9.
Und Heiri's lernten die Vorzüge ihrer Wohnung aus Erfahrung immer mehr schätzen; Fritz hatte sie zudem belehrt, wie sie diese durch die Lage gebotenen Vortheile, denen sie und besonders Liese täglich so viel für ihre Gesundheit zu danken hatten, durch jene einer klugen und verständigen Hausordnung erhöhen könnten. Beim Bau des Hauses war von Seite des Fritz, wie seines Baumeisters alle Sorgfalt auf Zweckmäßigkeit, wie auf trockenes und gesundes Baumaterial verwendet worden. So hatte man nicht nur wegen des Nutzens, sondern auch wegen der Trockenheit unter dem ganzen Hause Keller gemacht, so konnte man durch Stube und Gang, oder durch Kammer und Küche einen reinigenden Luftzug bewerkstelligen. Auch war zu den Bodenauffüllungen nicht Schutt und Straßenstaub oder feuchtigkeitanziehender Sand genommen, sondern Koakasche, wohlfeil wie jenes andere, äußerst trocken und dabei sehr feuersicher. – Aber dennoch hatte Fritz angelegentlich empfohlen, im Winter nicht zu oft, und überhaupt nie zu naß zu fegen. Um das Zimmer und das Haus rein zu halten, war vor der Hausthüre ein Scharreisen, und im Gang eine Strohmatte.
Unter dem Kunstofen zeigte er eine Klappe, die man öffnen und schließen konnte. Diese ging aus der Stube in die Küche; wenn nun das Feuer brannte, sollte man öffnen, und konnte nachher wieder schließen. Diese Vorrichtung leistete namentlich im Winter vortreffliche Dienste. Denn ein Feuer bedarf zum Brennen Luft, und wenn in der Küche alles fest zu ist, so muß eben diese Luft durch's Kamin selbst herabkommen und treibt den Rauch zurück bis zum Ersticken; selbst das Feuer brennt ungern. Ist aber jene Klappe offen, so kommt der erforderliche Zug aus dem Zimmer und reinigt solchermaßen zugleich die Stuben von der verbrauchten und schädlich gewordenen Luft. In Häusern, wo man mit besondern Oefen heizt, wendet man jetzt häufig die holzsparenden und im Zimmer zu heizenden Straßburgeröfen an, um ihrer luftreinigenden Eigenschaft willen. Ja ein sehr geachteter Arzt hat alle seine Oefen umändern und zum inwendig Einfeuern einrichten lassen.
Für den Winter waren für Stuben und Nebenstübchen Vorfenster bereit; das sparte viel Holz an der Heizung, und um das Einfrieren der Wassersteinröhre und die damit verknüpften Unannehmlichkeiten zu verhindern, waren dieselben innerhalb der Mauer herabgeführt und mündeten ganz zu unterst in ein von eichenem Deckel bedecktes Wasserfaß, dessen Inhalt täglich zum Spritzen der Pflanzen verwendet werden konnte. Wurde dieß Faß beinahe voll, so sorgte ein Ablauf in die Abtrittsgrube für den etwaigen Ueberschuß. Das gab der Seite gegen den Weg ein gefälligeres Ansehen, als wenn winklige Rohre dieselbe verunstaltet hätten. Um aber das Haus möglichst trocken zu machen, hatte man beim Bau den Keller weniger tief gegraben als sonst und den Schutt zu einer Auffüllung um's Haus verwendet, daß es wie auf einer kleinen sanften Erhöhung stand.
So war bei Fritzens Haus für Trockenheit, für Licht und Luft, für Wärme und richtige Kühle, mit einem Wort für alle Erfordernisse zu einem gesunden und behaglichen Wohnen, und damit zu einem schönen und der Würde des Menschen angemessenen Familienleben und zum Genusse edler Freuden gesorgt.
10.
Aber dem Fritz fehlte noch etwas. Das bemerkten auch Heiri und Liese; nur Liseli hatte keine Ahnung davon, wenigstens that sie, als merkte sie nichts. „Ich weiß nicht, was der Fritz hat; er kommt nicht mehr so oft zu uns in die Stube herunter wie früher; du hast ihm doch nichts in den Weg gelegt, Liese?“ Ich wüßte nicht was, er ist aber auch stiller als sonst. „Und früher hat er mir einmal gesagt, wenn wir einziehen bei ihm, wolle er die Kost bei uns nehmen, und hat seitdem kein Sterbenswörtlein mehr davon verlauten lassen.“ So redeten sie hin und her und erschöpften sich in allerlei Vermuthungen. Liseli hatte auch etwas wie einen Druck auf dem Gemüthe und sang nicht mehr so munter wie früher. Aber Liese dachte an ihre eigene Jugend zurück und dachte: das sei noch Folge der Körperentwicklung, war doch Liseli oft blaß und dann plötzlich wieder roth, wie wenn sie das Wechselfieber hätte.
Einst sollte Liseli Abends in die Stadt. Unter der Hausthüre gab die Mutter noch einen vorher vergessenen Auftrag. In diesem Augenblick kam Fritz heim. Aber wie er zur Hausthüre hinein und Liseli heraustreten wollte, waren beide plötzlich wie gebannt, und jedes fühlte nur die Gluth zum Kopfe steigen und das Herz gewaltig pochen. Aus lauter Verlegenheit vor einander und vor der Mutter konnte keines ein Wort herausbringen. Da ging Fritz wie gleichgültig an Liseli vorüber, sagte zu Liese mit erzwungener Ruhe seinen Guten Abend und schnell in's Zimmer hinein. – Und Liseli wußte auch nicht wie sie in die Stadt kam, und wie wieder heim; und hatte 1 Vierling Kaffee und 1 Pfund Cichorie mitgebracht und die Bändel in die Sonntagsschuhe vergessen.
Und am Sonntag Abend klopfte es an der Stubenthüre beim Heiri, und herein trat Fritz im neuen schwarzen Kleid und dem feinen Seidenhut in der Hand. Und der Fritz mußte etwas Wichtiges mit dem Heiri und seiner Frau reden und das Liseli ging trotz seiner Neugier ungeheißen in die Küche. Es muß auch recht wichtig gewesen sein, was sie zusammen ausmachten, und Liese hatte feuchte Augen, als ob ihnen das liebgewordene Logis aufgekündet worden wäre. Aber Liseli wurde endlich hereingerufen und den Abend ein extraguter Kaffee für alle Viere gemacht. Denn Fritz hatte um's Liseli angehalten, und Liseli hatte vor Thränen nicht Nein sagen können.
Im Spätherbst war die Hochzeit, und jetzt leben Fritz und Liseli im obern Stock als treues Ehepaar, und Gesundheit, Glück und Frieden wohnt im Hause bei den Vieren. Das möge ihnen Gott der Herr erhalten und reichlich mehren!