Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.
Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. Indem ein Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht lebendig vor uns.
Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.
Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und ihrem ächzenden Gatten das Geld aus der Tasche locken, um der Mode zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei lieben; man muß ihm gut sein.
So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.
Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal nach, was sie uns bringen und sagen können.
Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.
Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht entgangen.
Aber das war nicht nur im Altertum so. Das Christentum hat darin keinen Wandel geschaffen. Das Obszöne gehörte zum Witz durch das ganze Mittelalter (man denke nur an die Fastnachtspiele); es machte sich auch im 16. Jahrhundert erschrecklich breit, ja es reicht noch weiter bis in unsere nächste Nähe. Erst das 19. Jahrhundert hat sich gründlicher davon gesäubert. Diese Dinge bilden ein Stoffgebiet für sich, das wir nicht übersehen dürfen. Wir stellen sein Vorhandensein fest, aber wir wollen nach Möglichkeit vermeiden, es zu betreten.
Drei Arten derjenigen Dichtkunst, die sich nicht in rein ernsthaftem Ton hält, lassen sich, wenn schon die Grenzlinien oft nicht scharf verlaufen, unterscheiden. Oft hat sie nur den Zweck der tendenzlosen Belustigung, was die Griechen u. a. Hilarodia (ἱλαρῳδία) nannten. Man soll nur sorglos lachen. Dahin gehören solche Sachen im Stil der Jobsiade wie der Margites der Griechen oder die Geschichte, wie Odysseus den Zyklopen übertölpelt; dann aber auch das ganze Gebiet der Travestie, die dabei leicht in das Schlüpfrige geht; man denke an Offenbachs Schöne Helena; und diese Spaßmacherei und Ulk wird schließlich kraß realistisch in der Gartendichtkunst der Priapeen.
Anders liegt die Sache beim persönlichen Angriff, wo sich die Bosheit regt. Das Lachen, das da entsteht, ist Schadenfreude, moralische Vernichtung der Zweck. Hier regt sich der Schimpf und greift zu allen Mitteln der Übertreibung und des Grotesken. So fiel schon Nävius über den großen Scipio her, Catull und Calvus über Caesar, Cicero über Antonius, Claudian über Eutrop, den allmächtigen Eunuchen am christlichen Kaiserhof. Tapfer ist es, wenn die Dichter sich dabei offen mit Namen nennen, und Nävius erntete für seine Angriffe Kerkerhaft, Antonius ließ Cicero köpfen. Am häufigsten waren dagegen anonyme Pasquille, die man an die Türen heftete und die das Volk durch die Gassen schrie, so die Verse über den Kaiser Tiberius:
Unhold bist du und hart. Um dir kurz, was ich meine, zu sagen:
Köpfen laß ich mich gleich, wenn eine Mutter dich liebt[402].
Oktavian, der Triumvir, war ein schlechter Feldherr. Die Militärs in Rom hatten ihren Spaß daran, wie kläglich es ihm im Seekrieg mit Sextus Pompejus bei Sizilien erging. Da ging der Vers um:
Beide Seeschlachten verloren!
Beide Flotten! Wie von Sinnen
Würfelt er jetzt täglich: „Lernt’ ich
Doch beim Knobeln das Gewinnen!“
Auch aus dem Kleinleben des verschütteten Pompeji sind uns solche Anwürfe bekannt. Man kreidete sie an die Wände, um den Mitbürger zu ärgern, und da stehen sie z. T. noch heute. Zum Beispiel „Samius wünscht seinem Kollegen, er möge sich erhängen!“ oder „Der Restitutus hat oft viele Mädchen betrogen,“ oder in der Schenke an der Wand:
Kneipwirt, möchten solche Lügen
Auch einmal dich selbst betrügen.
Selber trinkst du reinen Wein,
Andern schenkst du Wasser ein[403].
Satire. Togatkomödie.
Während diese Sachen meist kurz sind, je kürzer, je wirksamer, wie gespitzte schlanke Pfeile, liebt die dritte Dichtungsform, von der ich zu reden habe, vielmehr den breiten Aufbau; sie schreitet im breiten Faltenwurf daher. Es ist die römische Satire. Der römischen Satire genügt das Spotten nicht; sie will erziehen. Griechische Humoristen, die zwar bitter ernst in das Leben sahen, aber das Laster nur für eine Torheit der Seele, die Tugend nur für Klugheit hielten, haben die satirische Predigt erfunden. Sie lag dem Römer vortrefflich, er ergoß sein ganzes eigenartiges Wesen hinein und hat sich in ihr ausgelebt von dem großen Lucilius an bis Juvenal und weiter. Die Spottgedichte Martials sind nur kleine lachende Kobolde; die Satire schreitet hochgewachsen, matronenhaft als weise Frau und Gouvernante von Beruf mit strengem Blick und greller Stimme durch die Jahrhunderte Roms, unermüdlich und mit spitzer Zunge scheltend, polternd und ermahnend; denn sie will Rechtschaffenheit, anständige Gesinnung, Wahrheitssinn, bisweilen auch Güte des Herzens lehren und den kleinsinnigen, abgefeimten Praktikern des Lebens die edleren Werte vorhalten, sie an das Sittliche gewöhnen. Da greift sie sich dann den und jenen aus dem Publikum, legt ihn übers Knie und schwingt die Rute, daß er es fühlt und die Zuschauer lachen, aber durch das statuierte Beispiel klug werden. Dann ruht sie aus, schlägt die Hände zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Römische Satire und Kapuzinerpredigt: da ist kaum ein Unterschied. Wir wissen, wie der Kapuziner zu den Wallensteinern spricht. Abraham a Santa Clara ist der nächste Verwandte Juvenals.
Die Satire hat in der Tat einen hohen Beruf erfüllt und will ernst genommen werden. Die winzigen Spottepigramme dagegen, im Distichon, Jambus oder Phaläceus, sind Späße des Augenblicks, und der Leser huscht rasch von einem zum anderen. Wozu sie behalten? Es lohnt nicht.
Für den Spätgeborenen aber lohnt das Verweilen doch; ich meine für den, der den Augenblicksmenschen der Gegenwart in der Vergangenheit wiederzufinden sucht. Im Epigramm ist das Leben lebendig: natürliches Leben; Augenblicksleben; römisches Volksleben! Das ist es, was uns jetzt kurz beschäftigen soll.
Einen Vorklang dessen, wonach wir suchen, bringt schon das alte Volkslustspiel der sogenannten Togatkomödie. Nävius, Titinius, Atta und Afranius waren ihre Vertreter. Nur kurze Späßchen sind uns leider daraus erhalten; aber sie wirken mitunter wie Epigramme und werfen ein kurzes Schlaglicht auf die Personen, die da auftraten und die für uns sonst ganz im Dunkeln stehen. „Armselig die Eheherren, die bei ihren Frauen die Magd spielen! Nur die große Mitgift macht’s[404].“ Und diese Weiber sind dem Wein nicht abhold: „Gebt ihr zu trinken,“ heißt es; „denn sie ist eben in Wut[405].“ Ein Modefatzke tritt auf, und man fährt ihn an: „Du trägst ja gedrehte Stirnlöckchen wie ein Hermaphrodit[406].“ „Deine Frau ist zu protzig,“ rät ein Freund dem anderen; „schaff’ Wagen und Maultiere ab und laß sie zu Fuß trollen[407].“ Das Straßenleben tut sich auf, und wir hören den Vorwurf: „Du schreist so auf offener Straße? Schämst du dich nicht vor dem Publikum[408]?“ Endlich der weise Satz: „Es lohnt sich für das Kind nicht, daß seine Eltern leben, wenn sie lieber Furcht als Ehrfurcht erregen wollen[409].“
Pasquille. Catull gegen Caesar.
Die Stücke, aus denen dies genommen ist, waren noch altrömisch; sie fallen noch früher als Ciceros Zeit. In der Zeit Ciceros, da blühte in Rom nun auch schon das Pasquill, und da hören wir auch Namen. Das kühne Wort herrscht. Ein Versteckenspielen gibt es nicht. Ein gewisser Caninius war Konsul in Rom geworden; aber schon folgenden Tages mußte er wieder aus dem Amt; er hat also in seiner hohen Würde nur allzu wenig Schlaf gefunden. Cicero selbst war es, der ihn darum dem Gelächter preisgab:
Caninius ist wach; das ist er in der Tat.
Er schlief nur eine Nacht in seinem Konsulat!
Allerliebst ist das, aber immerhin noch harmlos. Das Gegenteil des Harmlosen aber war Catull, Ciceros jüngerer Zeitgenosse. Lieb und treuherzig, warm und herzgewinnend in seinen anderen Gedichten, die von Liebe und Freundschaft singen, ist Catull Gift und Galle, wo er angreift, und das unsauberste Wort ist dem Schonungslosen da gerade recht. Abwischpapier nennt er das neue Epos des Volusius. So warf er sich auch auf Julius Caesar. Caesar wurde eben damals groß. Er wurde es durch die Unterstützung des großen Pompejus. Gleichzeitig gab Caesar dem Pompejus seine junge Tochter Julia in die Ehe; Pompejus war also Caesars Schwiegersohn. Den gallischen Krieg hatte er durchgefochten; Mamurra hieß da der Hallunke und Durchgänger, der im gallischen Krieg Caesars rechte Hand war, nicht nur als Genieoffizier, der beim Brückenbau und allem Kriegstechnischen half, sondern auch als Räuber und Ausplünderer des neu unterjochten Landes. Nicht nur mit der rechten, mit beiden Händen griff damals Caesar und seine Kreaturen nach Galliens Reichtümern. Wie ein Wutschrei der Entrüstung sind die Verse, mit denen Catull sofort über Caesar und Mamurra herfällt. Für den Augenblick hastig hingeworfen, sind sie doch ewige Geschichtsdenkmäler, diese Verse. Das Hauptstück sei, damit jenes erregte Leben vor uns aufgehe, hierhergesetzt, indem ich jedoch nicht versäume, einige unerhört krasse Ausdrücke zu mildern[410]:
Wer kann dies nur mit ansehn, wer es dulden nur,
Der nicht ein Hurer, Schlemmer und ein Spieler ist,
Daß nun Mamurra sein nennt, was an Üppigkeit
Großgallien und das ferne Britenland besaß?
Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?
Und übermütig, übertriefend soll er jetzt
Durchwandeln dürfen jedes beste Bettgemach,
Ein zärtlich weißer Täuber und Adonis? Wie?
Du Wollust-Romulus, das siehst und gibst du zu?
Du Hurer, Schlemmer und du Spieler, der du bist!
Das war’s, warum du einzig großer General
Auf der gen Westen allerfernsten Insel warst,
Damit hier euer Wüstling, der verbuhlteste,
Zwei Millionen oder drei verspeisen kann?
Was füttert ihn die alberne Freigebigkeit?
Hat er genug verjuxt nicht? nicht verpraßt genug?
Sein väterliches Erbe bracht’ er durch zuerst;
Zu zweit die Pontusbeute, dann die spanische
Als dritte, die der goldesreiche Tajo kennt.
Und Gallien und Britannien kennt die letzte gar.
Was hegt ihr diesen Schurken? Was versteht er denn,
Als Güter bloß zu schlucken, die die fettsten sind?
Das war’s, warum ihr, Schwiegervater, Schwiegersohn,
Die Welt zertrümmert, ihr beschmiertesten der Stadt?
Lärm und Orkan der großen, der größten Weltgeschichte: davon spüren wir etwas in diesem Probestück. Caesar suchte seinen Frieden mit diesem jungen, sprühenden Genie zu machen; aber Catull beruhigte sich nicht, und wir hören, wie er noch weiter droht: „Abermals sollst du dich über meine Jamben erbosen, du einziger Feldherr[411].“ Dann starb der heißblütige Dichter. Er starb früh; Caesar überlebte ihn.
Vergil gegen Noctuin und gegen Sabinus.
Der Lärm verstummte. In weit engere Verhältnisse führt uns zu jener Zeit der große Dichter Vergil. Er war der Dichter des edlen Brusttons und des sentimentalen Pathos; sentimental sind nicht nur seine Helden: auch seine Hirten. Aber so war Vergil nicht immer; seine großen Werke schrieb er erst als reiferer Mann und abgekühlten Blutes. Auch er war einst jung und fuhr übermütig derb um sich, wie die anderen, wenn ihn die Torheit der Glücksritter reizte, zu der Zeit, als er noch in seiner norditalienischen Heimat, in Mantua und Cremona lebte, wo er geboren war.
In Cremona lebte der Inhaber einer Töpferei, mit Namen Atilius. Der „stolze Noctuinus“ kommt und heiratet dessen Tochter. Aber Noctuin ist, so scheint es, Trinker, und heiratet auch noch gleich den Weinkrug, den der Schwiegervater fabriziert. Nach volkstümlicher Redeweise wird der Krug als Tochter des Töpfermeisters gedacht, der ihn geschaffen hat. Nun kommt Vergil dem Noctuin mit einem kleinen boshaften Hochzeitspoem, das für den heutigen Gelehrten unendlich wertvoll ist; denn es ist für uns die einzige erhaltene Probe der sog. „Fescenninen“, des Hochzeitsulks der alten Römer. Der Dichter steht auf der Gasse und ruft das Volk zusammen:
Da kommt er, der Ekel, im Zug heran,
Der Noctuin, der stolze Mann.
Das Weibchen, das dir erwünscht erschien,
Du hast sie nun, hast sie nun, Noctuin.
Doch sieh: der Besitzer der Töpferei
Atilius hat der Töchter zwei
Und gibt dir — stolzer, freu’ dich doch —
Auch die selbstgebackene zweite noch.
Die zweite Tochter ist der Krug.
Du leerst die Tochter in einem Zug.
Ja, auch solch ein „Zug“ ist ein Hochzeitszug.
Herbei, ihr Leute, und stimmet an:
Ein Hoch dem strebsamen Tochtermann!
Ob sich Noctuinus nicht an dem Dichter gerächt hat? Denn im Schreibtisch blieb das Gedicht sicher nicht liegen. Anschaulicher noch das andere Stück auf den Sabinus, den Parvenü, der früher bloß Quintio hieß, der in Cremona einst Pferdeknecht gewesen, dann sich zum Spediteur heraufgearbeitet hat. Es war die Zeit von Caesars Gallierkriegen, von denen schon vorhin die Rede war. Große Militärtransporte gingen damals für das Heer über Norditalien nach Frankreich. Allein aus dem nachfolgenden Vergilgedicht lernen wir drei dort ansässige Transportfirmen kennen; berühmter noch war der Großbetrieb des Spediteurs Ventidius Bassus, den Caesar um seiner Verdienste willen hernach zu den höchsten Staatsämtern beförderte. Der Sabinus aber gab, als er glücklich reich geworden, in Cremona sein Geschäft auf, wurde Duumvir oder der höchste Magistrat am Ort und ließ nun in der Vorhalle des Tempels des Castor und Pollux — oder der „Castoren“ — sein Sitzbild aufstellen, das jeder mit Hohn und Ingrimm sah, der ihn einst als Knecht gekannt hatte. Auch den jungen Vergil packt der Grimm, und wir hören:
Ihr Leute, seht: das ist das Abbild des Sabin.
Was sagt er? daß er einst der schnellste Spediteur.
Nie hat im Flug das leichtste Gig ihn überholt
Von andern Unternehmern, ob nach Mantua
Die schnelle Fahrt ging oder bis nach Brescia.
Das leugnet auch kein Konkurrent, der Trypho nicht
Noch Cerulus, die protzten mit dem Großbetrieb,
Bei denen der Sabinus (damals hieß er bloß
Der Quintio) den Gäulen und dem Zugvieh einst
Als Knecht die Mähnen kappte, weil das harte Joch
Aus Buchs dem Tier den Hals sonst wund und blutig rieb.
Cremona weiß das und das ganze Pogebiet,
Das Land der Sümpfe und der kühlen Alpenluft,
So sagt Sabinus: denn geboren ward er hier;
Als Bürschlein stand er hier im bodenlosen Dreck
Und lud im Nassen täglich alle Lasten ab,
Und dann als Maultiertreiber macht’ er meilenweit
Die Fahrten mit der Fuhre; ja, er selber trug
Die Last flink auf der Stange, wenn die Tiere faul
Sich sträubten (beide oder eins, rechts oder links)
Und bockig nicht mehr weiter wollten im Galopp.
Nie hatt’ er nötig, Göttern, die dem Reisenden
Sonst helfen, Gaben zu geloben. Nur zum Schluß
Hängt’ er im Tempel Roßkamm dann und Zügel auf.
Das ist vorbei! Jetzt sitzt Sabin im Tempel selbst
Als großer Herr und Stadtrat auf kurul’schem Stuhl
Und weiht sich den Castoren so als Statue!
Dies Gedicht ist in seiner lateinischen Fassung ein Meisterwerk ersten Grades; die Übersetzung kann davon kaum eine Vorstellung geben[412]. Und was das Erfreulichste: sonst bewegt sich alle römische Poesie nur in Rom selbst; hier haben wir einmal echten Lokalton, muntere, kecke italienische Kleinstadtpoesie, wie wir sie sonst nirgends finden.
Übrigens hätte Vergil sein Gedicht so oder ähnlich auch noch heute schreiben können. Ich denke an den Maultiertreiber Mr. Kerkens in Kansas in Nordamerika. Im Januar 1910 ging durch unsere Zeitungen folgende Notiz: „Der amerikanische Millionär Richard C. Kerkens in St. Louis, der für die Vereinigten Staaten als Botschafter nach Wien geht, hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf hinter sich. Er ist in Irland geboren und in seiner Jugend in Fort Leavenworth (Kansas) als Mauleseltreiber beschäftigt gewesen. Später rückte er zum Hilfswarenaufseher auf. Von Leavenworth siedelte er nach Arkansas über und von dort nach St. Louis, wo er in Eisenbahnspekulationen den Grundstein zu seinem heutigen Vermögen legte.“
Alles wiederholt sich nur im Leben; ewig neu ist nur die Poesie.
Horaz’ Epoden und Lydia-Ode.
Satiriker von Beruf war Horaz; er war überdies auch Spottdichter in seinen Jamben (oder Epoden), und es lockt von Vergil zu ihm hinüberzublicken. Denn gleich jenes Sabinusgedicht hat Horaz nachzuahmen versucht[413]; auch bei ihm handelt es sich um einen Emporkömmling, der jetzt stolz mit dreiellenlang-schleppender Toga über die Heilige Straße fegt. Die Sache ist nach Rom verlegt. Aber Horaz duckt sich; er wagt keinen Namen zu nennen. Der Schlag ist ein Schlag ins Wasser. Die Invektive entwaffnet sich und wird zum bloßen Sittenbild.
Gleichwohl gibt uns auch Horaz ein Meisterwerk. Ich meine das berühmte: „Beatus ille qui procul negotiis.“ Mit diesen Worten hebt das Gedicht an[414]. Irgendeine Stimme ist es, die da redet und das schlichte Landleben preist: „Glückselig, wer heute keinen Wucher treibt, sondern wie einst unsere Voreltern sein Feld bestellt! Die Rebe rankt er bräutlich um die Pappel, pfropft Obst und sammelt Honig, liegt zur Sommerzeit im Gras und lauscht dem rieselnden Bach und dem Vogelsang, fängt im Winter Vögel im Garn und jagt den Eber. Da vergißt man alle grauen Geschäftssorgen; Frau und Kinder sind um dich; das Vieh brüllt dir im Pferch und wird gemolken, und man lebt vegetarisch von Oliven, Malven und Sauerampfer, der auf den Wiesen wächst, und nur zum Festtag schmaust man das Opferlamm.“ Wer spricht da? Ist es der Dichter? O nein. Zum Schluß erhalten wir plötzlich die geschäftlich kurze Mitteilung: ein rechter Pflastertreter der Großstadt, ein Wucherer ist es, der sich in diese Phrasen hüllt:
So sprach der Wuch’rer Alfius, als sehnt’ er sich
Nach Erdgeruch, trieb dann sogleich
Am 15. des Monats alle Gelder ein
Und legt sie neu auf Zinsen an.
Sonst sind es leider zumeist nur alte Weiber und Megären, die Horaz verhöhnt. Wenn er liebt, liebt er im Grunde nur die Körperlichkeit der Schönen; wenn er höhnt, verhöhnt er nur den Schönheitsverfall und redet von ihren grünen Zähnen und ähnlichem. Man möge das im Horaz selber nachlesen; zum Übersetzen lockt es nicht. Auch noch, als er seine Oden dichtet, laufen dem Horaz solche Motive mit unter; aber er redet jetzt maßvoller. Ein Beispiel ist die Ode I, 25 auf die Lydia; es ist das einzige Liebesgedicht, das ich hier einreihe:
Seltener schon treffen mit dichten Würfen
Kecke Burschen deine geschloss’nen Fenster,
Rauben keinen Schlaf dir, und ihre Schwelle
Liebt, ach, die Türe,
Die vorher die Angeln gar sehr gefällig
Drehte. Wen’ger hörst du und wen’ger rufen:
„Schläferin, mich läßt du die langen Nächte,
Lydia, verschmachten?“
Bald ist all dies Werben verstummt. Da weinst du
Wertlos, alt, im einsamen Winkelgäßchen,
Wenn dir mehr als thrakischer Wind, der wütet
Während des Neumonds,
Heiß entflammte Liebe und die Begierde,
Wie sie Mutterpferde wohl pflegt zu hetzen,
Rasen wird im schwärmenden Eingeweide,
Und du zergrämst dich,
Weil die heitre Jugend des frischen Epheus
Froh ist und berauscht ist in dunkler Myrte,
Dürres Laubwerk aber dem Hebrus weiht[415], dem
Bruder des Winters.
Aufregend war das nicht. Wer frug danach, wer diese Lydia war? Sicher ein Geschöpf der niederen Frauenwelt, deren es tausende gab. Anders Ovid, der eine vornehme Römerin, Furia, verspottete und sagte: „Da du Furia heißt, warum soll ich dich nicht eine Furie nennen?“
Das scheußlichste der Art hat damals übrigens Kaiser Augustus gedichtet. Es sind Schimpfverse auf die Fulvia, die stolze Gattin des Mark Anton, aus der Zeit, als der große Mann und künftige Weltbeglücker noch um die Herrschaft rang. Wir wollen das Epigramm mit Nacht bedecken. Es ist ein Jammer, daß es sich bis auf uns erhalten hat.
Sehen wir uns nach anderem um. Da ist Bavius mit seinem Bruder: ein neues Motiv von der zärtlichen Bruderliebe. Die beiden sind vielleicht sogar Zwillingsbrüder und einander, wie wir hören, so treu, daß sie zeitlebens alles, Landsitz, Stadthaus und Geldwirtschaft miteinander teilen; es war ein Odem und eine Seele in zwei Körpern. Wie rührend! Aber Bavius heiratet; auch die Frau soll gemeinsamer Besitz werden: da kracht die Freundschaft auseinander; das macht der Zorn, und zwei Königreiche mit zwei Gebietern sind entstanden, die sich fürchterlich mit Krieg bedrohen.
Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt.
Dies kleine Genrebild führt uns nun endlich auf Martial hin. Denn es ist von Domitius Marsus verfaßt, und Martial war der große Nachahmer und Fortsetzer des Catull und des Domitius Marsus. Martial, der unerschöpflich reiche Epigrammatiker aus der Zeit des Kaisers Domitian: ein Spanier von Herkunft, unverheiratet, fest eingelebt in das System der kaiserlichen Despotie, pflichtenlos und gedankenvoll, ein poetischer Bummler, den seine immer gute Laune ernährt: eine Schmeichelkatze ohne viel Ehrgefühl, eine Klientennatur mit dem Talent, auf das anmutigste zu necken, zu loben und zu betteln, der sich als Tischgenosse und Badegenosse der Vornehmen, als Witzemacher und Verseschmied erster Güte Eingang in alle ersten Häuser der Weltstadt verschaffte. Auch als er in den Ritterstand erhoben ist, lungert und katzbuckelt er weiter. Aber seine göttliche Munterkeit, seine Menschenkenntnis und Darstellungskunst steigert sich noch, und wir müssen sie bewundern.
Wie war ein solcher Dichter damals möglich? und warum entfaltete sich die epigrammatische Dichtung in Rom erst so spät? Denn zur wirklichen Entfaltung, zum vollen Sichausleben kam sie tatsächlich erst durch Martial. Die Antwort gibt Vergil. Es gab zu Vergils Zeit in Rom noch keine große Kunst, die sich sehen lassen konnte; wozu sollte man also die kleine pflegen? Ein schreiender Literaturhunger bestand, und mit den winzigen Brocken Catulls ließ er sich nicht stillen. Wer einen Festsaal schmücken will, kann dazu nicht Miniaturen brauchen; große Tafeln muß er aufhängen, großmächtige Schildereien erst einmal entwerfen lassen. Daher warf Vergil seine kleinen Jugendversuche hinter sich und schuf das große Epos, die Äneide. Horaz gab Muster der Satire und erhabenen Lyrik, Properz seine großen Elegienkränze, Ovid den Decamerone seiner Metamorphosen. Das war die Augusteische Literatur; aber sie war noch keineswegs überreich an guten Werken, und daher hat die zweite Blütezeit unter Nero 50 Jahre später mit gutem Grund noch an denselben Aufgaben festgehalten und demselben großen Stil gehuldigt. Der junge Nero selbst dichtete; auch Seneca, sein großer Ratgeber, tat es; und da gab es also neue Hirtengedichte, neue Oden, das Epos des Lucan und des Nero, die Satiren des Persius; ja, sogar auch Tragödien gab es, die einzigen römischen Tragödien, die uns erhalten sind, in denen Cassandra, Phädra, Medea auf hohem Kothurn schreiten und wunderbar fließend Latein sprechen. Nur die Griechen sind es, die damals in Rom das kleine witzige Sinngedicht, das uns angeht, gepflegt haben.
Die Römer selbst aber? Der Großbetrieb war einmal im Gange, und er ging immer noch rastlos weiter; er kulminierte unter Kaiser Domitian, in den fünfzehn Jahren 81–96. Dieser herrische Kaiser war der eifrige Patron aller redenden und singenden Künste; aber er war ein Tyrann und Feind der Freiheit. Da man unter ihm nicht frei denken, also auch nicht philosophieren, nicht einmal Geschichte schreiben durfte, so flüchtete nun alles zur Dichterei; ein angstvolles Gedränge auf dem Parnaß. Der Mensch braucht Geistesgymnastik; aber nur der Turnboden der Verskunst stand damals für diese Gymnastik noch offen. Ein Genie wie Statius tummelte sich da, aber auch Dilettanten in Fülle. Von Jason und von Phineus, von Achill, Diomed und anderen abgestorbenen Helden hallte Rom täglich wieder: diese alten Geschichten konnten freilich den Tyrannen nicht kränken. Aber der Reiz der Neuheit fehlte; das Auge hatte sich an den großgezerrten Heldenbildern längst müde gesehen. Wir kennen das auch heute: wer stundenlang Rubens bewundert hat, atmet glückselig auf, wenn er vor Metsu und Teniers und Netscher, den kleinen munteren Holländern, steht. Auch da, in den Holländern, zeigt sich unendliche Kunst!
Martial.
Solch ein Holländer ist Martial gewesen. Unter Domitian tat er sein Atelier plötzlich auf, und er brachte Neues. Aus den verstaubten Büchergestellen zog er den fast verschollenen Catull und Domitius Marsus wieder hervor, um sie zu modernisieren; aber er knüpfte zugleich an die feinen Sinngedichte der Griechen an. Und es war gleich wie ein Wunder, eine Offenbarung. Alles riß sich gleich um Martials kleine Bücher. Da war plötzlich ein Meister der Miniaturkunst, ein Dichter, der es wagte, groß im Kleinen zu sein, indem er dreist ins ganz alltägliche Leben griff. Dem Martial ging es im Vergleich zu dem großen Epiker Statius so, wie es Lessing neben Klopstock erging: „Wer wird nicht einen Statius loben? doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, doch fleißiger gelesen sein.“ Etwa jedes Jahr warf Martial ein Buch heraus, in jedem Buch nur etwa hundert Nummern. Die Sachen gefielen so, daß sie, obschon für den Moment gedichtet, doch alle Zukunft beherrscht haben. Sie haben das Verdienst, daß sie uns auch erhalten sind.
Versenken wir uns denn in diese Bücher, und ob es auf Kosten unserer Geduld geschieht, indem wir die etwa 1200 Gedichte sortieren. Römisches Großstadtleben wollen wir kennen lernen: dieser Poet zeigt es uns wie kein anderer. Eine Unmasse von Eigennamen wirbelt uns entgegen. Es ist, als ob wir mit dem Stock in einen Ameisenhaufen stießen.
Da ist der Kaiser selber, der sich „Gott und Herr“, man könnte auch übersetzen „Herrgott“[416], nennen läßt; aber er ist unkenntlich hinter einem dicken Vorhang von Weihrauchdunst und Schmeicheleien. Ob er höchstselbst des Dichters Gedichtbücher lesen wird? Die Hofleute müssen sie ihm, wenn er gnädiger Laune ist, in die Hände spielen. Da ist am Hof der Kämmerer Parthenius, der Mann für Bittschriften Entellus usf. Insbesondere Domitians junger Mundschenk, der „Frühlingsknabe“ Earinus wird als der Ganymed des Allmächtigen von Martial besungen. Dazu kommen die großen Paläste der Reichen, des zukünftigen Kaisers Nerva, des Dichters Silius Italicus, der Witwe des Dichters Lucan, des dichtenden Konsularen Stella, des großen Sachwalters Regulus. Da speist unser Dichter gern, läßt sich obendarein beschenken und lobt alle diese hochmögenden Personen mit Namennennung. Sie sind durch ihn verewigt bis heute. Witz und Spott reicht an sie natürlich nicht heran, es sei denn, daß der Dichter Geld braucht. Da wendet er sich einmal an den Regulus (VII, 16):
Regulus, mir fehlt Geld. Wie helf’ ich mir? Deine Geschenke
Muß ich verkaufen. Wie wär’s? willst du der Käufer nicht sein?
Der große Herr wird sich wohl amüsiert und hoffentlich auch seine Hand aufgetan haben.
Wo Martial dagegen wirklich spottet und hänselt, da nennt er die wahren Namen nicht. Er sichert sich durch das Pseudonym. Er ist kein geharnischter Catull. Ein Catull war damals nicht mehr möglich. Gerade durch das Pseudonym hat sich Martial den Erfolg in allen Häusern glatt gesichert. Um so offener konnte er reden, und so sind die Personen, die er uns vorgaukelt, Typen, aber echte Typen, wie die Personen unserer Fliegenden Blätter Typen sind. Wenn er die Menschen grob oder giftig anfährt oder mit schallendem Hohn, da handelt es sich fast immer um verliebte Sünden; das sind die altüberkommenen Schändlichkeiten gewisser Kreise; und es bleibt oft zweifelhaft, ob dem Dichter mehr Entrüstung oder Behagen dabei die Feder führt. Im übrigen aber welche Gutmütigkeit! welch friedliches Geplätscher! Diese Fülle menschlicher Schwächen, wie scharf werden sie beobachtet, aber wie milde beurteilt! Kein Zorn packt den Leser an; nur ein malitiöses Lachen, ein wohlgefälliges Lächeln braucht er aufzuwenden. Im Halbtraum nach dem warmen Bade, wo man keine Aufregung, sondern nur leichteste Zerstreuung will, da ist es Zeit für den Römer, in seinem Martial zu blättern.
Zunächst der Dichter selbst. Er wird in der Gesellschaft leider nicht immer gut behandelt, und er unterläßt nicht, sich zu beschweren. Vor allem das liebe Essen. Er geht zu Gast; man legt sich hungrig auf die Speiselager; aber der Wirt läßt nichts auftragen und begnügt sich, einige Parfümerien zu verteilen (III, 12). Schlimmer noch, wenn ein genialer Koch sich darauf versteht, aus bloßem Kürbis ein solennes Essen von vier Gängen zu bestreiten; Linsen und Bohnen, auch Pilze, auch Datteln, auch der Kuchen zum Nachtisch wird aus dem einen kleingehackten Kürbis hergestellt. Das soll was extra Feines sein, und es kostet nichts! Welche Enttäuschung! (XI, 31). Bei einem Vornehmen wohnt der Dichter auf dem Land. Der Mann zieht sein seltenes, exotisches Obst hinter großen Glasscheiben in weiten sonnigen Räumen. „Mir, dem alten Hausfreund, gibt er eine lichtlose Klause, die nur eine handgroße Luke statt des Fensters hat; nicht einmal ein Eiszapfen möchte darin wohnen. Wäre ich doch dein Obst,“ ruft der Dichter. „Da ginge mir’s besser!“ (VIII, 14.) Und überhaupt die öden Pflichten, wenn man Klient ist; man sollte sie einem Dichter doch erleichtern. Martial wendet sich an den Labull.
XI, 24:
Labull, nun ward ich dein Gefolgsmann. Das ist schlimm.
Du stellst mich, Freund, auf eine harte Probe.
Indes ich mich dir widme voller Grimm
Und täglich, was du tust und redest, lobe,
Ein unerhörtes Zeitverschwenden,
Wie viele Verse konnt’ ich da vollenden!
Scheint dir’s nicht ein Verlust, daß so im Keim erstickt,
Was Rom und alle Fremden sonst erquickt,
Was alle großen Herrn und Senatoren
Sonst gern genössen mit gespitzten Ohren,
Was jeder Kluge lobt und nur die andern Dichter,
Die Konkurrenten, tadeln, dies Gelichter!
Ich soll im feinen Rock an deiner Seite gehn
Und meine Werke sollen nicht entstehn?
Ein voller Monat ist’s: mein Blatt ist leer geblieben,
Und all die Zeiten hab’ ich nichts geschrieben.
Und das nur deshalb, daß ich dann und wann
Hübsch fürstlich bei dir speisen kann?
In diesem Gedicht hören wir auch schon gleich von Martials literarischen Gegnern. Gegen die ist er natürlich unverlegen. Schlagend ist seine Abfertigung:
III, 9:
Marull schreibt Verse gegen mich? Er halt’ es nach Belieben.
Der, dessen Verse man nicht liest, der hat sie nicht geschrieben.
Einem anderen, der sich selbst vorträgt, dient er folgendermaßen:
IV, 41:
Du Zarter trägst ein Tuch um den Hals,
Um deine Gedichte aufzusagen?
Wir Hörer sollten lieber fest
Das Tuch um unsre Ohren tragen.
Schwieriger als die Konkurrenten ist oft das Publikum selbst. Es gibt so viele, die nur das, was alt ist, bewundern und meinen: was neu ist, kann nicht klassisch sein. Aber Martial ist guten Mutes:
VIII, 69:
Du lobst, Vacerra, nur die alten Weisen,
Und nur die toten Dichter magst du preisen?
Verzeih! um deinen Beifall zu erwerben,
Beeil’ ich mich noch lange nicht zu sterben.
Nun aber die weitere Umwelt. Wie gutherzig menschenfreundlich ist dieser muntere Geist da oft! Man merkt, er ist der Sohn einer reiferen, menschlicheren Kulturperiode. Von einem Trinker heißt es, gnädig genug:
I, 28:
„Ihm ist elend! Der Rausch von gestern macht’s.“
Gefehlt, ihr guten Leute!
Er kneipt ja immer die Nächte durch;
Sein Elend stammt von heute.
Von einem unweltlichen Menschen:
XII, 51:
Der gute Fabulinus,
Nie schützt er sich vor Betrug
Und ward doch so oft betrogen!
Wer gut, wird niemals klug[417].
Und gar, wie rührend der Vers von dem Blinden:
III, 15:
Kein Mensch gibt mehr Kredit in Rom,
Als unser Cordus gibt.
„Er ist doch arm. Wie macht er das?“
Ein Blinder ist’s, der liebt.
Alles das könnte auch ebenso noch heute gelten. Aber weiter. Soll ich aus der Fülle noch ein paar Themen auf gut Glück, wie die Zettel aus der Urne, herausgreifen? Über Standesunterschiede im Liebesverkehr (III, 33); von unfähigen Advokaten (VIII, 7); von Emporkömmlingen, die groß tun, bald ist es ein Schuster, bald ein Schneidermeister (IX, 73; III, 18); vom Schulmeister, der mit der Rute fuchtelt (IX, 68) und dem Glück der sommerlichen Schulferien (X, 62); von Bauwut (IX, 46) und sonstiger lächerlicher Verschwendung (VIII, 5; VII, 98); den Toilettenmitteln der Römerinnen (IX, 37). Dazu der sonderbare Mamurra, der in allen Läden stundenlang herumsteht, um mit Kennermiene die Kostbarkeiten zu betrachten, aber gar nichts kauft (IX, 59); Hermogenes, offenbar ein Mensch aus guter Familie, der die Manie hat, überall die Tischservietten zu stehlen (XII, 29). Dazu ein gewisser Klytus, der an Habgier leidet und es verstanden hat, im letzten Jahr achtmal seinen Geburtstag zu feiern, weil es da Geschenke regnet; Martial sagt mit Recht: Auf diese Weise, junger Mensch, wirst du früh zum Greise; denn so wirst du jedes Jahr gleich 8 Jahre älter, ein Neunjähriger kann so schon gleich zweiundsiebzig werden. Auch der Barbier gibt endlich ein nettes Thema. Die Barbiere hatten im Altertum noch keine Seife und mußten sich abmühen, um alle Haare gründlich wegzunehmen. Da kommt der Rasierjunge; er hat ein so glattes Gesicht; aber während der endlos langen Arbeit, die er verrichtet, wächst ihm selbst ein Bart (XI, 84 und VIII, 52).
Doch des Aufzählens genug. Hören wir lieber den Dichter selber. Cinna ist unleidlich, weil er in den Gesellschaften immer so leise spricht:
I, 89:
Alles schwatzt du heimlich uns ins Ohr,
Cinna, was jeder hören darf im Kreise,
Lachst mir ins Ohr, weinst, schimpfst mir ins Ohr, du Tor,
Deklamierst mir Gedichte in dieser Weise.
Krankhaft! Nächstens flüsterst du gar, du Leiser,
Mir noch ein Hoch ins Ohr auf unsren Kaiser!
Es folgt Phileros mit den sieben Frauen, die er beerbt:
X, 43:
Es ist fast übertrieben:
Der reichen Frauen sieben
Hat Phileros bis jetzt
Im Erdreich beigesetzt.
Gewiß ein harter Schlag.
Allein der Ärmste kann sich sagen:
Das Erdreich bringt Ertrag.
Die Saat wird siebenfältig Früchte tragen.
Und der frostige Redner Aulus:
III, 25:
Ist wirklich dir, Faustin, das Thermenbad zu heiß,
Das freilich auch Julian nicht zu ertragen weiß,
Den Redner Aulus ruf’ ins Bad; da schmilzt die Hitze.
So frostig ist der Mann, so froschkalt seine Witze.
Da ist auch Fabulla, die sich für schön hält:
VIII, 79:
Nur alte Schachteln sind dein Umgang immer,
Fabulla. Stets nur garstige Frauenzimmer
Sind deine Freundschaft, und du schleppst ohn Gnade
Sie ins Theater mit, zur Promenade
Und zum Diner. So ist es, sollt’ ich meinen,
Nicht schwer, Fabulla, schön und jung zu scheinen.
Dann aber tauchen die Zähne der alten Frauen vor uns auf, aber in milderer Beleuchtung als einst bei Horaz:
I, 19:
Vier Zähne hattest du, Aelia, wie ich glaube.
Der Husten kam; ihm fielen sie zum Raube.
Zwei warf der erste Anfall hinaus; beim zweiten
Sahn’ wir die letzten deinem Mund entgleiten.
Jetzt brauchst du dich nicht weiter zu bezähmen.
Ein dritter Husten kann dir nichts mehr nehmen.
Gern wurden die Hausärzte beschimpft, die Handlanger der Unterwelt. Davon habe ich schon anderenorts eine blendende Probe gegeben[418]. Hier eine zweite:
X, 77:
Nichts Schlimmres im Leben hat Carus gemacht,
Als daß ihn das schwere Fieber umgebracht.
Wär’s doch ein leichtes gewesen! Ich muß ihm grollen.
Er hätte sich seinem Arzt erhalten sollen.
Man sieht: der Mensch ist verpflichtet, nicht an Krankheit, sondern an seinem Arzt zu sterben! Rom war eigentlich keine gesunde Stadt; leichtes Fieber stellte sich sehr häufig ein; aber man lief sorglos damit herum. Auch das schildert uns einmal unser Dichter:
XII, 17:
Woher kommt es (so fragst du mit Seufzen mich oft), daß das Fieber
Dich nicht verläßt nun schon Wochen und Monate lang?
Mit dir fährt’s in der Sänfte, es badet mit dir in den Thermen.
Schmaust Lampreten mit dir, Austern und Pilze sogar,
Zecht mit dir oft bis zum Rausch Setiner und schweren Falerner,
Ja, und den Cäcuber-Wein stets nur gekühlt und auf Eis,
Bettet mit dir sich in Rosen zu Tisch und in würz’gem Amomum,
Teilt auch nachts dein Bett, Daunen auf purpurnem Pfühl.
Da’s ihm so schlemmerhaft gut bei dir geht, da soll dich das Fieber
Fliehn und zum Dama gehn, der auf das dürftigste lebt?
Schlimmer ist, wenn Martial einmal den Verdacht des Verbrechens erhebt. Es handelt sich um Brandstiftung. Tongilianus wird von ihm angeredet:
III, 52:
Für 20000 hatt’st du das Haus erhandelt.
Da hat es sich gleich in Asche verwandelt,
Tongilian. Das Haus ging auf in Flammen.
Doch deine Freunde traten rasch zusammen,
Ersetzten dir’s zehnfach. Nun gib acht.
Du stehst, Verehrter, im Verdacht:
Damit man dir so den Schaden deckt,
Hast du den Kasten selbst in Brand gesteckt.
Da sieht man, wie unsere moderne Feuerversicherung im alten Rom ersetzt wurde. Geschäftsfreunde bildeten ein Konsortium, und dem Betroffenen wurde geholfen. Es lag aber auch damals schon nahe, diese Hilfe zu mißbrauchen.
Aber nun endlich Issa, und genug der Alltagsmenschen. Auch zu Issa, dem Hündchen, beugt sich unser Dichter herab. Bei seinem Freund Publius hat er das Tier gesehen. Dies sei das letzte Stück meiner Auslese.
I, 109:
Die Issa will ich heute singen.
Von Issa soll mein Lied erklingen.
Sie ist drolliger, als der Sperling war,
Den einst Catull geliebet,
Ist wonniger als das Taubenpaar,
Das sich im Schnäbeln übet,
Einschmeichelnder als die liebste Maid,
Kostbarer als Indiens Perlengeschmeid.
Das ist Issa, des Publius Hündchen.
Betrachten wir es ein Stündchen.
Da winselt es sanft schon, als spräch’s zu dir:
„So Lust wie Leid, das teilen wir,“
Und streckt dann das Hälschen, weil’s schlummern will.
Keinen Atem hörst du. Es liegt so still.
Und kommt ein Bedürfnis, auch keinen Flecken,
Kein Tröpfchen macht es auf die Decken,
Kratzt nur mit der Pfote flehentlich:
„Hebt mich vom Pfühl! denn es ängstet mich!“
Auch keusch ist die kleine Hündin sehr,
Flieht alle Liebeleien.
Wo ist auch der Hund, der würdig wär’,
Um unsre Issa zu freien?
Doch ach! doch ach! auch dieses Hündchen
Hat dermaleinst sein Sterbestündchen.
Drum hat ihr Herr, der sie so liebt,
Ihr Bild, das sie prächtig wiedergibt,
Mit eigner Hand gemalt: so treu!
Man weiß nicht, welches die Issa sei,
Das Tier selbst? oder das Konterfei?
Das ist römisches Leben, bis herab zum Stubenhündchen; wie intim berührt das alles! Aber ich lasse nunmehr den Vorhang fallen. Alle dürftig und ungenügend ist, was ich hier geboten, und wer es kann, sollte den Martial selber lesen. Denn alle Übersetzungen sind doch nur bestenfalls Talmigold oder Simili-Brillanten[419]; in den meisten seiner Miniaturen aber bringt der lebhafte Dichter nebenher noch eine solche Fülle von Anspielungen, daß zum Verständnis eine einfache Übersetzung gar nicht ausreichen würde. Auf alle Fälle aber wird mein Leser begreifen, daß Martial alsbald und durch viele Jahrhunderte immer wieder eifrige Nachahmer gefunden hat.
Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont.
Aus der Spätantike erwähne ich die Dichter der sog. Anthologia latina, sowie den Ausonius und Luxorius. Die beiden zuletzt genannten sind Christen; gleichwohl steigert sich noch bei ihnen das geflissentliche Aufsuchen des Unanständigen bis zum Monströsen. Wertvoller ist Claudian, der Dichter des christlich gewordenen Kaiserhofes um das Jahr 400; denn in ihm ersteht endlich wieder ein Kämpfer, der es wagt, mit offenem Visier zu beleidigen[420]. Offenbar war es der kaiserliche Hof selbst, der ihn dabei deckte. Neues, was uns fesseln könnte, bringen diese Spätlinge nicht. Nur freilich den Flieger. Der Flieger taucht bei Luxorius auf. Man staune indes nicht allzu sehr; denn in Wirklichkeit war es nur ein Equilibrist. Luxorius lebte im Anfang des 6. Jahrhunderts im afrikanischen Vandalenreich, wo immer noch die altrömische Kultur blühte und es immer noch römische Amphitheater gab. In solchem Raum geschah das Wunder: einen Riesenweitsprung, der dem Flug gleichkam[421], vollführte da ein junger Zirkuskünstler durch die ganze Länge der Arena, wenn wir es glauben wollen, 40 Meter weit. „Es ist kein Mensch,“ sagt der Dichter; „nur Vögeln ist das möglich, und ich wundere mich nicht mehr, daß ein Dädalus einst auf Flügeln über das Meer flog. Guten griechischen Wein hab’ ich dem jungen Menschen kredenzt. Er ist so leicht wie eine Schwalbe, aber der Wein soll ihn schwer machen.“
Wir wollten lernen. Haben wir hiermit endlich genug gelernt? und sind wir in der Lage, ein Endurteil zu fällen? Keineswegs! sondern das Wertvollste bleibt noch übrig. Wer urteilen will, hat nicht nur auf das Vielerlei, das in den Dichtern steht, er hat auch auf das, was diese Dichter verschweigen, achtzugeben. Denn lehrreicher ist oft, was das Altertum nicht sagt, als was es sagt. Und die Beobachtung, die sich da ergibt, ist rasch erledigt; ich meine nur dies, daß bei allen diesen Dichtern nahezu jeder Ausdruck des Rassenhasses fehlt, ferner jeder religiöse Gegensatz, jeder konfessionelle Hader völlig unberührt bleibt und sich nirgends ein Wort gegen die Priester findet, ja, daß endlich auch der Soldatenstand von keinem je verunglimpft wird. Nichts merkwürdiger, nichts charakteristischer, nichts bewunderungswürdiger als das!
Plautus hatte einst den Miles gloriosus geschrieben. Da wurde der dumme griechische Offizier, der sich für den schönsten aller Männer hält und mit den unglaublichsten Großtaten renommiert, unendlichem Gelächter preisgegeben. Das spätere Rom weiß davon nichts mehr. Das römische Militär war unantastbar. Auch die römischen Feldwebel und Rekruten, auch der Legionär und der Tribunus militum werden gewiß ihre Schwächen gehabt haben, und nichts war frecher im Auftreten als die kaiserliche Garde in der Hauptstadt selbst. Aber unsäglicher Respekt umgab sie. Kein Wort des Spottes hören wir je. Nur einmal bringt Martial das zahme Distichon:
II, 80:
Hört! auf der Flucht vor dem Feind hat Fannius selbst sich getötet.
Ist es denn Wahnsinn nicht, sterben, damit man nicht stirbt?
Toleranz im Religiösen; kein Rassenhaß.
Die gleiche Schonung gilt prinzipiell auch den Trägern der Gottesdienste. Nur Afranius hat in alter Zeit einmal ein Stück „Der Augur“ auf die Bühne gebracht, wo solch ein Priester, dem die Vogelschau oblag, ein Augur, die gefürchtete Hauptperson war: der einflußreiche Mann schreit und rast so, daß der Himmel darüber einzustürzen droht; aber sein Gesichtsausdruck ist falsch und widerwärtig wie eine angemalte Wand[422]. Das war Afranius, und das ist alles. Späterhin ist es nur einmal noch der Christ Luxorius, der über einen trunksüchtigen Priester seiner Kirche herfällt[423].
Die Sacerdotes waren eben schon durch ihr Amt geschützt. Überdies aber waren es in der vorchristlichen Zeit den besten Kreisen, ja, dem Hochadel angehörende Männer und Frauen, die, zumeist verheiratet, von der sonstigen vornehmen Welt sich im täglichen Leben durch nichts abhoben, da sie in ihren Privathäusern lebten und nur während der heiligen Handlung des Opfers und Gebetes das Priestergewand anlegten. So hielt es ja auch der Kaiser selbst, der als Oberpriester, Pontifex maximus, persönlich die Staatsopfer vollführte. Eine anspruchsvolle Isolierung und Weihe des geistlichen Standes, die den Spott oder Widerwillen des Unfrommen hätte herausfordern können, gab es noch nicht.
Nur die asiatischen Cybelepriester hat Martial in der Tat mit seinem Hohn verfolgt[424], deshalb, weil sie mit ihrer schändlichen Menschenjagd, die sie in den Städten Italiens betrieben, auch amtlich verfehmt waren, und so trifft denn einmal auch die Göttin Cybele selbst, die die Entmannung ihrer Anbeter forderte, ein entrüstetes Wort[425].
Das steht für sich. Sonst aber wird von den fast unzähligen Religionen, die damals in den Mittelmeerländern durcheinander wogten, kaum eine einzige von diesen Dichtern angetastet oder der Kritik ausgesetzt. Isis, Serapis, Mithras, Anubis, Jehova, das Christentum — um von den überkommenen römischen Nationalgöttern ganz zu schweigen —, alle diese Gottheiten und Bekenntnisse fanden damals ihre Verehrer. Wer aber mag sie in ihrem Glauben stören? Religion ist Privatsache; der Witz biegt vor diesen Dingen aus. Vor allem ist von diesen Dichtern, soweit ihre Werke uns vorliegen und eine Kontrolle möglich ist, nie Christus verhöhnt worden. Das scheint mir ewig denkwürdig.
Und was von den Religionen gilt, gilt endlich annähernd auch von den Rassenunterschieden. Massenhaft dienten z. B. die Syrer in Rom als elegante Sklaven und Sänftenträger, so unbeliebt sie auch wegen ihres durchtriebenen Charakters waren; aber nur einmal trifft sie bei Martial eine angreifende Wendung[426]. Auch gegen die sonst so gerne verfolgten Juden ist er nur an einer Stelle ausfällig[427]. Wo er auf der Gasse jüdische Bettler sieht, findet er durchaus kein bösartiges Wort[428], wohl aber muß er sich seinerseits gegen einen jüdischen Widersacher, der ihn angegriffen hat, verteidigen[429]. Ärgerlich war es, daß die römischen Mädchen, wenn Germanen, Juden oder Perser nach Rom kamen, sich gleich in diese Fremden verliebten und die römischen jungen Herren alsdann als Luft behandelten. Den Ärger darüber kann uns der Dichter nicht verschweigen[430].
So begegnen wir nun einmal wirklich auch einem Germanen in Roms Gassen, und das muß unsere besondere Neugier erwecken. Ein Unfreier ist’s, vielleicht ein von der städtischen Verwaltung zur Straßenreinigung angestellter Sklave. Aber der Mensch benimmt sich sehr rücksichtslos, als wäre er der Herr Roms. Aus einem Wasserbehälter der Fernleitung, der mit köstlichem Gebirgswasser gespeist wird, will ein Knabe, ein römischer Bürgerssohn, trinken; der Germane kommt und stößt ihn herrisch fort, weil er zuerst trinken will. So geschehen zu Rom im Jahre 96 n. Chr. Daß Martial den Menschen grob anfährt, das können wir ihm wohl nicht verargen[431]. Erheiternder aber ist es noch zu lesen, wie einmal ein Gallier, auch dies ein Kraftmensch, von ihm eingeführt wird; da erhalten wir wieder einmal ein Straßenbild, und zwar bei Nacht:
VIII, 75:
Zur Miete wohnt in Rom ein Mensch von keltischer Race.
Es ist spät Nachts. Von der Flaminischen Straße
Will er nach Haus. Da stolpert er im Lauf.
Das Schienbein ist verrenkt; er stürzt und kommt nicht auf.
Was soll der Riese tun, um hochzukommen?
Des Galliers Diener sieht’s und steht beklommen.
Er ist so schwach, so klein. Er hülfe gerne.
Doch seine Kraft reicht kaum, zu halten die Laterne.
Da war’s, als ob man Hilfe brächte:
Eine Leiche schleppten zwei Schinderknechte,
Wie man die Verbrecher ohne Weh und Ach
In die Gruben hinausschafft tausendfach.
Der Diener fleht: „Faßt an, ihr Leut’! herbei.
Was aus der Leiche wird, ist einerlei.“
Da tauschen richtig sie die Last schon aus. Nach oben
Wird schon der Riese hochgehoben,
Liegt da schon schwer in seinem Fett
Auf der gemeinen Bahre, auf dem Schinderbrett.
Vom Totengräber sah er sich zuletzt
Auf seiner eignen Wohnung lebend beigesetzt[432].
Anders die Satire. Religiöse Aufklärung.
So weit die Spottdichtung und das Sinngedicht, so weit die fliegenden Blätter Roms. Welche Zurückhaltung sich diese leichtlebige Kunst im Altertum auferlegte, haben wir gesehen. Ganz anders die große römische Satire, zu der wir uns jetzt noch wenden. Indem wir auch sie noch zu Wort kommen lassen, hört alsogleich das Behagen auf; die Lehre beginnt, und sie reißt uns aus all der Heiterkeit, die uns bisher umgab, in den Ernst hinüber, der bis zum Ingrimm geht, und in die Sorgen um die schweren Grundfragen des Lebens. Denken wir nur an die religiöse Frage. Die Satire ist es, mit deren Hilfe wir einem der größten menschheitlichen Ereignisse, dem Übergang aus dem Polytheismus in das Christentum, der großen religiösen Umwälzung der Antike, die eben zu jenen Zeiten langsam vor sich ging, nähertreten können. Es sind die etwa fünf Jahrhunderte von 200 v. Chr. bis 300 n. Chr. In diese Entwicklung hat auch die große römische Satire mit eingegriffen; denn ihre Aufgabe war eben die Erziehung des Volkes. Aber das Aufstellen von tugendhaften Lehrsätzen genügte ihr nicht; sie rief auch dabei wieder den Spott zu Hilfe. Alle falschen Werte riß sie mit Hohn herunter; alles, was hohl und vermorscht, schlug sie in Trümmer.
Ich sehe hier von der wichtigen Aufklärungsarbeit der griechischen Philosophen ab und halte nur auf Rom, das Zentrum der Welt, das Auge gerichtet. Da hatte dereinst schon der Dichter Ennius im 2. Jahrhundert v. Chr. kaltsinnig an dem alten Götterglauben gerührt und für die Entstehung der Vorstellungen von Jupiter und den anderen Nationalgöttern trivial-euhemeristische Erklärungen vorgetragen, die sich wie ein amüsanter Roman für die Halbbildung lesen. Das übermütig freche Volkstheater, der sog. Mimus, wirkte überdies schon lange ganz im gleichen Sinne. In den Schwänken, die es da gab, wurde Jupiter, der höchste Gott, wie ein alter Onkel hübsch begraben, die Göttin Diana machte ihr Testament, und ähnliche Scherze mehr, wobei immer das Sündhafteste dem Publikum gerade das liebste war. Dann kam Varro, der Philologe, mit schwerstem Geschütz, der in einem dicken Sammelwerk den ganzen bunten Götterglauben des Altertums mit seinen tausend Namen redlich buchte, aber diesen Glauben dabei als nichtig nachwies und nur die Naturkräfte im All noch als göttliche und heilige Mächte gelten ließ. Derselbe Varro schrieb aber auch Satiren, z. B. einen „gefälschten Apoll“, in denen er von den Göttern handelte und die Volksvorstellungen nur deshalb bestehen ließ, um possierlich mit ihnen zu spielen[433]. Gleichzeitig mit Varro wirkte dann auch Cicero, und er machte diese freien Ansichten populär; Ciceros berühmte Schrift „Über die Natur der Götter“ ist das erste große Aufklärungswerk gewesen, das durchschlug. Der Staatskultus mit seinem reichen Tempeldienst bestand freilich ungeschmälert weiter, aber jeder Gebildete dachte dabei hinfort, was er wollte. In Wirklichkeit haben sich damals alle, die nachdachten, auf die stoische Religion zurückgezogen, die von den Philosophen ausging und deren Lehre sich mehr und mehr und immer deutlicher zum geistigen Monotheismus hindurchrang. Die Frage war nur, was aus den herkömmlichen Göttern schließlich werden sollte.
Persius. Seneca. Juvenal.
Wundervoll geläutert sind schon die Vorstellungen, die Persius zu Kaiser Neros Zeit in seinen Satiren vortrug. Es handelt sich um das Gebet; albern und gottlos, sagt Persius, sind die Menschen, die sich Bargeld und sonstige angenehme Dinge wünschen und mit solchen Bitten die hohen Götter behelligen. Gott ist gütig, und er weiß selbst am besten, was uns not tut. Und neben Persius stand nun auch schon Seneca, der endlich die Axt an die Wurzel legte, indem er sich gegen den herrschenden Gottesdienst selbst, gegen den Ritus mit seinen Opfern und Zeremonien wandte. Gott ist ein Geist; er bedarf dieser menschlichen Armseligkeiten nicht. „Über den Aberglauben“, de superstitione, betitelte Seneca sein umstürzendes Buch, von dem wir gewisse Abschnitte unbedingt zur Satirenliteratur rechnen; denn die beißendste Satire war darin seine Waffe. So wie die Satire immer das Extreme aufsucht, so hat hier Seneca gerade die lächerlichsten Auswüchse der sog. Frömmigkeit, die ihm als Aberglaube gilt, geschildert, und wir lesen seine Schilderung mit Staunen. Es handelt sich an der einen Stelle, die uns vorliegt, um das vornehmste Gotteshaus der altrömischen Trinität Jupiter, Juno und Minerva: „Ich kam auf das Kapitol. Man muß sich schämen über die Tollheit, die sich da öffentlich zeigt, und wozu sich eine sinnlose Schwärmerei verpflichtet hält. Einer legt da dem Gott das Hauptbuch (über die Verwaltung des Tempelvermögens) vor, ein anderer meldet dem Jupiter, wieviel Uhr es ist; einer steht als Lictor oder Platzmacher herum; wieder einer ist des Gottes Einsalber und tut mit einer zwecklosen Armbewegung so, als salbte er ihn wirklich ein. Auch an Personen, die der Juno und Minerva das Haar machen, fehlt es nicht; aber sie stehen von den Götterbildern, ja sogar vom Tempel selbst weit ab und bewegen nur so die Finger, als frisierten sie sie. Andere halten den Spiegel dazu. Dann kommen welche, die (in eigener Prozeßsache) die drei Götter zu einer Bürgschaftsleistung einladen, ihnen ihre Anklageschrift bringen und ihren Fall vortragen. Auch einen Schauspieldirektor von guter Schule, aber schon alt und verlebt, sah ich da, der täglich auf dem Kapitol sein Rollenfach mimte, als könnten die Götter an ihm, den kein Mensch sich mehr ansehen mochte, noch Vergnügen haben. Und so sind da alle Sorten von Künstlern oder Kunststückmachern vertreten, die ihre Zeit damit vergeuden, die unsterblichen Götter zu ehren. Alle diese Leute tun nun gewiß, was überflüssig ist, allein sie entehren sich doch nicht selber; aber auch Weiber, die meinen, sie könnten mit Jupiter in Liebesverkehr treten, hocken auf dem Kapitol, und nicht einmal der Anblick Junos schreckt sie ab, die ja doch, wenn die Dichter recht haben, sehr leicht in Zorn gerät.“
Jetzt wissen wir, wie es da zuging. Diese Schilderung Senecas gibt uns endlich das, was Martial verschweigt: eine köstliche Ergänzung zur Kenntnis des römischen Stadtvolks, besonders in seinen unteren Schichten. Leider ist uns aus Senecas Schrift sonst fast nichts erhalten; der Kirchenvater Augustin hat nur eben dies daraus ausgezogen, weil es seiner christlichen Tendenz besonders zu Hilfe kam. Wir würden gerne auch das Weitere und Gewichtigere lesen.
Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter.
Auf Seneca aber endlich folgt Juvenal, der letzte und wuchtigste der Satiriker. In machtvoller Breite rollen seine Predigten daher. Die Gesellschaft sittlich zu heben, die Herzen zu reinigen, das war auch Juvenals Zweck; was aber Seneca schon geschrieben hatte, brauchte er nicht zu wiederholen. So wandte er denn seinen Zorn gegen ein anderes drohendes Gespenst, den religiösen Fanatismus, der im Orient seit langem sich regte. Nach Ägypten kehrte er seine Augen; da war unlängst Ungeheuerliches geschehen, und er beschloß dies erschreckende Beispiel in grausiger Schilderung aller Zukunft zur Warnung hinzustellen. Es ist Juvenals 15. Gedicht.
Zwei ägyptische Nachbarstädte, Omboi und Tentyra, waren es. Beide haben andere Götter, und sie hassen sich deshalb bis zur Raserei. Bei den Ombiten ist gerade Festtag, und sie begehen ihn mit rauschendem und berauschendem Gottesdienst. Da werden sie von den Leuten aus Tentyra überfallen, eine Rauferei beginnt; sie zerschlagen sich erst nur die Gesichter. Dann wird schon mit Steinen geworfen; dann greift man zum Messer, bis die Angreifer fliehen; einer der Fliehenden aber wird ergriffen und von der siegreichen Menge zerrissen und in unerhörtem Kannibalismus verspeist. Alle sättigen sich an der Mahlzeit. Der letzte, der nichts abbekam, leckt gierig noch das Blut von den Fingern des Opfers. Gott, der Weltenschöpfer, sagt Juvenal, erhob den Menschen über das Tier, indem er uns die Menschenliebe und den Trieb gab, daß einer dem anderen helfe. Wo aber ist die Bestie, die ihresgleichen frißt? Die religiöse Wut, der Haß gegen die Götter des Nachbarn bringt das fertig.
Ob hier Juvenal übertrieben hat? Jedenfalls ist klar, welchen Standpunkt er im Hader der Religionen einnahm, und um so wohltuender berührt es uns, daß er in all seinen Dichtungen kein hämisches, wegwerfendes Wort gegen das Christentum findet. Um das Jahr 130 konnten dem Juvenal die stark angewachsenen Christengemeinden nicht unbemerkt bleiben; denn das Evangelium scholl schon vernehmlich über die Gasse in den Griechenquartieren Roms. Juvenal, dieser energische Ethiker und Volkserzieher, lebte ganz in der stoischen Sittenlehre, die der christlichen tatsächlich so nahe stand. Vielleicht dürfen wir annehmen, daß er eben darum zu satirischen Angriffen gegen die neue Völkerlehre keinen Trieb und keinen Anlaß fand.
Anders das Christentum selbst. Kaum war Juvenal verstummt, so erhob das Christentum selbst seine Stimme zur Polemik, und die große Satire der christlichen Kirchenväter im Kampf mit den heidnischen Göttern hob an. Denn auch dies war Satire. Den Ton bittersten Spottes und grenzenloser Entrüstung entlehnten die Kirchenautoren dabei von Juvenal, aber von vornherein sind sie viel siegesgewisser als er. Denn ihre Aufgabe war leicht; sie konnten ja ihre Argumente von den aufgeklärten Heiden selbst entnehmen, und sie nahmen sie wirklich getreu aus Varro, Cicero und Seneca. Aber auch im römischen Volkstheater waren die Götter ja, wie wir sahen, längst entheiligt und zu lustigen Figuren gemacht. Auch dies bot den Christen die willkommenste Hilfe. „Erröten müßt ihr über eure Götter,“ so hebt einmal Tertullian an[434]. „Ich weiß nicht, soll ich lachen über eure Torheit oder auf eure Blindheit schelten.“ Da haben wir also das Lachen; es ist das Lachen des Satirikers. Und dann geht es weiter: Der alte Gott Saturn soll Sohn des Himmels sein; Himmel heißt caelum auf Latein; caelum aber ist ein Neutrum. Wie kann ein Neutrum Kinder erzeugen? Saturn soll ferner schon eine Sichel besessen haben; eine Sichel setzt das Schmieden voraus, aber der Schmiedegott Vulkan, der das Schmieden erfand, war doch erst Saturns Enkel! Wie konnte also Saturn schon eine Sichel haben? Weiter hat man den Herkules zum Gott gemacht, weil er so viele wilde Tiere erschlug; warum aber nicht lieber den Pompejus, der all die Piraten beseitigte? Denn die unzähligen Piraten waren viel schlimmer als die paar wilden Tiere. Besonders lachhaft sind die unzähligen kleinen Stadtgötter im Land; denn jedes kleine Nest hat einen anderen; „ich lache über diese göttlichen Magistrate, deren Ansehen nicht weiter als bis zu ihrer Stadtmauer reicht. Und was soll man weiter zu Romulus sagen, der Rom gründete und dabei seinen Bruder totschlug? Wenn alle Stadtgründer gleich Götter werden sollen, dann kann es freilich viele geben!“[435]
Und so rollt die Polemik weiter. Nicht anders wie Tertullian redeten hernach auch noch die Späteren, Arnobius, Lactanz, Augustin; und wer sollte ihnen da widersprechen? Gepriesen sei die Zeit, wo das Christentum nur mit solchen Waffen, mit den Waffen der klugen Rede, focht und siegte! Es sollte die Zeit kommen, wo es zu anderen griff. Juvenal hatte umsonst gewarnt. Die Zeit kam, wo der Fanatismus aufs neue zum Schwert griff und das Blut floß. Es war der Fanatismus des Christentums und seiner erstarkten Kirche.
Wozu daran erinnern? Die Religionskriege liegen ja gottlob weit hinter uns. Der schöne Gedanke des Altertums, daß der Polytheismus nur eine Vielnamigkeit Gottes, daß die vielen Götter der Erdenvölker also nur viele Versuche sind, den Einen zu nennen, und die religiöse Duldung, die in diesem freundlichen Gedanken wurzelt, hat allmählich auch unsere Gegenwart erobert, und wir hoffen, daß sie einmal voll und ganz siegen wird. Schlimmer steht es heut mit dem Rassenhaß, dem Völkerhaß, der Entzweiung der Völker Europas. In dem Weltkrieg, der in den letzten Schreckensjahren unseren Weltteil zerfleischte, schlugen nicht nur die Waffen, die Vulkan geschmiedet, aufeinander; auch das Wort kämpfte wieder, aber völlig entartet, und die gemeinste Schmähsucht war losgelassen. Mit den niedrigsten, verlogensten Beschimpfungen fielen die Völker, die unsere Vernichtung beschlossen hatten, über uns Deutsche her, weil unser Volk den unerhörten Mut hatte, sich innerhalb seiner Grenzen selbständig und kraftvoll auszuleben. Aller Witz der Rede, aller Feinsinn, alle Grazie erstickte dabei in geschmacklosester Karikatur und häßlich kreischender Verleumdung. Das verrät einen sittlich kulturellen Tiefstand der Gegenwart, der Europa weit, weit hinter das Zeitalter des Horaz und Juvenal zurückwirft und uns mit völlig hoffnungsloser Trauer erfüllt. Denn die Völker, von denen ich sprach, lebten ja schon damals; sie alle sind die gemeinsamen Erben der Zivilisation von Rom und Hellas. Damals zwang die Römerherrschaft die hochbegabten Nationen, die sie umfaßte, zur Eintracht, zum Fleiß und dauernd glücklichem Dasein. Wird jetzt der geplante „Völkerbund“ wirklich alle Nationen friedlich umfassen? oder müssen wir wünschen, daß wieder wie einst ein Zwingherr ersteht, der die Welt in seine starke Hand und sichere Verwaltung nimmt? Beklagenswert die Welt, die zu ihrem Glück, zur Wahrung ihrer Würde, gezwungen sein will. Denn Glück ist nur in der Freiheit, und der wahre Beruf der Völker ist, in freier Einigung die reine Menschheit in sich darzustellen.