Erstes Kapitel.

Weinheim. Graf M. — J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die Burschenschaft. Ms. Duell. — Js Rappierjunge.

»Wie heißt diese Station?«

»Weinheim. — Sie ist die letzte vor Heidelberg.«

»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J. darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«

M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.« Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«

»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,« lautete die Antwort.

»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.

»Und denn will sich der Ort noch Weinheim nennen. Die einzigste Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht wird. Wasserheim sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.

»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort unserer Bestimmung zu gelangen.

»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.

Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. — Wir waren dort Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.

Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl vor sich her trieb.

»Maulthier,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der Burschensprache.

Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein älteres Aussehen verdankte, — und zwar dahin bewilligt, daß er behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.

J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.

Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.

»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.

M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.

»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn Beinen,« beanfragte der Fremde.

Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. — Ist es mir doch noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche Zeit der Ideale schwelgt.

Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, — zum Geständniß seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt einnimmt. —

Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. — Sobald es Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. — Aber das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.

Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.

Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht, das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.

Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht weiter konnte. —

Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.

Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.

Der Eindruck war unbeschreiblich.

Der Postillon führte uns zum goldenen Hecht, auf ausdrückliches Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der Stelle:

»Zum blauen Hecht trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«

dabei erinnerte.

M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in Heidelberg erkundigen.

Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima Heidelbergs.

»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit ausgestreckter Hand anredete.

Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor, wenn ich Unverdauliches gegessen habe.

»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder höher als eine Pistole anschlagen.«

Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. — Ich habe viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, — doch weg mit allen Klatschereien, sie sind alle todt, requiescant in pace.

Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten Türken.

Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal entschuldigen.

Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den Mittagstisch genommen.

Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.

Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen Schaden, annahm. —

Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche Verbindung wir treten wollten. — Ich hatte von den Burschenschaftlern die Arndtschen Lieder:

»Was ist des Deutschen Vaterland?«

»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«

so wie das Körnersche:

»Wie wir so treu beisammen stehn.«

gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu können. —

Ich eröffnete dies M.

Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.

Ich trat in die Burschenschaft.

Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. —

Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M., mit einer klaffenden Wunde in der Brust. — Ein feindlicher Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N., war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche auch ich verwickelt war.

Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.

In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.

Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.

Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr zurück nach Heidelberg.«

S. that wie ihm der Engel geheißen.

Chelius aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.

Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.

Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. —

Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt hatte. —

Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die er gar nicht kannte, erlaubt hatte.

R — bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen werth.«

Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften Rappieren.

»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that, einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir einen.«

»Du Fuchs!« lachte N.

N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er nahm ihn daher sich »sûr« wie die Studenten es nennen.

Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.

N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus dem Munde geschlagen.

Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.

Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.