Drittes Kapitel.

Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen. Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.

Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. — Eine strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre 1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. — Hier sind übrigens die großen Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »was man Respect nennt,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen müsse, bis man die Welt verbessern könne.

Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist, welches aber doch hier seinen Platz finden mag.

Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.

In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N... als Sprecher gewählt.

von L... erschien und erklärte:

»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr. von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen, da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2 fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert: »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen. Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »Büberei.« Da v. L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N... geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N... das Wort »Büberei« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen. — N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«

von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.

N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort »Büberei« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden Sinne ausgesprochen.

Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:

Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund, nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe. Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. — Da das Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu dem Worte Büberei, welchem übrigens in diesem Lande auch nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur Kinderei bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.

V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei« zurück.

Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.

Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.

Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien, Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war aber noch bisher unterblieben. — Aber ein unglücklicher Neuseeländer, den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz tres faciunt collegium seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der Überwundene trank »smollis« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief: Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer geworden bist.

Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten, daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst, hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben, freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder wenigstens beim Pereat, (auch Lustig meine Sieben; besonders in Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim zu den Gastwirth Freund, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte uno tenore durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar einige consilirte.

War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu nennen, so überschritt er doch das Maaß. — Der Gedanke, den Biergenuß zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier gar nicht liebte, der Stifter einer Cerevisia zu werden, die im humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert habe und legte mir den Titel »Eminenz« bei. Zu gleicher Zeit erließ ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; Eminentia errare nequit (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »pour le merite,« den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, Eminentibus, Eminentia (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.« Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt, so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs, (Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch bekleidete. — Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:

»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den Tod der Biervernunft und Eminenzen.«

Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:

Nimm jetzt des Bieres Glas

Biere es aus fürbaß,

Biere mit Eil’

Daß Dich das Bier bewegt

Zur Biervernunft Dich trägt,

Daß Dein Herz bierig schlägt

Biervernunft Heil!

mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen. Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne sich von mir den Cerevissegen: Sit aqua tua cerevisia (Dein Wasser sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere Universitätsjahre vorgestern — unsere zwanzig Jahre der Trennung gestern, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe Heute sein sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn, daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen, gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm gestern zehn Kinder geboren.

Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte. Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung, sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie möglich. — Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines Biervaters, Bierkanzlers und Adoption eines Königlichen Sohnes, und als ich endlich meiner Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt zu sehen.

Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem Tode bewahrt habe.

Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der Biervernunft. — Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, eventualiter aber einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. — Bemerkenswerth ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.

Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner Thibaut und corpus juris standen stets einige Bierkrüge, welche er zum Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor — Gut war die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« — Dies Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb fünf Minuten geschehen. — Als nun X. einmal von Kameraden, die an der Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X. paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer ungeheuren Quantität Gèrevis aus dem Status der Schande.

Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des Careau König die Eminenz sei, die andern Könige »Großkreutze,« welche sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die Eminenz ausgespielt wurde. Careau König stach Alles, Careau Dame, (das Bierfräulein) den Careau Buben, (den Bierjunker) die übrigen Careaus Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist. Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen. Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:

(Melodie: Gaudeamus.)

Venit, virgo hilaris

Casum nullum timens

Sed puella rapitur

Et a rege capitur

Vah! puella cadit.

Das Kobbeschef (von jeu) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. — Schlimm für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. Gloriam quam pepere majores, digne studeat servare posteritas. Ein gewisser C. schoß sich, — eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die Vorsehung die Worte ausstieß: Weiß der Teufel ich glaube es ist ein Gott!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den Worten: »So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen.« Diese unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen befreundet war. Die Namen Gulefoky und Porten sind mir in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig duckten. Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: — »Aber! meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! (Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein Normalstaat, Holberg das größte poetische ingenium der Schöpfung und nichts schwerer als paa (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger Petrus á memoria sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird. — Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. — Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That wohl daran ihre Beispiele »von edlen Handlungen illustrer Personen« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er mehr als Familien- denn Adelsstolz hervortritt, sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie hafteten Alle in solidum unter sich, war Einer schwer erkrankt, so schienen sie alle plurig, war Einer beleidigt, so schien die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei gesprochen wurde. —

Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das Begeisternde angriff. — Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich G. ihm als meinem Übernachbar, — bei meinem Lever sofort seinen Namen zu rufen. — Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern (Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, indessen kein Arg weiter daraus gehabt. — Nun begab es sich, daß nicht gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben auf seinen Arm gestützt, schlafend. — »Ei was Herr Schwarz!« hub ich an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen und tranken im Kaffeehause ihr Bier. — Mir fällt dabei ein, daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »lusus« a non lucendo. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman Schindler in Glarus. — Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines gewilligt hatte.

Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden Herren befehdeten. Sie contrahirten:

»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein Einziger in der Kampfhalle fehlte. —

So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.

Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft. Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt, seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch seine Verwundung beendigt.

Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,« versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der Burschenschaft setze. —

Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei annullirt wurden.

Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler, worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren. Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der guten alten Zeit geseufzt.

Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer nicht des kräftigen O., des biedern F.? — Der liebenswürdige Bremer Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit, wie viel Mark der und oder habe, ob der Commerz-Deputation löblich oder wohllöblich gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze Straße des Hamburger Berges geschieden sind. — Der geistvolle Bluhme mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen Siemsen in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. —

Diese Sünden waren während meines ersten Semesters in Heidelberg unbekannt; erst der Göttinger Auszug, welcher im Herbst 1817 die Zahl der Studenten in Heidelberg verdoppelte, vergifteten das Burschenleben daselbst, das sich bis dahin in der That in einem liebenswürdigen Zustande der Unschuld befunden hatte. Namentlich riß das Dreikartspiel (Zwicken mit Fiduz) das Landsknecht, (französisch lansquene) und vor allen Dingen das sogenannte L’hombré mit Ohren, das Pharospiel ein. — Ein einziger Student, welcher gewöhnlich eine Bank von einer Pistole auflegte die er stets erneuerte, wogegen er aber wenn er gesprengt wurde nicht für alle Sätze haftete, nahm den Studenten vielleicht in einem Jahre fünfzehnhundert Thaler ab. —

Man hätte ihn gewiß consilirt und er hätte es zehnmal verdient, wenn er nicht der Neveu eines hochansehnlichen Professors gewesen wäre. Der gute Mann führte übrigens ein wunderliches Leben. Er secondirte fast in jedem Duell, oft mit Lebensgefahr, also etwa eine Stunde, legte jeden Abend zwei Stunden Bank auf, war aber dabei der fleißigste Student in Heidelberg, da er sonst Tag und Nacht studirte. »Man muß sich für seine Freunde aufopfern,« pflegte er zu sagen, sowol wenn er die Karten zum Abschlag, so wie wenn er den sogenannten Secondirprügel, ein dazu bestimmtes Rappier, zum Abmessen der Mensur ergriff.

Der Churhesse G. war dazu bestimmt, uns an den Goliath der Kurländer, dem übermüthigen W. zu rächen. Eine kräftige Quart trennte mit der Geschicklichkeit eines Friseurs die große Unschuldslocke, welche über der Wange des Gegners hing, vom bemoosten Burschenhaupt und fuhr dazu noch ziemlich tief in die fleischige Backe. Dies Ereigniß erregte allgemeinen Jubel und ist auch in der fünften Scene meines Burschenerdenwallens besungen worden. Ich ernannte G. der eigentlich kein Bier zu trinken gewohnt war, sofort auf dem Schlachtfelde zum Biergrafen von Schwernoth wie zum Großkrenz des Cerevisia.

Von den Hannoveranern ist wenig zu referiren. Außer den vortrefflichen Gebrüdern v. P., dem unglücklichen K. sind selbst meinem treuen Gedächtniß fast keine mehr erinnerlich. Ich gestehe, daß ich überhaupt wenig für diesen Volkstamm im Ganzen portirt bin. Ein alter hannoverscher Oberamtmann aus alter Zeit ist für mich immer, wenn auch ein Typus einer gewissen Diensttreue, doch auch der personificirten Langeweile und einer widerlichen Beamtenaristocratie gewesen. Es gedeihen dort keine Dichter, jede Genialität scheint verpönt, ich habe im ganzen Hannoverschen, wie oft ich dort gewesen bin, manches Belehrende aber nie eine einzige geistvolle Bemerkung gehört. Gegen zehn Uhr ist fast ein jeder Hannoveraner todt müde und es ihm fast nicht möglich, die zwölfte Stunde heran zu wachen. Er erinnert dann oft an eine Geisenheiner Uhr die nur zwei und zwanzig Stunden geht.

Mein Urtheil ist gewiß im Ganzen nicht scharf zu nennen, wenigstens von den poetischen und von dem humoristischen Standpunct aus gerechtfertigt. — Daß das Hannoversche ein tüchtiges, kerniges, arbeitsames Volk, und den besten Regenten werth ist, ja daß meine Regel auch vor rühmlichen Ausnahmen verspottet wird, wer kann das leugnen? Allein es giebt für einen Fremden keinen langweiligeren Ort als die Residenz Hannover und ihre Bewohner, und von diesen will ich hier eigentlich nur geredet haben. Daß ich vor allen Dingen die jovialen Osnabrücker hier ausnehme, versteht sich von selbst.

Merkwürdig ist es, daß in Hannover das Familienglück der Mittelstände durch eine ganz singulaire, in allen andern Orten total unbekannte Leidenschaft untergraben wird. In München vertrinkt man den Verstand in Bier, in Hamburg verfrißt man ihn durch schwere Fleischmassen, in Baden Baden verspielt man ihn am Roulett, in Elberfeld verbetet man ihn, in Paris opfert man denselben der Wollust, aber in Hannover, ja in Hannover, — es ist schauderhaft es zu sagen, aber wahr, verschlickert man ihn, in Kuchen. — — — — —

Ein jeder Reisender kann sich von dieser tiefen unumstößlichen Wahrheit überzeugen, wenn er einige Stunden bei einem Conditor zubringen will. Es ist fabelhaft, wenn ich erzählen wollte, welche Menge süßer Sachen dort von einem Einzigen verzehrt werden. Ich habe es gesehen, daß ein junger Herr an einem einzigen Morgen, bloß für Süßigkeiten anderthalb Thaler preußisch Courant verzehrte und dabei bemerkte, daß er noch mehr Krollkuchen vertilgt haben würde wenn er nicht am Morgen zu viel Chocolade getrunken hätte. Ernste ältliche Männer verkneipen dort in »Sprößgebackenem, Windsortorten, spanischen Wind, Krollkuchen u. dergl. m.« ihre ganze Gage, während Frau und Kind kaum das trockene Brod zu Hause haben. Oft kämpft zwar ein solcher Familienvater sichtlich — wie Hercules am Scheidewege, aber nur selten erfaßt er eine Zeitung oder seinen Hut anstatt der Makrone, — er wird fast nie ein Märtyrer, gewöhnlich nimmt er noch für einen Matir. —

Solche wiederholte Kraftanstrengungen, solche geistige Kämpfe führen am Ende unausbleiblich zum Stumpfsinn, der im letzten Stadio keinen warnenden Genius, sondern nur Sprößgebackenes sieht. — Selbst Blumenhagen der Dichter, war nicht frei von dieser eines Mannes unwürdigen Leidenschaft für Kuchen.

Ich habe diese Bemerkung vor einigen Wochen meinen Oldenburger Freunden an einer table d’hôte zum Besten gegeben. Während diese lächelten, rief ein zufällig anwesender Bewohner der Residenz Hannover ganz ernsthaft und mit einem andächtigen Gesicht — die Worte aus: »Jawohl Sie haben Recht mein Herr! Hannover wird untergehen durch alle seine Conditorläden.«

Man thut dem Hannoverschen Dialect eine zu große Ehre an, wenn man, wie sehr häufig geschieht behauptet, daß er der beste, und namentlich der Celler, der vorzüglichste in Deutschland sei. Es ist dies ein arger Irrthum und mag derselbe wol dadurch entstanden sein, daß jeder Buchstabe gleich betont wird, mithin das Hannoversche zuerst bescheiden und anspruchlos an das Ohr fluthet. — Die Worte erinnern dann an die Hofmänner von denen Jean Paul sagt, sie wollen sich nur gleich von Serenissimus, ohne daß Jemanden von ihnen der Vorzug gegeben wird, behandelt sehen, und sind zufrieden, wenn der Fürst auf sie, wie auf das Getäfel seines Vorzimmers nur gleichmäßig tritt. — Genießt man diese Conversation aber längere Zeit, so bekommt sie den Rang eines Wasserfalls, der Klang überwältigt den Sinn der Rede — und man schläft ein, was die Hannoveraner auch in der That unter sich früher thun, als jeder andere Deutsche Volksstamm.

Hat man das wol gesehen? lautet im wohlklingendsten Hannoverschen wie:

»Hatten dos wohhl jesehn.«

Beiläufig mag hier gesagt werden, daß wenn man nicht den bei Weitem am Wohlkingendsten Allemannischen Dialect als den besten unseres Vaterlandes ansehen will, man dem gebildeten Oldenburger oder Holsteiner, und namentlich dem letzteren im Fürstenthum Eutin, ohne alle Frage den Preis in dieser Hinsicht zuerkennen muß.

Ein großes Lob, welches übrigens die Hannoveraner trifft, ist die Nüchternheit und Mäßigkeit, welche dieselben im Allgemeinen durch den Nichtgebrauch geistiger Getränke beweisen. Namentlich gilt dies par excellence von der Klasse der Staatsdiener, und überhaupt von den Residenzbewohnern Hannovers.

Unter den Landsmanschaften zeichneten sich vor allen Dingen die »schwarz grün weißen Brüder« die »Westphalen« aus, welche sich im Jahr 1818 von den Holsteinern trennten, mit denen sie bis dahin seit vielen Jahren ein gemeinschaftliches Corps gebildet hatten. Ihr Chef war der gelehrte und herzensgute Holsteiner St., der durch den Tod seines Hundes »Peter Fix« in eine fast wahnsinnige Betrübniß gesetzt wurde. St. hatte Alles als Peripatheticker gelernt, hatte in der Schweiz, wo er sieben Male gewesen, zwei Male die Pandecten, drei Male das Criminalrecht, einmal das Lehnrecht, und so alle Wissenschaften durchgemacht. Dabei hatte Peter Fix seinen Herrn überall begleitet, sich wie dieser wacker durchgebissen. Ja im Nachtquartier hatte er sich sogar daran gewöhnt, mit seinem Herrn einige Töne zu heulen, welches St. mit großen Euphemismus, ein Duett nannte. Tief ergriff den Überlebenden daher der Tod des getreuen Vierfüßlers und nicht ohne Rührung ließ er sich ein Requiem vorsingen, das ich auf seinen Hund gedichtet hatte und wovon mir nur noch diese Strophen erinnerlich sind:

Chorus Guestphalorum.

Moestus noster flet praefectus

Et dolore est confectus,

Quia Canis interfectus.

St.

Tu mi canis, quem amisi

Quocum cecini et risi,

Mente adsis, faveas,

Neque canes occurentes

Tibi instant nune et dentes,

Terram levem habeas.

Chorus Guestphalorum.

Petre Fixe! the clamamus.

Justa tibi ut solvamus,

Et quae decent, tribuamus.

Nächst den Pommeranern haben mir übrigens die Würtemberger am meisten gefallen, wenn auch die Grazie ihnen zuweilen mangelt. Erscheinungen wie »Strauß« und »Justinus Kerner« sind Beweise, welch einen ungeheuren geistigen Umfang dies kleine Volk im Reich der Gedanken, wie in der Vorstellung hat. — Jeder Würtembergsche Pastor kann die meisten unserer norddeutschen Generalsuperintendenten in Grund und Boden examiniren, und auf gleiche Weise ist der Würtemberger in allen Disciplinen gründlich zu Hause. Unbegreiflich ist es dabei mir immer gewesen, daß sich in einer solchen Stadt wie Stuttgart, wo dazu ein Cotta neben mehreren anderen höchst ehrenwerthen Buchhandlungen residirt, eine solche Menge Buchhändlerischer Schwindeler eingefunden haben, die mir mit ihren abentheuerlichen unausführbaren Pfenningsideen immer wie uneheliche Söhne eines aufgehängten Nachdruckers und eines verhungerten Harfenmädchens vorkommen. Sie schaden den Schriftstellern ungemein, indem sie vielen, ohnehin unmündigen Lesern mit ihren wohlfeilen, verstümmelten Groschenausgaben die wenigen Groschen ablocken, welche diese vielleicht für ein besseres oder wenigstens originales nicht gestohlenes Werk der neuen Literatur zu geben hätten.

Will man das Würtembergsche Volk in socialer Hinsicht lieb gewinnen, so muß man den Koppenhöfer besuchen der über Stuttgart liegt, und eine reizende Aussicht darbietet, welche noch um Vieles erhöht werden würde, wenn der Neckar einmal die Erlaubniß erhielte von dem nahe gelegenen Kannstadt aus die Residenz zu begrüßen. Hier sieht man im buntesten Gemisch alle Stände zusammen, oft an demselben Tisch, in der unverkümmersten anständigsten Unterhaltung, als wolle man die Conversation des tausendjährigen Reiches einstudiren, das nach der Prophezeiung des Tübinger Professors Bengel freilich schon 1836 hätte beginnen sollen, wozu aber wenigstens in Norddeutschland die Welt noch nicht völlig reif zu sein scheint.

Die Preußen waren schon damals von viel zu vielerlei Fleisch, als daß sie man generell characterisiren könnte. Sie scheinen ihre Aufgabe, die Repräsentanten der politischen und religiösen Freiheit und somit des Protestantismus zu sein, noch nicht ganz gelöst zu haben. Ich glaube es fehlt ihnen auch ein allgemeiner Dialect, wozu ich wol einen, nur nicht den Berliner Nanteaccent, der wirklich den höchst gestellten Leuten durch einen etwas zu geselligen (das Wort ist von Gesell gemacht) Anstrich verleiht, vorschlagen möchte. Indessen giebt es am Ende keinen Ton, der als Generalnenner für die nachfolgenden höchst verschiedenen Mundarten dienen könnte, welche in dieser Geschichte zusammen gewürfelt sind. Einem sehr vornehmen Mann in Berlin wurden nach dieser Anecdote vier junge edelmännische Militairs aus den verschiedenen Preußischen Provinzen; aus Pommern, Sachsen, Westphalen und der Rheingegend vorgestellt:

»Wie heißen Sie?« lautete die Frage, worauf der Pommeraner:

»Ich nenne mir Lottum

Der Sachse:

»Ich heeße Musemeischel.«

Der Westphale:

»Ich schreibe mich Sgade (Schade) und bin von Mesgede.« (Meschede.)

Der Rheinländer:

»Ick sin ein sicherer von der Straß Cölle am Rhi« geantwortet haben soll.

Ein Holländer Ruhs, der schönste und kräftigste Student seiner Zeit, ein famöser Schläger, kam in seinem zwanzigsten Semester auch nach Heidelberg. Man betrachtete ihn mit großer Ehrfurcht. Er selbst meinte aber vom Burschenleben, in den ersten sechs bis sieben Jahren mache das Burschenleben viel Scherz, dann aber kriegt man es doch auch satt, dann macht es keinen rechten Trödel mehr. —