Zweites Kapitel.
Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, Wambold, Morstadt, Uexküll.
Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch Göthe, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht hatte. — Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der Mephisto, sit venia verbo, hatte die Gestalt des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre 1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.
Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen die Boißeréeschen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre Urheber ausgerufen haben soll: Das waren noch Dichter! Bei dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:
»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« erreichen zu können. Wolfgang erklärte aber rundweg, er wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für den envagé seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. Göthe blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«
Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist Ludwig Robert gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder Rahels, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen »Ich« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. — Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen« — Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. —
Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen für Sie zu schreiben, geziemt uns nicht.«
»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf er ihm nicht sagen; daher wird Robert, weil er Kobbe sehr lieb gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.
Ihr Robert«
Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.
Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. — Freilich demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«
Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig Roberts so wenig Epoche gemacht haben, und selbst jetzt selten genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. — Denn in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz Jahnisch und Arendtsch; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor die Augen der Leser bringen. Roberts »Kämpfe der Zeit« erregten einen rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel, dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. — Wenig bekannt ist Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein Beifall zollendes Publikum erworben hat.
An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große pecuniäre Opfer erlößte. — Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. — Ihr Herz brach mit seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet. Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«
Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück, welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit, den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier Hirschhern zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:
»Hirschhern kräftig gegen Schwindel,
Wenn man weiß nicht aus noch ein,
Muß verwahrt mit einem Spündel,
Alsobald verschlossen sein.
Darum halt ihn fest im Glase,
Jenen Geist, der sonst verfliegt;
Sonst behältst Du wohl die Nase,
Aber nichts woran sie riecht.«
Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.
»Was willst du singen?
Willst Du singen ein lustig Lied?
Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser
Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,
Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
Das Schiff läuft aus,
Kommt wieder nach Haus.
Ich fliege nicht auf dem Wasser
Mit Well’ und Freude.
Was willst du singen!
Willst du singen ein traurig Lied?
Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer
Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz
Wie einen Eimer in die Tiefe,
Verlorenes zu schöpfen:
Sänger traurigen Liedes
Stehet im segelnden Schiffe still,
Meinet, meinet nicht fortzugehn.
Kein lustig Lied, kein traurig Lied
Willst du singen?
Schweigen will mein Herz?
Nicht schweigen!
Singen will es sehnend Lied!
Wer singet ein sehnend Lied,
Solche Stille Schauer erfährt,
Als wer von Land und Freunden schied
Und das weite Meer befährt,
Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,
Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,
Sehnend Lied ist mitten auf der See:
Unten Liebe oben Himmel,
Nirgends Land;
Und aus Wolken und aus Wasser
Eine ausgestreckte Hand.
Auf einander Wellen reiten,
Gegen einander Winde streiten,
Sausen, Brausen,
O wie schön, schön
Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«
Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:
Im Walde.
Im Wald ist es herrlich!
Im Wald ist es herrlich,
Am Abend ist schön im Walde gehn,
Die Bäume wie stille Freunde stehn,
Aus jedem Strauch die Liebste tritt,
Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,
Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!
Welch wonniglich Graun,
Da hinnein zu schaun!
Der Wind durch die Zweige sehnend streicht
Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,
Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt
Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt
Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.
Als ging’s im Himmel hinnein
Ist hier mit der Liebsten seyn,
Schneller kann keine Reise geschehn,
Als mit dem Monde zu gehn.
Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit
Ist die ganze reiche Herrlichkeit,
Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.
Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast mit dem unglücklichen Obersten Massenbach, welcher sich vor seiner Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. — »Mein Gott, wie kann man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«
Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne Flitterwochen.
»Ich hin sonst allen Menschen gut
Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«
möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen empfunden habe.
Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten Erröthen, bedanke. —
Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine Scheidung von Tisch — wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des Gegenwärtigen war.
Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean Paul Richter, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der geistreiche Börne in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser, die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle, Festordner, Adjudanten und Chapeaux d’honneur bilden, wurde von der Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen, die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte. Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.
Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. — Andere Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten die Worte: Es lebe Jean Paul[1], der große Dichter, der deutsche Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner Melodie auf die Töne des »God save the king« gepfropft. Jean Paul erschien beim ersten gehörten Ausruf. — Die breite Stirn, das nur vom Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun, dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«
Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul, »hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«
Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts. Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei, den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur Rückkehr. — Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund, den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.
In jener Zeit war ein Clair-voyant in Heidelberg, welcher ein sehr großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der Mann hieß wenn ich nicht irre »Auth,« war der Sohn eines Quacksalbers und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig, und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist, ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte, als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.
Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das Collegium medicum und namentlich der Professor Tiedemann sei beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants Auth zu untersuchen und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit Auth auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe, sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe verschwinden lassen.
Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern. Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und in die beste Laune gerieth.
Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag bildete die Nachwelt.
In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student, den ich Meier nennen will, und der immer mit den größten Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen. Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«
»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren, »ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«
Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt schon auffinden.
Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte, das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist. — Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken, soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die Höhlen der Vorstellung geflohen sein.
Heinrich Voß war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem andern Sinne nannte, das puer heidelbergensis. Von sechs bis zwölf arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung, dann ging er zum Vater und las dem seine pensa vor. Sein ganzes Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern, stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den Tod des corpulenten Mannes erfrühen. — Einer der Genossen seiner Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger Schule angestellte Professor Martens, ein wohldenkender aber stets regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß, noch mehr aber den dänischen Dichter Holberg anerkannte, den er, wie ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.
Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit derselbe zu helfen bereit war.
Heidelberg, den 18. October 1817.
»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen, verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen, wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu unterzeichnen.«
Dr. Heinrich Voß,
Professor der Philosophie auf der
hiesigen Universität.
Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe dinirten, ist ein Domherr v. Wambold zu rechnen, ein Epikuräer, im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum gegründet hätte; dann — Morstadt mein alter Freund, dieses Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier, und wenigstens esprit pour quatre, hat, und ein origineller Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und Soupers meines Lebens verlebt.
Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet, günstig geäußert hatte.
Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur Speisen, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. — Dann ging der alte Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden bewogen habe. — »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. — Er zog jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam, sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« — Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ ausweichend zu bescheiden.