Über Azazga nach Bougie
Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren Wirten, die uns viel Interessantes aus ihren langjährigen Erfahrungen in diesem eigenartigen Lande zum besten gegeben hatten, machten wir uns wieder auf die Reise. Die Fahrt sollte nun weiter nach Azazga gehen.
Da ein Teil des ursprünglich vorgesehenen Weges nicht befahrbar war, mußten wir wieder ein ganzes Stück in der Richtung nach dem Fort National zurück. Dann bogen wir rechts ab, kamen, in überraschender Schnelligkeit von einer Berglehne auf die andere übergehend, durch verschiedene der Dörfer, die wir am vorhergegangenen Tage von der Festung aus gesehen hatten, und ließen nach einiger Zeit den gewaltigen Djurdjura im Rücken.
In nahezu horizontaler Richtung führte die ausgezeichnet gehaltene Straße an unaufhörlich wechselnden Bildern vorüber. Von mancher Bergeshöhe herab grüßte der kleine weiße Kuppelbau, der das Grab irgendeines Marabuts beherbergte. Wie der Araber bekennt sich auch der Kabyle zum Islam, ohne jedoch dessen Vorschriften sehr gewissenhaft zu befolgen. Seine Marabuts, die in der Kabylie diese hohe Stellung nur durch Geburtsrecht erhalten können, verehrt er wie Heilige, und der Einfluß dieser frommen, manchmal sehr weisen Männer ist auch noch heutigestags ein ganz gewaltiger.
Als wir wieder einmal auf einer freien, lichten Höhe angelangt waren, zeigte uns der Chauffeur in weiter Ferne einen langen, dichtbewaldeten Höhenzug.
»Dort hinüber müssen wir heute noch, um Bougie zu erreichen,« sagte er.
Bougie sollte das Endziel des Tages sein. Wir hielten es kaum für möglich, eine solche Strecke in wenigen Stunden zurücklegen zu können. Und doch ging alles programmäßig vor sich.
Die Gegend, die wir nun durchfuhren, war wenig kultiviert und fast völlig unbewohnt und bildete dadurch einen schroffen Gegensatz zu dem Teil des Landes, den wir bereits kennen gelernt hatten.
Von Taka an fiel der Weg ab in das große unfruchtbare Tal des Sebaou. Eine hohe massive Eisenbrücke, vor noch nicht allzu langer Zeit von den Franzosen erbaut, führte über das breite, arg versandete Flußbett. Dann stieg die Straße am anderen Ufer zwischen grünen Wiesen wieder hinan, und kurze Zeit darauf fuhren wir in Azazga ein.
Auf einer kleinen Hochebene breitet sich das Dorf aus, völlig französisch in seiner Art: gut gehaltene, mit schattigen Bäumen bepflanzte Straßen, Rathaus und Schule, Post- und Gendarmeriegebäude, sogar der öffentliche Platz mit dem üblichen Denkmal fehlt nicht, und zwei Hotels sind vorhanden. So echt wie möglich hat man alles aus der Heimat hierher verpflanzt. Aber man fühlt, es kommt sich verloren und unbehaglich vor in diesem fremdartigen Lande und zwischen dem noch viel fremdartigeren Volke.
Nachdem wir das Dorf mit seinen wenigen Merkwürdigkeiten besichtigt, in einem der Hotels unser Mittagsmahl eingenommen und einen Kabylen in seiner tristen Hütte bei der primitiven, aber außerordentlich geschickten Herstellung einer Art Krapfen, die er zum Verkauf bereitete, eine Weile bewundert hatten, setzten wir unsere Fahrt in östlicher Richtung fort.
Nun sollte es in die großen geheimnisvollen Wälder hineingehen, die sich zwischen Azazga und dem im Tal des Oued[4] Sahel gelegenen El-Kseur hinziehen. Es waren dieselben Wälder, die uns am frühen Morgen aus weiter Ferne bereits gegrüßt hatten. Niedriges Gestrüpp drängt sich neugierig bis nahe an das Dorf heran. Aber bald sind wir mittendrin im herrlichen Wald von Yacouren, in dessen dunkler Tiefe ein feierliches Schweigen webt. An sanft abfallender Berglehne entlang zieht sich der Weg, den man durch diese Wildnis gebahnt hat. Meilen- und meilenweit nichts als Eichen! Hundertjährige Veteranen in voller Kraft und Frische. Die gewaltigen Stämme werden von Schlinggewächsen fast erstickt. Desto freier und mächtiger dehnen sich die königlichen Kronen und vereinigen ihre Zweige zu einem kühlen, schattenspendenden Baldachin. Kein Laut eines lebenden Wesens drang an unser Ohr. Nichts erblickten wir als hin und wieder ein Vögelchen, das erschrocken über unsere Köpfe hinweghuschte. Und doch sollen in diesem fast undurchdringlichen Dickicht Eber und Schakale, Panther und Affen in Menge ihr Wesen treiben.
Aus der traumhaft grünen Dämmerung tiefer Schluchten ging es wieder hinauf auf sonnenbeglänzte Halden. Der Chauffeur zeigte uns die Stelle, wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Panther erlegt worden war. Suchend wanderten unsere Augen: vielleicht war uns das Glück hold und sandte uns eines dieser prächtigen Raubtiere über den Weg. Aber so oft man dachte, etwas erspäht zu haben, stellte es sich heraus, daß es nur ein buntgestreifter Felsen war, den einmal ein Sturmwind von der Höhe herabgeweht hatte. Oben aber im klaren Äther zeigte sich Leben. Da zogen fahlbraune Geier und raubgierige Bussarde, die durch die lebhafte Zeichnung des Gefieders wie Riesenschmetterlinge aussahen, ihre stolzen Kreise.
Von schattenloser Bergspitze mit herrlichem Rundblick, an unsagbar tristen Dörfern vorüber, die noch viel ärmlicher aussahen als jene um das Fort National herum, ging es wieder hinein in den nicht minder faszinierenden, jungfräulichen Wald von Akfadou. Hier fesselte eine neue Eichenart unser Interesse: viel heller als bei unseren deutschen Eichen schimmerten die Stämme, und die Rückseite der Blätter gleißte wie in flüssiges Silber getaucht, wenn ein Lüftchen sie bewegte oder ein verirrter Sonnenstrahl darüber huschte. Auch hier, wie im Walde von Yacouren, üppigste Vegetation, verzaubertes, geheimnisvollstes Leben, in das das Surren unserer Maschine wie eine profane Entweihung klang.
Wieder klommen wir aus kühlen, pittoresken Schluchten hinauf zu sonnigen Höhen, überquerten den Oued Hammam, dessen Wasser in glitzernden Kaskaden zu Tale springen, passierten die traurigen Ruinen von Ksar-Kebouch und landeten abermals in köstlichem Schatten im Walde von Taourit-Iril. Ja, der Schatten war köstlich, aber die Bäume, die ihn spendeten, waren arm und bedauernswert. Wie fröstelnde Bettler standen sie da, nackt und entblößt, und konnten nichts anderes als ihre Wunden zeigen, die wie mit Blut gefärbt schienen. Es war ein Korkeichenwald, den menschlichen Ansprüchen untertan gemacht. Ein jammervoller Anblick, all diese jungen Stämme fast bis aufs Mark der Rinde beraubt. Wir haben auf unserer Weiterreise durch Algier noch mehr solcher Wälder passiert, die wie etwas lebendig Geschundenes das Mitleid erwecken.
Es tat gut, wieder hinauszukommen mit dem Blick auf ungemessene Fernen. Die Aussicht auf dieser Fahrt hatte nahezu die ganze Kabylie umfaßt: das Tal des Sebaou in seiner vollen Länge, zur Rechten die Berge von Azeffoun, zur Linken die Ausläufer des Djurdjura mit Dörfern besät, an denen entlang wir am Tage zuvor hinabgestiegen waren nach Michelet und Ain-el-Hammam mit dem Fort National im Hintergrunde, und von Ksar-Kebouch aus konnte der Blick über das Tal des Oued Sahel hinüberschweifen zu der mächtigen Barborenkette.
An schattenlosen Bergabhängen ging es nun in steilen Serpentinen hinunter in das Tal des Sahel. Die vereinzelten, von hohen Kaktushecken umrahmten Hütten sahen hier etwas wohlhabender aus. Auch die Straßenränder säumte hoher, dichtverwachsener Feigenkaktus, dessen Früchte für die Eingeborenen ein beliebtes Nahrungsmittel sind.
Unter einer brütenden Sonne setzten wir den Weg im Tal weiter fort nach El-Kseur. Wieviel einladender und heimischer dieser Ort wirkte als Azazga oben in den Bergen! Die niedrigen bunten Häuschen zu beiden Seiten der alten wunderschönen Eukalyptusallee blickten so behaglich drein, Brunnen am Wege murmelten ihre alten Sagen, und die Menschen boten den Fremden freundlichen Tag.
Aber heiß ist es in El-Kseur! Eine schwere, feuchte Wärme, die nach der trockenen Hitze hoch oben in den Bergen einem wie die Atmosphäre eines römischen Bades entgegenschlägt. Dieser Treibhausluft entsprechend ist die Vegetation in diesem Tale: es gleicht einem üppig wuchernden Garten, alles ist von ungewöhnlicher, überraschender Kraft und Frische.
Zwischen saftigen Wiesen, unter prächtigen alten Pappeln, am Ufer des Sahel entlang führte die mit Fuhrwerken aller Art belebte Straße. Es war nicht zu verkennen, wir waren der Zivilisation wieder nahe gekommen. Auch ein Eisenbahnzug eilte an uns vorbei, lärmend und fauchend seinem Endziele, dem freundlichen El-Kseur, entgegen.
Ein starker, kräftiger Wind setzte ein und ließ uns die Nähe des Meeres vermuten. Bald zeigte sich auch die schimmernde See und aus ihr emporwachsend der hohe festungsgekrönte Gouraya, auf dessen kräftigem Rücken das von Bastionen flankierte Bougie ruht – ein imposantes Bild!
Durch ein hohes spitzbogiges Tor, der sogenannten Sarazener Pforte, die noch aus dem 11. Jahrhundert stammt und eine ausgezeichnete Idee von dem alten Walle gibt, fährt man hinauf in das Innere der Stadt, das zur großen Überraschung völlig modern anmutet. Das Alte, Große und Interessante ist im Verschwinden. Das Neue nur mittelmäßig zu nennen. Französische Sprache und französisches Gebaren allenthalben. Burnus und Turban tauchen nur vereinzelt auf.
Bougie, das Saldae der Römer, Gouraya der Vandalen und Bedjaïa der Kabylen, gleicht mit seiner Geschichte einer schönen Frau, die in der Jugend von allen begehrt, geschmückt und beschenkt wird, im Alter, häßlich und verbraucht, mit leeren Händen dasteht.
Von den Römern, die Festungen, Zisternen und Bäder bauten, nahmen es sich im 11. Jahrhundert die unternehmungslustigen Berber. An 100 000 Einwohner bevölkerten damals die glanzvolle Stadt. Im 16. Jahrhundert setzten sich die Türken darin als Herren fest, und unter deren Regime begann der vielbegehrte Ort an Macht und Ansehen zu verlieren und immer mehr auf das Niveau zu sinken, auf dem ihn die Franzosen 1833 fanden. Wenn sie der Stadt nun auch nicht das alte Prachtgewand wieder umlegen konnten, so haben sie doch für ein praktisches und nützliches Alltagskleid gesorgt, und für das übrige kommt die Natur auf. Denn was alle Stürme der Zeit Bougie nicht rauben konnten, ist seine wundervolle Lage, die heute wie vor Jahrhunderten entzückt, ist der unvergleichliche Blick, der sich besonders von dem hochgelegenen Marktplatz aus dem Beschauer bietet. Tief unten leuchtet der Golf in saphirner Bläue, von Schiffen und Barken belebt, und drüben hält die mächtige Kette der Barboren Wache, deren rosige Gipfel dem untergehenden Tagesgestirn als Riesenpalette dienen, auf der es seine zauberhaften Farben mischt.
Die frische Meeresbrise, der duftgeschwängerte Odem des fruchtbaren Tales und die unverfälschte Luft der Berge geben ein köstliches Gemisch, an dem die Lungen sich ergötzen. Alle Sinne genießen während des Sonnenuntergangs in Bougie – wenn man die Stadt selbst im Rücken hat.