Ein Gerichtstag in der Morlakei.
Wenn ein Maler darauf ausginge zu zeigen, welch' unermessliche Menge von Farbentönen sein Pinsel hervorzubringen im Stande sei, und dabei mit ungeregelter Fantasie gerade die schreiendsten Gegensätze an Farben nebeneinander auf die Leinwand klecksen wollte: er könnte kaum ein krauseres Bild zu Stande bringen, als es der Platz vor dem Bezirksgerichte in Sign an einem Gerichtstage aufweist. Männer, Weiber, Kinder, Pferde, Truthühner, Esel, Schafe, alles lagert da kraus durcheinander auf dem kleinen Platze, von dem zwei Stufen in die Räume des Bezirksgerichtes führen. Unter dem Thore steht der Gerichtsdiener mit einem Stocke in der Hand und wehrt vorläufig den Eingang, denn die »udienza« (Gerichtsverhandlung) beginnt nicht vor neun Uhr.
Drei Marksteine waren in dem Dorfe Vucenovich von der Stelle gerückt worden. In Folge dessen hatte sich zwischen den Eigenthümern der beiden Aecker, wovon der eine angab übervortheilt worden zu sein, während der andere jede Uebervortheilung ableugnete, ein Streit entsponnen, dessen Schlichtung um so schwieriger wurde, als eigentlich weder der eine Acker dem einen, noch der andere dem zweiten Streitführenden gehörte. Beide Aecker waren noch vor wenigen Jahren unfruchtbarer öder Steinboden und gehörten dem Staate. Beide streitende Parteien hatten mit Mühe und Schweiss jeder für sich ein Stück fremden Bodens fruchtbar gemacht, indem sie allmälig die Felstrümmer aushackten und, da sie dieselben auf einen Ort zusammentrugen, eine Art moderne Cyklopenmauer herstellten. Und als sie weiter arbeiteten, geriethen sie endlich mit der Haue und dann mit den Köpfen aneinander. Dann setzten sie die Marksteine. Diese waren verrückt worden. Und weil weder der Harambascha[32], noch der Pfarrer die Sache zu schlichten vermochten, sondern gerade im Gegentheile ein Paar Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar ordentlich in der Luft lagen, so bequemten sie sich dazu, ihren Streit vor Gericht auszutragen.
Heute ist in Dalmatien sowie anderwärts im Bereiche des österreichischen Staates die Trennung der politischen von der Gerichtsverwaltung durchgeführt; zur Zeit, in welcher unsere Gerichtsscene spielt, das ist im Anfange der sechziger Jahre, war aber der Prätor zugleich Richter und politischer Chef eines Bezirkes. In Sign war der Amtssitz eines solchen Prätors. Den Anschauungen der Morlaken entsprach diese Einrichtung viel mehr und besser, als die jetzt strenge gesonderte Wirksamkeit des Bezirksrichters von jener des politischen Chefs oder Bezirkshauptmannes. Bestehen doch heute noch in der angrenzenden türkischen Provinz Bosnien noch ganz ähnliche Verhältnisse, wo sogar der politische Chef eines Bezirkes, der Richter und auch der Steuereinnehmer in der Person des Muhdir's vereinigt sind. Nun fühlt sich zwar der Morlake keineswegs als Türke, aber er beobachtet türkische Sitten und Einführungen mit einer ehrerbietigen zur Nachahmung geneigten Aufmerksamkeit, weil ihm dieselben materiell und moralisch viel näher liegen, als die einen gewissen Grad von Cultur voraussetzenden gesetzlichen Zustände eines civilisirten Staates.
Ob damals, – noch vor wenigen Jahren – der Prätor mehr Pascha oder mehr Patriarch sein wollte, das hing rein von seinen individuellen Neigungen oder oft von seiner augenblicklichen Gemüthsstimmung ab. Einer Verantwortlichkeit konnte sich derselbe um so leichter entziehen, als er in seiner Eigenschaft als Richter von dem Landesgerichte, in jener eines politischen Bezirkschefs aber von der vorgesetzten politischen Behörde abhing. Darum war der Prätor ein gar gefürchteter Herr, dessen Machtspruch von den Morlaken mit derselben Ehrerbietung aufgenommen wurde, wie jener seines internationalen Amtsbruders, des nach dem Koran richtenden Muhdir's, von den benachbarten Türken.
Man darf sich unter einem morlakischen Gebirgsdorfe nicht die Vorstellung machen, die man im Allgemeinen mit dem Begriffe Dorf verbindet. Ein kleines ebenerdiges Haus ist an der Südseite irgend eines Hügels aus mächtigen halbbehauenen Quadern aufgeführt. Das mit Stroh oder rohen Schieferplatten gedeckte Dach zeigt in der Mitte eine grosse Oeffnung durch welche der Rauch entweicht und bei Regengüssen das Wasser eindringt. Den Boden dieses Hauses bildet die nackte Erde. Ein mit seinen vier Füssen in den Boden gerammter Tisch, zwei Bänke und eine in grellen Farben bemalte Truhe bilden die Einrichtungsstücke. Längs der einen Wand liegt Stroh aufgeschüttet, das manchmal mit einem groben Linnen bedeckt ist. Das ist das Bett. Ein Brett, ähnlich den Schlagbäumen in den Pferdeställen trennt das Lager der männlichen von jenem der weiblichen Familienmitglieder. Die gegenüberliegende Seite der Hütte dient als Stall für Pferde, Schafe und Kühe. In der Mitte ist auf einer Steinunterlage der Feuerherd angebracht, über dem an schwerer Kette ein mächtiger Kessel schwebt. Lange Flinten, silberbeschlagene Pistolen und krumme Handjars hängen an den Wänden. Vor dem Hause stehen gewöhnlich ein Paar Nussbäume oder Buchen. Zur Seite desselben ist der aus Steinen erbaute Schweinstall. Das ist ein Haus des Dorfes. Vielleicht steht auf Büchsenschussweite ein zweites, drittes oder viertes. Vielleicht aber ist es eine gute halbe Stunde bis zum nächsten Hause, das mit peinlicher Genauigkeit dem erstbeschriebenen gleicht. Zwölf oder fünfzehn solche Häuser bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist Vucenovich.
Morlakische Familie auf dem Wege zur Prätur in Sign.
Der Harambascha und der Pfarrer hatten einen heissen Nachmittag gehabt. Der Pfarrer hatte sein türkisches Pferdchen gesattelt und sein rothes Regendach hervorgeholt, um die beiden streitenden Parteien, die jeder in einer anderen Richtung eine Stunde vom Pfarrhause entfernt wohnten, womöglich zu einem Vergleiche zu bewegen. Mit ihm war der Harambascha gegangen, mit einem Arsenal voll Waffen im Gürtel und einer unmässig langen Flinte auf der Achsel. In beiden Häusern hatte man sie mit jener aufmerksamen Zuvorkommenheit empfangen, die zwei solchen Standespersonen gebührt. Hüben und drüben hatte der Domachin[33] sie eingeladen auf der Steinbank vor dem Hause Platz zu nehmen und der Domachizza[34] aufgetragen, Kaffee zu bereiten. Hüben und drüben hatten die Zwei mit dem Domachin lange und ernste Gespräche gehalten, die von Seite des Harambascha und des Domachin mit unterschiedlichen Flüchen gewürzt wurden, aber hüben und drüben hatten sie nichts erreicht. »Der Gospodine[35] Prätor soll entscheiden,« hiess es immer wieder, und was er bestimmen würde, solle geschehen. So konnten die Beiden nichts thun, als die Vereinbarung treffen, dass die eine Partei um drei, die andere um vier Uhr Früh vom Hause aufbreche, sonst möchte es noch Pistolenschüsse oder Hiebe mit dem Handjar geben, wenn sie auf der Strasse zusammenkämen. Das wurde zugesagt. Und so geschah es. – – –
Mit dem ersten Morgengrauen bewegt sich aus dem kleinen Hause heraus die Caravane. Voran der Domachin in seinem schönsten Gewande. Er hat das rothe silbergestickte Leibchen an und über die Achsel die braune Jacke von grober Schafwolle, deren Ecken vorn mit grünem Tuch besetzt und mit rothen Troddeln verziert sind. Um seine niedere rothe Mütze ist ein schmieriger vielfarbiger Turban gewunden. Ein langer Zopf baumelt ihm rückwärts herab, den die Domachizza gestern noch mit frischer Butter tüchtig gesalbt hat, – am Ende desselben sind schwarze Schnüre eingeflochten, die kleine Bleikugeln tragen. Weite, weisse Hemdärmel flattern um seine nervigen behaarten Arme. In den Fächern des breiten ledernen Gürtels stecken ein Paar silberbeschlagene Pistolen und ein krummgebogener Handjar nebst einem kurzen, scharfen Messer. Blaue türkische Beinkleider und Sandalen von rohem Leder vervollständigen seinen Anzug. Seinen Mantel hat er über den plumpen Holzsattel des kleinen Pferdes geworfen, die Fersen in zwei Schlingen gesteckt, die vom Sattel herabhängen und ihm als Steigbügel dienen. Ueber die rechte Schulter ragt die lange mit Steinschloss versehene Flinte, in der linken Hand hält er den unvermeidlichen Tschibuk. Zu beiden Seiten des Sattels baumelt je ein Paar fest an den Füssen zusammengeschnürter Hühner und an dem Schwanze des Pferdes ist an einem Stricke ein Schaf angehängt, das meckernd und widerwillig hinterherläuft. Hinter dem Schafe wandelt die Domachizza. Ein bis an die halben Waden reichendes auf der Brust offenes Hemd, ein eben solcher leinwandener Unterrock und ein langes Kleid von weissem, selbst gewebtem Schafwollstoffe, das, da es vorne ganz offen ist, eine entfernte Aehnlichkeit mit einem riesigen Frack hat, ist ihre Bekleidung. Auf dem Kopfe trägt sie ein rundes Gefäss von dünnem Holze, das einer Schachtel ohne Deckel und Boden gleicht, über dasselbe ist ein weisses Tuch unter dem Kinn zusammengebunden. Am linken Arme hängt ihr ein Körbchen mit Eiern, in dem bunten Gürtel, der sich um ihre Hüfte schlingt, steckt ein langes in einen Dreizack auslaufendes Holz, das ihr als Rocken dient und einen Busch Schafwolle trägt. In der rechten Hand hält sie ein mit einer kleinen Scheibe versehenes rundes Holz, das sie mit den Fingern in drehende Bewegung setzt. So spinnt sie während des ganzen Marsches. Mit ihr laufen zwei Kinder von acht bis zwölf Jahren. Man weiss nicht, ob es Knaben oder Mädchen sind, denn ihre Bekleidung besteht gleichmässig aus einem langen Hemde, einem rothen Gürtel und einem gleichfalls rothen Käppchen. So ziehen sie fünf Stunden weit zu Gericht, nach Sign, zuerst im Morgengrauen, dann in der sengenden Sonnenhitze, ohne je Halt zu machen, ohne ein Wort zu sprechen, der Mann zu Pferd und rauchend, das Weib hinter ihm ausschreitend und spinnend. So sind die Familien mit Kind und Kegel herangezogen von allen Seiten zum Gerichtstage und so haben sie sich zusammengefunden vor der Prätur in Sign. – – –
Es schlägt neun Uhr und der Gerichtsdiener schiebt sich etwas beiseite, um die Leute einzulassen. Flinte, Pistolen, Handjar und Messer werden jedem Einzelnen abgenommen und aufbewahrt, dann treten sie in das weite Vorgemach des Gerichtshauses. Die Männer wickeln sich langsam den Turban vom Kopfe, um beim Eintritte in das Zimmer auch die rothe Kappe abnehmen zu können, – die Weiber, die allenfalls vorgeladen sind, nehmen das Körbchen mit den Eiern mit sich. Die Männer rauchen, die Weiber spinnen.
Die Thüre des Zimmers öffnet sich und der Gerichtsdiener ruft in die Versammlung: »Mate Vucenovich!«
Zwei baumstarke Morlaken, wahre Hünengestalten, erheben sich gleichzeitig von der um das Zimmer laufenden Bank und antworten: »Evo!«[36]
Der Gerichtsdiener wirft einen Blick auf das Blatt Papier, das er in den Händen hält, und ruft abermals, indem er sich deutlicher erklärt: »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia!«[37]
Abermals antworten ihm die beiden kräftigen Stimmen: »Evo!«
Das ist dem Gerichtsdiener wohl schon häufig vorgekommen. Sämmtliche Einwohner des Dorfes Vucenovich heissen nämlich Vucenovich, beide Vorgeladenen heissen Mate[38] und beider Väter hiessen Ilia. Es ist ein verwickelter Fall, aber der Mann weiss sich zu helfen. »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante!« erschallt der an die Bibel mahnende Ruf, – und dies Mal ist es nur Einer, der ihm antwortet.
Der Prätor hat einen Uniformrock auf dem Leibe und eine schwarze Sammetmütze auf dem Kopfe. Er ist zufälligerweise nicht Pascha, sondern Patriarch. Darum empfängt er den Kläger mit einem derben Schlag auf die Schulter und fragt ihn, wie sich die Ernte angelassen. Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante fühlt sich überaus geehrt durch solchen Empfang und hegt überdies die Meinung, dass ein Prätor, der ihn so vertraulich empfängt, ihm unmöglich Unrecht geben kann. Darum steckt er seinen Tschibuk verkehrt zwischen Haut und Hemde in den Rücken, so dass die Pfeife gleich einem Wahrzeichen über seinem halbrasirten Kopf hinaussieht und fängt an den Casus zu erklären. Der Prätor lässt ihn ruhig aussprechen und gibt ihm immer Recht. Und da er fertig ist, wird wieder die Thüre geöffnet und dies Mal der »Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave«[39] gerufen.
Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, wird bei seinem demüthigen Eintreten ganz wie sein Widersacher von dem Prätor empfangen. Ganz wie dem Ersteren nickt ihm der Prätor seine Zustimmung bei jedem Absatze der langen Rede zu, und ganz wie jener möchte Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave, darauf schwören, dass Gospodine Prätor, der so freundlich mit ihm ist, ihm unmöglich Unrecht geben könne. Soweit verläuft alles hübsch ruhig und friedlich. Als aber jetzt der erste Mate dem zweiten Mate antworten will, erheben Beide ihre mächtigen Stimmen, dass die Fenster klirren, und wer an derlei Scenen nicht gewöhnt wäre, wie es der Prätor ist, der würde kaum glauben, dass es ohne Mord und Todtschlag abgehen könne. Das käme vielleicht auch vor, aber Pistolen und Handjars und Messer ruhen beim Gerichtsdiener!
Jeder Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, behauptet unter grässlichen Flüchen, dass er die Gerechtigkeit seiner Sache feierlich beschwören könne. Jeder von ihnen lässt Drohworte ertönen, zwischen denen man ordentlich die Pistolen knallen hört und den Handjar blitzen sieht.
Da legt sich der Prätor in's Mittel. »Wem hat das Feld gehört, ehe Ihr es zu bearbeiten anfingt?«
Beide verstummen.
»Ich glaube, Ihr lasst die Marksteine stehen, wo sie sind,« sagt der Prätor, »und wenn Ihr nicht in Ruhe und Frieden nach Hause geht, so werden wir im Steueramte fragen, wem eigentlich das Feld gehört. Seid Ihr's zufrieden?«
Die Köpfe der beiden Mate hängen zu Boden, ihre Zöpfe richten sich auf.
»Brate,«[40] sagt Mate Vucenovich des Ilia und des Ante zum Mate Vucenovich des Ilia und Pave, willst Du Frieden machen? Ich gebe ein Lamm und Du gibst den Wein, willst Du?«
»Brate, Du hast Recht,« antwortet der Enkel des Pave und sie umarmen und küssen sich und möchten auch dem Prätor in ihrer Freudenbegeisterung dasselbe thun, der sich aber hinter den Tisch zurückzieht.
»Falavi, Falavi, Gospodine Pretur,«[41] tönt es von Beiden und unter linkischen Bücklingen entfernen sich die versöhnten Widersacher aus der Gerichtsstube. – – –
Es kommt aber ein Nachspiel. Die beiden Weiber der beiden Mate drängen sich über die Stiege hinauf. Sie halten Jede ein Körbchen Eier in der Hand und Jede von ihnen zieht ein meckerndes Schaf an einem Stricke nach sich. Das wollen sie dem Prätor für sein Urtheil schenken und deswegen haben sie beides mitgebracht. Sie drängen sich auch richtig in's Gerichtszimmer, aus welchem sie jedoch der Prätor hinauswerfen lässt, die Weiber, die Schafe und die Eier.
Die Marksteine bleiben aber wo sie sind und morgen ist grosses Gastmahl in Vucenovich, gegeben von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Ante und von Mate Vucenovich, Sohn des Ilia, Sohnes des Pave.