie wir wissen, von Vorfahren stammt, denen das Umkreisen der Pflanzenfresser etwas Geläufiges war.
Es gibt zahlreiche, gut verbürgte Geschichten, wonach Schäferhunde unersetzliche Dienste geleistet haben. Folgende scheint mir der Anführung wert zu sein, da sie von einem ganz unparteiischen Eisenbahnbeamten bestätigt worden ist. Der Schäfer hatte über den Durst getrunken und schlief ganz fest. Die Herde ging heimwärts und kam dabei an das Bahngleise. In diesem Augenblick brauste der Schnellzug heran. Der Bahnwärter glaubte, daß wenigstens die halbe Herde zermalmt werden würde. Doch der Schäferhund lief eiligst zum Gleise und duldete nicht, daß ein Schaf sich ihm näherte. Erst dann führte er die Herde über das Gleis zum heimischen Stall.
[125]. Mufflon und Hausschaf. Neue Futterquellen für unsere Hausschafe.
In unserem Zoologischen Garten befindet sich seit Jahren ein Mufflonbock mit mächtigem Gehörn. Wir wollen uns diesen etwas näher betrachten.
Die Verwandtschaft mit unserm Hausschaf ist, wenn man von seinem Hörnerschmuck absieht, unverkennbar. Das Weibchen hat jetzt ein Junges, das nach der Tafel am 22. März geboren worden ist. Da wir Anfang Juni schreiben, so ist es fast drei Monate alt.
Mutter und Kind erinnern sehr an unser Hausschaf, wenn es ein Lamm bei sich hat. Namentlich das häufige Mähen trägt zur Uebereinstimmung bei. Aber das Mufflonjunge, das auf einem Felsen steht, sieht naturgemäß aus, was man von unsern Lämmlein nicht immer sagen kann.
Nachdem ich an Mufflons, die bei uns ausgesetzt worden sind, z. B. denen bei Dresden, festgestellt hatte, daß sie gern Roßkastanien fraßen, habe ich auch vor Jahren dem Berliner Bock eine angeboten. Er war ganz wild danach. So zurückhaltend er sonst ist, so kam er oben vom Felsen hastig angelaufen, sobald ich nur mit einer Kastanie an das Gitter klopfte. Als ich diese Leidenschaft für Kastanien bei den Wildschafen entdeckt hatte, versuchte ich die Fütterung auch bei Hausschafen und Ziegen. Beide waren ebenfalls ganz wild danach. Schweine dagegen haben sie, wie schon erwähnt wurde, abgelehnt.
Auf die Fütterung mit Kastanien kam ich folgendermaßen. Die Roßkastanie stammt aus den Gebirgsländern des Mittelländischen Meeres. Gerade im Gebirge dieses Meeres sind die Mufflons heimisch. Folglich spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie ein passendes Futter sind.
Die Kastanien brauchen bei Schafen und Ziegen nicht entbittert zu werden. Der Geschmack des Menschen ist nicht der gleiche wie der von den Tieren. Der Hase frißt ja fast nur Bitterstoffe. Es würden lauter Gift- und Bitterpflanzen bei uns wachsen, wenn diese nicht auch in der Tierwelt Liebhaber fänden.
An Lämmer aber soll man keine Kastanien verfüttern. Wenn die Kastanien reif sind, dann gibt es keine Mufflonlämmer, sondern diese sind dann schon fast ausgewachsen.
Die Mufflons stehen im Winter unter Nadelhölzern. Hiernach sind Kiefernadeln, an denen wir einen unendlichen Ueberfluß haben, im Winter ein sehr naturgemäßes Futter für Hausschafe.
[126]. Die Rassen des Hausschafs.
Man teilt die Schafe verschieden ein. Nach dem Haarwuchs gibt es folgende Rassen: 1. Haarschafe; 2. Mischwollschafe, zu denen die Heidschnucken in der Lüneburger Heide gehören, ebenso das ostfriesische Milchschaf und pommersche Landschafe, wenngleich zu verschiedenen Unterabteilungen; 3. Schlichtwollschafe, zu denen das Rhönschaf und andere Schafrassen in Mitteldeutschland gehören; 4. Merinoschafe, die seit 150 Jahren aus Spanien in Deutschland eingeführt worden sind. Man unterscheidet bei ihnen das Elektoralschaf, Negrettischaf, schließlich das französische und deutsche Kammwollschaf.
Die Engländer haben auch auf dem Gebiete der Schafzucht Hervorragendes geleistet. Durch sie ist das Hammelfleisch wohlschmeckend und fett geworden, was es früher nicht war. Von ihren Rassen sei erwähnt das Leicesterschaf, die Southdowns usw.
Trotzdem man von Niederungs- und Höhenschafen spricht, so stammen auch die Niederungsschafe aus Gebirgen. Und zwar lebten sie an den üppigen Ufern der Gebirgsflüsse.
Die Niederungsschafe, wie das von uns vorgeführte ostfriesische Milchschaf, verlangen daher üppige Weiden. Dafür liefern sie viel Milch und sind sehr fruchtbar.
Sonst sind die Schafe Magerfresser, die bei zu kräftigem Futter leicht erkranken.
Vor 60 Jahren gab es in Preußen etwa 16 Millionen Einwohner und fast genau so viel Schafe. Bei Ausbruch des Krieges hatte das Deutsche Reich gegen 70 Millionen Bewohner und nur 5 Millionen Schafe.
Die Schafzucht ist also ungeheuer gesunken. Früher hatten wir ausgedehnte Weidegründe, die jetzt fehlen.
Das Schaf gehört wie die Ziege zu den paarzehigen Horntieren. Es ist schon vor Ablauf des ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähig. Die Tragzeit beträgt etwa 5 Monate. Es kann bis zu 15 Jahre alt werden.
Es ist vielen Krankheiten ausgesetzt. Namentlich leidet es darunter, daß es aus trockenen Höhen vielfach in nasse Niederungen versetzt worden ist. Es stellen sich dann Moderhinke, Regenfäule und ähnliche Krankheiten ein. Auf nassen Weiden bekommt es Bandwürmer, welche die bekannte Drehkrankheit hervorrufen. Diese Bandwürmer stammen vom Unrat des Hundes, weshalb bei Schäferhunden eine Bandwurmkur notwendig ist.
Es gibt Wollschafe und Fleischschafe, da man entweder auf Wolle oder Fleisch züchtet. Doch hat man neuerdings Schafe gezüchtet, die eine Art Mittelstellung einnehmen.
Früher war der Gewinn an Wolle maßgebend. Man scheert entweder einmal oder zweimal im Jahre. Man teilt die Wolle ein in Elekta-, Prima-, Sekunda- und Tertiawolle.
[127]. Das Schaf in Redensarten und Sprichwörtern.
Bereits erörtert wurden die Redensarten: dumm wie ein Schaf, Schafsgesicht, wo ein Schaf vorgeht, da folgen die andern nach.
Es wären noch zu erwähnen:
Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall.
Das ist eine Erfahrung, die bei der geduldigen und sanften Gemütsart des Schafes nicht auffallend ist.
Sein Schäfchen ins Trockene bringen.
Wer gesehen hat, mit welcher Eile der Schäfer seine Schafe bei einem herannahenden Gewitter in den Stall bringt und wie froh er ist, wenn ihm sein Vorhaben gelungen ist, dem ist die Redensart ganz einleuchtend. Sie ähnelt der Redensart: Sein Heu rein oder rin haben, d. h. ebenfalls sein Heu geborgen haben, ohne daß es naß geworden ist.
Den Schafen wie dem Heu ist Nässe sehr nachteilig.
Auch Grimms Wörterbuch teilt die vorstehende Ansicht und lehnt die Erklärung aus dem Holländischen: sein schepke = Schiff ins Trockene bringen, ab, zumal die Redensart bei uns viele Jahrhunderte alt ist.
Schafherde im Dorfe