14. Recht sehen und richtig rechnen.

Die Bewohner aber, die einmal so in's rechte Geleise gekommen sind, werden auch von selbst bald anders sehen und anders rechnen lernen.

Sie werden nicht nur merken, daß ihre ordentliche und reinliche Wohnung und die damit verbundene Lebensweise ihnen mehr zusagt, als die frühere vernachlässigte und ihnen, wie man sagt, dabei um's Herz wohl ist, sondern auch, daß sie auf die neue Weise in Allem besser fahren. Und wem wirklich der gute Stand seiner Wohnung eine angelegentliche Sache ist, wer mit der Lüftung, der Reinlichkeit und Ordnung desselben Ernst macht, der wird auch bald erkennen, wie weit er helfen kann und an welche Uebelstände seine Hand nicht mehr hinanreicht. Liegen diese in fehlerhafter Bauart, in schlechter Einrichtung, in nachtheiliger Umgebung, so wird er, wenn er zur Miethe wohnt, sich mit Vorstellungen an den Hausbesitzer wenden. Er wird Manches so erlangen können, weil der Eigenthümer gerne an seinem Hause etwas verbessert, wenn er sieht, daß sein Miethsmann ihm zu der Wohnung Sorge trägt, sie im guten Stande hält, nicht Alles drin und dran verlottern läßt, wo ihn sonst freilich jeder Batzen reuen würde. Solches wirkt oft mehr als alles Bitten und Beten. Wer in seinem Haushalte Ordnung hat, der ist auch ein regelmäßiger Zahler, es braucht keines Mahnens und Zuwartens, wenn der Zinstag da ist; man hat von solchen Leuten überhaupt weniger Störung, Verdrießlichkeiten zu erleiden und so ist es, neben dem natürlichen Wohlwollen, zugleich der wohlverstandene Vortheil des Hausherrn, wenn er seinem Miethsmanne sich gefällig zeigt. Thäte er dieß thörichter Weise nicht, oder ließe sich großen Uebelständen überhaupt gar nicht abhelfen, dann würde sich freilich der auf ein ordentliches und gesundes Quartier haltende Bewohner nach einer andern, gesundern, bessern Behausung umsehen müssen. Sie zu finden, würde ihm wohl nicht zu schwer fallen, denn einmal ist sein Auge geübt, er weiß, worauf es ankommt, was nachtheilig und was vortheilhaft ist und tappt nicht mehr gleichgültig oder unverständig in den ersten besten Raum, der sich ihm aufthut, ohne nur zum Fenster hinausgesehen zu haben, oder es zu beachten, wenn er mit dem Kopfe fast an die Zimmerdecke stößt. Und dann werden seine Ordnungsliebe, seine Pünktlichkeit, sein guter Ruf ihn den Hausbesitzern empfehlen vor zehn nachlässigen und leichtfertigen Miethern, wie sie alle Vierteljahr aus- und einziehen und ohne welche die Zahl der elenden Wohnungen bald sich vermindern würde, weil die Waare stets nach dem Käufer sich richtet.

Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß, wer auf ein freundliches, gesundes, wohnliches Logis sieht, etwas mehr Miethe zahlen muß als für eine Spelunke. Daneben wird er rechnen: So viele Franken muß er allerdings jetzt vierteljährlich mehr ausgeben, was hat er dafür? In der sonnigen heitern Behausung kann er im Frühjahr und Spätherbste wenigstens ein paar Wochen lang das Heizen sich ersparen, das ihm nun, gegenüber dem frühern feuchten und kalten Winkel, die bloße Sonnenlage abnimmt. Dann geht ihm von seinem Hausrathe, von Bettwerk und Kleidern in der trockenen und luftigen Wohnung weniger zu Schanden als in einem dumpfigen Loche, wo sich überall Schimmel und Faulflecken ansetzen. Die Hauptsumme indeß, die er gewinnt, besteht in den Franken, die ihn seine kränkelnde Frau und Kinder vordem kosteten und die in der gesunden Wohnung nun ganz oder zum großen Theile erspart werden. Es ist nicht nur das Geld, welches baar an Doktor und Apotheker ausgegeben wird, sondern auch jenes noch, das er in der Zeit zu verdienen versäumt, der ganzen Zeit, die Krankheit und Pflege der Seinen oder eigene Erkrankung ihn zu Hause festhielten.

Von den Bewohnern solcher geordneten, reinlichen und gesunden Wohnungen, auch wenn sie in Fabriken arbeiten, gilt dann die allgemeine Annahme nicht mehr, daß ihre Lebensdauer eine viel kürzere sei, als die der vermöglichen Klassen. Daß von dieser größern Sterblichkeit die Wohnung und Lebensweise daheim weit mehr der Grund sind als die Arbeit, das beweisen am schlagendsten z. B. jene Arbeiterfamilien in den Musterwohnungen der Stadt London. In diesen sterben von tausend Menschen im Jahre höchstens 13 bis 14, während in andern schlechtern Häusern, ganz im gleichen Quartiere, ja mitten unter jenen Musterwohnungen, 27 bis 28 Todesfälle vorkommen. Solche Erfahrungen und Zahlen reden denn doch deutlich und es scheint, Jeder dürfte sie gar wohl mit in die Rechnung bringen, wenn er eine Wohnung aussucht und den geforderten Miethzins in Erwägung zieht. Wenn sich nun so beim Abschluß der Rechnung zeigt, daß die bess're, theurere Wohnung doch zugleich die billigere ist, so kann kein Vernünftiger mehr in seinem Entscheide schwanken, besonders wenn er ja noch Behagen, Zufriedenheit, Glück, die er darin findet, gratis obendrein erhält.

Seite 33 II.

1.

Die Dämmerung ist hereingebrochen; Liese und das 19jährige Liseli erwarten jeden Augenblick den Vater, denn das einfache Nachtessen ist parat. Unterdessen sitzen Mutter und Tochter am Fenster; nicht der Aussicht wegen, denn gegenüber gibt's nichts als graue, halb vom Kalk entblößte Mauern und halbverfaulte Läden, so nah noch, daß man meint, man könnte das Alles zum Fenster hinaus mit der Hand ergreifen. Also Aussicht gewährt das Fenster keine, wenn man nicht den Flügel öffnet und den Kopf in's enge Gäßchen hinunterbeugt, wo freilich zu jeder Tages- und fast zu jeder Nachtzeit etwas zu sehen wäre, was wunderfitzige und klatschsüchtige Augen und Zungen ergötzt. Aber zu dieser Klasse gehören unsere beiden Frauenzimmer nicht. Liese ist Wunderfitz und Klatschen vergangen, ohnedieß hat das nie ihre starke Seite ausgemacht; jetzt sitzt sie meist still und scheinbar nachdenklich in ihrem ererbten hochlehnigen Großvaterstuhl mit dem zierlich geschweiften und in der Mitte gegipfelten Zierrath, der die Füße des Stuhls in's Kreuz verbindet. Obgleich ihre 45 Jahre sie noch nicht beugen können, sitzt sie doch welk da, düster und trüben Angesichts. Zu klagen weiß sie nichts Besonderes, krank fühlt sie sich gerade nicht; aber sie ist matt, ohne gearbeitet zu haben, appetitlos, ohne gegessen zu haben, wehmüthig, ohne beleidigt zu sein, hat Schmerzen, ohne sagen zu können: „Ich bin krank, mir fehlt das oder jenes.“ Sie möchte klagen, aber weil sie eigentlich nichts Besonderes zu klagen hat, so verschließt sie, um Niemand Unrecht zu thun noch zu betrüben, ihre Klagen in sich, – und denkt fast ohne Aufhören, wie beklagenswerth sie sei.

Liseli sucht die stille, verschlossene Mutter aufzuheitern. Sie spricht von allem Möglichen, vom Markt und von der Eisenbahn, vom Unglück mit dem Steinweidling und vom Krieg; aber die Mutter gibt wenig Antwort. Liseli ist eine zartfühlende Tochter; was sie nach ihres Herzens Drang am liebsten erführe, das verschweigt sie am sorgfältigsten; die Mutter würde ihr den Kummer ja doch nicht offenbaren, der sie zu drücken scheint. Liseli thut, was in ihren Kräften steht, die Mutter zu stützen und zu erheitern, führt die ganze kleine Haushaltung und putzt dazwischen Bändel. Aber mit dem musterhaften Fleiß und dem schonenden Zartgefühl der Tochter ist der Einziggeborenen auch kein geringes Theil von Empfindsamkeit zu Theil geworden. Nicht daß sie solche je blicken ließe; aber in der dunkeln Küche, wo sie nicht beobachtet werden kann, rinnt Thräne um Thräne über die Wangen und sie fragt sich tausendmal in Gedanken, hab' ich etwa das gesagt, hab' ich etwa jenes gethan, daß der Vater, daß die Mutter unzufrieden ist? Und außer ihrem eignen Leid, das diese krankhafte Zärtlichkeit gegen ihre Eigenliebe ihr bringt, hat sie auch noch ein anderes, gerade bei solcher Gemüthsart tief einschneidendes Leid zu tragen. Sie sieht ja täglich, wie zwischen Vater und Mutter keine Liebe ist, wie sie, ohne zu zanken, doch allerlei kleine Ursachen zur Unzufriedenheit an einander suchen und finden, und wie so Eines dem Andern Unrecht thut, Eins das Andere täglich verwundend behandelt. Sie ist ja eine treue, liebende Tochter, wie sollte ihr das nicht durch's Herz gehen, daß Vater und Mutter so gegen einander sind. – Jetzt kommt der Vater heim. Statt dem guten Abend heißt's nur: „Habt ihr kein Licht in der Küche, ich könnte mir Hals und Bein brechen, bis ich zur Stubenthür komme.“ Schnell holt Liseli ein Licht und ohne Umstände setzt man sich und ißt die Suppe, die trotz Salz und Pfeffer nicht gewürzt ist. Gleich darauf geht der Vater noch „zu einem Kameraden, um sich zu erholen;“ es ist ihm zu trübe zu Hause. Mancher Andere geht noch in's Bierhaus; er nicht. Und darum hält er sich für einen musterhaften Hausvater, und weil er Frau und Kind nicht schilt und zankt.

Liese geht erschöpft zu Bette, um in ängstlichen Träumen und unruhigem Schlummer das freudlose Leben des Tages fortzuleben; Liseli aber muß auf die späte Zurückkunft des Vaters warten, ehe es seine Ruh' im Kämmerlein suchen kann.