Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.

Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp; der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr (κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst König genannt hat.

Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben. Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert worden, Glaubliches und Unglaubliches[373]. Das vollkommen Zutreffende scheint mir noch nicht gesagt zu sein.

Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen, wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen.

Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.

Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den Skythen gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien. In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten. Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere[374] mit Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts.

Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen Teles[375]. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu retten[376]. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos, der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und erschrak heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und man hofft und gewärtigt es selber nicht.“

Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte.

Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs Los gewählt wurde[377].

Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde, und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig, und, was das wichtigste, im Königsornat[378]. Es ist ja auch kein Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben Majestät erläßt denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und Eunuchen machen[379].

In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß der, der ihn darum recht bittet, König wird[380], so daß der so zum Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine währt ja nicht länger[381].

Der Saturnalienkönig als Tölpel.

Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer Person zusammenfielen[382]. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm, ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich, als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und durchgängig sehr harmloser Späße wurde[383].

Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens wie ein „Saturnalicius princeps“ benahm[384]. Damit kann freilich auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (princeps) war, der die Saturnalien liebte. Aber es ist gewiß echter, weil pointierter, wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein Saturnalienkönig[385]. Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen spielten dem Kaiser auf der Nase herum, und über der unermeßlichen Vergnügtheit vergaß er alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so ist auch der Charakter der Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter klargestellt: wir stellen fest, daß für ihn der Charakter des Tölpels oder des „Stupidus“ — denn dies war Claudius — wesentlich war.

Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig, Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der Juden.

Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite zu lassen[386], was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung.

Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis. Philos Schrift gegen Flaccus cp. 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien in Ägypten trug sich Folgendes zu.

Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium, krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις χρώμενοι)[387].

Der Tölpel als König im Mimus.

Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf: „Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“. Agrippa selbst aber war Syrer.

Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein Gelehrter[388] den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus!

In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig.

Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt, wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich erklären zu können.

Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert, Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns nicht[389]. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet.

Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes, sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt die Karabasszene die Pointe beißender Satire und diente dem Zwecke der Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache.

Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine Spitze gegen die Juden Alexandriens[390]. Denn nirgends steht hiervon irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos und viel mehr rührsam als roh[391]: sein Gegenstand ein armer Schlucker, der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt.

Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man, daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „fatuus“ oder Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“ zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca in seiner Claudiussatire ausgeht: aut fatuum aut regem nasci oportere: „ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man nur von Geburt sein!“ Kaiser Claudius aber, der Saturnalienkönig, war sogar beides in eins, fatuus und rex[392].

Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius „fatuus“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt an[393], wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu werden, und lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und verachtet[394], wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum Monarchen erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein alberner Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der Mimusszene seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck Senecas[395] dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über das ganze Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer will leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied, sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht?

Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen illusorisch.

Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien gipfelt ja die grausame Komödie darin, daß die Soldaten, die eben noch vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt, denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben.

Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird.

Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen. Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte.

„Sardi venales“. Vitellius’ Ende.

Ich denke zunächst und vor allem an die „Sardi venales“ Roms, so seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den kapitolinischen Spielen[396], die nie staatlich, sondern von einer Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein möglichst kümmerlicher Greis (senex deterrimus) ausgewählt, in das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „bulla“ eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das Kapitol über die Sacra via geführt. Es war dies also der König Vejis selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich das übermütige Volk der Sieger „voll Hohn“[397] immer wieder belustigt hat. Wie leicht hätte da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, König der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont[398]; sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (praeco) den Spottkönig nebst Gefolge mit dem Ausruf „Sardi venales“, d. h. „hier sind Sarder zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich nämlich von Sardes in Kleinasien her.

Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier, wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis zum Jahre 100 n. Chr. und später[399], also eben in der Zeit, als die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum alljährlichen Festprogramm gehörte.

Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir[400]: Vespasians Truppen rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber, die sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm, finden ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das Kleid am Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände auf den Rücken, führen ihn über die Sacra via, wo er noch gestern im königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß. Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten, um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt, und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er niedergehauen.

Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.

Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt: der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen (ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3).

Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß scharf unterschieden werden.

Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen, Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der, wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der Sardi venales und gleich danach im Dezember beim Saturnalienfest gang und gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen, der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus vergriffen hat.

Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns vorzustellen — und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte —, welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt, zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer — und sie zählten allerorts zu Tausenden —, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht einen Alexander den Großen, um sich sagen zu können: ich bin mehr als er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist König!“ Rex eris! Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert Stellen nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, der sich, rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers zuwendet, sagt, daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus selbst es ist, der ihn mit Zepter und Diadem bekleidet[401].

Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger hatten an Christus wider Willen das Rechte getan.