12. Das Licht.
Hat Einer einen Blumenstock, so stellt er den vor's Fenster oder trägt ihn hinaus an die Tonne, denn er weiß, daß er ihm im Schatten welk und siech wird, die grünen Blätter erblassen und nur saft- und kraftlose Triebe aufschießen. Er weiß auch, daß die Knospen und Blüthen stets nach dem Lichte sich hinwenden und wachsen, wenngleich man immer wieder sie anders kehrte. Das gleiche Bedürfniß der lieben Gottessonne hat nun auch der Mensch und besonders als Kind. Nicht vergebens zieht es einen an schönen Frühlingstagen an allen Haaren hinaus, die liebe Sonne sich auf den Rücken scheinen zu lassen und die sonnendurchwärmte frische reine Luft in vollen Zügen einzuathmen. Daß dieß nicht bloße Vergnügenssache, sondern wirkliches Bedürfniß ist, zeigen uns die armen Menschen, die ihres Lebens größten Theil hinter geschlossnen trüben Fenstern, zwischen engen Mauern in sonnenlosen kalten Hinterhäusern und Erdgeschossen, ja gar unter der Erde in Kellern zubringen müssen. Sie sehen da gerade so aus wie jene armen serbelnden Pflänzchen, die mit aller Gewalt ans Licht möchten und können doch nicht. Da schwinden die rothen Backen, der frische gute Muth, der lebendige Blick. Dafür wird die Haut bleich und schlaff, Kinder sehen alt und ernst aus, es entwickeln sich bei ihnen leicht Augenübel, Drüsenkrankheiten, bei Aeltern Wassersucht, besonders wenn, wie gewöhnlich der Fall, noch Mangel an frischer Luft und Unreinlichkeit dazu kommen. Es müßte auch, schon ganz äußerlich betrachtet, ein Gemüth sehr verfinstert sein, auf das nicht der erste helle Frühlingsstrahl einen heitern Eindruck übte. Freilich ist's fatal, wenn dieser dabei auf einen schmierigen Fußboden, auf unsaubre Wäsche und Gesichter oder auf unordentliches Geräthe fällt, denn gar unerbittlich hebt er nur viel schärfer all die Gebrechen hervor. Um aber da der heilsamen Kraft nicht verlustig zu gehn, sondern ihr herzhaft Thür und Fenster öffnen zu können, wird es am besten sein, man richte sich so ein, daß man das Sonnenlicht nicht zu scheuen hat und dieß geschieht durch Reinlichkeit.