Ein türkisches Schnupftuch.

Ehrsame Frauen, sowie nicht minder Jungfrauen, bei denen die Sittsamkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, mögen ohne alle Scheu diese bescheidenen Zeilen zu Ende lesen, sie werden, wenn auch ein türkisches Schnupftuch den Gegenstand derselben bildet, keineswegs darin jener verfänglichen Ceremonie oder gar der Folgen dieser letzteren Erwähnung finden, die einem althergebrachten, darum aber nichtsdestoweniger unwahren Gerüchten zufolge zwischen Sr. Majestät dem Sultan und seiner jeweiligen Auserwählten stattfindet und deren an und für sich höchst unschuldige Einleitung in dem Zuwerfen eines Schnupftuches besteht.

Ich sehe es noch vor mir, ein langes und schmales Stück durchsichtigen Gewebes, den Rand mit sonderbar krausen, tausendfach verschlungenen Arabesken bedeckt, die eine kunstgeübte Frauenhand in Seide darauf gestickt! Gold- und Silberfäden schlängeln sich, als ob sie verfolgt würden, in sichtbarer Hast durch das farbenglühende Labyrinth, um nach langer Suche ihren glitzernden Lauf wieder da aufzunehmen, wo sie ihn eigentlich enden sollten. Und was mich durch das feine Gewebe anblickt, sind viele, viele unschuldige Kinderaugen, die, überrascht und erschreckt vom ersten Anblicke der Aussenwelt, es noch nicht ahnen können, dass die wirren, von dem gleissenden Silberfaden durchschlungenen Windungen der krausen Arabesken ein Bild ihres eigenen zukünftigen Erdenwallens seien.

Wie ich das Schnupftuch erhalten und was daraus geworden, das will ich klar und bündig erzählen.

Von einem langen und beschwerlichen Ritte ermüdet, hatte ich die ganze Nacht so fest geschlafen, dass weder der empfindliche Frost, noch die dicken Regentropfen, die durch die Risse meines Schlafgemachs eindrangen, mich hatten erwecken können. Was Kälte und Nässe nicht vermocht hatten, das bewirkte aber die kräftige Stimme meines Wirthes vor der Thüre des Gemaches mit ihrem »Dobro dan, gospodine«![42] Die Thüre öffnete sich und vor mir stand, mir die Hand nach abendländischer Weise zum Grusse bietend, eine hohe, etwas vorwärts gebeugte Gestalt, von deren Schulter ein langer dunkelrother Mantel in malerischen Falten bis zur Erde floss. Auf dem von der Stirne bis zum Scheitel rasirten Kopfe sass der Fez, der rückwärts eine Fülle blonden Haares herausgleiten liess; dunkle, von scharfgezeichneten Augenbrauen beschattete Augen, ein kleiner Schnurrbart in dem offenbar nicht mehr als fünfundzwanzigjährigen Gesichte, eine reich mit Gold gestickte blaue Jacke, ein paar Pistolen und ein langes Messer in dem buntseidenen Gürtel, weitfaltige rothe Beinkleider und die nackten Füsse in gelbledernen Pantoffeln – das war mein Hauswirth und Freund Mahmud Firdus Beg.

Ritt durch die Waldungen von Mahmud Firdus Beg.

Mein Aufenthalt in Sign hatte mir die Gelegenheit verschafft, Mahmud Firdus Beg's Bekanntschaft zu machen. Einmal einen lebendigen türkischen Pascha zu sehen, war immer meine Jugendsehnsucht gewesen. Nun war mein Freund Mahmud zwar kein Pascha, wohl aber der Sohn eines solchen, eines Paschas, der in den Vierziger-Jahren als Gouverneur von Bosnien bei einer kleinen Revolution ermordet worden war. Der alte Firdus mochte gut und echt türkisch gewirthschaftet haben, denn er hinterliess seinem Sohne Mahmud ein Besitzthum, gross genug, um mit seinem Erträgnisse besser leben und mehr Aufwand machen zu können als irgend ein anderer bosnischer Grundbesitzer. Mahmud Firdus Beg suchte aus seinem ausgedehnten Besitze so viel herauszuschlagen als nur immer möglich; er lieferte Baumrinde, Harz und Eicheln aus seinen Wäldern, Getreide von seinen Feldern und Häute nach Spalato an irgend einen pfiffigen Griechen, der natürlich das Menschenmöglichste that, ihn zu übervortheilen; er hielt sich ein Heer von faullenzenden, in Roth und Gold gekleideten, bis an die Zähne bewaffneten Dienern, einen prächtigen Marstall, – hatte aber nur eine Frau in seinem Harem, denn Mahmud Firdus Beg war ein aufgeklärter Türke, oder wollte wenigstens für einen solchen gelten; darum richtete er sich nach dem Grundsatze: »Je weniger Weiber, desto mehr Aufklärung« – und machte jährlich eine Reise – mindestens bis Triest. Einmal war er sogar in Wien, »u becu«, wie er mir slavisch erzählte, aber dort gefiel es ihm nicht.

Wenn man vom Schicksale dazu auserlesen ist, in einem Orte wie Sign, dem nordöstlich von Spalato und nahe an der türkischen Grenze gelegenen Vororte der eigentlichen Morlakei, zu leben, so ist man eben nicht wählerisch in seinem Umgange. Und so war Mahmud Firdus Beg mein Freund geworden und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mich jedesmal zu besuchen, so oft er bei seinen häufigen Reisen nach oder von Spalato Sign passirte. Bei dieser Einkehr hatte ich ihn auch meiner Frau vorgestellt und so kam es, dass er vorläufig unser Gast war und durch sein mit nahezu kindischer Urwüchsigkeit vorgebrachtes Geplauder uns über die Eintönigkeit so mancher Abendstunde hinweghalf.

Einmal überraschte er uns, indem er gegen alle türkische Sitte uns Grüsse von seiner Frau und die Ankündigung überbrachte, dass dieselbe seit Wochen mit dem Sticken eines Schnupftuches für meine Ehegesponsin beschäftigt sei. Zugleich lud er mich ein, ihn selbst einmal zu besuchen, oder vielmehr die Reise in seiner Gesellschaft zu machen und das erwähnte Schnupftuch abzuholen. Seine Frau, meinte er, könnte ich allerdings nicht sehen, weil die türkischen Sitten das nicht zugäben; selbst das Haus, in welchem er mit seiner Frau wohne, dürfte ich nicht betreten, dafür aber würde er mir das Gebäude zeigen, das er für seine Dienerschaft errichtet, den Stall, seine Aecker und, wenn ich wollte, auch seine Wälder.

Mich hatte es schon lange verlangt, einen Blick in die bosnische Wildniss zu werfen, und so nahm ich die Einladung nicht ungern an.

Am darauffolgenden Tage waren wir kurz nach Mittag aufgebrochen, hatten über das Gebirge Prolog, über welches damals, in den Sechsziger-Jahren, noch keine Strasse führte, bergauf, bergab, durch zerrissenes Felsengeklüfte einen halsbrechenden Ritt gemacht, waren bei Einbruch der Nacht in der weiten, wasserdurchzogenen Ebene von Livno angekommen, rasteten in einem türkischen »Han«, in welchem wir nichts als schwarzen Kaffee und Feuer für unsere Tschibuks fanden, wurden in pechfinsterer Nacht von den Wolfshunden einer Schafheerde angegriffen, von denen Mahmud ohneweiters einen niederschoss, und kamen endlich bei dem einsam liegenden Besitzthum meines Freundes an, als ich, von der Kälte der Octobernacht und dem fein herabrieselnden Regen halb erstarrt, mich kaum noch auf meinem Pferde halten konnte und schon sämmtliche Türken, gestickte Schnupftücher und bosnische Ebenen in das Land verwünscht hatte, wo der Pfeffer wächst.

Ein Dutzend in rothe, goldgestickte Jacken und blaue Pumphosen gekleidete Gestalten, von denen jede eine Kienfackel schwang, empfing uns vor einem thurmähnlichen Gebäude, dessen unterstes Geschoss dem Geruche nach einen Pferdestall zu enthalten schien, und geleitete uns über eine hölzerne, von Aussen angebrachte Treppe in ein vollkommen kreisrundes Gemach, das von einer in der Mitte desselben aufgehängten Oellampe und von dem Feuer erleuchtet wurde, welches in einem offenen Camine flackerte. Vor letzterem kniete ein martialisch aussehender graubärtiger Türke, – wie ich später erfuhr, ein ehemaliger türkischer Gendarm, – und kochte in einer grossen kupfernen Pfanne Kaffee. Rund um die roh angeworfene Wand lief ein gegen dieselbe sanft aufsteigender Bretterboden, der mit grossen Teppichen bedeckt war – der Dienerschaft Lagerstätte – und zahlreiche, wirr durcheinandergeworfene Polster dienten als Kopfkissen.

Die Diener – ich zählte deren sechsundzwanzig – nahmen mir und ihrem Herrn die Reisekleider ab und präsentirten Jedem von uns einen Tschibuk. Mahmud Firdus Beg nahm auf zwei übereinandergelegten Polstern in der Mitte des Zimmers mit untergeschlagenen Beinen Platz und lud mich mit höchst würdevoller Handbewegung ein, das Gleiche zu thun. Hierauf credenzte uns der Graubart auf einer grossen silbernen Untertasse zwei winzige Becher mit schwarzem Kaffee und bediente sodann ebenso der Reihe nach sämmtliche Diener, welche, nachdem wir uns gesetzt hatten, mit der grössten Ungenirtheit ihre Tschibuks zur Hand nahmen und rauchten, als ob sie unter sich wären.

Während ich noch mit Interesse das Gemach, meine Umgebung und die prächtigen Waffen musterte, die an der Wand hingen, überraschte mich mein Freund und Gastwirth mit der sehr unangenehmen Bemerkung, dass es bei ihnen nicht Sitte sei, des Abends etwas anderes als schwarzen Kaffee zu nehmen, dass er jedoch hoffe, ich werde mir morgen das – Mittagmahl desto besser schmecken lassen. Das war allerdings ein sehr windiger Trost für meinen knurrenden Magen, aber ich konnte, um nicht unhöflich zu erscheinen, nichts anderes thun, als mich in das Unvermeidliche fügen und sofort mein Schlafgemach aufzusuchen. Mahmud schritt voran, steckte vor der Thüre seine blossen Füsse wieder in die gelben Pantoffel, die er draussen stehen gelassen und führte mich mit ruhig feierlichem Wesen, als ob sich von Augenblick zu Augenblick ein Prachtgemach meinen erstaunten Blicken darbieten sollte, über eine zweite wacklige Treppe in einen Raum, der dem inneren Theil einer Kuppel ähnlich sah und der, wenn er die eine oder andere lückenartige Oeffnung gehabt hätte, für ein Taubenhaus hätte gehalten werden können. So aber konnte ich ausser der Thüre, durch die wir eingetreten, keine Oeffnung bemerken, als die fingerbreiten Risse in den Bretern, aus denen dieses Denkmal neutürkischer Baukunst gezimmert war, und durch welche der Regen hereinfliessen sollte, der mich windelweich durchnässte. Und drum war ich ganz froh und glücklich, als mich des anderen Tages der frühe Morgengruss meines Freundes Mahmud Firdus Beg weckte.

Ich sprang auf und folgte der Einladung meines Gastwirthes, im Gelasse der Diener den Morgenkaffee einzunehmen, der uns wieder von dem graubärtigen Türken unter Zugabe des obligaten Tschibuks geboten wurde. Mahmud sagte mir während des Frühstücks in gebrochenem Italienisch – um von den Dienern nicht verstanden zu werden – dass seine Frau ihm aufgetragen, mir Grüsse an meine Frau aufzugeben, und dass sie der Letzteren vielmals für das Zuckerwerk danke, welches ich ihr in einer grossen Schachtel, die während unseres Rittes an dem Sattelknopfe des Pferdes eines der Diener baumelte, mitgebracht hatte.

Unterdessen wieherten die Pferde, die unten vor der Stiege für uns bereit standen, um einen Ritt durch die Besitzung meines Gastfreundes zu machen.

Traurig und öde genug war das, was sich meinen Augen bot – langgestreckte, stundenweit sich ausdehnende Gründe, die nicht bearbeitet waren und die nicht werden besäet werden, bis eine andere als die türkische Regierung über das Wohl und Weh jener jungfräulichen Länder zu entscheiden haben wird – prächtige Eichenwälder in ungebrochenem Bestande, in denen hie und da die alten Baumriesen todt und halbverfault auf dem Boden lagen, während aus ihrem ehrwürdigen Leibe ganze Generationen jungen Nachwuchses hervorspriessen – ungeschlachte, elende, halbnackte Bauern, beinahe durchwegs bosnische Christen (wie ihr Anzug wies), deren Verkommenheit ihnen kaum erlaubt, dort des Lebens dringendste Nothdurft einzuheimsen, wo der Natur verschwenderisch ausgestreute Fülle sich ihren blöden Augen bietet – elende Lehmhütten über die Ebene sparsam zerstreut, in deren jeder eine ganze Familie mit ihrem Viehstande haust – über das Ganze die grauen Regenwolken eines trüben Octobertages, einförmig, schier endlos ausgespannt über die weite Ebene und durch nichts unterbrochen, als durch eine unzählbare Menge schwarzer Punkte, – Falken, die, ruhig an einer Stelle schwebend ihres Raubes harrten!

Und wie wir so dahinsprengten durch die düstere Landschaft, mein Wirth auf seinem Rappen mit dem im Winde von seinen Schultern flatternden dunkelrothen Mantel, ich mit trüben Gedanken die trostlose Wirthschaft betrachtend und hinter uns ein kleiner affenartig aussehender Mohr auf unmässig hohem Gaule, da schien es mir selbst beinahe, als ob wir nicht von Fleisch und Blut wären, sondern als gespenstische Reiter in den Wind hinein ritten über die unabsehbare, öde Ebene.

Was ich sonst noch im Heim Mahmud Firdus Beg's gesehen, wie wir gegessen und was wir gesprochen, übergehe ich, um endlich zum Schnupftuche zurückzukehren und zu berichten, was mit demselben geschehen ist.

Nun, die Sache verhält sich viel einfacher als meine Leser vielleicht nach so langer Einleitung voraussetzen mögen. Meine liebe Frau hat mir acht Kinder geschenkt, unser Herrgott erhalte sie! Die beiden Aeltesten sind Dalmatiner, haben aber bisher noch Keinem die Nase abgeschnitten; die späteren sind anderwärts zur Welt gekommen – Alle aber wurden mit des Türken Schnupftuch zugedeckt, als man sie zur Taufe trug. Es war auch das Beste, was man mit dem farbenschillernden Nichts thun konnte, denn zum Nasenreinigen nach abendländischen Begriffen taugte es einmal durchaus nicht. Anders freilich ist's bei einem Türken; der benützt die Hand dort, wo wir ein Schnupftuch brauchen und reinigt sie dann an dem seidengestickten Gewebe.

Als aber mein achtes Kind zur Taufe getragen war und eine holdselige und wunderschöne Dame Pathenstelle bei demselben vertreten hatte, da wickelte ich Mahmud Firdus Beg's Tuch fein säuberlich zusammen, ging zur schönen Pathin und sprach: »Verehrte, gnädige Frau! Wenn in alten Zeiten ein Raub- oder anderer Ritter nach langen Kreuz- und Querzügen, nach so und so vielen Schlachten und Gefechten heimgekehrt war in seine Burg, da pflegte er wohl Waffen und Rüstzeug zu nehmen und sie vor irgend einem mehr oder weniger wunderthätigen Gnadenbilde aufzuhängen. Ich bin kein Ritter und habe weder Waffen noch Rüstzeug – aber nachdem bereits mein achtes Kind mit diesem farbenbunten Gewebe auf seinem ersten Gange zur Kirche verhüllt gewesen, erlaube ich mir, Ihnen Mahmud Firdus Beg's Schnupftuch zu Füssen zu legen.«

Die holdselige und wunderschöne Dame erröthete ganz prachtvoll und sagte mir, ich möge meine Frau recht herzlich grüssen. Ihr Lächeln schwebt mir aber noch heute vor.