Touren ab Freiberg.

9. Freiberg-Halsbrücke (5 km). Krummhennersdorfer Mühle (4 km). Oberreinsberg (4 km). Zollhaus (1½ km). Bergwerk Kurprinz (über Burkersdorf 4 km). Ueber Altväterwasserleitung nach Freiberg (8 km).

Wir wandern, Herders Ruhe und später Tuttendorf zur Rechten, hinab ins Muldenthal nach Halsbrücke. Grossartige fiscalische Hüttenwerke, Silberschmelzen, ganzähnlich eingerichtet, wie die Muldenhütten. Führung 1 Mk. Bei Halsbrücke befinden sich auch grosse Bingen. Die Einbrüche geschahen 1662 und 1691. Das Muldenthal wieder verlassend, wandern wir über die Höhe, dann durch Krummhennersdorf, wo einst Markgraf Albrecht der Stolze an Gift starb, hinab nach der stattlichen Mühle an der Bobritzsch. Dieser Fluss ist der stärkste Nebenfluss der Mulde und hat prächtige Thalpartien. Bei der Mühle beginnt die Grabentour, so nennt sich der schöne Prommenadenweg im romantischen Thalzug, der allen Krümmungen des Berggrabens folgt. Hier stossen wir auch auf Lichtlöcher des Rothschönberger Stollens, einer der grössten Bergstollen. Sein Bau begann 1840, seine Vollendung fällt ins Jahr 1879. Die Länge beträgt 15 km, erreicht also die des St. Gotthardtunnels.

Am 6. Lichtloch vorüber, verlässt der Pfad bald das Thalgehäng und führt nach Oberreinsberg hinauf, dessen Schloss mit Kirche schon lange sichtbar ist. Nun hinab an das Zollhaus, ein romantisch gelegenes Gartenrestaurant unfern des Einflusses der Bobritzsch in die Mulde (von hier nach Nossen im schönen Thalzug Über die Steier- und die Beiermühle 6 km. Nossen s. unten.). Der Rückweg führt uns zunächst nach Bieberstein, schöner Schlosspark mit Ruine der alten Burg Bieberstein. Ueber Burkersdorf und Teichhäuser gelangen wir wieder hinab ins Muldengebiet und zum Kurprinzen, einem der beliebtesten Ausflugsorte der Freiberger. Im Huthaus Schenke. Schöne Gartenanlagen vom Oberberghauptmann Frhrn. von Herder herrührend. Die Altväterwasserleitung, die einst einen Bergwerkscanal über das Muldenthal leitete, liegt etwas abseit des Weges nach Freiberg. Die ganze Anlage erinnert an römische Aquaducte und in einiger Entfernung giebt sie ein imposantes, bei uns seltenes Ruinenbild.

10. Freiberg-Nossen-Altzella. Bahnausflug (25 km).

Die Bahn durchschneidet den Freiberger Spitalwald und gelangt später in den grossen Zellaer Waldcomplex.

Nossen (slav. Nozzin). Stadt Dresden. Blauer Stern. Deutsches Haus. 258 m. 3700 Einw. Anmuthig auf einer Höhe über der Mulde gelegenes sauberes Städtchen. Das besonders vom Thal aus imposante Schloss ist gegenwärtig Sitz der Gerichtsbehörden. Den ältesten Theil, die sogenannte Dechantei, hat das Zwickauer Arbeitshaus in Beschlag genommen als Zellengefängniss. Beim Neubau der Nossener Stadtkirche 1563 erhielten die Bürger die landesherrliche Erlaubniss, von den Ruinen des nahen Klosters Zella Mauertheile abtragen und verwenden zu dürfen, daher die romanischen Seitenportale in dem sonst nüchternen Bau. Im südl. Portal ist die sogenannte Rose von grösserem kunsthistorischen Werth. Die darüber hängende Riesenrippe soll einer lustigen Sage nach einem Fräulein von Neudeck zugehören.

Altzella (2 km von Nossen). Ausgedehnte, freilich schwer beraubte Ruinenstätte des 1545 säcularisirten Cistercienserklosters Altenzella. Ehedem markgräfl. Begräbnissstätte und mächtigstes Kloster des Meissn. Markgrafenthums. Begraben liegen hier nach den Inschriften: Otto der Reiche, Albrecht der Stolze, Dietrich der Bedrängte, Heinrich der Erlauchte, Friedrich der Ernsthafte und Friedrich der Strenge und die Gemahlinnen dieser Fürsten. Die Fürstengruft, 1787 restaurirt, erfreut sich einer gewaltigen Akustik, die der Führer durch Gesänge weckt. Auf einigen Grabsteinen finden sich die Bildnisse mehrerer Fürsten in ziemlich kunstloser Weise dargestellt. Im Park liegen verstreut viele Ueberreste des alten Klosters und seiner Begräbnisskapellen, die von alten meissnischen Adelsgeschlechtern benutzt wurden. In der Umfassungsmauer gegen Westen ein Thor in romanischem Styl. In den Wirthschaftsgebäuden des jetzigen Kammergutes finden sich gleichfalls noch viele Ueberreste des einst so mächtigen Klosters. Wie belebt die Stätte war, das möge eine Notiz aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts illustriren, wonach im Jahre durchschnittlich 6000 Fremde zu Fuss und 5000 zu Pferd im Kloster einsprachen.

11. Freiberg-Mulda (15 km). Bienenmühle (12 km). Georgensdorf (5½ km). Fley (7 km). Langewiese (5½ km). Ossegg (über Riesenburg 5 km). Teplitz (10 km).

Bis Bienenmühle ist Eisenbahnfahrt zu empfehlen, doch ist der Weg im Muldenthal aufwärts oder über Lichtenberg keineswegs ohne Anmuth. (Das gilt auch von der directen Strasse nach Frauenstein. Bequemer erreicht man freilich die inter. Stadt mit ihrer Ruine von Station Mulda aus. 10 km. Man geht am 615 m hohen Burgberg vorüber und berührt kurz vor Frauenstein den Weissen Stein und das Buttertöpfchen, intr. Quarzfelsen. Frauenstein s. [S. 43].)

Hinter Mulda wird das Muldenthal einsamer und romantischer. Bei Bienenmühle findet die Eisenbahn ihre vorläufige Endstation. Gasthaus zu Bienenmühle gut und billig. Anmuthige Thallage des im Entstehen begriffenen Ortes. Ein schöner Fussweg geht von hier nach Neuclaussnitz und an der sogenannten Säueck vorüber nach Georgenthal und Georgensdorf. Die Strasse, Klötzerweg genannt, führt gleichfalls durch herrliche Waldungen. Auf der Höhe beim Wegweiser nach Cämmerswalde einige Hundert Schritt links gehen, wo sich ein Wegweiser nach Georgenthal findet. Georgenthal-Georgensdorf und weiter siehe Routennetz.

12. Freiberg-Bienenmühle (15 km). Cämmerswalde (5 km). Purschenstein (5 km). Bad Einsiedel (5 km). Böhmisch Einsiedel (2 km). Dorf Kreuzweg (5½ km). Oberleitersdorf (6 km). Ossegg (8 km). Teplitz (10 km).

Von Freiberg bis Bienenmühle s. Tour 11. Von hier gleichfalls den Fussweg über Neuclaussnitz und die Säueck oder die Strasse (Klötzerweg) nach Cämmerswalde und an der Flöha hinab nach Purschenstein.

Purschenstein. Auf einem Felsen an der Flöha gelegenes Schloss, der Familie von Schönberg gehörig, war ehemals ein böhmisches Krongut. Ahnensaal mit Bildnissen Schönberg'scher Familienmitgliedern. Kostbare Uhr, mehrfach prämiirt. Im Winterhaus tropische Nadelhölzer. Im Park ein goth. Thorhaus und eine hölzerne Einsiedelei, unter welcher sich die Familiengruft eingemauert befindet. Purschenstein mit seinen finsteren Thürmen ist eines der imposantesten Schlösser des Erzgebirges. Das nahe Neuhausen mit schöner, neuerbauter gothischer Kirche gehört zu den sieben Spielwaarendörfern des Seiffener Bezirks (siehe unter Seiffen). Erbgericht, gutes Landgasthaus.

In Windungen führt die Strasse aufwärts nach Bad Einsiedel. (Das Bad steht etwas links der Strasse, die auf der Höhe schöne Ausblicke auf den Olbernhauer Grund und die benachbarten Wälder gewährt.) Bei einem Strassenknie geht ein angenehmer Fussweg durch den Wald an das Bad.

Bad Einsiedel. Zur Herrschaft Purschenstein gehörig, vom Forstwirth Ueberschaar bewirthet. 751 m hoch gelegen. Schwefelhaltiger Eisenquell. Gegen 200 Badegäste. Beliebte Sommerfrische. Viel Passanten. Ausflüge nach dem Schwartenberg (s. unter Seiffen) und dem 833 m hohen Ahornberg (nach Böhmen beschränkt). Herrlich ist die Aussicht bei Göhren (4 km von Bad Einsiedel entfernt) auf Böhmen hinab. Touristen gehen dann von Göhren direct den Rauschengrund hinab nach Oberleitersdorf.

In Dorf Einsiedel auf böhm. Seite das grosse Dietel'sche Gasthaus. Die Strasse windet sich auf den Kamm hinauf und fällt dann rasch ab nach Dorf Kreuzweg. Gasth. zur Waldburg. Herrliche Fernsicht auf das eisenbahndurchzogene Eger- und Bielathal und auf das böhm. Mittelgebirge. Die schönste Aussicht bietet die Waldblösse unfern der Waldburg. Ein directer Weg führt durch den Hammergrund nach Hammer. Johnsdorf ist Bahnstat. der Kommotau-Dux-Bodenbacher Bahn. In Hammer herrlich gelegenes Rest. zur »Deutschen Bruderhalle« mit ebenso schattigem als aussichtsreichem Garten. Hammer eignet sich zur Sommerfrische.

Oberleitersdorf. Drei Linden. 5300 Einw. Industrielles Städtchen, das Centrum der böhm. Spielwaarenindustrie. Vom Schiesshaus schöne Ausblicke auf Thalbecken und Mittelgebirge.

Von hier mit Dampf oder die aussichtsreiche Strasse über Ladung nach Ossegg und Teplitz. S. [S. 40] und [21].

13. Freiberg-Sayda (mit Bahn bis Nassau 21, von hier über Claussnitz 10½ km, oder die Strasse über Brand und Grosshartsmannsdorf 28 km). Purschenstein (5 km). Bad Einsiedel und weiter nach Oberleitensdorf, Ossegg, Teplitz. S. Routennetz.

Nach der ersten Variante geht man von Stat. Nassau nach Claussnitz und über Friedebach nach Sayda. Wer auf Sayda verzichtet, geht von Claussnitz direct über den 730 m hohen Meiseberg nach Purschenstein (12 km). Im anderen Falle wandert man von Freiberg durch das dichteste Schachtrevier nach Brand (6 km). Am Wege viel bergmännisches Leben und links und rechts ertönen Bergglöckchen.

Brand. Zum Kronprinz. Goldner Stern. Rest. Rathskeller. Bergstädtchen, 2818 Einw., die einzige Stadt Sachsens ohne Kirche (ist nach Erbisdorf eingepfarrt). Von hier nach Grosshartmannsdorf (8 km). Langes Dorf, an dessen Ende ein 60 hectaren grosser Bergteich liegt. 1880 entnahm man demselben 380 Ctr. Fische. Weiter führt uns der Weg an dem 711 m hohen Saydenberg vorüber, ein Berg mit breitem, flachem Gipfel. Die Ersteigung ist mühelos und verschafft einen umfassenden Blick hinauf in das Centralerzgebirge und auf die Olbernhauer Gegend. Bald berühren wir Dörnthal. 3½ km von der Strasse abseits liegt der seeartige Dörnthaler Bergteich, von welchem aus der 28 km lange Dörnthaler Kunstgraben beginnt, der dem Freiberger Bergbau dient. Unfern des Teiches liegt die Mündung des ehemals berühmten Friedrich-Bennostollens, der für Kähne schiffbar und so hoch ist, dass ein Reiter passiren könnte. Früher wurde der noch heute imposante Bau öfter illuminirt, wenn fürstl. Personen anwesend waren.

Sayda. Löwe. Stern. Ross. Rest. zum Rathskeller. 1612 Einw. 677 m. ü. M. Das freundliche Städtchen ist nach dem Brande 1842 fast neuerbaut. Sayda war im frühesten Mittelalter eine wichtige Handelsetappe zwischen Böhmen und dem Norden Deutschlands. Eine Judenstadt ist verschwunden, auch von der alten Sorbenburg Saydowa ist kein Stein mehr zu sehen. In der Kirche Grabmäler vom Bildhauer Nosseni, der Familie von Schönberg zugehörig. Von der Thurmgallerie grosse Umschau über die Olbernhauer Gegend und über das Centralerzgebirge bis zur Augustusburg.

Nach Purschenstein hinab geht man den angenehmeren Fussweg am Wald, die Strasse zur Linken lassend. Purschenstein und weiter siehe Routennetz.

14. Freiberg-Oederan (17 km). Flöha (10 km). Chemnitz (12½ km).

Die Bahn überwindet mit geringen Curven die kleinen Terrainfalten der Freiberger Hochebene, bis sie vor Oederan in eine bewegtere Gegend gelangt, deren Mittelpunkt die stattliche Augustusburg bildet.

Oederan. Hirsch. Deutsches Haus. Bellevue. Garküche. Rest.: Rathskeller. Kögel. Günther. 5850 Einw. 383 m ü. M. Flanell- und Tuchfabriken. Anmuthige Lage. Nur 3 km entfernt über das hochgelegene Rittergut Börnichen liegt die 482 m hohe Schönerstädter Höhe, welche ihrer prächtigen Aussicht wegen neuerdings viel besucht wird.

Die Bahn windet sich hinab an die Gehänge des Flöhathals, überschreitet bei Hetzdorf auf dem imposanten Hetzdorfer Viaduct die Flöha und zugleich die Flöhathalbahn. Die Brücke zeigt sich am Besten kurz nach Passierung derselben am rechten Waggonfenster.

Flöha, ein weitgebautes Dorf im prächtigen Thalkessel am Zusammenfluss der Flöha und Zschopau. Sitz einer Amtshauptmannschaft. Die Kirche wurde vom Prof. Arnold restaurirt. Goth. Kreuzgewölbe. Herrlicher Altarschrein und schöne Kanzelverzierung. Flöha mit dem nahen Plaue ist ein bedeutender Bahnknotenpunkt für die Annaberger, Flöhathal und Chemnitz-Freiberger Linie.

Bei der Weiterfahrt zeigt sich links Augustusburg und rechts Schloss Lichtenwalde. In Wiesa zweigt die Linie Frankenberg-Hainichen ab.

Chemnitz. Droschken: 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 60 Pf. Pferdebahn nach dem Innern der Stadt wie auch nach der Zwickauer Vorstadt.

Gasthöfe: Römischer Kaiser, Marktplatz. Stadt Gotha, Johannisplatz. Stadt Berlin, Langestrasse. Hotel Reichold, am Bahnhof. Drei Schwäne, Langestr. Hotel de Saxe, Klosterstr. Hirsch, Langestr. Stadt Nürnberg, Neustädter Markt. Küttners Hotel, Wiesenstrasse. Anker, neue Dresdner Strasse. Stadt Wien, Klosterstrasse. Helm, Klosterstrasse. Centralherberge, Zschopauerstrasse.

Wirthschaften: Mosellasaa. (Grösseres Vergnügungslocal in orient. Styl.) Kaisersaal, Langestrasse. Alicke in Stadt Wien. Barthel, Langestrasse (auch Café und Conditorei). Ewald, Johannisgasse. Johannisgarten, Königstrasse. Starkbesuchte Sommerrestaurants: Letzter Seufzer, Stollberger Strasse. Tivoligarten, am Tivolitheater. Kesselgarten, auf dem Schloss, nebenan Schlossrestaurant. Baums Restaurant an der Zschopauerstrasse. Renom. Weinstube, Hartenstein, Bretgasse.

Cafés: Barthel, Langestrasse. Lincke, Königstrasse. Pick, Poststrasse. Jakob, Zwickauerstrasse. Kretschmar, Klosterstrasse.

Bäder: Hedwigbad an der Klostermühle. (Dampf- u. Wannenbäder. Irisch-röm. Bäder. Rest.) Peters Bad, Nicolaistr. (Wannenbäder.) Helenenbad, Zschopauerstrasse.

Chemnitz (von Camennicze, zu deutsch Steinbach) liegt im weiten Chemnitzthal, 294 m hoch. Die Einwohnerzahl ist seit Einbezirkung von Schlosschemnitz auf 96 000 gestiegen, zudem ist die Stadt die Centrale einer sehr stark bevölkerten Umgegend. Die Gewerbthätigkeit ist eine ganz ausserordentliche; hauptsächlich florirt der Fabrikbetrieb, doch ist die Hausindustrie gleichfalls bedeutend. Die reichliche Hälfte wird für den Export erzeugt, namentlich sind es Russland, Oestreich, die Türkei, die skandinavischen Länder und Nord- und Südamerika, welche die bedeutendsten Absatzmärkte für Chemnitz und die Chemnitzer Gegend darstellen. Das nordamerikanische Consulat in Chemnitz weist den stärksten Verkehr unter allen Consulaten der Union im Deutschen Reiche auf. Der Güterverkehr in den Ladehallen, weitaus der stärkste Sachsens, hat einen wahrhaft cosmopolitischen Charakter. Gegen 80 Güterzüge täglich schleppen das Rohmaterial aus allen Winkeln Europas und allen Erdtheilen herbei und führen die Waaren dahin zurück. Chemnitz nennt mehr schwimmende Güter sein Eigen, wie so manche mittelgrosse Seestadt. Unter den deutschen Industriestädten, welche der englischen Industrie auf dem Weltmarkt Parole geboten, steht zweifellos Chemnitz obenan.

Geschichtliches. Das Kloster Chemnitz wurde im 12. Jahrhundert durch König Lothar begründet und dieses auf dem nahen Schlossberg gelegene Benedictinerstift mag auch die Begründung der Stadt veranlasst haben. Das Marktrecht datirt vom Jahre 1143 und ward ertheilt durch Konrad III. Dauernd unter die Wettiner kam die Stadt 1410, womit die Reichsunmittelbarkeit ihr Ende fand. In den Hussitenkriegen ward sie zweimal, 1429 und 1430 vergeblich belagert. Chemnitz, unbetheiligt an dem ausgedehnten erzgeb. Bergbau, mag schon früh der Industrie zugedrängt worden sein, boten doch die Bergstädte selbst ein dankbares Absatzfeld. Im 30jähr. Krieg verfiel auch Chemnitz dem allgemeinen Ruin, vor welchem sie selbst ein wirthschaftlich höchst wichtiges Bleichprivileg, das sie vor ihren Nachbarstädten voraus hatte, nicht schützen konnte. Die Periode der Grossindustrie begann mit der Einführung der Baumwollspinnmaschiene; auf diese stützte sich die Weberei und Strumpfwirkerei, auch für die Zeugdruckerei bildete die Spinnerei den Lebensnerv. Die weitere Folge war ein vielseitiger Maschinenbau, der nothwendig entstehen musste. Die bürgerlichen Gewerbe hoben sich natürlich mit den Hauptbranchen und zu diesen gesellen sich eine zahllose Menge Nebenbranchen.

Im Anfang dieses Jahrhunderts zählte Chemnitz 9000 Einw., heute hausen nahezu 11 mal mehr Menschen auf derselben Scholle und finden ein reichlicheres Brod wie die 9000 von damals. Chemnitz ist übrigens der Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, eine Zahl, die nur von wenigen Grossstädten im Reich übertroffen wird.

Sehenswürdigkeiten.

Industrien. Voran ist hier die Sächs. Maschinenfabrik zu stellen, von dem genialen Richard Hartmann gegründet, einem Selfmen von grossem wirthschaftlichen Scharfblick und Talenten († 1879). Gegen 3000 Arbeiter. Locomotivenbau, Werkzeugmaschinenbau und Maschinenbau für fast alle Textilbranchen. Gewöhnliche Dampfmaschinen, Schiffs- und Bergdampfmaschinen.

Die Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik, gegründet von Joh. von Zimmermann (gleichfalls ein Selfmen). Hochrenomirt in der Werkzeugbranche. Holzbearbeitungsmaschinen sind eine Spezialität der Fabrik. Die Schönherr'sche Webstuhlfabrik gehört zu den grössten in ihrer Art. Der Schönherr'sche Webstuhl ist in der Weberei epochemachend gewesen. Grossartige Webfabriken sind: Robert Hösel, Lose, Marbach u. Weigel. Die Actienspinnerei, die grösste Spinnerei Sachsens, zählt 65 000 Spindeln. Die grössten Strumpf- und Handschuhfabriken sind die von Esche, Hecker und Gulden. Strassendampfwagen baut Michaelis. Viele der grösseren Chemnitzer Firmen haben ihre Etablissements in der Umgebung, so die Firmen Clauss und Hauschild. Die Permanente Industrieausstellung von Hermann Findeisen an der Zschopauerstr. gewährt einen umfassenden Ueberblick über die Chemnitzer und erzgeb. Industrie.

Sehenswerthe Bauten besitzt die schnell aufgeschossene Stadt noch nicht sehr viele. Die goth. Johanniskirche stammt aus kath. Zeit und zeigt edle Formen, namentlich im Innern. Diese Kirche wurde in den jüngsten Jahren durch Baumeister Altendorf renovirt. Das Rathhaus neben der Kirche ist ein spätgoth. Bau. Auf der Klosterstrasse im Klosterhof befindet sich in einem Hintergebäude das intr. Portal des alten Chemnitzer Nonnenklosters eingemauert. Die Adlerapotheke am Markt verdient als ein mittelalterlicher Bau gleichfalls Beachtung. Für die prächtige Zimmermannsche Villa am Bahnhof lieferte ein Osnabrücker Bürgerhaus das Modell. Am Schillerplatz liegt die neue Gewerbeschule und die Actienspinnerei, die als industrieller Monumentalbau gelten kann. Gleich imposant durch seine Lage wie durch seine Grösse ist auch das neue Justizgebäude auf dem Kassberg.

Die Schlosskirche über dem Schlossteich besitzt ein originelles Architecturstück von kunsthistorischem Werth; es ist das ein Portal, bei welchem gemeisselte Baumstämme mit Zweigverschlingungen eine phantastische Architectur darstellen. Das ganze erscheint gefällig und leicht und ermangelt keineswegs der statischen Wirkung. Im Innern der restaurirten Kirche, die einst Klosterkirche des Benedictinerstiftes war, die Kreuzigung Christi, eine stark realistische Figurengruppe in Lebensgrösse aus einem Eichstamm geschnitzt.

Die Kunsthütte an der Annaberger Strasse. Geöffnet Donnerstags und Sonntags von 10 bis 3 Uhr. (Donnerstags mit Ausschluss der Mittagsstunde.) Eintritt frei. Ausser der Zeit öffnet der Castellan. 50 Pf. Trinkgeld. Kunsthütte nennt sich ein Verein für Kunstpflege, der in genanntem Gebäude eine Ausstellung von eigenen und von verkäuflichen Gemälden unterhält. U. A. Harlekin von Gönne. (Bedeutendes Bild.)

Das Museum des Geschichtsvereins befindet sich gleichfalls im Gebäude der Kunsthütte. Geöffnet Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Von Kunstwerth ist eine Grablegung, ein grosses Schnitzwerk aus den Mittelalter, zu nennen. (Entstammt der Johanneskirche.) Ausserdem vieles von localgeschichtlichem Werth.

Das Naturalienkabinet ist ebenfalls im Gebäude der Kunsthütte untergebracht. Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Interessant durch viele Versteinerungen aus der geologisch merkwürdigen Chemnitzer Umgebung.

Die Stadtbibliothek im alten Rathhaus besitzt 15 000 Bände, die meist durch Geschenke zusammengebracht worden sind. (Montag und Freitag von 5 bis 7 Uhr geöffnet. Bibliothekar Dr. König.)

Die Gewerbe- und Bauschule mit Baugewerken und Werkmeisterschule verbunden, besitzt intr. Modellsammlungen.

Denkmäler. Das Beckerdenkmal an der Poststrasse zeigt den Grossindustriellen Becker in Ueberlebensgrösse. Derselbe war ein Pfarrerssohn aus der Pulsnitzer Gegend und schwang sich vom vermögenslosen Kaufmannsdiener zum Fabrikbesitzer empor; er war ein edler Menschenfreund und nahm sich besonders in theueren Zeiten durch Brod- und Getreidevertheilung des Volkes warm an. Das Kriegerdenkmal am Theaterplatz ist von Händel modellirt. Schlanke Säule mit Victoria. Am Schaft die Medaillonportraits von Kaiser Wilhelm, König Albert, Bismarck und Moltke. Unfern davon in den Promenaden steht in Form eines Denkmals ein versteinerter Baumstamm, ein besonders schönes Exemplar einer Araucaria, wie sie sich in der Umgegend sehr häufig finden. Wurde 1862 beim Bau der Stiftstrasse ausgegraben. (Im Hof der Kunsthütte liegt ein noch grösseres Exemplar.) Das Vater Augustdenkmal am Schillerplatz ist eine sehr bescheidene Büste auf einem essenkopfartigen Granitwürfel, die dem imposanten Platz wenig angemessen erscheint. An der Webschule befindet sich das Standbild des Erfinders der Jaquardmaschine, Jaquard.

Spaziergänge. In der Stadt selbst verdient vor Allem der sehr grosse Schillerplatz mit seinen prächtigen Anlagen einen Besuch. Instructiver ist freilich ein Gang auf den Katzberg, der die Stadt in ihrer ganzen Ausdehnung zeigt. Am Fuss des Berges an der Bierbrücke Rest. Am beliebtesten ist der Spaziergang nach dem Schlossteich, auf die Schlossteichinsel und auf das Schloss. Hier liegen die Schlosskirche (s. [S. 58].) und einige alte Bauten, die Ueberreste des alten Benedictinerklosters und zwei Restaurants mit höchst anmuthiger Aussicht auf den Schlossteich und auf die Stadt mit ihrer reichangebauten Umgebung. (Die Küche im Kesselgarten zeigt noch ein Stück von dem alten gothischen Kreuzgang des Klosters.) Ein ebenfalls beliebter Spaziergang in entgegengesetzter Richtung ist an der Chemnitz aufwärts durch Sachsens Ruhe. Der Weg führt später zum Wind (Rest.) empor und auf der aussichtsreichen Stollberger Strasse nach der Stadt zurück. Hübsche Blicke auf die Stadt gewähren auch noch die Zschopauer Strasse bis zu Baums Rest. und die Dresdner Strasse bis zum Waldschlösschen, welches letztere freilich 3 km von der Stadt entfernt liegt.