Von Bougie nach Setif
Punkt neun Uhr Abfahrt von dem Hotel, von frischer Erwartung erfüllt. Denn nach verschiedenseitigen Versicherungen sollte ja die Strecke Landes, die wir nun durchfahren wollten, noch Größeres und Interessanteres bieten als der Teil, den wir bereits kannten.
Der Himmel blaute, die Sonne strahlte, eine Luft wehte, die berauschte wie köstlicher Sekt, und dazu das unbeschreiblich schöne Gefühl: nun geht es wieder weiter, weiter hinein oder hinaus in diese herrlichste aller Welten.
Lustig stimmte das Auto seine alte Melodie an, knurrte, solange die steilen Straßen Bougies ihm noch Zügelung aufzwangen, und trug uns dann in fröhlicher Eile durch die Ebene dahin.
Zur Linken dehnte sich das kräftig atmende Meer, das die flache Küste mit Schaumwellen befranste, zur Rechten begleiteten uns grünbewaldete Berge. An gut gehaltenen Bauernhäusern vorüber, über glitzernde Bäche, die das Land erfrischen und fruchtbar machen, durch freundliche Dörfer, in denen uns Herden von Ziegen, Schafen und Hühnern den Weg versperrten, führte die Straße.
Nachdem wir den Oued Djema passiert hatten, überraschte uns eine gewaltige Gebirgsszenerie. Der Weg, aus senkrecht abfallenden Felsen herausgeschnitten, führte hinauf zu den Spitzen des Vorgebirges am Kap Aokas. Oben angelangt, entrollte sich vor unseren Blicken ein Panorama von Land und Meer, dessen Schönheit uns verstummen machte. Den Abschluß bildete tief im Hintergrunde der Hafen von Bougie.
Ebenso steil wie zuvor aufwärts, ging es nun hinunter nach Sidi Rehan, einem Wallfahrtsort für fromme Muselmänner. Dann ließen wir das Meer im Rücken und hielten uns landeinwärts. An abschüssigem Ufer entlang folgte der Weg dem kapriziös gewundenen Lauf des Oued Agrioun, durch grünende Täler, durch graue Olivenwälder und schattige Oleanderhaine. Die nächstgelegenen Hügel waren mit Tannen und Eichen, Zedern und Eschen bewachsen, und dahinter strebten schneebedeckte Spitzen in die Wolken. Nicht selten wurde unsere Fahrt durch primitive Fuhrwerke gehemmt, auf denen gewaltige Stämme aus diesen einsamen Wäldern fortgeschafft wurden, der Nutzbarmachung entgegen. Zehn, zwölf, manchmal vierzehn arme Maultiere quälten sich, um ein paar solcher Riesen die steilen Höhen hinaufzubefördern.
Immer mehr schoben sich Täler und Berge ineinander, bis wir die Schlucht Chabet-el-Akra, die Schlucht des Todes, erreicht hatten. An den ungeheuer steil aufsteigenden Wänden der fünf- bis sechstausend Fuß hohen Berge windet sich der Weg entlang. Kräftige Pfeiler stützen die kolossalen überhängenden Felsen, die aussehen, als ob sie den Eindringling erdrücken wollten. Tollkühne Gebirgsquellen stürzen darüber hinweg und zerstieben in Atome, noch ehe sie den Strom erreichen, zu dem es sie zieht. So nahe neigen sich streckenweise nach oben die Berge zusammen, daß die Sonnenstrahlen und das Licht kaum Einlaß finden. Nach unten aber erweitert sich die Schlucht, und in ihrer grausigen, im ewigen Schatten liegenden Tiefe zerschellen die reißenden Wasser des Oued Agrioun an den schroffen Felsenmassen, die ihnen den Weg versperren.
Das Geräusch unseres Wagens trieb Scharen wilder Tauben und Raubvögel aus ihren Ruheplätzen. Lärmend und flügelschlagend flüchteten sie hinauf zur freien Höhe.
Ungefähr in der Hälfte des Weges schwebt eine Brücke über dem Abgrund, und die im ganzen etwa zehn Kilometer lange Straße führt auf der anderen Seite der durch Menschenkunst bezwungenen Schlucht wieder hinaus ins helle, warme Sonnenlicht.
Wie ein freundliches Kindergesicht grüßt beim Austritt das kleine reizende Dörfchen Kerrata herüber.
Hinter Kerrata begann wieder die Steigung nun an steilen, kahlen Bergrücken entlang. Hier hatten wir die erste Panne. Dies gab uns willkommene Gelegenheit, ein Stück Weges zu Fuß zurückzulegen. Menschenleer schien auch diese Gegend, nur große Herden schwarzer Ziegen weideten an schwindelerregenden Abhängen. Es war köstlich zu beobachten, wie die unvorsichtigen Jungen sich auf die exponiertesten Spitzen wagten, dann jämmerlich um Hilfe schrien, und wie geschickt die Alten sie aus ihrer Not erlösten. Oft weit davon entfernt fanden wir dann den Hirten, der schlafend am Wegrande zusammengerollt lag und mehr einem Häufchen alter Lumpen als einer menschlichen Gestalt glich.
Dominospieler
Tief in Talmulden kauerten hin und wieder ärmlich aussehende Besitzungen. Einzelne Aprikosenbäumchen am Wege wirkten mit ihrem zarten, duftigen Blütenschmuck in dieser wilden und baumlosen Gegend wie ergreifende Gedichte.
Vom hohen Bergkegel herab grüßte das Fort Takitount, das nahe den Überresten einer römischen Niederlassung sich erhebt.
In Amoncha, einem freundlichen Dorfe mit buntgestrichenen Häuschen, machten wir eine Weile Halt, um den Durst der Maschine zu stillen und ihr ein wenig Zeit zum Verschnaufen zu geben. Sie hatte wahrlich keine leichte Arbeit geleistet, und eine ziemliche Anstrengung lag noch vor ihr. Steigend und fallend führt die Straße von Amoncha weiter durch nahezu unkultivierte Gegenden, über Berge, deren Flanken von wilden Gebirgsbächen zerrissen und zerklüftet sind, bis hinauf auf die Ebene, die völlig den Charakter öder Hochgebirgslandschaft trägt. Hier trat wieder etwas Leben in die Erscheinung, und eine prachtvolle Staffage bildeten die schwerbepackten Kamelherden in diesem großzügigen Naturbild.
Auf einer Hochebene, in glühender Sonne ausgebreitet, liegt Setif. Hier gibt es nichts weiter als Soldaten. Dieser Eindruck drängt sich einem zuerst auf, wenn man durch einen Festungswall in die Stadt eingedrungen ist. Aber nachdem man das Viertel, das nur für das Militär bestimmt ist, passiert hat und durch eine zweite Wallumgürtung in die eigentliche Stadt gelangt ist, bemerkt man, daß sie breite, mit Bäumen gesäumte Straßen hat, große Squares und viele Läden, Cafés und Restaurants in Menge, auch lebhaftes Treiben auf den Straßen. Und doch, wie mutet einen alles so unbeschreiblich öde, nichtssagend und gelangweilt an! Ist das wirklich die Signatur Setifs? Ist es nur der ungeheure Gegensatz zu den vielgestaltigen und gewaltigen Naturbildern, die man in sich aufgenommen hat?
Nach einem völlig französischen Dejeuner – die Speisekarte hätte ebensogut aus einem Pariser Boulevard-Restaurant sein können – wanderten wir durch die Stadt zu einem der vier großen Tore hinaus auf den Marktplatz, den Sonnabends Tausende von Eingeborenen bevölkern. Ein alter Araber, groß gewachsen, mit einem Herrengesicht, trat an uns heran, und wegen seiner Einmischung sich entschuldigend, gab er uns verschiedene Aufklärungen. Auch machte er darauf aufmerksam, daß im Negerdorfe ein Fest gefeiert würde. Seine Haltung, sein ganzes Benehmen hatten etwas so Vornehmes, daß wir ein wenig zaghaft die Frage stellten, ob er uns wohl dahin begleiten wollte. Nach einigem Zögern fand er sich dazu bereit.
Über den harten, von der Sonne ausgebrannten Boden an einem blinden Märchenerzähler vorüber, den ein großer und aufmerksam lauschender Zuhörerkreis umlagerte, über ein weites, holperiges Gelände brachte er uns nach der Ansiedlung der Neger. Fette Frauen, in schreiend grelle Farben gekleidet, hockten singend vor ihren Lehmhütten, dicklippige schwitzende Männer rannten, lebhaft gestikulierend, umher, splitternackte Kinder sielten sich laut lärmend auf dem Boden. Das Fest hatte noch nicht begonnen, und keiner wußte genau, wann es seinen Anfang nehmen sollte. Diese Vertröstung auf völlig Ungewisses und die unbarmherzig stechende Sonne trieben uns zur schleunigen Umkehr. Während wir, bei dem Stadttor angelangt, noch berieten, ob wir unserem würdigen Führer mit der stolzen Adlernase und den feinen, schlanken, arbeitsfremden Händen ein Geschenk anbieten durften, sagte er in liebenswürdigster Form:
»Wenn Sie mich nun mit einer Kleinigkeit entlohnen wollten, wäre es mir lieb. Ich bin müde und möchte mich ausruhen.«
Ich muß gestehen, wir waren im ersten Augenblick etwas verdutzt, denn das stand nach unseren Begriffen so gar nicht im Einklang mit der ganzen äußerlichen Persönlichkeit dieses Mannes. Ihm schien es das natürlichste der Welt zu sein. Mit leichtem, eleganten Dank steckte er die paar Franken ein, verabschiedete sich und ging stolzen Schrittes davon.
Unser Begleiter in Setif
Unser braves, tüchtiges Auto hatten wir entlassen. Mit ihm hatten wir von der wilden, eigenartigen Kabylie Abschied genommen. Von Setif aus sollte die Fahrt per Bahn weitergehen. Als wir das Hotel erreichten, war der kleine Omnibus, der den Verkehr nach der Bahn vermittelte, bereits vollständig besetzt. Was tun? Die Zeit war knapp und der Weg ziemlich weit. Irgendein Fahrzeug mußte herbeigeschafft werden. Nach kurzem Warten kam ein kleiner Wagen in der Art unserer Breaks, dick mit Stroh ausgelegt. Gott weiß, wozu er sonst benutzt wurde! Wir wissen nur und empfanden es schmerzhaft, daß eine Anzahl kleiner blutgieriger Tierchen die Gelegenheit benutzte, zugleich mit uns Setif zu verlassen und auf Reisen zu gehen.
Während wir auf den Zug warteten, der mit etwa drei Viertelstunden Verspätung in Setif eintraf, hatten wir noch ein kleines, interessantes Erlebnis: zwei Damen, unverkennbar Amerikanerinnen, kamen auf uns zu und fragten meinen Mann, ob sein Name so und so sei. Und es stellte sich heraus, daß er vor zwanzig Jahren den Bruder dieser Damen, die aus Los Angelos stammten, in Kissingen getroffen, daß sie sich freundschaftlich aneinander angeschlossen und sich gelegentlich auch zusammen auf einem Bilde hatten photographieren lassen. Der Briefwechsel war im Laufe der Jahre eingeschlafen. Das Bild aber behauptete noch immer seinen Platz auf dem Schreibtisch des Bruders, und nach der auffallenden Ähnlichkeit hatten die Damen auf die Identität meines Mannes geschlossen. Dies kleine Vorkommnis zeigte wieder einmal klar, wie eigenwillig der Zufall spielt und wie wir doch heute ganz und gar im Zeichen des Verkehrs leben.
Für alle, die Zeit, viel Zeit und ebenso viel Geduld haben, muß es ein Vergnügen sein, in Algier mit der Bahn zu reisen. Sie scheint es für ein Verbrechen zu halten, schnell zu fahren, und sie hält oft, fast möchte man sagen, sie hält immerzu. Aber trotzdem brachte sie es fertig, uns – wenn auch mit der angemessenen Verspätung – nach El-Guerrah zu bringen.
Es war eine pechschwarze Nacht, so schwarz, wie ich noch nie eine Nacht gesehen hatte. Trotzdem war der winzige Bahnhof von El-Guerrah nicht erleuchtet. Nur auf dem Bahnsteig an einem Stock hing eine kleine blakende Ölfunzel. Sie ließ das Dunkel herum nur noch dicker und undurchdringlicher erscheinen. Eine ganze Anzahl Passagiere stieg aus, denn in El-Guerrah trennen sich die Linien, die nach Biskra und nach Constantine führen. Wie alle diese Reisenden mit ihrem Gepäck in dieser ägyptischen Finsternis und fast ohne Gepäckträger sich zurechtfanden, ist mir noch heute ein Rätsel.
In einiger Entfernung von dem Bahngleise schimmerten ein paar erleuchtete Fenster. Der arabische Führer unserer neuen kalifornischen Bekannten war mit den Örtlichkeiten vertraut. Er brachte uns hinüber nach dem freundlich blinkenden Hause, einem Hotel, in dem man über Nacht Unterkunft findet und das Atzung für die Reisenden bereit hält. Wir fanden alles in größter Aufregung. Immer wieder hörte man das Wort »Karawane« von Wirt zu Angestellten schwirren. Wir dachten uns darunter eine Kamelherde mit Beduinen, Frauen und Kindern, und da wir nach allem, was wir von der Lebensweise dieser Karawanen wußten, nicht annehmen konnten, daß sie in dem Hotel übernachten würden, konnten wir uns die Unruhe nicht erklären. Wir riefen den Kellner und bestellten das Essen. Die Antwort darauf war:
»Gehören Sie zur Karawane?«
Erstauntes »Nein!« von unserer Seite.
Arabische Typen
Seine Erwiderung:
»Bedaure sehr, aber die Karawane muß zuerst bedient werden.«
Und nun stellte es sich zu unserer Überraschung heraus, daß man unter »Karawane« hier eine Cooksche Reisegesellschaft meinte.
Der arabische Führer, nicht unbekannt in dem Hause, machte kurzen Prozeß. Er ging in die Küche, half beim Anrichten und sorgte geschickt dafür, daß uns die Speisen sofort serviert wurden. Und danken mußten wir es ihm; denn als die, wie wir nun sahen, mit berechtigter Aufregung erwartete »Karawane« die Speisestube stürmte, war für keinen anderen Gast mehr etwas zu erreichen. Wie ein Schwarm ausgehungerter Heuschrecken vertilgten sie alles, was kam. Aber selbst wenn noch etwas übriggeblieben wäre! Bis die »Karawane« befriedigt war, war auch die Zeit verstrichen, und der Zug zur Abfahrt nach Batna ließ seinen Mahnruf zum Einsteigen ertönen.
Oh, diese kosmopolitischen Karawanen! Wieviel Ruhe, Lebensart und Vornehmheit – ja, ich kann kein anderes Wort als Vornehmheit gebrauchen – könnten sie von den Mitgliedern einer echten Karawane lernen, von jenen armen, verachteten Beduinen, die heimatlos die Wüste durchziehen!
Nun bestiegen wir wieder den Zug. Wo mag die französische Gesellschaft wohl die Wagen her haben, die sie auf ihren Bahnen in Algier benutzt! Stammen sie aus jener Zeit, da die Eisenbahn aufkam und man noch nicht wußte, was Bequemlichkeit auf der Reise bedeutet? Sollten diese Wagen irgendwo auf Abbruch verkauft werden, und man hat sie billig erstanden? Jedenfalls sind sie für unsere heutigen Begriffe ganz unmöglich. Man brauchte fast eine Leiter, um hinauf in das Coupé zu klettern, in ein Coupé, das schmal und eng und so niedrig war, daß man mit dem Kopfe an die Decke stieß. Und das Licht! Es war entsprechend der Beleuchtung auf dem Bahnhof von El-Guerrah. Unmöglich, eine Zeile zu lesen. Aber nebenan im Wagen brannte die Lampe überhaupt nicht – das war vielleicht noch schlimmer. Zu acht waren wir in ein Abteil erster Klasse gepfercht wie die Heringe. Ein ältliches französisches Ehepaar hatte zwei Eckplätze inne. In weislicher Fürsorge hatten die Leutchen ihr Essen mitgebracht, und mit nicht endenwollendem Appetit vertilgten sie aus buntfarbigen Tüten die unglaublichsten Dinge. Als man es schon gar nicht mehr erwartete, machten sie aber doch Schluß, und befriedigt lehnte sich jeder in seine Ecke. Und nun schnarchten sie ein Duett. Das triste Licht, das, wie um uns zu höhnen, immer mit Erlöschen drohte, in dem engen Raume die vielen Gesichter, die in der ungewissen Beleuchtung bleich und gespenstisch wirkten, die schlechte und verbrauchte Luft – denn der Empfindlichkeit eines Passagiers wegen konnte nur ein kleiner Spalt eines Fensters geöffnet werden – das schnarchende Dickhäuterpaar in der Ecke, es war um Selbstmordgedanken zu bekommen.
Endlich, endlich Batna! Wir konnten unserem Gefängnis entrinnen. Ein Omnibus war auf dem Bahnhofe, um uns nach dem Hotel zu befördern. Die Pferde wollten wohl ihre letzte Arbeit an diesem Tage so schnell wie möglich hinter sich haben. Wie wild geworden gingen sie los, daß der Wagen auf dem schlechten Pflaster nur so flog und krachte und die verschlafenen Köpfe der Insassen aneinander pufften. Ein Glück! Wir hatten von Bougie aus bereits Zimmer bestellt. Wer diese Vorsicht nicht gebrauchte, hatte schwere Mühe, ein Plätzchen zu finden, wohin er sein müdes Haupt über Nacht betten konnte. Diese entsetzliche »Karawane« hatte auch hier wieder alles mit Beschlag belegt.
Um elf Uhr am nächsten Morgen verließen wir das staubige, heiße, schattenlose, grenzenlos nüchterne Batna, das ebenso wie Setif hauptsächlich Militärstation bildet. Mit einigem Bangen bestiegen wir den Zug. Er unterschied sich zu unserer Freude aber vorteilhaft von seinem mißratenen Kollegen, der uns am vorhergegangenen Tage befördert hatte. Dieser Zug, der in direkter Linie die Stadt Algier mit Biskra verbindet, weist Schlafwagen und einigermaßen modernen Komfort auf und gilt darum als der beste im Lande.
Flötenspieler
Schnaubend und stöhnend verfolgte die Lokomotive ihren Weg durch Täler, über Berge und Flüsse hinweg und an altersgrauen Bauresten aus der Römerzeit vorüber. In Lambiridi, dem höchsten Punkte, den die Bahnlinie erreicht, verpustete sie sich eine Weile und glitt dann geräuschlos wieder bergab. Auf dieser Strecke wächst die Aufregung des Reisenden, der zum ersten Male des Weges kommt. Zwar ist er erstaunt und überrascht von den herrlichen Farben, die das kahle Felsgestein hier zeigt: sattes Violett und tiefes Rot, leuchtendes Gelb und zartes Blau, hartes Weiß und warmes Braun – alles in einer harmonischen Verteilung, wie es allein die große Natur zustande bringt. Aber von diesen Betrachtungen hinweg wandern die Gedanken immer wieder voraus zu dem Wunderbaren, das nun kommen soll: El-Kantara und dahinter die gewaltige Wüste!
Der Weg zu diesem Kulminationspunkt könnte nicht besser in Szene gesetzt sein, wenn mit allem Raffinement das geschaffen worden wäre, wozu einfach die Bodenformation zwang. Man kommt durch einen Tunnel. Ihm folgt ein anderer. Doch nichts Besonderes zeigt sich in den kurzen lichten Pausen, die dazwischen eingeschoben sind. Aber nun geht es wieder einmal in das Innere eines Berges hinein, und beim Austritt hält mit einem sieghaften Ruf der Zug inne. Hoch oben steht trotzig ein altes Römerkastell, tief unten liegt ein hübsches kleines Tal. Ein paar europäische Häuser in hellen Farben, umwuchert von dichtem Blattwerk, laden freundlich zu Gaste. Wilde Bergwasser rauschen und verschwinden zwischen den steilen Wänden des Auresgebirges, das, breit und wuchtig dahingelagert, jedes weitere Vorwärtsdringen auszuschließen scheint. Aber es scheint nur so, denn unser Zug findet seinen Weg durch den Spalt, den die Natur geschaffen und den der Strom in ungezählten Jahren immer tiefer ausgefressen hat, durch die düstere Schlucht von El-Kantara, und trägt uns in wenigen Sekunden hinaus in das mit solcher Ungeduld Erwartete, in das Wunderbare, in eine andere Welt.
Etwas benommen schließt man im ersten Moment die Augen vor der blendenden Helle, und wie um das große Erlebnis noch ein wenig zu verzögern, haftet der Blick zuerst an dem üppig grünen Eiland, das sich hier an den Saum der Wüste geflüchtet hat. Tausende und Abertausende von herrlichen Palmbäumen stehen dichtgedrängt. So nahe sind sich ihre Kronen, daß man glaubt, darüber hinwegschreiten zu können. Wohin man blickt, ein Wachsen und Sprießen. Dank den Wassern des Oued Kantara, die in vielen kleinen Rinnsalen durch das Gelände geleitet sind, herrscht eine fast übertriebene Fruchtbarkeit. In das saftige Grün gebettet und um die Insel herum, wie Perlen eines Rosenkranzes aneinandergereiht, liegen fensterlose Lehmhütten mit flachen Dächern, in jeder Hinsicht völlig anderen Charakters als alles, was wir bis dahin gesehen hatten.
Und nun von diesem lieblichen Bilde hinweg wagt man hinauszuschauen in die unter glühender Sonne sich dehnende Sahara. Ist es die Wüste, wie wir sie uns als Kind nach Märchenerzählungen vorgestellt haben, wie sie uns nach Begebenheiten aus der Bibel nahegebracht, wie wir sie in Romanen geschildert fanden? Etwas von alledem und doch anders!
Eine unbeschreiblich herbe Größe liegt über dieser baum- und strauchlosen Öde, eine rätselhafte Größe, hinter der man grausige Geheimnisse vermutet, eine gewaltige Größe, die ahnen läßt, wie erbarmungslos und unerbittlich sie mit ihren Opfern verfahren muß. Welche Offenbarungen mochte dieses Land wohl für uns bereithalten?
Noch einmal lenken wir unsere Blicke rückwärts. Wie eine unüberwindliche Mauer zieht sich die Gebirgskette des Tell von Ost nach West. Nur ein kleiner, halbkreisförmiger Ausschnitt unterbricht die schroff gezackte Gipfellinie. Es ist der Ausschnitt, durch den wir hereingeschlüpft sind, und den die Araber den »Mund der Wüste« nennen.
Wir passieren, immer dem Flußbett folgend, El-Outaya, die erste Oase auf dem Wege in das weite Sand- und Geröllgefilde, und dann hat die Bahn ihr letztes Ende erreicht. Wir halten in Biskra.
Alt-Biskra