13. Reinlichkeit und Ordnung.
Reinlichkeit und ihre Schwester die Ordnung, sind die Grundlage aller Wohnlichkeit und Behaglichkeit; ebenso sehr auch ein Hauptmittel der Gesundheit. Wie sie die Armuth der Hütte verklären, so erlischt ohne sie die Pracht des Palastes. Sie umfangen Alles: den Menschen selbst, seine Kleidung, seinen Hausrath, seine Arbeit und die ganze Umgebung. Der einfachste und gebrauchteste Tisch von Tannenholz, das gröbste und geflickteste Hemde, wenn sie ganz und rein sind, stehen hoch über einer unsaubern Commode von Mahagoni, einem schmuzigen gefältelten Vorhemdchen mit vergoldetem Knöpfchen drin. Nehmt dasselbe Zimmer, die gleichen Geräthe, die in ihrem unreinlichen und unordentlichen Zustande euch vor Unbehaglichkeit hinaustreiben, und reiniget Alles gründlich, wascht den Fußboden, das Getäfel, die Fenster, den Tisch, die Bettstelle, ebenso die Vorhänge, die Bettwäsche, stellt Jedes dahin, wo's hingehört und ihr werdet euch in einer neuen Welt finden, in der euch wohl und heimisch ist und darin Alles, auch das Geringste, besser, freundlicher, weniger armselig aussieht.
Es giebt zwar genug Leute, welche meinen, Reinlichkeit trage nichts ab und habe mit dem Wohlsein nichts zu schaffen. Demgemäß lassen sie denn auch auf ihrem Leibe sich ansammeln und ansetzen, was nur immer Lust hat. Und unter ihrer Kruste von Unreinigkeit und abgestandener Haut empfinden sie freilich nichts von dem stärkenden erfrischenden Gefühle, das nach einem Bade den ganzen Körper durchströmt, als fließe nun das Blut freier, kräftiger durch alle Adern durch. Nichts ist zuträglicher für die Gesundheit als solche Bäder, oder, wo sie nicht möglich und im Winter, als Ersatz kaltes Waschen des Körpers. Viele Krankheiten, und vor Allem die ganze Reihe der langweiligen Erkältungskrankheiten, können buchstäblich weggewaschen werden, indem die Haut durch's Waschen belebt, gestärkt wird und so dem Einflusse der wechselnden Witterung widersteht. Besonders für Kinder, deren Haut so saftreich und thätig ist, zeigt sich das kalte Waschen heilsam und kräftigend.
Nicht umsonst hat der alte Moses seinen Israeliten so bestimmte und einläßliche Vorschriften über die Reinlichkeit gegeben, ja dieselbe zu einer religiösen Pflicht gemacht. Wie viele Christen hätten da von den Juden zu lernen! Ueberhaupt steht unsre Zeit hierin der der Alten bedenklich nach. Wie ganz anders sah's z. B. in dem alten Rom aus, als in unsern neuen Städten, das modische Paris nicht ausgenommen! Ueberall waren dort öffentliche Bäder eingerichtet, die man regelmäßig benützte. Kostbare Riesenbauten, deren Ueberreste die Welt noch jetzt anstaunt, führten das beste Wasser weit aus dem Gebirge herbei. Keine Gelegenheit war da zu ferne, kein Preis zu hoch, man rechnete nicht ängstlich die Zinse nach, denn es betraf ja Gesundheit, Wohlsein des Volkes und alle Welt genoß der Wohlthat guten und reichlichen Wassers. Anderseits führten die großartigsten unterirdischen Gänge und Kanäle (Kloaken) alles Unreine, allen Abgang sogleich aus dem Bereiche der Menschen weg.
Im Gegensatz hiezu leiden bei uns nur zu häufig Arme und Reiche gleiche Noth an gutem Wasser und da ist die ganz nothwendige Folge eben die Unreinlichkeit; am auffallendsten freilich immer in der Wohnung des Aermern. Wo man jeden Tropfen weit herholen und sparen muß, ja da wird beim Fegen und Waschen keine große Verschwendung getrieben und man läßt schon eher etwas „zusammenkommen“. Ganz natürlichen Schritt hiemit hält die Gleichgültigkeit gegen schlechte Ausdünstungen, aus Winkeln und feuchten Höflein, gegen Gerüche aus Mistgruben, Abtritten und Cysternen, aus mangelhaften Dohlen und Löchern, in denen der Abfluß sog. Wassersteine stehen bleibt. Da ist keine Vorkehrung getroffen, es wird für keinen Ablauf, für keine Reinigung gesorgt. Wozu sollte dieß auch ein Einzelner? fünfzig, hundert Menschen vielleicht, benutzen ja die „Gelegenheit“, was sollte Einer den Narren machen für die Andern? Und so athmen denn Hunderte und Tausende vieler Orten diese verpestete Luft und es hilft dann allerdings nicht viel, zur Verbesserung der verdorbenen Zimmerluft die Fenster zu öffnen und diese vielleicht ebenso schlechte Luft hereinzulassen. Wie's da aber hernach aussieht, und namentlich in großen Städten (wo die Menschen enge wohnen und die übeln Ausleerungen massenhaft sich ansammeln,) wenn ansteckende Krankheiten, z. B. Cholera, ausbrechen, das zeigen die Sterbetabellen leider nur zu deutlich.
Es ist hier allerdings mehr das Gebiet der obrigkeitlichen Fürsorge und der Einzelne, besonders der Miether, wird unmittelbar kaum viel mehr zur Verbesserung beitragen können, als daß er selber so wenig als möglich Ansammlung von solchem Unrathe in seiner Nähe veranlaßt und auf Abhilfe der baulichen Uebelstände dringt, denen mit einiger Leichtigkeit zu begegnen ist. Wo es dagegen schwer, vielleicht unmöglich zu helfen, da wird er am klügsten handeln, solche gefährliche Nachbarschaft oder Einrichtung zu fliehen, indem er auszieht. Im Ganzen aber ist es schon ein Gewinn, wenn nur die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf Dergleichen richtet, der Uebelstand als solcher erkannt, das Bedürfniß empfunden wird; einmal so weit und die Abhülfe wird auch selten mehr gar zu entfernt sein.
Reinlichkeit kann Jeder üben, selbst der Aermste, es kostet kaum mehr als ein bischen Mühe. Und laßt sie nur einmal irgendwo recht Wurzel schlagen, sie wird sich bald über eure ganze Umgebung verbreiten. Wer seinen Körper reinlich hält, der wird nicht allein auch auf frische und saubere Wäsche halten, sondern zugleich seine Kleider weniger verunreinigen. Er wird keinerlei Abgang nur so in die Ecke werfen; sein Auge wird empfindlich: ein ungescheuerter Tisch, ein schmuziger Fußboden werden ihm bald zum Greuel und den Fliegen mag er fürder weder das Glas des Spiegels, noch der Fenster zum Mißbrauche überlassen. Bricht einmal leidigerweise eine Scheibe, dann schickt er doch lieber zum Glaser und nimmt sich vor, künftighin vorsichtiger zu sein, als daß er das Loch nur so mit einem Lumpen zustopft oder ein Papier drüber klebt. Abfall von Speisen in der Küche, Kehricht, gebrauchtes Waschwasser und dergleichen Alles wird nicht Tage- und Wochenlang aufbewahrt, sondern im Gegentheil sofort aus der menschlichen Nähe geschafft. Jeden Morgen werden alle Räume, Treppen wie Zimmer, gescheuert, wöchentlich auch gefegt; das versteht sich bald von selbst und verursacht wenig Mühe und Unbequemlichkeit mehr. An den blanken Fenstern will man saubre Vorhänge erblicken, je nach vier, sechs Wochen versieht man die Betten mit frischen Leintüchern und hängt wöchentlich, beim Wechseln der Leibwäsche, auch ein reines Handtuch hinter die Thüre. Alle paar Jahre wird man überdieß im Frühjahr finden, die Zimmerdecke sei den Winter über durch Ofenrauch und Oeldampf doch auch gar zu schwarz geworden und entstelle das ganze Zimmer. Man rechnet zwar, sperrt sich, indeß am Ende wird der Reinlichkeitssinn siegen und der Entschluß wird gefaßt, zum Gypser zu schicken und weißen zu lassen: es gefalle einem dann nachher noch eins so wohl zu Hause!
Schon durch diese regelmäßig wiederkehrende Thätigkeit aber wird eine bestimmte Zeiteintheilung, mit dieser von selbst die Ortseintheilung, das heißt eine allgemeine Ordnung sich ergeben, ohne daß man eigentlich sieht wie? bei der man blos sich sehr behaglich, zufrieden, glücklich fühlt und in welcher der gesammte Haushalt nur mit der halben Mühe gegen früher scheint geführt zu werden. Nehmen dabei die einzelnen Staats- und Modestücke auch ab, man wird sich trösten und weniger das Bedürfniß haben, etwas vorstellen, scheinen zu wollen, weil man das innerliche Gefühl hat, daß man wirklich etwas ist. Sieht inzwischen die Frau auf der Straße nicht wie eine Dame aus, ei nun, so gleicht sie dafür im Hause doch keiner Hexe mehr: eine bequeme, einfache, reinliche Kleidung wird in ihr stets die Hausfrau erkennen lassen. Gleicherweise hält sie ihre Kinder reinlich und einfach und scheucht weder durch vernachlässigten Aufzug und Unordnung, noch durch im Zimmer zum Trocknen aufgehängte Wäsche den Mann ferner in's Wirthshaus hinaus.