7.
Den geschäftigen Tag des Einzugs im neuen Logis wollen wir vorbeigehen. Liese strengte sich fast über Kräften an beim Zusammenpacken, und daß jedes Geräthe sorgfältig auf den Wagen komme. Am Abend kam der Heiri, um mit ihr die neue Heimath zum ersten Mal heimzusuchen. Der Vetter und die Base geleiteten sie noch fast bis zum Thor und nahmen herzlichen Abschied unter gegenseitigen Glücks- und Segenswünschen. Und als sie daheim waren, schien der Vollmond gegen die Hausthüre und beleuchtete den Kranz von Epheu, den Liseli unterdeß geflochten und daran gehängt hatte; und die Sterne flimmerten wie alte Bekannte vom Lande zum freundlichen Willkomm.
O, hätte ich nun die Feder eines Dichters, um dennoch wahrheitsgetreu zu schildern, welch' ein neues Leben sich für die Bewohner des neuen Hauses aufthat, um zu erzählen, wie jeder Tag eine neue Freude in's Herz und einen neuen Segen in die Familie brachte.
Man stand, von der Sonne geweckt, frühe auf, ging in den Garten und machte da etwas zurecht; der frischende Morgenwind und der Gesang der Vögel, die sich der neuerwachten Frühlingskräfte und des lieblichen, jungen Tages freuten, das glänzende, goldene Licht, das sich über die Häuser und grünenden Wiesen und fernen Berge ergoß, und die Morgennebel in's klare Blau des Himmels auflöste, weckte ungewohnte, und doch unsere ehemaligen Landbewohner seltsam anheimelnde Gefühle, Gefühle wie von lieblichen Mährchen der Kindheit, die nun plötzlich wahr geworden. Während Fritz und Heiri draußen Bohnenstecken zurecht machten, oder die jungen kräftigen Triebe einer an der Ostseite des Hauses links und rechts von der Hausthüre neu gepflanzten Rebe anhefteten, machte Liseli die untere Stube und das Stüblein. Denn Liese war auch aufgestanden und mahlte unter der offenen, der Sonne entgegengewendeten Hausthüre, vom warmen, wollenen Halstuch gegen die frische Morgenluft geschützt, ihren Kaffee. So strömte durch die geöffneten Fenster und den Hausöhren ein belebender Odem des neugeborenen Tages, und mit ihm eine erfrischende, kräftigende Lebensspende. Die Morgenseite eines Hauses ist immer die trockenste; denn der Ostwind kömmt über weite Landstrecken, von Asien her zu uns und bringt nicht die feuchten Dämpfe irgend eines Meeres mit sich. Auch ist die Wirkung der Morgensonne, namentlich im Sommer, äußerst kräftig; denn ihre Strahlen prallen von Morgens 4 Uhr bis gegen 9 Uhr fast senkrecht gegen die in dieser Richtung stehenden Mauern. Im Waisenhause sind die Schlafsääle gegen Morgen gerichtet, und man hat stets den erfreulichsten Gesundheitszustand bei den vielen, vielen, oft von Haus aus vernachlässigten Kindern bemerkt.
Warum wohl Fritz kein Fenster in den Stuben gegen Osten anbringen ließ, statt der Wandkästen? – Erstens war das Fenster gegen Süden für die mäßige Stube übrig groß genug, zweitens wäre dadurch das Haus im Winter kälter geworden; drittens kostspieliger, denn unten ein Kreuzstock, oben ein Kreuzstock mit Schreiner- und Glaserarbeit, mit Fenstern, Vorfenstern und Läden mit dreifachem Oelanstrich, das hätte schon wieder ein paar Hundert Fränklein gekostet; viertens endlich brennt im Sommer die Sonne den ganzen Vormittag durch ein solches Fenster in's Zimmer hinein, macht man aber alsdann die Läden zu, so ist eben der Zweck solcher Fenster nicht einleuchtend. So wär's auch mit Fenstern auf der Westseite gewesen beim Nachbar; drum hatte auch der's unterlassen.
Aber auf die Liese machte die Morgenluft und Morgensonne einen wunderbaren Eindruck; wohl griff sie es im Anfang etwas mehr an und machte sie müde, wie nach angestrengter Arbeit; aber sie fühlte es, wie das Strahlenbad durch ihre Glieder drang bis auf's innerste Mark und wie die Ermüdung nur eine erneute Anstrengung aller Lebenskräfte bewies. Später in der Jahreszeit setzte sich Liese auch vor die Hausthüre und strickte dabei oder verlas und flickte Kleider, Hemden und Strümpfe; und dazu war sie in den Nerven bald stark genug; nur mit der Gartenarbeit wagte sie sich noch nicht an's Schwerere.
Wir haben vorhin Liese beim Kaffeemahlen getroffen; der Kaffee ist unterdessen fertig geworden, und die völlig geordnete, wohlgelüftete Stube nimmt ihre Bewohner auf und ladet sie zum dampfenden, warmen Getränk. Beim ersten Morgenessen hatte Keines anfangen wollen; es war Ihnen gewesen, als fehle ihnen etwas, was sie selbst nicht recht wußten. Das zweite Mal gab sich's von selber. Liese faltete still ihre Hände, ehe sie anfing, und die Andern thaten ihr's unwillkürlich nach. Ob sie Worte gebetet haben in Gedanken, bezweifle ich, aber es war ein schüchterner Tribut des Dankes, zu dessen Entrichtung sie sich gedrungen fühlten.
Es ist merkwürdig, den Unterschied beim Essen zu beobachten in verschiedenen Häusern. Bei den Einen kommt Eins um's Andere zum Tisch und ißt und geht, wie's ihm bequem ist. Bei den Andern falten Alle gleichzeitig, stehend oder sitzend, die Hände, oder Eines spricht für Alle das Vaterunser oder Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheeret hast. Dort ist kein Anfang und kein Ende; hier ist ein Gepräge von Ordnung und frommer Gesittung. Das hängt eben auch unbewußt oder bewußt von der Lebensweise, und die wieder mehr oder weniger vom Hause ab. Steht man in den engen Gassen, wo's lang nicht tagen will, spät auf, so ist das Kaffeekochen die einzige Einleitung zum Frühstück; denn es hat sonst noch Keines eine andere Arbeit in der Hand gehabt. Aber auf dem Lande haben sich die Hände schon gerührt, ehe man zum Morgentrinken kommt, sie legen sich fast von selbst zur Ruhe gefaltet zusammen, und dann erst tragen sie die erquickende Nahrung als eine gute Gottesgabe zum Munde. Es ist ein viel größerer Schritt vom verdrießlichen Schlendrian der Gleichgültigkeit zum allereinfachsten stillen Anstand der ehrwürdigen Väter- und Christensitte, als von da zur erbaulichen Hausandacht im Hause eines Seelsorgers. Ob diese Sitte gerade zum gesunden Wohnen gehört, weiß ich nicht; aber das weiß ich aus Erfahrung, sie gehört zur Ruhe und zum heitern Frieden des Gemüths, und diese Güter haben noch Niemand krank gemacht.
Fritz stand allein; die Magd der benachbarten Lehenfrau, die ihm Essen und Kaffee brachte, machte ihm gegen ein bestimmtes Trinkgeld auch das Zimmer. Er zog es vor, es etwas unbequemer zu haben, lieber als in Kosthäusern das unerquickliche Zusammenleben mit Unbekannten zu genießen, wo das trauliche Gefühl des Daheimseins unter dem Getreibe einer Art von Gastgebern verloren geht. Ein rechtes Kosthaus, gleichsam ein Familienhaus mit einer Art von traulichem Familienleben bleibt noch immer ein frommer Wunsch, dessen Erfüllung manchen Segen stiften würde.
Die für's Morgentrinken angefangene Sitte wurde auch Mittags und Abends festgehalten; denn das Gefühl vom Kirchlein, das den Heiri bei der Hausschau durchschauert hatte, gewann bei Allen die Oberhand. Sie fühlten etwas Festtägliches an jedem Tage; es war, als ob der Sonntag durch jeden Werktag hindurchgedrungen wäre und ihn geheiligt hätte, während in der Stadt in dumpfer, düsterer Stube auch der Sonntag etwas Werktägliches angenommen hatte, werktäglich durch den Lärm und das Gekarre in den Gassen unten, durch das Geklopfe nebenan, durch die Negligetrachten gegenüber. Weder Heiri noch Liese hatten Heimweh nach der Stadt; die Stille und Ruhe des Friedens um sie her, das immer voller und schwellender und wärmer sprossende Grün auf Matten und an Baumgruppen, der freie, offene Himmel, die frische reine Luft die trockene, gesunde, helle Wohnung boten ihnen kaum geahnte Genüsse und sie ließen den äußern Frieden und das äußere Glück in ihr Herz strömen und thauten auf in erneuter gegenseitiger Liebe. Heiri's Wangen bräunten sich in der Kraft der Sonnenstrahlen, Liese ward wieder jung wie ein Adler, und Liseli blühte wie eine Blume des Feldes.
Nie klagte Heiri über die große Entfernung, nie über Regen, schlechten Weg oder Hitze. Bei der meist ruhig stehenden Lebensweise im Arbeitersaal bekam ihm der täglich viermalige Gang recht wohl, und er spürte nichts mehr von Beschwerden des Unterleibes, wie früher. Bei einer ruhigen, sitzenden oder stehenden Lebensart ist nichts der Gesundheit so zuträglich, wie regelmäßige tägliche Bewegung. Das wissen die Contorherren gar wohl, die manchmal im Sommer in der Morgenkühle ihr Luftbad auf der Rheinbrücke nehmen, und dabei 4 oder 5 Mal darüber hin und herwandeln.
Manche Bekannte Heiri's hatten ihm allerlei prophezeit, und dem Fritz am Hause allerlei getadelt. Dem Heiri, er werde den Verleider bekommen am langen Wege und seine Leute werden die liebe Noth haben, ein Gemüse zu bekommen, weil es so abgelegen sei. Dem Fritz, er sei ein rechter Sonderling, sich so weit von der Stadt und dazu an so abgelegenem Ort, wo einen kein Mensch erfragen kann, anzusiedeln. Jahr aus Jahr ein sei's schrecklich langweilig und öde. Warum er auch die Hinterseite gegen den Weg, und die Wohnstube gegen das Feld gewendet habe; das Haus sei ja ganz verdreht und um zur Hausthüre zu kommen, müsse man ja ums ganze Haus herumgehen. Da habe doch der Nachbar die gescheitere Nase gehabt, der die Seite gegen den neuen Centralbahnhof gewählt habe. Das sei halt auch so ein halber Physigucker, der Fritz, an dem's auch wahr werde: wie gelehrter, wie verkehrter. – Aber weder Heiri noch Fritz ließen sich dadurch ihr Paradies verleiden. Der Eine hatte zum Voraus überlegt und der Andere hintendrein erfahren, was das bessere Theil sei und keiner noch das Geringste bereut. Der Heiri bekam den Verleider nicht am langen Weg und mit den Gemüsen ging's eben auch; was der Garten nicht trug, das gab um billiges Geld die Lehenfrau, und der Milchkarren brachte ihnen Fleisch und Brod aus der Stadt mit; und wenn das nicht gewesen wäre, so hätte sich weder Fritz noch Heiri gescheut, es selber heimzutragen. Aber der Garten war fruchtbar, als ob ein besonderer Segen darauf ruhe.
Und ja, es ruhte ein großer Segen darauf, mehr als man gleich anfangs merkte. Wenn man so den Binnetsch und den Salat wachsen sah und das Jörgenkraut, und wenn man's abschnitt und es auf der linnengedeckten Tischplatte wie eine Zierde aufgestellt war, da meinte man nicht, es sei mit Zinsen für's Land und mit Arbeit erkauft, sondern wie ein ganz besonderes Geschenk vom lieben Gott kam's einem vor, auf das man keinen Anspruch hatte, und man fühlte den Dank aus dem Herzen heraufsteigen bis in den Mund, daß es manchmal ein wenig überlief. Da gehe man nur auf den Markt und kaufe. Bis man da und dort verlesen und gehandelt und mit Markten noch fünf Centimes abgedrückt und dann mit gutem baarem Geld aus dem eigenen Beutel bezahlt hat, da glaubt man auch nicht mehr, daß man deshalb gebetet habe: Gib uns heute unser täglich Brod. Man freut sich etwa des billigen Einkaufs, den man seiner Pfiffigkeit und Zähigkeit verdankt, aber an den, der zum Wachsen Regen und Gedeihen gab, erinnert man sich nicht.
8.
Was die dem Fritz gemachten Vorwürfe betrifft, so war's zum ersten nicht langweilig. Das fühlten Alle im Hause. Hier draußen im Grünen brachte jeder Tag etwas Neues. Welche Lust zu sehen, wie die erst noch nackten Bäume Triebe und Schoße brachten, wie sie fast in einer Nacht hervorbrachen in tausend und tausend Blüthen, jetzt die Kirschen, jetzt fleischroth Pfirsige, dann Aepfel und Birnen im Schmuck der Lilien- und Rosenfarbe. Und abermal kleidete frisches Grün die noch blühenden Bäume, bis ein sanfter Regen die Blüthenblätter aus den Kelchen wischte und der Wind sie wie Schnee durch die Luft trieb. Und dann wieder wob sich in's Grün der Matten das Gold der Sonnenwirbel und die zarte Lilafarbe der honigschwangern Kleewirtel. Das alles genießt der reiche Städter nicht; er sieht im wenigwochigen Landaufenthalt nur den geringsten Theil dieser reichen, mächtigen Entwicklung, gleichsam den höchsten Glanz des Naturlebens in seiner vollsten Fülle. Und vollends der Arbeiter, der in enger, dunkler Gasse der Stadt wohnt, kaum kommt er am Sonntag dazu, vor's Thor zu gehen, – mit Augen, die nicht sehen, mit Ohren, die nicht hören, weil er verlernt hat zu achten auf die großen Werke des Herrn. (Wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.) Da fahren sie auf der Eisenbahn, um in Muttenz oder Prattelen oder auch in Frenkendorf und Liestal lustig zu sein beim Glase Wein, daß draufgeht, was man vom Zahltag her in der verflossenen Woche nicht gebraucht. Und wenn man genug gejodelt und getobt hat und den Kopf wüste und öde von Alle dem was hinein- und hinausging; dann hat man sich erholt und gestärkt für die Arbeit der künftigen Woche? Dann hat man die freie Gottesnatur genossen?
Aber nicht nur das Betrachten, auch das Arbeiten im Gärtlein verkürzte die Zeit. Pfeilschnell flogen die Tage dahin, und doch war man in kurzer Zeit so an Alles gewöhnt, als obs nicht Monate, sondern Jahre her wäre. Fritz verstand Rosen zu veredeln und okulirte Wildlinge oder pfropfte edle Reiser auf kräftige Gerten. Die Reben am Hause wucherten üppig, wie wenn unerschöpfliche Lebensfülle aus dem Boden in ihre Reiser sich ergöße, so daß den ganzen Sommer über Aberschosse wegzubrechen waren. Und wenn etwa am Mittwoch Abend Heiri die Liese ans Sommerkasino spazieren führte, daß man aus der Ferne oder von der Straße her sich am lustigen wogenden Schall der Musik ergötzen könne; und wenn dann Liseli die Blumen spritzte, die von des Tages Hitze nach Erquickung lechzten, da wurde auch dem Fritz so eigen zu Muthe. Liseli kam ihm vor wie eine traute Bekannte, und doch hatte er noch nie gewagt, ihr nur die Hand zu geben. Was er sprach, war wenig, desto mehr dachte und fühlte er. Und das Alles verkürzte ihm die Zeit ungemein.
Und was den andern Vorwurf betrifft, er hätte das Haus hinterfür gestellt, so kannte er ja zum Voraus den Wahrspruch: Wer da bauen will an der Straßen, muß sich's Meistern g'fallen lassen. Seine Gründe waren wichtig genug und schon älter als das heilige römische Reich. Denn Fritz hatte sein Haus ganz einfach nach der Sonne gerichtet, wie schon die alten Aegypter ihre berühmten Tempel und Pyramiden. Man braucht auch nur durch die Landschaft hinaufzureisen, so fällt es jedem auf, wie in den Dörfern links an der Straße stattliche Häuserfassen stehen, rechts aber eine Reihe Dunghäufen und dahinter Stallthüren und Scheunenthore; und durch die letztern gelangt man durch's Haus hindurch zu den Stuben auf der Feldseite. Das ist aber, weil fast alle Landleute sich nicht nach der Straße, sondern nach der Sonne richten; und 's ist eine alte, ererbte aber vernünftige Ueberlieferung. Das erregende Licht und die belebende Wärme der Sonnenstrahlen war auch dem Fritz wichtiger als der Weg und als das Geschwätz der Leute; war's nach außen nicht prunkend, sein Haus, so war's doch innen wohnlich und freundlich und heimelig.
Im hohen Sommer, wenn die Sonne weit über dem Rhein, im Nordosten, aufging, und nahe am Isteiner Klotz wieder hinunter, da stand sie am Mittag fast senkrecht über dem Hause und beschien nur von 11 bis 1 Uhr das Simsbrett am Fenster; im obern Stock gab überdieß das vorspringende Dach noch Schatten. Um die Hitze zu vermeiden, bog man nur die Läden zusammen über die heiße Tageszeit, während man am frühen Morgen die kühle frische Morgenluft durch Stuben und Haus hatte streichen lassen. Im Winter dagegen ging ja die Sonne stets auf der Sonnenseite auf und unter, und bei jedem hellen Himmel half der tief ins Zimmer dringende Strahl das Zimmer heizen. Das war wohl die Hinter-, aber gewiß nicht die Schattenseite am Haus. Die Küche dagegen und der Abtritt mögen die Wärme nicht vertragen, sonst gerinnt im Kasten die Milch, die Speiseresten werden faul und sauer; und vom Abtritt her hat man einen ungebetenen Wetterprophet, und ist er schlecht, so prophezeit er erst noch bei schönem Wetter ganz falsch. Das hatte Fritz überlegt und beachtet und hatte Küche und Nr. 100 gegen den Weg gesetzt, d. h. auf die kühle Mitternachtsseite.
Und warum lieber ostwärts, statt westwärts. Das war zwar weniger wichtig, ob so oder so, und wäre die Hausthüre vorn oder hinten gewesen, das hätte auch nichts gemacht, statt auf der Seite. Aber auf der Seite hatte man keinen großen Umweg zu machen, um zum hintern Gärtlein und Brunnen (vor den Stuben) zu kommen, auch keinen großen Umweg auf die Straße oder zu dem vor dem Haus an der Straße liegenden Rasenplatz mit seinem Sauerkirschenbaum. Dann war's gegen Osten, wie immer und überall, trocken, sonst hieße nicht die Abendseite immer nur die Wetterseite, auch genoß man im Sommer bis gegen 9 Uhr früh den Vortheil der kühlenden Ostwinde, ließ so lange die Hausthüre offen, und schloß nachher unerbittlich den allzuaufdringlichen Sonnenpfeilen den Paß zu. Ueberdieß ist die Morgenseite bei Fritzens Haus fast die schönste wegen der Aussicht. Am Nachmittag aber, von 12 Uhr an, war hier wieder Schatten bis zum andern Morgen und 's gab unter der Hausthüre oder auf der Lattenbank am Giebel ein herrliches Plätzlein zu sitzender Arbeit oder zum Gemüserüsten für den folgenden Tag; ein Plätzchen, fast zu verführerisch, dem Himmel in's blaue Angesicht zu schauen, oder dem mannigfach wechselnden Grün der Bäume zwischen die schattenden Aeste und daneben hindurch in die fernen, duftig verhüllten Berge, bis endlich, immer wärmer und glühender, das Gold der scheidenden Sonne über die ganze Landschaft hinströmte zu zauberhaftem Gemälde.
Und war die Sonne im Sinken und wollte man ihren majestätischen Glanz genießen, so kostete es nur ein paar Schritte. Zwischen den Blumenrabatten des Gärtleins auf und abwandelnd versenkte man sich in den Anblick des feuerfarbenen Lichtmeeres, auf dem die feingeschnittenen Blätter der Bäume und die scharfen Firstlinien der Dächer mit ihren Kaminen sich schattenrißartig abzeichneten, bis nach und nach die überwältigende Kraft des feurigen Lichtes dem goldgesäumten Purpur fast durchsichtiger Wolkenschichten wich, bis endlich violette Schatten ringsum alles umschlossen.